Sie sind hier: Startseite Themen Politik | Wirtschaft Großprojekte Rio São Francisco Bischof Cappio trägt Diskussion um brasilianisches Großprojekt nach Deutschland
Artikelaktionen

Bischof Cappio trägt Diskussion um brasilianisches Großprojekt nach Deutschland

Nachdem er im Oktober 2008 den Friedenspreis von Pax Christi verliehen bekam, wird der brasilianische Bischof Dom Luiz Cappio ein weiteres Mal geehrt. Am 9. Mai erhält der Bischof von der Freiburger Kant-Stiftung den Kant-Weltbürgerpreis.

Am Abend des 8. Mai wird er, ebenfalls in Freiburg, auf einem Seminar des Brasilien­netzwerks KoBra (Kooperation Brasilien e.V.) über das umstrittene Ableitungsprojekt und die Widerstandsbewegung sprechen. Seine Reise bring den Bischof darüber hinaus nach Frankfurt, Berlin, Bonn, Bremen und in die österreichische Stadt Graz. Bischof Cappio wurde durch seinen zwei­mali­gen Hungerstreik international bekannt: In den Jahren 2005 und 2007 fastete er gegen das Großvorhaben. Er ist zur Symbolfigur des Widerstandes der brasiliani­schen Bevölkerung gegen eines der umstrittensten Großprojekte der letzten Jahre in Brasilien geworden.

Der Fluss São Francisco ist die Lebensader für knapp 13 Millionen Menschen, die im Trockengebiet des brasilianischen Nordostens leben. Von diesem Fluss plant die bra­­­sil­ia­nische Regierung, an zwei Großkanälen Wasser abzuzapfen, um es in andere Gebiete zu leiten. Nach Regierungsangaben soll die Wasserversorgung der dortigen Be­völ­kerung verbessert werden. Doch Wasserleitungen zu den verstreut lebenden Menschen sind im Finanzplan gar nicht vorgesehen. Statt dessen wird vor allem die exportorientierte Bewässerungslandwirtschaft von der Ableitung profitieren. Millionen Menschen in unmittelbarer Nähe der Kanäle bleibt nach wie vor der Zugang zu Trinkwasser verwehrt.

Anlässlich des Fastens von Dom Luiz Cappio im Jahr 2007 unterstützte die inter­natio­nale Solidaritätsbewegung den Bischof durch Mails und Briefe. Es wurden mehr als 20.000 Protestschreiben an die Kanzlei des brasilianischen Präsidenten und an das Ministerium geschickt, das für das Ableitungsprojekt zuständig ist. „Es ist wichtig, dass wir hier in Deutschland die Belange der Menschen am Rio São Fran­cisco unter­stützen“, so Kirsten Bredenbeck von der Kooperation Brasilien, „denn solche Groß­pro­jekte sind nicht zuletzt Ergebnis unserer Konsumgewohnheiten. Auf­gabe des Bra­si­lien­­netz­werks und der hiesigen Solidaritätsgruppen ist es, auf diese Zusammen­hän­ge aufmerksam zu machen“. Die Reise des Bischofs wird von einem bun­des­wei­ten Netzwerk koordiniert: der Missionszentrale der Franziskaner, MISEREOR, Adveniat, dem Kindermissionswerk, der Freiburger Kant-Stiftung, KoBra und dem Eine-Welt-Laden Hückelhoven.

Mit dem Dom Cappio unterwegs sind Ruben Siqueira von der brasilianischen Landpastorale und Berater des Bischofs, sowie eine weitere Mitarbeiterin der Land­pastorale, Andrea Zellhuber. "Die Reise ist auch von globalem Interesse“, berichtet Ruben Siqueira. Vor allem Zuckerrohr­felder werden an den Bewässerungskanälen entstehen. Unter hohem Wasserver­brauch wird hieraus Treibstoff für Autos herge­stellt. Dies ist auch Ergebnis der Politik in Deutschland und der EU. Direkt daneben leben die Menschen ohne brauchbares Trinkwasser. „Selbstverständlich werden wir dieses Problem ansprechen, denn Etha­nol aus Zuckerrohr ist die falsche Lösung für ein sehr ernstes und tiefes Problem, das uns alle betrifft“. Während ihrer Reise will die brasilianische Delegation diese Diskus­sion mit den Entscheidungsträgern in Deutschland und der EU führen und den Einsatz für ein anderes Entwicklungsmodell am São Francisco und im semi-ariden Gebiet Brasiliens fördern.

Während seines Aufenthaltes bis zum 21. Mai in Deutschland und Österreich wird der Bischof einen dichten Terminplan haben. In Freiburg berichtet er am 8. Mai auf dem Seminar der Kooperation Brasilien (KoBra) vom Widerstand in Brasilien gegen das Projekt. Die Bewohner der Region am São Francisco wehren sich seit Jahren gegen das Großvorhaben. Am Samstag, den 9. Mai findet in Freiburg die öffent­liche Preisver­leihung durch die Kant-Stiftung an den Bischof statt. Am 16. Mai wird Dom Cappio in Graz, am 19. Mai in Hofheim bei Frankfurt und am 20. Mai in Münster zu Seminarveranstaltungen erwartet. Die Agenda beinhaltet am 21. Mai auch die Teilnahme an einem Podium auf dem 32. deutschen Kirchentag in Bremen. Das wei­tere Reiseprogramm des Bischofs umfasst Treffen mit Politikern und Einschei­dungsträgern, religiösen Vertretern und Repräsentanten der organisierten Zivilgesellschaft. Alle Termine und weitere Informationen sind unter www.saofrancisco-2009.net abrufbar.

Sonderheft zum Ableitungsprojekt
Anfang Mai erscheint die erweiterte Neuauflage des Sonderhefts zum Rio São Francisco von der Kooperation Brasilien aus Freiburg. Das Heft informiert über das Ableitungsvorhaben am Fluss, dessen Schwachstellen, Konsequenzen für die Men­schen im Nordosten Brasiliens und über die Widerstandsbewegung. In einem zwei­ten Teil stellt es den Zusammenhang zu unserer Lebensrealität her und zeigt auf, wie jeder von uns die Menschen in Brasilien unterstützen kann. Für ihre Rundreise hatten der Bischof und sein Team das Brasiliennetzwerk gebeten, das Sonderheft von Oktober 2008 nachzudrucken. Die Neuauflage hat die Kooperation Brasilien um aktu­elle Artikel erweitert. Der Nachdruck wird von MISEREOR gefördert. Das Heft kann kostenlos bei der Kooperation Brasilien, c/o iz3w, Kronenstraße 16a, 79100 Freiburg, info@kooperation-brasilien.org bestellt oder von der Website des Vereins www.kooperation-brasilien.org heruntergeladen werden.