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Rio ringt um Nachhaltigkeitsbonus bei Olympia

Vom 5.-21. August 2016 werden in Rio de Janeiro die XXXI. Olympischen Spiele ausgetragen, gefolgt von den Paralympics vom 7. bis 18. September.
Rio ringt um Nachhaltigkeitsbonus bei Olympia

Sportliche Großereignisse dieser Dimension sind eine teure Angelegenheit. Aktuell werden die Kosten auf 12,9 Mrd. Euro geschätzt, wobei für etliche Baumaßnahmen noch kein verlässlicher Finanzplan vorliegt. Entsprechend soll gesichert sein, dass die Ausgaben einen nachhaltigen Nutzen entfalten und der lokalen Bevölkerung im Anschluss als Verbesserung zur Verfügung stehen. Kritiker*innen bezweifeln dies und sehen in der Nachhaltigkeitsdebatte vor allem die Rechtfertigung einer fragwürdigen Veranstaltung und eines städtischen Umbauprogramms.

Die brasilianische Organisation PACS lanciert nun die zweite Ausgabe von Rio 2016 de gastos1 und überrascht mit interessanten Fakten zum Thema Nachhaltigkeit: Das Organisations-komitee für die Sommerspiele 2016 hatte bei der Vergabe an die Stadt Rio de Janeiro Emissionsverminderungen, also die Reduktion des CO2-Ausstoßes, als Nachhaltigkeitsindikator priorisiert. Nach Angaben der Veranstalter werden im Rahmen der Spiele 3,6 Millionen Tonnen CO2 emittiert. Damit gelangt laut PACS während der 29 Austragungstage von Sommerolympiade und Paralympics genauso viel klimaschädliches Kohlendioxid in die Atmosphäre wie in vier Monaten Produktion des in Rio ansässigen Stahlwerkkomplexes von Thyssen-Krupp (TKSA). Das Stahlwerk befindet sich im Stadtteil Santa Cruz, in unmittelbarer Nähe zum zukünftigen Olympischen Dorf. Seit seiner Eröffnung sind die CO2 Emissionen im Stadtbezirk um 76% angestiegen. Dort werden vergleichbare Nachhaltigkeitsfragen offenbar nicht gestellt.

Für Umweltaktivist*innen ist das Thema Nachhaltigkeit in Brasilien eng mit dem Schutz natürlicher Ressourcen vor Großunternehmen und Megaprojekten verbunden. Der Kampf um Land und die Einhaltung von Rechtsansprüchen in Bezug auf Territorien sind ebenfalls wichtige Gesichtspunkte für Umweltschützer*innen, die sich Großprojekten und den darin agierenden Unternehmen entgegengestellt haben.

Unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten erstaunt, dass das olympische Organisations-Komitee mit der US-amerikanischen Dow Chemicals Company eine Partnerschaft eingegangen ist. Das Unternehmen ist für eines der schlimmsten Chemieunfälle, die Giftgaskatastrophe im indischen Bohpal verantwortlich. 1984 starben über 20.000 Menschen – in der Mehrzahl Landarbeiterfamilien – beim Austritt des tödlichen Gases aus einer Fabrik der Union Carbide Corporation, dem Vorläufer der heutigen Dow Chemicals Company DCC. Berühmtheit erlangte die DCC durch die Produktion von Agent Orange – einer Mischung aus zwei Herbiziden, die im Vietnamkrieg eingesetzt wurde. Auch die Napalm-B-Bombe gehört zu den Produkten von DCC. General Golberry do Couto Silva war vor dem Militärputsch von 1965 ein Repräsentant des Unternehmens DCC in Brasilien. Seine ideologische Nähe zu den Kräften des Putsches sind historisch ebenso belegbar wie eine Verbindung der Dow Chemicals Company mit der Diktatur.

 

Die Bucht von Guanabara war 2013 eine einzige Kloake, - fast 70 % des städtischen Abwassers von Rio de Janeiro wurde ungeklärt in Gewässer geleitet. Auf Grund der miserablen Wasserqualität schienen sportliche Wettkämpfe dort unrealisierbar. Die Verschmutzungsrate lag 78-fach über dem für Brasilien zufriedenstellenden Wert2. Dass die lokale Bevölkerung ebenfalls nicht immun gegen Krankheitskeime und Wasserverschmutzung ist, spielte in der Debatte keine große Rolle. In die gut 400 km2 große Bucht flossen ungeklärte Abwässer, Sickerwasser aus einer Mülldeponie, Abfälle aus Werften und von zwei Häfen. Haushaltsmüll wurde ebenfalls regelmäßig dort entsorgt. Nicht nur Tausende tote Fische, auch Möbel und Kühlschränke trieben im Wasser. Auf der Bucht sollen 2016 Segel- und Windsurf-Wettkämpfe ausgetragen werden. Die Gesundheit internationaler Sportler*innen wurde zum Anlass zur Gewässersanierung genommen. 80% des Wassers sollten bis zum Beginn der Wettkämpfe geklärt sein, 50% hat man bis dato erreicht. 60% scheint als Ziel erreichbar und diese Größe wird als ausreichend angesehen3. Müllsammelboote sollen zudem sicherstellen, dass die Segler nicht mit fester (Abfall-)Materie zusammenstoßen. Sicherzustellen, dass kein Hausmüll mehr ins Wasser geworfen wird, schien den städtischen Behörden dann wohl zu aufwändig. Laut Untersuchungen der NRO Instituto Rumo Náutico und Berechnungen von Prof. Paulo Cezar Rosman4 wäre eine grundlegende Wassersanierung der Bucht machbar gewesen, wenn die Regierung über 10 Jahre hinweg eine Milliarde R$ (280 Millionen Euro) investiert hätte. Seit dem Erdgipfel 1992 in Rio de Janeiro hatten die Vereinten Nationen bereits 1,2 Milliarden R$ (320 Millionen €) in unterschiedliche Projekte des Programms Despoluição da Baia da Guanabara (PDBG) investiert. Diese führten allerdings durch Planungsfehler und Korruption nicht zu einem befriedigenden Ergebnis. PACS weist noch darauf hin, dass die Investitionssumme dem Betrag entspricht, der für den Umbau des Maracanã-Stadions für die WM locker gemacht wurde. Alles eine Frage der Prioritäten – Nachhaltigkeit hin oder her!

Dass dem Bau des dritten und olympisch vorgesehenen Golfplatzes im Westen der Stadt ein Naturschutzgebiet weichen soll, erbost Umweltaktivist*innen, Anwohner*innen und Mitglieder der Recht-auf-Stadt-Bewegung gleichermaßen. Ohne Umweltverträglichkeitsprüfung wurde der Bau durch das Verfahren gepeitscht, vier bedrohte Arten waren kein Argument dagegen. Auch in Bezug auf die Kosten erfährt man erstaunliches aus dem Bulletin von PACS: 10 Millionen Dollar werden in den USA für den Bau eins Golfplatzes veranschlagt, in Rio werden die Kosten auf das Doppelte projektiert. Das zuständige Bauunternehmen RJZ Cyrela baut in unmittelbarer Nachbarschaft des Golfplatzes 23 Luxusapartmenthäuser Riserva Golf Vista Mare Residenziale, die bis zu 22 Stockwerke hoch sind. Die umliegenden Häuser haben lediglich 6 Stockwerke. Die neuen Häuser liegen auf einem der teuersten Gebiete innerhalb der Stadt und werden sich zu Bestpreisen vermarkten lassen. Einen bitteren Beigeschmack hat das Ganze für die Protestbewegung Ocupa Golfe und Golfe para quem?, weil just jenes Bauunternehmen 2012 üppige Spenden in den Wahlkampf von Bürgermeister Eduardo Paes gezahlt hatte – eine lohnenswerte Investition, wie es aussieht.

 

Dem Bau der Verbindungsstraße Transolímpica zwischen den Stadtteilen Deodoro und Recreio werden 200.000 Quadratmeter des verbleibenden geschützten Küstenregenwaldes Mata Atlántica geopfert. Die Genehmigung dazu wurde auf der Grundlage von „öffentlichem Nutzen“ erteilt, den die Straße darstelle. 40 Hektar Ausgleichsfläche soll an anderer Stelle den Verlust kompensieren. Für den Bau der Transolímpica werden 1,6 Mrd. R$ (440 Mio. €) aufgewendet, davon 1,1 Mrd. R$ (300 Mio. €) aus öffentlichen Mitteln. Langfristig wird nach dem olympischen Ereignis diese Subvention nur einer kleinen Anzahl von Unternehmen zu Gute kommen, die von den Autobahngebühren der gut ausgebauten Schnellstraße profitieren werden.