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Schwarze Brasilianerinnen kämpfen gegen staatlichen Rassismus

Mônica Francisco folgte der Einladung des Schweizer Kollektivs TAOCA sowie des Kollektivs afrobrasilianischer Frauen und der Rosa-Luxemburg-Stiftung nach Berlin. Sie sprach über die neue Präsenz von Afrobrasilianerinnen in der Politik und prangerte den offen strukturellen Rassismus ihres Landes an, der unter der aktuellen Regierung deutlicher als zuvor sichtbar wird.
Schwarze Brasilianerinnen kämpfen gegen staatlichen Rassismus

Mônica Francisco in Berlin

Die Regionalpolitikerin aus Rio de Janeiro hat - wie ihre ehemalige Kollegin und Mitstreiterin Marielle Franco - einen anderen Blick auf politische Notwendigkeiten und Ziele als viele ihrer weißen Kolleg*innen. Favela-Aktivismus (Kampf für ein antirassistisches Gemeinwesen) gegen Stigmatisierung und militärische Kontrolle durch die UPPS (sogenannten Befriedungseinheiten der Polizei) sowie die solidarische Ökonomie gehören zu ihren Überzeugungen. Als schwarze Feministin kämpft sie gegen Rassen- und Klassendiskriminierung gleicherweise.

Rassistische Grundhaltungen würden in Brasilien schon in der Werbung sichtbar aber auch im Widerstand gegen den Kampf der meist afrobrasilianischen Hausangestellten für bessere Arbeitsbedingungen. Eine Durchsetzung von grundlegenden Arbeitsrechten hatte zuletzt die Arbeiterpartei vorangetrieben. Dieser Abbau von Privilegien hatte in der überwiegend weißen Mittel-und Oberschicht zu Irritationen geführt.

Die Sicherheitsfrage in Rio de Janeiro stellt sich ihr aus der Innenperspektive anders dar. 40 Besuche in Favelas seien der Untersuchungsgruppe gegen Gewalt vorangegangen, der sie mit Marielle Franco gemeinsam angehört habe. Inzwischen zeigten Ermittlungen, dass es Verbindungen des Staates mit Organen der organisierten Kriminalität und paramilitärischer Milizen gegeben habe, die zur Ermordung Marielle Francos  geführt haben.

Mônica Francisco , eine evangelische Pastorin hat lange ihre politischen Überzeugungen für eine Privatangelegenheit gehalten. Nach dem Mord an ihrer Kollegin Marielle Franco änderte sie ihre Haltung. "Wir afrobrasilianischen Frauen wollen uns nicht mehr von anderen vertreten lassen. Wir müssen selbst Position beziehen und diese in der Öffentlichkeit vertreten. Entscheidungen und Gesetze wollen wir mitbestimmen, denn durch unsere Lebenserfahrung haben wir einen anderen Hintergrund dafür. Der brasilianische Staat schämt sich noch immer für einen Teil seiner Bevölkerung: Schwarz, arm, weiblich. Das äußert sich in einem strukturellen Rassismus. Dagegen müssen wir öffentlich und politisch vorgehen."

Über die Hälfte der Bevölkerung in Brasilien hat afrobrasilianische Wurzeln. 2017 wurden 63.000 schwarze Jugendliche und junge Männer getötet Aufgrund ihrer Hautfarbe und Herkunft werden sie häufig als Kriminelle stigmatisiert und leben mit einem 4-fach höheren Risiko, getötet zu werden, in vielen Fällen von der Polizei. Neu sei inzwischen, dass der Rassismus offen hervortrete und vom Diskurs des Präsidenten Jair Bolsonaro befeuert werde.

Mônica Francisco berichtete von 13 Müttern, die Anfang Februar 2019 in zwei Favelas die tödlichen Schüsse der Militärpolizei auf ihrer Söhne miterleben mussten. Präsident Bolsonaros Partei PSL schlug daraufhin vor, Polizisten zu belohnen, die dafür sorgten, dass mit Banditen aufgeräumt werde. Hinter diesen Worten verbirgt sich Straffreiheit für staatliche oder militärische Gewalt statt genauer Untersuchung der Hintergründe. Quasi eine Lizenz zum Töten. Von einem rechtsstaatlichen Verständnis einer funktionierenden Demokratie ist dies weit entfernt!