Militärpolizei schießt im Nordosten des Bundesstaats Pará auf Indigenen

Indigene haben Land der Biodiesel- und Bioölfirma Brasil Bio Fuels – BBF im Konflikt um ihre Territorialrechte besetzt, laut Bundesstaatsanwaltschaft gingen die Schüsse von der vor Ort anwesenden Militärpolizei oder von privaten Sicherheitsfirmen aus.
| von Christian.russau@fdcl.org
Militärpolizei schießt im Nordosten des Bundesstaats Pará auf Indigenen
[Symbolbild] Palölernte Dendê. Foto: Kurt Damm (FDCL)

In Tomé-Açú, im Nordosten des amazonischen Bundesstaates Pará, wurde am Freitag, dem 4. August dieses Jahres, ein Indigener des Volkes der Tembé angeschossen. Das Opfer erlitt die Schusswunde auf dem Gelände Bananal, das die Indigenen seit Anfang Juli dieses Jahres im Protest gegen die zur Gewinnung von Dendê-Palmöl von der Biodieselfirma vorangetriebene Plantagenausweitung besetzt halten, da sie ihre territorialen Rechte durch die Plantagentätigkeit der Firma Brasil Bio Fuels - BBF vermehrt bedroht sehen. Dies berichtet das Portal G1.

Nach Ansicht der Bundesstaatsanwaltschaft MPF könnten die Schüsse von der Militärpolizei oder von privaten Sicherheitsleuten des Ölpalmenunternehmens BBF in der Region ausgegangen worden seien. Auch nach Informationen, die der Rechtsbeistand der Indigenenvereinigung Tembé Vale do Acará erhalten und an die Bundesstaatsanwaltschaft MPF jedenfalls weitergeleitet hat, könnte der Schuss, der auf den Indigenen abgefeuert wurde, von der Militärpolizei oder dem Sicherheitspersonal der BBF stammen. "Die indigenen Tembé- und Quilombola-Gemeinschaften in der Region befinden sich derzeit in einem Konflikt mit den Palmöl produzierenden und fördernden Unternehmen, da die verschiedenen Willkürmaßnahmen dieser Unternehmen, obwohl sie vor dem Gesetz bereits längst zur Anzeige gebracht wurden, nicht einmal vor dem regionalen Gericht ordnungsgemäß behandelt wurden", fügte die Vereinigung der Indigenen in einer an die Generalstaatsanwaltschaft von Pará gerichteten Mitteilung hinzu. Daraufhin forderte am Freitagabend die Bundesstaatsanwaltschaft MPF die Bundespolizei PF auf, dringend eine Untersuchung des Falles einzuleiten und Personal in das indigene Gebiet zu entsenden. Zusätzlich forderte die Bundesstaatsanwaltschaft den Gouverneur des Bundesstaats Pará, Helder Barbalho, auf, für ein Ende der vor Ort grassierenden Polizeigewalt zu sorgen. Die Bundesstatsanwaltschaft MPF sandte zudem auch ein Schreiben an das regionale Gericht des Gebietes von Tomé-Açu, in dem sie um Informationen über den Fall bat.

In einer ersten Reaktion bestritt Medienberichten zufolge das Sekretariat für öffentliche Sicherheit und soziale Verteidigung von Pará SEGUP, dass die Schüsse von seinen Einsatzkräften kämen, und ließ verlauten, es werde den Fall untersuchen. Das Unternehmen BBF seinerseits gab an, dass es Ziel von Drohungen gewesen sei, dass auf das Gelände ihrer Palmöl-Plantage illegal eingedrungen worden sei und dass es Anzeige bei der Polizei erstattet habe. Für BBF stellt sich der Vorfall laut einer in brasilianischen Medien zitierten Erklärung wie folgt dar: "Am vergangenen Freitagmorgen begab sich ein Spezialbataillon der Militärpolizei zur Fazenda Rio Negro mit dem Ziel, die Invasoren vom Gelände [der Firma, Anm.d.A.] zu entfernen und den Arbeitern die Fortsetzung ihrer Arbeit zu ermöglichen. Bei ihrer Ankunft auf dem Gelände schikanierte die Gruppe der indigenen Eindringlinge die Beamten des Militärpolizei-Bataillons und bedrohte das private Sicherheitsteam des Unternehmens, das die Einrichtungen des Hauptsitzes des Farmgeländes bewachte. Am späten Nachmittag, nach der Abreise der Militärpolizei, gerieten mehr als 100 mit Beilen, Messern, Feuerwaffen und selbstgebauten Waffen bewaffnete Eindringlinge mit den Arbeitern aneinander, setzten die Einrichtungen der Farm, Maschinen und Geräte des Unternehmens in Brand und zerstörten diese. Damit erfüllten sie die Drohungen, die seit dem 06. Juli [dem Tag der Besetzung des Farmgeländes, Anm.d.A.] ausgesprochen worden waren und in den oben genannten Polizeiberichten festgehalten wurden", heißt es in einem Auszug aus der Mitteilung des Unternehmens BBF in den Medien.

Erst im April dieses Jahres war bekannt geworden, dass die Bundesstaatsanwaltschaft von Pará gegen die Verantwortlichen der Firma BBF wegen Foltervowürfen ermittelt. In der Anzeige der Bundesstaatsanwaltschaft geht es auch um die Klärung der Frage, ob BBF auf staatliche Sicherheitskreise illegalerweise Einfluss ausübe, was zu der eingangs genannten Frage nach Verhältnis bzw. Beziehung der privaten Sicherheitskräfte und Angehörigen der Militärpolizei führt.

Der Konflikt zwischen den lokalen Gemeinschaften und der Biopalmölfirma BBF schwelt seit Jahren und spitzt sich offensichtlich nun weiter zu (KoBra berichtete wiederholt hier und hier). Das Unternehmen BBF, das Palmöl an die großen Unternehmen des Energiesektors zur Herstellung von Biodiesel und des Lebensmittelsektors liefert, ist in den Bundesstaaten Amazonas, Acre, Pará, Rondônia und Roraima vertreten. Das Unternehmen besitzt über rund 56.000 Hektar Ölpalmenplantagen in Pará, und die Verarbeitungsproduktionskapazität der Industrieanlagen der Firma liegt nach Unternehmensangaben bei 285 Tonnen Palmölfruchtrohstoff pro Stunde. Die Ölpalmenplantage, die den Ursprung der Konflikte im Nordosten von Pará bilden, wurden im November 2020 durch die BBF gekauft, nachdem sie zuvor einer Tochtergesellschaft des Vale-Konzerns, Biopalma, gehört hatten. Laut Aussagen von Indigenen und Quilombolas begannen die Probleme der traditionellen Gemeinschaften bereits zur Zeit von Biopalma unter Vale-Besitz, aber die Konflikte hätten sich in den letzten Jahren weiter verschärft.

// Christian Russau