Brasilien im (Wahl-)Spiegel

In unserer Reihe "Brasilien im Wahljahr 2026" folgt heute eine Buchvorstellung. Das auf umfassenden Umfragen basierende Buch des bekannten Demoskopen Felipe Nunes "Brasil no Espelho", gibt interessante Einblicke in das Wahlverhalten verschiedener Gesellschaftsgruppen bei den letzten Wahlen. Danach gab eher eine kleine Gruppe von 5% der Wählerschaft, die sogenannten Sozialliberalen bei den Wahlen 2022 den Ausschlag für Wahl Lulas zum Präsidenten. Wähler*innen, die nie Lula oder Mitte-Links Parteien gewählt haben, denen aber am Ende der Erhalt der Demokratie wichtiger war als programmatische Vorstellungen.
| von Ekrem Eddy Güzeldere
Brasilien im (Wahl-)Spiegel
Das Buch "Brasil no Espelho" erschien 2025, die Umfragen wurden Ende 2023 durchgeführt. Quelle: https://brasilnoespelho.com.br

Das Buch "Brasilien im Spiegel" basiert auf Umfragen des Meinungsforschungsinstituts Qaest, die Ende 2023 mit 9.994 Personen in allen 26 Bundesstaaten Brasiliens (und der Hauptstadt Brasilia) durchgeführt wurden. Der Autor Felipe Nunes ist einer der Gründer des Meinungsforschungsinstitut Qaest. Mit der Zahl von Interviewten wurde die normale Anzahl von Befragten, wie z.B. für die Sonntagsfrage um das ca. Fünffache übertroffen. Daher erlauben diese Umfragen, die ein Jahr nach den letzten Präsidentschaftswahlen im Oktober 2022 stattfanden, seltene Einblicke in die Wertevorstellungen der Brasilianier*innen.

Das Buch "Brasil no Espelho" erschien 2025, die Umfragen wurden Ende 2023 durchgeführt. Quelle: https://brasilnoespelho.com.br

Das Buch beginnt mit der Feststellung, dass trotz aller globalen und nationalen Veränderungen die Brasilianer*innen 2023 ähnlich dachten wie 1997, als eine ähnlich große Umfrage gemacht wurde. Nach einer Phase der Liberalisierung, die bis ca. 2013 dauerte, erlebt das Land eine konservative Welle, die sich mit dem Aufstieg der extremen Rechten um Jair Bolsonaro sowohl verschärfte als auch beschleunigte. In diese Zeit fällt auch der starke Zuwachs von Mitflieder in den evangelikalen Kirchen, die in der Mehrheit eine sehr konservative Agenda vertreten und sich politisch stärker positionieren als ihre katholischen Glaubensbrüder.

Kapitel 2 des Buches macht deutlich, wieso der Wahlslogan Bolsonaros „Brasil acima de tudo, Deus acima de todos“ („Brasilien über alles, Gott über allen“) bei den Wahlen 2018 so verfangen hat. Denn zwei Dinge sind den Brasilianer*innen heilig, dann dies ist Gott und die Familie. 86% der Brasilianer*innen antworteten, dass „der Glaube mehr zählt als die Wissenschaft“ und satte 96%, dass „Gott die Kontrolle über ihr Leben hat“ (S. 28) Nunes argumentiert, dass bei den Wahlen 2018 Bolsonaro deshalb deutlich mehr über Traditionen und Werte sprach als über die Wirtschaft oder politische Vorstellungen.                                             

                                                                   

Trotzdem sind gesellschaftliche Einstellungen nicht statisch. Meinungen zu Frauen, Homosexualität, Minderheiten, Rassismus und Diskriminierung wandeln sich gerade in der jüngeren Generation, die im Buch als „Generation .com“ bezeichnet wird und toleranter als die ältere Generationen ist.

Neben Vielem was Brasilianer*innen trennt, gibt es auch große Übereinstimmung, wie beispielsweise das Gefühl der Unsicherheit. „Die Angst vor Kriminalität verbindet die Brasilianer*innen, unabhängig von ihrer sozialen Schicht. Unsicherheit ist heutzutage "ein typisch brasilianisches Gefühl (S. 103).“ Die Themen Gewalt, Verbrechen und Drogenhandel führen die Liste der wichtigen Themen für Wähler*innen mit 22% an, gefolgt von Korruption mit 18%. Wirtschaft, Inflation und Arbeitslosigkeit folgen erst mit 15% an dritter Stelle. Diese Unsicherheit hat auch großen Einfluss auf persönlichen Beziehungen. „Das Vertrauen untereinander ist extrem gering: Wir Brasilianer vertrauen einander nicht (S. 112)“. Nur 6.5% der Brasilianer*innen vertrauen anderen Menschen, in Norwegen sind das über 72%, in den USA immerhin 37% und in Mexiko noch 10,5%. Dieses Misstrauen gegenüber anderen hat auch negative Auswirkungen auf das Vertrauen in Institutionen und hemmt damit Brasiliens potenzielle Entwicklung, wie das Wirtschaftswachstum, oder die Überwindung der Ungleichheit.

 

Ideologie und Politik

Brasilianer*innen sprechen derzeit viel von Polarisierung, Zahlen belegen dies. In den vergangenen zwei Jahrzehnten bekannten sich brasilianische Wähler*innen immer eindeutiger zu einem politischen Lager. Haben 2006 nur 58% geantwortet sich als entweder rechts oder links zu bezeichnen, waren dies in der Qaest-Umfrage Ende 2023 schon 96%. Selbst, wenn die Mitte als Antwortoption möglich war. Eine einfache Mehrheit von 37% sieht sich genau dort, ein Prozent weniger als rechts (36%) und lediglich 23% als links. Brasilien ist deshalb mehrheitlich ein Mitte-Rechts-Land. Warum 2022 trotzdem schon zum dritten Mal ein Mitte-Linkskandidat gewonnen hat und wahrscheinlich 2026 zum vierten Mal gewinnen wird, hat sicher viel mit der Persönlichkeit Lulas zu tun. Bei den beiden Wahlen 2022 und 2026 wohl auch damit, wie die rechtsextremen Kandidaten von Teilen der traditionell rechts stehenden Wählenden beurteilt wurden und werden.

Die Qaest-Umfrage unterteilt die brasilianischen Wähler*innen in neun Kategorien, wobei die Namen willkürlich sind.

1) Konservative Christ*innen bilden mit 27% die größte Wählergruppe. Die Mehrheit dieser Gruppe sind evangelikale Christ*innen, aber auch konservativere Katholik:innen, die regelmäßig in die Kirche gehen. 56% in dieser Gruppe gehen wöchentlich in die Kirche. Die große Mehrheit hat 2018 und 2022 für Jair Bolsonaro gestimmt. Ihr wichtigstes Anliegen ist „die Verteidigung der Familie.“ Sie haben sehr traditionelle Vorstellungen über die Rolle der Geschlechter und die höchste Ablehnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften, sowie der Legalisierung von Marihuana.

2) Sozialhilfeempfänger*innen oder Zugehörige zu den Klassen D und E sind mit 23% die zweitgrößte Gruppe der Bevölkerung (auf einer Skala von A bis E werden in Brasilien die Einkommensschichten eingeteilt. D und E sind die untere Mittelschicht und die ärmste Bevölkerungsschicht). Diese Gruppe lebt mehrheitlich im Nordosten und Norden. Viele sind Empfänger*innen bzw. Nutznießer*innen staatlicher Programme wie „Bolsa Familia“ (37%), „Farmácia Popular“ oder „Luz para todos“. Diese Gruppe sorgt sich am meisten um die wirtschaftliche Lage, ist am meisten von Inflation und Arbeitslosigkeit betroffen. Sie befürworten am meisten einen Staat, der sich für die Überwindung der Ungleichheit engagiert und haben mehrheitlich für die PT und Lula gestimmt.

3) Agro. Mit dem Rohstoffboom der vergangenen Jahre ist diese Gruppe zu einem Motor der brasilianischen Wirtschaft geworden. In dieser Gruppe sind die Eigentümer der großen Agrarbetriebe, aber auch die Landwirte, Landarbeiter und Personen, die sich mit der "Sertaneja-Kultur" identifizieren. Diese Gruppe hat 13% und lebt konzentriert in Zentral-West-Brasilien, im Süden und außerhalb der großen Metropolen der Bundesstaaten São Paulo und Minas Gerais. Sie sind gegen strengere Umweltgesetze und Demarkationen von indigenen Territorien und waren deshalb starke Unterstützer*innen von Jair Bolsonaro.

4) Progressive stellen 12% der brasilianischen Bevölkerung. Diese Gruppe unterscheidet sich in ihren Einstellungen am stärksten vom Rest der Bevölkerung, vor allem in Bezug auf Familienmodelle, Geschlechter-, und Glaubensfragen. Während durchschnittlich 52% der Brasilianer*innen angaben, dass eine Frau, die abgetrieben hat, verhaftet werden sollte, meinten dies nur 3% der Progressiven. Sie sind auch die Gruppe, die sich am meisten um den Klimawandel sorgt. In großer Mehrheit wählten sie 2022 Lula. 

5) Militante Linke unterscheidet ein Faktor vom Rest der Bevölkerung, dass sie sich stark mit einer politischen Partei (PT) identifizieren. Sie stellen 7% der Bevölkerung dar. Ihre Schulbildung liegt über dem brasilianischen Durchschnitt und sie beschäftigen sich stark mit Politik. Diese Gruppe bildete sich hauptsächlich als Antwort auf das Impeachment gegen Dilma Rousseff 2016 heraus. Sie sind die Optimistischsten, was die wirtschaftliche Lage angeht.

6) Unternehmer*innen. Die Wirtschaftselite des Landes repräsentiert 6% der Bevölkerung, ist zu großer Mehrheit weiß, älter und lebt im Süden und Südosten. Sie sind für Privatisierungen und gegen staatliche Sozialprogramme und im Großen und Ganzen mit sich und der Welt zufrieden.

7) Sozialliberale stellen 5% der Bevölkerung. In der ersten Wahlrunde 2022 wählten sie mehrheitlich Simone Tebet (MDB), die ihre Kandidatur als „dritten Weg“, zwischen Lula und Bolsonaro bezeichnet hatte. Sie erreichte 4,16% im ersten Wahlgang und unterstützte im zweiten Wahlgang Lula. Die Sozialliberalen sind für individuelle Freiheiten und einen schlanken Staat. Sie befürworten Privatisierungen (auch von Bildung und Gesundheit mit 89%), weniger Steuern und haben traditionell nie für Lula oder die PT gestimmt. Aber, „sie setzen sich auch für globale Themen wie die Verteidigung der Demokratie ein und wünschen sich, dass Brasilien international als respektables Land wahrgenommen wird. „Ihr größter Wunsch ist das Ende der Polarisierung (S. 167).“

8) Einzelunternehmer*innen. Die Selbstständigen, die ohne festes Arbeitsverhältnis tätig sind, sind Teil der neuen Wirtschaft, In dieser Gruppe sind von Internet-Influencer*innen bis Uber-Fahrer*innen verschiedene Formen von Selbständigkeit vertreten. Sie sind für geringere Steuern, sehen den Staat mit Skepsis, stehen für Individualismus und sehen Gehaltsunterschiede als Ansporn für die weniger Verdienende.

9) Extreme Rechte. In dieser letzten Kategorie sind nur Personen, die der Demokratie gegenüber negativ eingestellt sind. In vielen anderen Aspekten haben sie große Überschneidungen mit anderen konservativen Gruppen. Sie sind religiös und traditionell, im Gegensatz aber zu anderen Konservativen würden sie auch eine Diktatur unterstützen. Deshalb ist diese Gruppe klein mit nur 3%, sie bildet sozusagen den radikalsten Kern des Bolsonarismus.

In diesem polarisierten Land, ist das Wahlverhalten der neun Gruppen eigentlich gut absehbar. Bolsonaro wurde vom Agro, den konservativen Christ*innen, den Unternehmer*innen und der extremen Rechten gewählt. „Lula hat die Wahl gewonnen, weil er Bolsonaro die kleine Gruppe der Soziallliberalen abgenommen hatte“ (S. 173).“

 

Ausblick auf die Wahlen im Oktober 2026

Der Wahlkampf für die Präsidentschaftswahlen, deren erste Runde am 4. Oktober stattfinden wird, lief bis zum 13.5. auf ein Kopf-an-Kopf Rennen zwischen Flavio Bolsonaro und Amtsinhaber Lula hinaus. Einige Umfragen sahen gerade kurz vor dem 13.5. Flavio Bolsonaro in einer zweiten Entscheidungsrunde sogar in Führung. Bis zum 13.5. könnte man davon ausgehen, dass Flavio Bolsonaro alle traditionellen Mitte-Rechts und rechten Wähler*innen hinter sich gebracht hatte, auch wieder die Sozialliberalen, denen Flavio Bolsonaro wohl weniger extrem und demokratiefeindlich wie sein Vater erschien.

Mit den Veröffentlichungen des investigativen Online-Mediums Intercept am 13.5. und weiteren Veröffentlichungen von Nachrichten und Audios in soziale Medien an den Folgetagen hat sich das Bild verändert. Vor allem die mitgeschnittenen Audios zwischen Flavio Bolsonaro und dem mittlerweile verhafteten kriminellen Banker Daniel Vorcaro, dem Eigentümer der Banco Master, hat die Lage grundsätzlich verändert. Bolsonaro nannte Vorcaro mehrmals „mermão", eine umgangssprachliche Verkürzung von „meu irmão“ (mein Bruder) und bat um finanzielle Unterstützung von 134 Mio RS (von denen 61 Mio RS tatsächlich gezahlt wurden) für einen Film über seinen Vater. In einer Textnachricht, einen Tag vor der Verhaftung Vorcaros schrieb Bolsonaro: „Ich bin und werde immer bei dir sein.“ Tage bevor der Skandal publik wurde, trug Bolsonaro noch T-Shirts mit der Aufschrift „Pix ist von Bolsonaro, Banco Master ist von Lula.“[1]

Bis Mitte Juni hat Flavio Bolsonaro in Umfragen zwischen 4 und 8 Prozent auf Lula verloren. Dieser Rückgang an Zustimmung scheint über die Gruppe der Sozialliberalen hinauszugehen und auch konservative Gruppen mit einzuschließen. Stärker als in der Gesamtbevölkerung ist der Rückgang bei den Evangelikalen. Eine Qaest-Umfrage von Anfang Juni zeigt, dass unter den Evangelikalen, die für den Bolsonarismus strategisch wichtig sind, die Zustimmung für Flavio Bolsonaro von 61% auf 52% fiel, während Lula von 24% auf 31% zulegte. Bis Oktober sind 4-8% unter normalen Umständen kaum noch aufzuholen. Es gibt bei den Rechten deshalb bereits Stimmen, die vorschlagen, sich stärker auf die Wahlen für das Abgeordnetenhaus und den Senat zu konzentrieren. So könnte es sein, dass Lula zwar klar die Wahl gewinnt, aber mit einer mindestens so starken rechten Mehrheit im Kongress wie aktuell konfrontiert wäre. Beides ist natürlich noch nicht entschieden, auch könnten weitere Text- und Audionachrichten Flavio Bolsonaro und die extreme Rechte noch weiter diskreditieren.

[1] Zum Skandal um die Bank Master siehe auch Brasilien Nachrichten Nr. 173

Bereits in dieser Reihe "Brasilien im Wahljahr 2026" erschienen:

Kurt Damm, 2026 – Wahljahr in Brasilien: So wird gewählt

Kurt Damm, 2026: Wahljahr in Brasilien: Die Ausgangssituation zu Beginn des Jahres 2026