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Aus dem Staub gemacht

Thyssenkrupp verkauft skandalbelastetes Stahlwerk in Rio de Janeiro an argentinischen Stahlkocher Ternium.
Aus dem Staub gemacht

Cromme not amused über protestierende Fischer auf der Thyssenkrupp-HV 2017. Foto: Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre

Mit dem Verkauf der TKCSA in Rio schließt Thyssenkrupp das verlustreiche Abenteuer Steel Americas, aber die Fischer*innen und Anwohner*innen klagen weiter. Diese Prozesse erbt nun der Käufer.

 

Thyssenkrupp hat das Stahlwerk Companhia Siderúrgica do Atlântico (TKCSA) an den argentinischen Stahlkocher Ternium für 1,5 Milliarden Euro verkauft. Diesem Betrag stünden noch Wertberichtigungen von 900 Millionen Euro gegenüber, teilten die Essener am Mittwoch mit. Die brasilianische Tageszeitung O Globo erwähnte in diesem Zusammenhang einen Betrag von 300 Millionen Euro, die das Stahlwerk noch bei der brasilianischen Entwicklungsbank BNDES an Kreditschulden begleichen müsse.

Der Verkauf war in die Wege geleitet worden, nachdem der Mitbesitzer des Stahlwerks, die brasilianische Vale, im Mai vergangenen Jahres seinen Anteil zum symbolischen Preis von einem US-Dollar sowie einer anteiligen Schuldenübernahme an Thyssenkrupp verkauft hatte. So war Thyssenkrupp aus den komplexen Eigentums- und Lieferverträgen herausgekommen und konnte die Verkaufsverhandlungen forcieren. Eine weitere Vorbedingung für den Verkauf des Werk war die Erlangung der Betriebsgenehmigung, die dem Stahlwerk im September 2016, nach sechs Jahre laufendem Betrieb, zuteil worden war.

Die Übernahme der TKCSA soll bis Ende September dieses Jahres abgeschlossen werden, verbucht werden solle es aber rückwirkend zu Ende September vergangenen Jahres. Der Verkauf stehe noch unter dem Vorbehalt der Freigabe durch die zuständigen Wettbewerbsbehörden.

Damit beendet Thyssenkrupp das verlustreiche Abenteuer Steel Americas. 2005 hatte der Konzern beschlossen, in Alabama und in Rio de Janeiro zwei Stahlwerke zu errichten, erste Planungen gingen von 1,3 Milliarden Euro Gesamtkosten aus. Durch Erweiterung der Baupläne um Hafenanlagen und starke Wechselkursschwankungen sowie aufgrund von Fehlkonstruktionen wie bei der Kokerei stiegen die Gesamtkosten auf 12 Milliarden Euro für Investitionen und bisherige operative Verluste, so der Konzern. So stünde nach dem 2014 erfolgten Verkauf des Werks in Alabama an ArcelorMittal und Nippon Steel und dem nun getätigten Verkauf des Werks in Rio an Ternium unter dem Strich ein Verlust von rund acht Milliarden Euro in den Büchern. »Die Auswirkungen sind bis heute in der Bilanz sichtbar. Für die Aufarbeitung wird Thyssenkrupp noch einige Jahre benötigen«, so der Konzern in seiner Verkaufsmitteilung.

Damit hat das Stahlwerk TKCSA bei Thyssenkrupp eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Nicht nur in der Bilanz. Und nicht nur bei Thyssenkrupp. Der damalige Chef von ThyssenKrupp Steel, Karl-Ulrich Köhler, wurde 2009 wegen des Brasilien-Desasters entlassen. Ende 2011 musste der langjährige Vorstandsvorsitzende Ekkehard Schulz seinen Aufsichtsratsposten räumen. Aufsichtsratschef Gerhard Cromme trat 2013 zurück. Cromme hatte mit Hilfe externer Juristen wiederholt prüfen lassen, ob Köhler, Schulz und er selbst wegen der Fehlplanungen beim Hüttenbau in Rio juristisch belangt werden können. Die Beurteilung der Juristen fiel immer zugunsten der Manager aus. Das rettete ihren Job aber letztlich nicht.

»Das Stahlwerk TKCSA in Rio de Janeiro lastet bleischwer auf dem Konzern.« Dies sagte der Vorstandsvorsitzende Heinrich Hiesinger im Januar 2014. Es waren aber nicht nur die nackten Zahlen, die dem Konzern zusetzten. Denn das Stahlwerk produzierte zwar seit Juni 2010 fünf Millionen Stahlbrammen pro Jahr, aber dies ohne gültige Betriebsgenehmigung. Die wurde Jahr auf Jahr durch behelfsmäßige Genehmigungen der Behörden ersetzt, da das Stahlwerk die Umweltschutzauflagen nicht in den Griff bekam. Erst im September 2016 wurde dem Werk die Betriebsgenehmigung – nach sechs Jahren Betrieb – erteilt.

Doch die Anwohner*innen sagen, die Situation habe sich nicht geändert. Denn auf wem das Stahlwerk TKCSA in Rio de Janeiro „bleischwer“ lastet, das sind die Anwohner des Stahlwerks. Auf diese geht der Stahlwerkstaub aus Zink, Silizium, Natrium, Mangan, Potassium, Kalzium, Aluminium, Vanadium, Titan, Schwefel, Phosphor, Nickel, Magnesium, Kupfer, Chrom, Kadmium und Blei täglich nieder. Diese Daten entstammen der Analyse des Landesumweltministerium von Rio, SEA, das 2012 die Datenanalyse des Stahlwerkstaubs vorgenommen hatte. Das SEA bestätigte zudem, dass das ausgestoßene Pulver toxisch sei und Asthma, Lungenkrebs, Herz-Kreislauf-Beschwerden, Missbildungen und vorzeitiges Ableben bewirken könnte.

Deswegen gibt es noch 238 Rechtsklagen der betroffenen Anwohner*innen, die Entschädigung für die Gefährdung ihrer Gesundheit fordern. Diese Prozesse der Anwohner*innen gehen ebenso weiter wie die Entschädigungsklagen der 5.763 Fischer*innen, deren Ertrag beim Fischfang seit Baubeginn des Werks um merkliche 80 Prozent zurückgegangen ist und die diesen Protest darüber bereits im Januar 2010 nach Bochum auf die Aktionärsversammlung trugen und bis heute keine Entschädigung erhalten haben.

Heinrich Hiesinger wurde auf der Aktionärsversammlung im Januar dieses Jahres von einer Aktionärin aus London gefragt, was mit diesen vor Gericht anhängigen Prozessen geschehe, wenn der Konzern das skandalbelastete Werk in Rio verkaufe. Diese Rechtsstreitigkeiten würde der Käufer dann erben, so Hiesinger.

So macht sich Thyssenkrupp einfach aus dem Staub.