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Kampf um Grund und Boden. Land- und Wasserkolonialismus heute

Immer öfter werden Landflächen nicht dazu genutzt, die einheimische Bevölkerung zu ernähren, sondern um wirtschaftlichen Profit zu machen. Was in der sogenannten Dritten Welt passiert und welche Folgen der Landraub für die Weltarmut hat, beschreibt Udo Fickert.
Kampf um Grund und Boden. Land- und Wasserkolonialismus heute

Greenpeace/ Alberto César

Rund 85 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe in der sogenannten Dritten Welt sind kleiner als zwei Hektar, eine sehr kleine Fläche, um davon leben zu können. Dennoch produzieren Kleinbauern dort 70 Prozent der einheimischen Nahrungsmittelversorgung. Demgegenüber, unter anderem als Folge von Kriegen und Kolonialismus, vollzieht sich schon lange eine Konzentration großer Agrarflächen in den Händen Weniger. So besitzen in Guatemala acht Prozent der landwirtschaftlichen Produzenten nahezu 80 Prozent der Landflächen. In Brasilien, einem der größten Agrarexporteure der Welt, gehört einem Prozent der Bevölkerung fast die Hälfte des riesigen Landes.

Land als Wert
Auf den großen Agrarflächen existieren fast überall moderne, auf den Weltagrarhandel ausgerichtete agroindustrielle Großplantagen. Schon seit langer Zeit wird fruchtbares Tropenland angeeignet, um Kaffee, Bananen oder Futterpflanzen für den Export anzubauen. Neueren Datums ist die weltweite Gier nach Fleisch und Energiepflanzen, nach Agrarrohstoffen und Agrarimmobilien, weshalb sich in den letzten Jahren verstärkt Investmentfonds und Banken Agrarland in armen Ländern sichern. Der Weltbank-Ökonom Klaus Deininger schätzt, dass circa zehn bis 30 Prozent des global verfügbaren Ackerlandes so gehandelt werden. Neben Agrarkonzernen und Anlagefonds aus Industrie- und Schwellenländern, kommen die Käufer vor allem aus China, Südkorea und Japan oder auch aus den von Nahrungsmittelimporten abhängigen Golfstaaten. Riesige Agrarflächen wurden in den vergangenen zehn Jahren weltweit an internationale Investoren verkauft oder verpachtet. Ländliche Bevölkerungsgruppen, die das Land bisher bearbeiteten und davon lebten, wurden häufig von ihrem Besitz vertrieben. Über 60 Prozent dieser Landgeschäfte werden in Ländern wie Kenia, Sudan, Uganda oder Myanmar, die selber schwer von Hunger betroffen sind, abgewickelt. Laut einer Oxfam-Studie würde das verkaufte oder verpachtete Land ausreichen, um mit der auf ihm möglichen Agrarproduktion mehr als eine Milliarde Menschen zu ernähren.

Nach Land und Wasser grabschen
In diesem Zusammenhang redet man von »Landgrabbing«, weil viel, dreist und illegal, nach Land »gegrabscht« wird. Nicht selten verbirgt sich dahinter auch der Durst nach Wasser (»Watergrabbing«). Dabei lassen bewässerte Agrarflächen umliegende Regionen häufig austrocknen. Traditionelle kommunale Landnutzungssysteme werden von Regierungen und Investoren missachtet, selten gibt es einklagbare Rechtstitel und Entschädigungen. Informationen gelangen kaum an die Öffentlichkeit. Neben korrupten Entscheidungsträgern sind oft einheimische Eliten oder Firmen als Unterhändler oder Partner für multinationale Investoren beteiligt. In einer neuen Ausprägung von Kolonialismus werden Bedürfnisse reicher und aufstrebender Staaten sowie internationaler Unternehmen zu Lasten von in Armut lebenden Menschen erfüllt.

Das Recht auf Land für jeden
Neben absoluter Transparenz und Sicherung von Land- und Wasserrechten für Kleinbauern, nomadische und indigene Völker, muss das Recht auf Nahrung und Wasser durchgesetzt werden. Dieses Menschenrecht muss Vorrang vor Handelsrechten oder Investitionsabkommen haben! Denn der angemessene und sichere Zugang zu Land und natürlichen Ressourcen gehört zu den wichtigsten Voraussetzungen für die Bekämpfung von Armut und Hunger in der Welt.



Udo Fickert ist Agraringenieur und seit 20 Jahren in der Internationalen Entwicklungszusammenarbeit mit Schwerpunkt Lateinamerika tätig. Er ist Vorstandsmitglied bei KoBra e. V. und arbeitet beim Weltfriedensdienst als Programmkoordinator für Brasilien und Simbabwe.

 

Der Text erschien im Magazin der Franziskaner Mission 2/2013.