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Die Migration von Venezolaner*innen nach Brasilien und ihr Kampf um Sichtbarkeit

Derzeit eskaliert die Gewalt gegen Flüchtlinge aus Venezuela im Norden Brasiliens. In der aktuellen Brasilicum Ausgabe (249) haben wir dazu einen Artikel der im Rahmen einer Masterarbeit entstanden ist.
Die Migration von Venezolaner*innen nach Brasilien und ihr Kampf um Sichtbarkeit

Flüchtlinge in Roraima

Verglichen mit den anderen brasilianischen Hauptstädten ist das in Roraima im Norden Brasiliens liegende Boa Vista eher unbedeutend und kämpft noch darum, dem Status einer Hauptstadt gerecht zu werden. Das Leben läuft dort langsam ab und es scheint, dass Errungenschaften wie moderne öffentliche Verkehrsmittel und die dazugehörige Infrastruktur dort noch nicht so recht angekommen sind. Die Einwohner*innen von Boa Vista müssen kreativ sein und sich immer wieder neu erfinden, um in der Stadt mit ländlicher Anmutung am Nordzipfel Amazoniens zurechtzukommen. Auch wenn das Leben dort langsam abläuft, wird die Zahl der Menschen, die von Venezuela über die Grenze nach Boa Vista kommen, von Mal zu Mal größer.


Schätzungsweise 50.000 Venezolaner*innen hielten sich 2017 in Roraima auf, dies entspricht mehr als 10 % der Bevölkerung des bevölkerungsärmsten Bundesstaats Brasiliens. Viele Behörden, auch die brasilianische Regierung, betrachten diese als Wirtschaftsflüchtlinge, das heißt, dass sie ihr Heimatland auf der Suche nach besseren Arbeitsplätzen und sozialen Rahmenbedingungen verlassen haben. Mit dieser halboffiziellen Position des brasilianischen Staates wird die überwältigende Mehrheit der Asylanträge von der CONARE (einer Einrichtung, die die Grundsätze der brasilianischen Asylpolitik festlegt und Asylanträge bearbeitet) abgelehnt, da es in Venezuela theoretisch keine Verfolgung aus politischen, ethnischen oder religiösen Motiven und keine bewaffneten Konflikte gibt. Die Realität sieht jedoch anders aus.


Der venezolanische Fall ist sehr komplex und es ist schwierig abzugrenzen, wer Geflüchtete*r und wer Migrant*in ist. Die Motive für die Migration von Venezolaner*innen nach Brasilien können nicht getrennt betrachtet werden. Ich habe zwei maßgebende Schlüsselelemente für die individuelle und kollektive Motivation der Migration nach Brasilien beobachtet. Erstens gibt es die Wirtschaftskrise mit Hyperinflation, die den Venezolaner*innen stark zu schaffen macht. Das zweite Element ist die Restriktion der politischen und persönlichen Freiheiten. Diese Elemente treten in vielen verschiedenen Formen in Erscheinung: Ein Motiv, von dem viele Venezolaner*innen berichten, ist der fehlende Zugang zu medizinischen Langzeitbehandlungen und zur Grundversorgung mit Impfungen, Verhütungsmitteln, usw. Viele schwangere Venezolanerinnen kommen auf der Suche nach medizinischer Versorgung nach Roraima. Städtische Gewalt, Proteste gegen die venezolanische Regierung und die Notwendigkeit, durch ständige Bestechungsgelder an venezolanische Behörden zu verhindern, dass diese einem den Zugang zu Nahrungs- und Arzneimitteln sperren, sind ein weiterer Grund. Die institutionelle Korruption ist mit dem Niedergang des politischen Systems verbunden, in dem die Beamt*innen durch die Zahlung völlig unzureichender Gehälter gezwungen sind, nach anderen Wegen zu suchen, um sich über Wasser zu halten. Die fehlende Möglichkeit, Nahrungsmittel erwerben zu können, treibt viele Venezolaner*innen nach Brasilien. Dies liegt nicht allein an den hohen Preisen der Produkte, sondern auch am aus politischen Gründen fehlenden Zugang zu staatlichen Zuschüssen zum Kauf von Lebensmitteln. Viele Venezolaner*innen berichteten, dass jenen, die sich während der von der Regierung durchgeführten Volkszählung, bei denen auch die Parteizugehörigkeit abgefragt wurde, zu Parteien der Opposition, insbesondere der Linken, bekannt haben, der Zugang zu diesen Zuschüssen verwehrt wurde. Die Kombination dieser Faktoren führt dazu, dass sich viele Venezolaner*innen eine bessere Zukunft in Brasilien erhoffen.


In der kleinen  Hauptstadt Boa Vista, nur wenige Kilometer von der venezolanischen Grenze und der Grenzstadt Santa Elena de Uairén entfernt, gibt es nicht viele Arbeitsplätze, nicht einmal für die lokale Bevölkerung. Die dort ankommenden Venezolaner*innen schlagen sich daher mit informellen Arbeiten durch, zum Beispiel als Autowäscher*innen, Handwerker*innen oder sie verkaufen Dindim (Fruchtwassereis) an Straßenkreuzungen. Sie schließen sich in Gruppen zusammen, um die Arbeiten schnell erledigen zu können und teilen am Abend die verschwindend geringen Einkünfte des Tages. Die Organisation in Gruppen dient auch dazu, sich gegen fremdenfeindliche Angriffe aus der Bevölkerung zu schützen. Die Fremdenfeindlichkeit ist neben Hunger und dem Leben auf der Straße oder in kleinsten Zimmern mit oftmals mehr als zehn Personen die größte Sorge der Venezolaner*innen.


Neben der Fremdenfeindlichkeit ist der in der Bevölkerung verbreitete Machismus und die Homophobie ein weiteres Probleme für venezolanische Frauen, Schwule und Transsexuelle in Roraima. Der Feira do Passarão, ein Platz in Boa Vista, ist auch bekannt als das „Bairro das ochenta“. Ochenta bdeutet achtzig auf Spanisch und bezieht sich auf den Preis für die sexuellen Dienstleistungen, die dort von vielen Venezolaner*innen angeboten werden. Diese jungen Frauen und Männer arbeiten dort weil sie keine andere Wahl haben. Viele müssen Geld für ihre Kinder nach Venezuela schicken, weil sie diese zurücklassen mussten. Viele Anwohner*innen fühlen sich durch die Anwesenheit der Mädchen gestört und man hört häufig, dass sie das Stadtbild verschandeln, da sie nicht dem klassischen brasilianischen Familien- und Rollenbild entsprechen. Die Personen, die sich am meisten aufregen sind häufig jene, die die Dienste auf dem Feira do Passarão regelmäßig in Anspruch nehmen. Diese Heuchelei drückt sich nicht nur in der Sprache aus, sondern auch in der alltäglichen Gewalt, seien es Vergewaltigungen, körperliche Angriffe oder Diskriminierung. Eine der befragten Venezolanerinnen sagte: „Ich habe große Angst davor, auf der Straße zu sein, so viele sind schon vergewaltigt worden, und eines Tages werde ich dran sein, aber was kann ich schon tun? Vier Menschen in Venezuela haben Hunger und sind auf meine Hilfe angewiesen ... ich kann einfach nicht nein sagen.“


Die Venezolaner*innen, die nach Boa Vista kommen, geraten dort in einen Teufelskreis: Sie haben Angst und nicht genug Ressourcen, um in einen Bundesstaat mit einem größeren Arbeitsplatzangebot zu ziehen. Auch das fehlen von Kontakten in andere Städte hält sie davon ab, Roraima zu verlassen. Trotz schlechter sozialer und wirtschaftlicher Indikatoren, steht Roraima immer noch besser da als die Nachbarstaaten Amazonas und Pará. In Pacaraima und Boa Vista lassen die Venezolaner*innen sich nieder, wo sie einen Platz finden oder teilen sich die prekären öffentlichen Unterkünfte mit Angehörigen der indigenen Warao, die ebenfalls aus Venezuela kommen. Neben den Problemen, mit denen alle Venezolaner*innen zu kämpfen haben, leiden die Warao in ihren Herkunftsgemeinden im Delta des Amacuro auch unter der institutionellen Gewalt durch die venezolanische Regierung.


Die Antwort des brasilianischen Staates auf die venezolanische Krise beschränkte sich auf die Legalisierung der Migrant*innen, die in Brasilien angekommen waren. Eine konkrete Migrationspolitik gibt es jedoch nicht. Der Bundesstaat Roraima hat angekündigt, einen Antrag zur Schließung der Grenze zwischen Brasilien und Venezuela bei der brasilianischen Regierung zu stellen. Dieses Vorhaben ist nicht neu und wurde in der Vergangenheit bereits mehrfach abgewiesen, da diese Maßnahme die Geflüchteten nur weiter kriminalisieren würde, ohne dass es gelingen würde, die große Zahl an Menschen, die von Venezuela nach Roraima kommen, zu verringern. Auch wenn es von Seiten der Regierung keine klare Absage an die Aufnahme der venezolanischen Geflüchteten gibt, zeigt das Fehlen von Maßnahmen zu deren Integration die geringe Bedeutung, die dem Fall beigemessen wird. Darüber hinaus scheint die brasilianische Regierung vor allem damit beschäftigt zu sein, anhand der gestiegenen Fluchtzuwanderung auf das Versagen der linken Regierung in Venezuela aufmerksam zu machen, anstatt sich um eine menschenwürdige Behandlung jener zu kümmern, die über die Grenze kommen. Die Einschränkungen der Menschenrechte in Venezuela vor der OEA (Organização dos Estados Americanos) zu kritisieren ist schön und gut, viel wichtiger wäre es aber, auch einmal ins eigene Land zu schauen und zu zeigen, dass Brasilien auch in der Lage ist, seinen südamerikanischen Brüdern und Schwestern mit gutem Beispiel voranzugehen.∎



* Stefani Rackes da Silva schrieb ihre Masterarbeit zum Thema „Das soziale Kapital von venezolanischen Flüchtlingen in Brasilien“ an der Ruhr-Universität Bochum.

* Dierser Artikel erschien im Brasilicum 249. Sie können das Heft als PDF oder Print hier bestellen.