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Fortschritt mit aller Gewalt

Die erste Amtszeit von Präsident Luiz Inácio Lula da Silva geht ihrem Ende entgegen, und immer deutlicher zeigt sich die Diskrepanz zwischen der linken Rhetorik und der konservativen Politik der Regierung. Gerade in der Schlussphase werden noch einmal besonders bedenkliche Großprojekte ohne Rücksicht auf die betroffene Bevölkerung auf den Weg gebracht.

Indigene, Landlose und Umweltverbände sehen hinter die Fassade der Regierungspolitik und machen ihrer Enttäuschung Luft, zum Teil mit spektakulären Aktionen. Trotzdem hat die Politik Lulas zugunsten der Agroindustrie und zu Lasten der Landbevölkerung und der Natur aufgrund der brasilianischen Machtverhältnisse eine realistische Chance, die ungerechten Besitzverhältnisse zu festigen und die Entwaldung immer mehr zu beschleunigen. Wer hätte das nach der Abwahl von Cardoso geahnt? Hier die aktuellen Konfliktherde im Einzelnen:

Plano Amazônia Sustentável (PAS)
Jahrelang haben Umwelt- und Sozialverbände die ehrgeizigen Infrastrukturpläne der Vorgängerregierung unter Cardoso bekämpft, die unter dem Namen „Avança Brasil“ zusammengefasst wurden. Lula versprach, mit einem neuen „Plan für ein nachhaltiges Amazonien“ (PAS) einen weniger zerstörerischen Pfad einzuschlagen. Er wurde 2003 von Lula und den Gouverneuren Amazoniens mit einem Dokument auf den Weg gebracht, bietet eine Analyse auf dem Stand von 2003 an, hat allerdings seitdem kein Budget, keine konkreten Projekte oder Ziele und lange Zeit keinerlei Partizipation zu bieten. Als Ende Mai diesen Jahres in Brasilia und den Hauptstädten Amazoniens eine Serie von öffentlichen Anhörungen beginnt, die wenigstens etwas Beteiligung der Bevölkerung erlauben soll, präsentiert das „Brasilianische Forum der Verbände und sozialen Bewegungen zu Umwelt und Entwicklung“ (FBOMS) ein Dokument, mit dem es seine Ablehnung des PAS begründet und seine weitere Mitarbeit aufkündigt. Er biete keine Perspektive, keine Instrumente der Umsetzung und widerspreche der aktuellen Politik Lulas, die gerade ohne Partizipation der betroffenen Bevölkerung und ohne notwendige Umweltverträglichkeitsstudien mehr als 11 Mio. Euro für Großprojekte und Agrobusiness-Subventionen in Amazonien angekündigt hat.
Eine frühe Version des PAS war unklar in seinen Aussagen zu Großprojekten und führte, zusammen mit der unklaren rechtlichen Situation um die wegen Korruption aufgelöste SUDAM (Amazonien-Entwicklungsbehörde), zur Einstellung von öffentlichen Anhörungen zu eben diesen Großprojekten. Diese Anhörungen wurden seitdem nicht mehr aufgenommen, eine PAS-Passage Lulas zur mangelnden Berücksichtigung von ökologischen und sozialen Aspekten bei Großprojekten wurde durch allgemeine Floskeln ersetzt. Die Verbände sehen deshalb keinen Sinn mehr in ihrer weiteren Beteiligung an diesem Prozess, der selbst gegen Ende der Legislaturperiode keine Chance auf Umsetzung oder Einbindung in zukünftige Fünfjahrespläne der Regierung erkennen lässt. Auch die Vertreter der Länder Amazoniens vermissen eine Einbindung bei der Planung. Und Wirtschaftsvertreter kritisieren den PAS als zu schwach, haben aber noch keine schriftliche Position abgegeben.
Das Sekretariat für Koordination in Amazonien gibt der Bevölkerung noch bis Ende Juli Zeit für Eingaben. Zur Erinnerung: Der Nachfolger des Pilotprogramms (PPG7) soll laut Regierung Teil dieses PAS werden. Mit dem praktischen Scheitern von PAS ist auch die Zukunft des Pilotprogramms wieder in Frage gestellt.

Rio Madeira, Xingu und São Francisco
Im September 2002 erklärte Lula in seiner programmatischen Schrift "Der Platz Amazoniens in der brasilianischen Entwicklung" noch, dass es angesichts der ökologischen und sozialen Probleme nicht empfehlenswert sei, blind alle Staudammprojekte zu verwirklichen. Zum Ende seiner Amtszeit scheint er seine Meinung radikal geändert zu haben.
Eines der größten Staudammprojekte seit Errichtung des Itaipu-Staudamms ist am zweitgrößten Fluss des Amazonasbeckens, dem Rio Madeira geplant. Gleich zwei Wasserkraftwerke mit zusammen 7000 MW sollen für 7 Mrd. Euro Baukosten und nach einer Bauzeit von bis zu 6 Jahren den Fluss in Rondônia stauen. Die Gelder kommen vom Staat, die Expertise von großen privaten Baufirmen, die dann auch 51% der Anteile bekommen.
Die Regierung hofft, den Bau noch in diesem Jahr, also noch vor der Wahl genehmigen zu können, auch ohne Entwicklungsplan für den Bundesstaat und obwohl es derzeit noch Probleme mit der Umweltverträglichkeitsstudie gibt. Alternativen zum Bau neuer Kraftwerke (Energiesparpotential, dezentrale Energiegewinnung, Modernisierung alter Kraftwerke und Leitungen) wurden bei der Planung ebenso wenig berücksichtigt wie die Meinung der betroffenen Bevölkerung.
Diese hat Anfang Mai auf eigene Faust eine öffentliche Anhörung unter dem Titel „Lang lebe der Rio Madeira“ organisiert, die vom Bürgermeister und der Baufirma boykottiert und mit einer eilig anberaumten Parallelveranstaltung torpediert wurde.
Als wichtigen Grund hinter dem Projekt vermuten Kritiker, dass mit dem Bau der Staudämme der größte Schritt Richtung Wasserstraßenausbau zum Sojatransport getan ist. Dies sähen Planungen für ein südamerikanisches Infrastrukturnetz (in diesem Fall verkehrstechnische Vernetzung mit Peru und Bolivien) vor. Schon jetzt hat das geplante Projekt negative Auswirkungen auf die Region. Während ein Verantwortlicher der vorgesehenen Baufirma von einer „Anregung des Grundstückmarktes“ schwärmt, ist die Realität von massiver Grundstücksspekulation ohne legale Landtitel, unkontrollierter Migration, Landbesetzungen und illegaler Abholzung geprägt.
Die indigene Bevölkerung hat ihre Ablehnung des Projektes deutlich gemacht, sie ist nicht an einer Überschwemmung ihres Lebensraumes und einer Zwangsumsiedlung interessiert. Auch der Dachverband der Umwelt- und Sozialverbände (FBOMS) hat in einem offenen Brief noch einmal vor den ökologischen und sozialen Auswirkungen des Projektes gewarnt, auch durch den zu erwarteten Ausbau des Sojaanbaus bei der Erweiterung der Wasserstraße.
Das zweite große und umstrittene Staudammprojekt ist das „Belo Monte“-Projekt am Rio Xingu, das nach starken internationalen Protesten seit 1989 von der Bildfläche verschwunden war. Die Regierung Lula will noch in diesem Jahr im Schnellverfahren alle Umweltverträglichkeitsstudien durchführen lassen, um im nächsten Jahr mit der Ausschreibung des Projektes beginnen zu können. Die Umweltbehörde kämpft derweil vor Gericht um sein Recht, die Umweltauswirkungen des Projektes ausführlich prüfen zu dürfen. Auch bei diesem Projekt werden voraussichtlich nachfolgende Staudammprojekte zur Regulierung der Wassermenge nötig sein. Kritiker erwarten durch das Projekt weitere massive Umsiedlungen (erfahrungsgemäß ohne gezahlte Entschädigungen), eine Schädigung der sozialen Familienstrukturen bei Kleinbauern, Landspekulation und die illegale Abholzung in Indigenenreservaten. Im Widerspruch zur Verfassung wurde keines der betroffenen indigenen Völker beim Genehmigungsverfahren angehört. Es muss mit Zwangsumsiedlungen, Überschwemmungen von traditionellem Lebensraum und Einschränkungen bei Fischerei und Fortbewegung (Kanu) gerechnet werden. Deshalb wurde im Juni auch ein anderes schon im Bau befindliches Wasserkraftwerk an einem Nebenfluss des Xingu (Rio Coluene) von 300 Indigenen besetzt, um den Stopp des Kraftwerkbaus zu erzwingen.
Auch das umstrittene milliardenschwere Projekt, einen Teil des São Francisco und des Rio Tocantins über ein gewaltiges Kanalnetz umzuleiten, wurde von Lula still und heimlich während des diesjährigen Karnevals beschlossen. Das Projekt war in die Schlagzeilen gekommen, als ein brasilianischer Bischof deshalb in den Hungerstreik ging. Lulas Zusage zu Gesprächen führte zum Abbruch des Hungerstreiks und wurde von den Zeitungen als Einlenken bewertet. Jetzt wird das Projekt ohne Abstriche durchgezogen. Nutznießer sind Bauindustrie, die exportorientierte Bewässerungslandwirtschaft, die ökologisch nicht weniger bedenkliche Garnelenzuchtbranche sowie die Küstenstädte des Nordostens und die neu gebauten und geplanten Luxusferiensiedlungen für Urlauber aus Europa und den USA. Die Verlierer sind Kleinbauernfamilien, traditionelle Fischergemeinden sowie 34 Indianergebiete und 153 Quilombos. Der Kanalbau wird von einem Programm zur „Vitalisierung“ des Flusses begleitet, das neben kleinen Wiederaufforstungen auch den Bau von neuen Staudämmen vorsieht, um den Fluss als Schifffahrtsweg für Soja auszubauen. Auch der Bau von zwei neuen Atomkraftwerken am Fluss wurde angekündigt. Dies alles ist die Antwort der Regierung auf die jahrelangen Proteste der betroffenen Bevölkerung gegen die Umleitung des São Francisco. Derweil hat das brasilianische Transportministerium vorgeschlagen, eine neue Kategorie von Reservaten zum Schutz der Wasserkraft einzuführen, um sich zukünftige Möglichkeiten für neue Staudämme zu sichern.

BR-163 und andere Straßen
Am 5. Juni, dem Weltumwelttag, gab die Regierung Lula ihren endgültigen Beschluss zur Asphaltierung der Bundesstraße BR-163 bekannt, die von den Soja-Anbaugebieten in Mato Grosso quer durch Regenwaldgebiet zum Soja-Hafen von Santarém in Pará führt.
Die Asphaltierung würde die Fahrzeit von Sojalastwagen von 9 auf 3 Stunden reduzieren und Fahrten auch in der Regenzeit ermöglichen. Bislang wird Soja aus Mato Grosso über den Süden zu den Exportmärkten gebracht, was wesentlich teurer ist. Kein Wunder, dass die Agroindustrie sich für den Ausbau der Bundesstraße einsetzt und vermutlich auch einen Teil der Kosten tragen wird. Insbesondere der US-Konzern Cargill mit seinem großen Soja-Hafen in Santarém ist an der Straße interessiert. Umweltschützer hingegen befürchten, dass wie z.B. in Rondônia die Straße als Magnet für Siedler dienen und zusammen mit der erwarteten massiven Ausdehnung des Sojaanbaus zur Vernichtung der angrenzenden Regenwälder führen wird. Die Regierung kontert mit einem Maßnahmenpaket, um diese Zerstörung zu verhindern und einen neuen Maßstab für nachhaltigen Umgang mit der Natur zu setzen. Strikte Umweltkontrollen und ein 19 Mio. ha Waldreservat zur nachhaltigen Nutzung wurden angekündigt. Allerdings zeigt die Erfahrung, dass solche Maßnahmen selten effektiv umgesetzt werden.
Die indigene Bevölkerung der Region fühlt sich von der Regierung übergangen, sie befürchten jetzt neue Siedler, Goldsucher und illegale Holzfäller in ihren Reservaten sowie vermehrte Waldbrände. Sie haben schon früher unter der Bundesstraße leiden müssen, als z.B. die Paraná aus ihrem Lebensraum vertrieben und in ein Indigenenreservat umgesiedelt wurden. 2003 wurde außerdem das Baú Reservat nach einem Streit mit Siedlern verkleinert und die versprochenen Entschädigungen nie gezahlt. Die Indigenen warten weiterhin auf eine Möglichkeit zur Partizipation und behalten sich Widerstand vor.
Am 6. Juni hat die Weltbank einen Kredit von 501 Mio. US-$ an das brasilianische Verkehrsministerium vergeben, um die asphaltierten Bundesstraßen zu reparieren. Das Problem: Die meisten Bundesstraßen (insbesondere alle in Amazonien) können keine vorgeschriebene Umweltlizenz vorweisen, und es wurden trotz staatlicher Anordnung keine Fristen vereinbart, bis wann sie diese Lizenzen nachholen müssen. Damit sind diese Straßen illegal und werden trotzdem von der Weltbank finanziert.
Die Weltbank hat für dieses Projekt auch auf die intern vorgeschriebenen Umweltverträglichkeitsstudien verzichtet und sich auf das Urteilsvermögen der Geldempfänger verlassen. Gleichzeitig soll ein Teil der Gelder dafür verwendet werden, die Umweltkompetenz des Geldempfängers zu verbessern. Auch wenn der Kredit noch einen bescheidenen Rahmen hat und die IBAMA sich in der nächsten Zeit um die fehlenden Lizenzen kümmern will (aktuell wird z.B. die BR-319 zwischen Manaus und Porto Velho untersucht), so zeigt sich hier doch die Bereitschaft der Weltbank, über seine eigenen Minimal-Umweltstandards hinwegzusehen und illegale Projekte zu fördern.

Die Süd-Gas-Pipeline, Urucu, und der Yasuni Park
Südamerikas größtes Infrastruktur-Projekt, die sogenannte „Süd-Gas-Pipeline“, wurde am 19. Januar diesen Jahres überraschend von den Präsidenten Venezuelas, Argentiniens und Brasiliens beschlossen und hat seitdem gewisse Startschwierigkeiten.
Die Gaspipeline soll von Venezuela über Brasilien nach Argentinien führen, zwischen 7000 und 10000 km lang sein, 150 Mio. Kubikmeter Erdgas pro Tag transportieren, bis 2012 fertig sein und nach ersten Schätzungen 20-25 Mrd. US-$ kosten.
Von verschiedenen Seiten wird die Wirtschaftlichkeit für Brasilien bezweifelt. Auch das Zustandekommen des Beschlusses ohne jede Konsultation der betroffenen, auch indigenen Bevölkerung sowie die zu erwartende massive Umweltzerstörung sind bereits stark kritisiert worden (siehe letzten Bericht). Für Irritationen sorgte die unangekündigte Verstaatlichung der bolivianischen Ölindustrie, von der auch eine Petrobras-Tochter betroffen ist. Bolivien ist derzeit Hauptlieferant für Erdgas nach Brasilien und verlangt jetzt höhere Preise. Brasilien kontert mit neuen Plänen für eine Eigenversorgung mit Erdgas (siehe Urucu-Pipeline, außerdem Erdgasfelder vor Brasiliens Küste) und Importe von Flüssiggas (Kauf zweier mobiler Entflüssigungsanlagen); beides senkt die Notwendigkeit und Wirtschaftlichkeit einer Mega-Pipeline.
Außerdem stellt Petrobras eine neue Methode vor, wie man mit Sojaöl-Beimischung Dieselkraftstoff strecken und Importe reduzieren kann. Während Bolivien außerdem eine Beteiligung von Petrobras am Projekt wegen zu großer internationaler Beteiligung ablehnt, besteht Brasilien auf einer Einbindung des Konzerns. Trotz allem wurde Ende Juni eine transnationale Firma gegründet, die die Machbarkeit des Mammutprojektes überprüfen soll.
Der bolivianischen Regierung wurden 150 Mio. US-$ für vorläufige Umweltverträglichkeitsstudien zur Verfügung gestellt. Mit etwas Verspätung soll das Projekt jetzt auf einem südamerikanischen Energiegipfel im September detaillierter vorgestellt werden, um möglichst viele Länder an dem Projekt beteiligen zu können.
Jahrelang kämpfte die Zivilgesellschaft gegen die Verwirklichung der Urucu-Manaus-Gas-Pipeline. Die Pipeline soll Urwald und indigenen Lebensraum zerschneiden.
Alle Proteste haben nichts genützt. Ende Mai hat Petrobras mit dem Bau begonnen. Präsident Lula ließ es sich nicht nehmen, die Bauarbeiten des 505-Millionen-Euro-Projektes mit einer symbolischen Schweißaktion selber zu beginnen. Schon im März 2008 soll die Pipeline in Betrieb gehen. Die brasilianische Armee wurde bereits bezahlt, um den Regenwald entlang der Strecke zu roden.
Auch im Nachbarland Ecuador verfolgt der staatliche brasilianische Konzern Petrobras mit Lulas Unterstützung eine harte Politik gegen Umwelt und Indigene, die in Brasilien illegal gewesen wäre. Im Yasuni-Nationalpark, einem UN-Biosphärenreservat, will der Konzern nach Öl bohren. Mit Bestechung konnte Petrobras sich bei der korrupten Vorgängerregierung Ecuadors die Umweltgenehmigungen erkaufen.
Besonders umstritten war die von Petrobras geplante Erschließungsstraße zum bislang unerschlossenen Nationalpark, die den Grundstein für weitere Zerstörungen gelegt hätte. Zwar wurde die Straße von Petrobras bis zur Grenze des Parks gebaut, dabei wurden aber verschiedene Umweltauflagen gebrochen, so dass die neue ecuadorianische Regierung einen Baustopp für die Straße und eine Fabrik im Park verhängte. Petrobras klagte vor Gericht, Lula intervenierte und machte Druck auf die Regierung, aber die Klage wurde abgewiesen. Ende April diesen Jahres sagte Petrobras zu, den Straßenbau nicht fortzuführen und den Transport zum Bohrloch per Hubschrauber durchzuführen.
Damit darf Petrobras aber weiterhin gegen den Willen der Huaorani auf deren Gebiet und mitten im Biosphärenreservat nach Erdgas bohren. Insofern war die Verhinderung der Straße nur ein schaler Sieg der Umweltschützer und Indigenenverbände.

Serra Pelada und Bergbau
Serra Pelada im Südosten von Pará ist eine Goldmine, die schon einmal in den 90ern, dann nochmal 2002 wegen gewalttätiger Auseinandersetzungen zwischen zwei Gruppen von Goldsuchern vom Militär besetzt und anschließend geschlossen wurde.
Eine der beiden Gruppen wurde vom Ex-Geheimdienstler und Bürgermeister Curio angeführt, der auch für Morde im Konflikt verantwortlich gemacht wird. Geplant war eine Wiedereröffnung der Mine jetzt im Mai. Als im April aber die Bergleute der dortigen Minenkooperative Curio und seine Verbündeten aus dem Exekutivausschuss entfernen wollten, drohte er seinen Nachfolgern mit Mord und nahm bei seinem Weggang das Geld und die Autos der Kooperative mit. Das Justizministerium wurde informiert. Und so musste Lula die Wiedereröffnung auf unbestimmte Zeit verschieben.
Gerüchten zufolge soll Lula aber daran interessiert sein, den Goldrausch in Serra Pelada kurz vor der Wahl wieder zu eröffnen. Dafür müsste die Situation durch einen neuen Exekutivrat aber wieder stabiler werden.
Anlässlich der Veröffentlichung der geologischen Karte vom Bundesstaat Amazonas am 30. Mai gab ein staatlicher Geologe bekannt, dass es in Amazonien noch viele ungenutzte Bodenschätze gibt, darunter Sylvinit (Quelle für den Dünger Kaliumchlorid), Kaolin (Tonerde, für Papier und Farben) und Niobium (für Kondensatoren).
Petrobras bemüht sich seit diesem Jahr um Konzessionen für Sylvinit, dessen Lagerstätte von geschätzt 1 Mrd. Tonnen es in den 80er Jahren in Amazonas entdeckt hat. Die Auktion wird innerhalb von 2 Jahren stattfinden, mit derzeit 9 Bewerbern. Auf dem Gebiet leben Indigene, das Land ist aber noch nicht demarkiert. Bei Kaolin übt die Regierung Druck auf Petrobras und einen Mitbewerber aus, endlich mit dem Abbau der Mineralien an der Manaus-Boa-Vista-Bundesstraße zu beginnen, damit die Konzession nicht verfällt.
Beim Abbau von Niobium gibt es ein kleines Problem: Die Bodenschätze befinden sich in einem Indigenenreservat. Seit 1988 ist der Abbau innerhalb von Reservaten zwar per Verfassung erlaubt, es fehlt aber noch ein Gesetz zur konkreten Umsetzung. Derweil liegen alleine im Bundesstaat Amazonas 1468 Anfragen zum Abbau von Mineralien in Indigenenreservaten vor. Sollte das fehlende Gesetz einmal kommen, wird es einen Grund mehr geben, in Indianerreservate einzudringen.

Die Konflikte in Amazonien eskalieren
Während immer mehr Geld in die verschiedenen Großprojekte und Subventionen der Agroindustrie fließen, wird an anderen Stellen das Geld knapp. Schon im Juni letzten Jahres streikten die Beamten der Umweltbehörde IBAMA; weil die Bundesregierung die Behörde angeblich absichtlich demontierte. Auch dieses Jahr gingen die Beamten der IBAMA Niederlassung in der Sinop Region in Mato Grosso wieder in den Streik, um ihre Behörde zu stärken. Die Sinop Region umfasst 31 Munizipien und liegt mitten im Entwaldungsgürtel Amazoniens. Seit zwei Jahren gibt es keinen Staatsanwalt, der die Streitfälle aufarbeitet. Den meist neuen IBAMA Beamten wird keine Ausbildung genehmigt. Durch die verspätete Verabschiedung des Bundeshaushaltes 2006 gibt es kein Geld mehr für Benzin, Fahrzeugwartung, Hausmeisterdienste oder Fotokopien. Das Telefon ist seit März außer Betrieb, es steht nur ein Mobiltelefon für die Behörde zur Verfügung. In anderen Regionalbüros sieht es ähnlich aus. Brasilia ist informiert, eine offizielle Antwort steht aus.
Eine Studie des Instituts für sozioökonomische Studien (Inesc) macht darauf aufmerksam, dass die Demarkierungsprozesse für Indigenenreservate aus Geldmangel zum Erliegen gekommen sind. Zwar steigen die Ausgaben für indigene Völker an, das meiste Geld fließt aber in Gesundheitsmaßnahmen, auch wenn die Gesundheit der Indigenen in vielen Regionen ab- statt zunimmt. Anschuldigungen von Geldmissbrauch werden häufiger. Viele Indigene wurden außerdem aus den sie betreffenden politischen Entscheidungsprozessen entfernt.
Auch eine Studie des brasilianischen Indigenenmissionsrates CIMI kommt zu dem Schluss, dass die Regierung die Demarkierung von Indigenenreservaten ausgesetzt habe. Je weniger Demarkierungen es gebe, desto mehr Gewalt finde gegen Indigene statt. Während es unter der Vorgängerregierung von Cardoso (1995-2001) durchschnittlich 20 Morde pro Jahr an Indigenen gegeben habe, sei diese Zahl unter Lula auf über 40 Morde pro Jahr angestiegen, v.a. durch bezahlte Killer. 375 Indigene starben von 2002-2005 wegen mangelnder Gesundheitsversorgung, 217 indigene Kinder an Unterernährung. Über die letzten 10 Jahre gab es 287 Morde und 407 Selbstmorde. Eine Änderung dieses Trends sei nicht zu erwarten, solange sich die Politik nicht ändere. Rassismus und Feindseligkeiten gegen Indigene seien weiter an der Tagesordnung. Besonders schwierig zu beobachten ist Gewalt an den ungefähr 60 isolierten Völkern, v.a. im nördlichen Mato Grosso, Rondônia und Süd-Amazonas. 17 ethnische Gruppen sind vom Aussterben bedroht. CIMI und Amnesty International betrachten die ungelöste Landrechtsfrage als Ursache all dieser Gewalt.
Anfang Juni kam es zu einer weiteren Eskalation. Als rund 700 Angehörigen der «Bewegung zur Befreiung der landlosen Bauern» (MLST, eine kleine Abspaltung der Landlosengewerkschaft MST) dem Parlament einen Brief mit ihrer Forderung nach einer Landreform übergeben wollten, wurden die Demonstranten von der Polizei angegriffen. Als Reaktion darauf stürmten die Demonstranten das Kongressgebäude und zerstörten weite Teile des Abgeordnetenhauses. Es kam zu 26 Verletzten und mehr als 500 Festnahmen, von denen alle bis auf 42 mutmaßliche Anführer am nächsten Tag wieder frei kamen.
Die Landlosen beklagen, dass Präsident Lula in seiner Regierungszeit die Landreform kaum vorangebracht habe. Seit 1985, der Rückkehr Brasiliens zur Demokratie, sind 1200 Menschen bei Landrechtskonflikten getötet worden.

Bilanz
Die Landlosen sind enttäuscht von der ausgebliebenen Landreform, die Indigenen müssen immer härter um ihr Land kämpfen und werden immer häufiger Opfer von Gewalt, Krankheit und Hunger. Der Amazonasregenwald wird im Rekordtempo gerodet, und immer neue Erschließungsachsen werden ohne Rücksicht auf die lokale Bevölkerung und die betroffenen Indigenen geplant und durchgeführt. Öffentliche Anhörungen werden zur Farce, und die Verbände merken es. Kontrollbehörden wie die IBAMA werden finanziell ausgehungert, Kontrollverfahren abgebaut und Indigene aus den sie betreffenden Entscheidungsprozessen entfernt. Stattdessen profitieren Großunternehmen, Agroindustrie und Großgrundbesitzer. Am Ende seiner Amtszeit hat Präsident Lula sein Privatvermögen verdoppelt, und auch sonst ist er seinen bisherigen Wählern ferner denn je.