Freigabe von Agrarchemikalien unter neuer Regierung Lula leicht gesunken, aber weiterhin hoch

Der Universitätsprofessor Marcos Pedlowski von der Universidade Estadual do Norte Fluminense in Campos dos Goytacazes im Bundesstaat Rio de Janeiro sieht Brasilien in einem Teufelskreis
| von Christian.russau@fdcl.org
Freigabe von Agrarchemikalien unter neuer Regierung Lula leicht gesunken, aber weiterhin hoch
Prof. Marcos Pedlowski. Foto: privat

Die staatliche Freigabe von Agrarchemikalien ist unter der neuen Regierung Luiz Inácio Lula da Silva leicht gesunken, aber weiterhin hoch. Zu diesem Schluss kommt eine Analyse des Universitätsprofessor Marcos Pedlowski von der Universidade Estadual do Norte Fluminense in Campos dos Goytacazes im Bundesstaat Rio de Janeiro. Pedlowski führt seit Jahren eine fortlaufend aktualisierte Statistik über die staatliche Freigabe von Pestiziden wie Fungiziden, Herbiziden und Insektiziden. Anfang Juli aktualisierte er infolge der neuerlichen Veröffentlichung des brasilianischen Bundesamtsblatts "Diário Oficial da União" Nr. 30 vom 6. Juli 2023, das von der weiteren Freigabe von 21 Agrarchemikalien berichtet. Pedlowski zählte die Zahlen zusammen und kam für die ersten sechs Monate Amtszeit der Lula-Regierung auf einen Wert von 200 freigegebenen Agrarchemikalien. Zum historischen Vergleich: Pedlowski rechnete alles zusammen und kam im Zeitraum der vier Jahre Amtszeit von Jair Bolsonaro (1.1.2019 - 31.12.2022) auf 2.030 freigegebene Agrargifte - dies entspräche im Durchschnitt je sechs Monate 253 Agrargifte in der Bolsonaro-Amtszeit. Insofern ist die Zahl der Agrargift-Freigabe unter der Lula-Administration leicht gesunken im Vergleich zur Bolsonaro-Administration, aber weiterhin alarmierend hoch.
Woran liegt das? Wir haben Professor Marcos Pedlowski um eine Einschätzung gebeten.

Marcos Pedlowski: "Zunächst müssen wir konstatieren, dass sich Präsident Lula - im Gegensatz zu den Wahlversprechen und im Gegensatz zu seiner Wahlsiegesrede - sich nicht für die Einführung eines neuen Landwirtschaftsmodells auf agrarökologischer Basis einsetzt. Dies wurde schon deutlich, als er den ruralista Carlos Fávaro, einen Verfechter des sog. Giftpakets - pacote do veneno -, zum Agrarminister ernannte. Aber weitaus schlimmer ist die Bereitstellung von Milliardenbeträgen seitens des Bundes, um das Agrobusiness zu finanzieren, und gleichzeitig der kleinbäuerlich-familiären Landwirtschaft ein deutlich geringere Betrag zur Verfügung gestellt wird - und dies, obwohl es die kleinbäuerlich-familiäre Landwirtschaft ist, die mehr als 70 Prozent der Nahrungsmittel für die brasilianisch Bevölkerung bereitstellt.

Die Fortsetzung einer Praxis der Freigabe von Agrargiften, die auf bereits durch die Regierung Bolsonaro gesenkten Kriterien für Umweltsicherheit und für Sicherheit für die menschliche Gesundheit beruht, ist ein weiteres Indiz dafür, dass die Regierung Lula nicht bereit ist, mit der Option für Agrargifte zu brechen, die anderswo in der Welt, insbesondere in der Europäischen Union, längst verboten sind. Tatsache ist, dass das Tempo der Zulassungen langsamer sein mag, mit 200 zugelassenen Pestiziden in sechs Monaten Regierungszeit, aber die politische Entscheidung, den Zulassungsprozess weiterhin nur in den Händen des Landwirtschaftsministeriums zu belassen und die Ministerien für Gesundheit und Umwelt dabei zu ignorieren, ist ein weiterer Beleg dafür, dass wir mit der Regierung Lula diesbezüglich nicht viel anderes haben als unter Jair Bolsonaro.

In Bezug auf die Positionierung von Lula, die Forderungen der EU zur Kontrolle der Entwaldung im Rahmen der EU-MERCOSUR-Freihandelsverhandlungen abzulehnen, muss konstatiert werden, dass während es auf europäischer Seite ein verstärktes Interesse an einer Steigerung der Agrargiftverkäufe gibt, hier eine Grabesstille herrscht. Was Präsident Lula in der Praxis damit sagt, ist, dass die europäischen Agrargifte, selbst die toxischsten, willkommen sind. [...]

Das Grundproblem bei den Agrargiften besteht darin, dass wir uns in einem Teufelskreis befinden, in dem Brasilien Produkte verwendet, die in Europa verboten sind, und Produkte exportiert, deren Rückstände weit über den in der Europäischen Union zulässigen Werten liegen. Der Punkt ist, dass die normalen Bürger verlieren, während die Hersteller von Agrargiften und die Landbesitzer gewinnen. Es bleibt abzuwarten, wie lange wir noch bereit sind, den fauligen Part dieses Deals zu akzeptieren. Eine Warnung, die ich aussprechen kann, ist, dass sich hier in Brasilien bereits eindeutige wissenschaftliche Beweise dafür abzeichnen, dass der direkte und indirekte Konsum von Agrargiften mit einer Zunahme schwerer Krankheiten verbunden ist, von verschiedenen Krebsarten bis hin zu Genom-Veränderungen. Es würde mich nicht wundern, wenn das Gleiche bereits auch in Europa geschieht."

// Christian Russau