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Von fliegenden Flüssen, umgestülpten Wäldern und der trockenen Stadt

In der Millionenmetropole São Paulo erreicht die Trinkwasserversorgung der Stadt einen historischen Tiefpunkt - aber was könnte das mit fliegenden Flüssen und doppelt umgestülpten Wäldern zu tun haben?
Von fliegenden Flüssen, umgestülpten Wäldern und der trockenen Stadt

Das Datenforschungsinstitut Datafolha berichtete am Montag, dass 60% der im Großraum São Paulo befindlichen Haushalte in den vergangenen Wochen zeitweise ohne Wasserversorgung war. Dies steht im Kontrast zur Aussage des Gouverneurs des Bundesstaats, Geraldo Alckmin, der erst am 5. Oktober im ersten Wahlgang der Gouverneurswahlen wieder gewählt worden war. Alckmin hatte gebetsmühlenhaft betont, es fehle in São Paulo kein Wasser und es werde auch kein Wasser fehlen.

Nun ist das größte der Reservebecken, Cantareira, auf den niedrigsten Stand aller Zeiten gefallen: 3,3%. Während der Präsidentschaftskandidat Aécio Neves die Bundesregierung in Brasília, seine direkte Konkurrentin in der Stichwahl am 26. Oktober 2014, Dilma Rousseff, dafür verantwortlich zu machen versucht, weist Rousseff die Verantwortung der Regierung des Bundesstaats, Geraldo Alckmin, zu, während die UN-Berichterstatterin für das Recht auf Wasser unlängst klargestellt hatte, dass "nicht der heilige Petrus" für die Wasserkrise in São Paulo verantwortlich sei, sondern der Bundesstaat. Die Regierung Alckmin habe es versäumt, die entsprechenden Maßnahmen wie Einsparungen, Effizienzgewinne und rechtzeitige Investitionen in Instandhaltung und Modernisierung zu ergreifen.

Indessen ist die Wasserkrise, wie sie in Brasilien mittlerweile allenthalben heißt, ein großflächigeres Phänomen. Die Tageszeitung Folha de São Paulo errechnete aus vorliegenden Daten, dass von der gegenwärtigen Wasserkrise 24 Millionen Menschen betroffen seien und dies im "Trockenzirkel von São Paulo und Minas Gerais". Wenn die Zahl mit 24 Millionen Betroffenen zutrifft, so die Folha de São Paulo, dann seien dies mehr von der Trockenheit betroffene Menschen als dies im semi-ariden Nordosten des Landes der Fall sei.

Während also nun 24 Millionen Menschen von Wasserknappheit betroffen sind, dürfen im Bundesstaat Minas Gerais beispielsweise die Bergbauunternehmen weiterhin dem frischen Nass frönen, um ihre Produktion aufrecht zu erhalten, berichtet das Magazin Brasil de fato.

Doch um die gegenwärtige Trockenheit in ihren Dimensionen und möglichen Ursachen zu begreifen, scheinen noch zwei in der Debatte bisher eher vernachlässigte Faktoren von Belang zu sein: Denn inwieweit könnte die derzeitig extreme Wasserknappheit in São Paulo mit der zunehmenden Inwertsetzung der Trockensavanne des brasilianischen Cerrado und Amazoniens zusammenhängen?

Altair Sales Barbosa, Wissenschaftler an der PUC Goiás, gibt Antworten auf die erste Frage: Welcher Zusammenhang besteht zwischen der derzeitigen Dürre São Paulos und der Inwertsetzung der Trockensavanne des Cerrado?

Durch die Inwertsetzung des Cerrados in den vergangenen Jahrzehnten mit Vieh- und Landwirtschaft, Monokulturen und Pflanzen, die nicht an den Cerrado natürlich angepasst sind, verändert sich die Landschaft, die Flora und die Fauna - und somit auch der Wasserhaushalt in der Cerradoregion und den darunter liegenden Aquiferen, die als Zuflüsse der Flüsse auch die Region São Paulos mit Wasser versorgen. Altair Sales Barbosa erklärt es so: Die Trockensavanne des Cerrado besteht seit Jahrmillionen (zwischen 40 und 65 Millionen Jahren, so Barbosa) aus einer an die klimatischen Verhältnisse vor Ort extrem angepassten Vegetation und diese wiederum steht in angepasster Harmonie zur dort vorherrschenden Tierwelt. Eingriffe in dieses Zusammenspiel drohen das gesamte System zu kippen, so Barbosa. Der Cerrado zeichne sich vor allem dadurch aus, dass wegen der langen Trockenzeiten ein Großteil des in der Region gespeicherten Wassers sich im Erdreich anfände und dort zum einem Großteil in den Wurzeln der im Cerrado endemischen Bäume gespeichert sei. Der Cerrado wird wegen dieser Charakteristika, dass sich Zweidrittel der Biomasse der Bäume im Erdreich befinde, auch als "umgestülpter Wald" oder als "auf dem Kopf stehender Wald" bezeichnet. Und dieses dort im Wurzelwerk gespeicherte Wasser dringe von dort auch in die unterirdischen Aquifere vor. Dieses im Gleichgewicht befindliche Modell des umgestülpten Waldes sei aber durch die fortschreitenden Monokulturen zunehmend in Gefahr - und das ganze System kippe, wenn nun also der umgestülpte Wald gleichsam nochmal umgestülpt wird, indem also versucht wird, den Tisch vom Kopfe vermeintlich wieder auf den Fuße zu stellen, damit aber das Gegenteil erreicht. Soja und andere Monokulturen veränderten die Bodenstruktur, der umgestülpte Wald sei wieder zurückgestülpt, und das Wasser dringe nicht mehr so wie zuvor ins Erdreich und von dort auch nicht mehr in die Aquifere - und somit sitzt - in brutaler, aber folgerichtiger Evidenz - São Paulo nun zunehmend auf dem Trockenen.

Einen weiteren Erklärungsansatz liefert Antonio Nobre vom nationalen Forschungsinstitut für Raumfragen INPE. Nobre sieht einen Zusammenhang der Wasserknappheit São Paulos mit der Rodung Amazoniens. Denn: Rodung in Amazonien bedeutet weniger Verdunstung in Amazonien, weniger Wolken, die an den Anden hängen bleiben und von dort gen Süden gedrängt werden, wo sie sich dann abregnen und die Quellgebiete der die São Paulo-Region mit Wasser versorgenden Wassereinzugsgebiete mit eben diesem Grundstoffe allen Lebens versorgen.

Welche Bedeutung hat demnach die Verdunstung in Amazonien? Und welche Bedeutung hat dann die zunehmende Inwertsetzung Amazoniens in Form von Tropenholzrodung, Viehwirtschaft, Monokulturen, Bergbau und Staudämmen?

Laut Antonio Nobre im Interview mit der brasilianischen Wirtschaftszeitung Valor Econômico (hier im Link bei ecodebate) hat die Rodung Amazoniens enorme Konsequenzen für das Klima der ganzen Region: Laut Nobre bietet ein Quadratmeter Fluss- oder Meerwasser die Verdunstungsfläche von eben einem Quadratmeter. Im amazonischen Regenwald böten aber das vielschichtige, in die Höhe von bis zu 40 Meter reichende Blattwerk der Pflanzenwelt auf einem Quadratmeter Regenwaldbodens das Acht- bis Zehnfache an potentieller Verdunstungsfläche. Und hier zeige sich, so Nobre, die Bedeutung der fliegenden Flüsse. Der Begriff der flying rivers wurde von dem Meteorologen Jose Marengo geprägt. Fliegende Flüsse bezeichnen die Verdunstung von errechnet 20 Milliarden Tonnen Wasser in Amazonien jeden Tag. Zum Vergleich: Der weltgrößte Fluss der Welt, der Amazonas, speist täglich 19 Milliarden Tonnen Wasser in den Atlantik. Der Begriff der Fiegenden Flüsse bezeichnet demnach den Vorgang der täglichen Verdunstung zu Wolken von 20 Milliarden Tonnen Wasser durch Amazoniens Blattwerk, von dem 50 Prozent sich in Amazonien selbst wieder abregnen und zehn Milliarden Tonnen gen Westen an den sechstausend Metern hohen Anden blockiert werden und von dort nach Süden getrieben werden und sich über dem Wassereinzugsgebiet auch des Großraums São Paulos abregnen. Und wird die Verdunstung in Amazonien durch Inwertsetzung, sprich: Rodung, der Region gemindert, so mindert dies auch das Wasser für das Wassereinzugsgebiet von São Paulo. Der Urspung der trockenen Stadt liegt also auch im doppelt umgestülpten Wald und im Versiegen der fliegenden Flüsse Amazoniens.