"Es ist das Quecksilber, das unser Blut vergiftet."
"Unsere Kinder sind heute krank, und wir Mütter ebenfalls. Viele schwangere Frauen verlieren ihre Babys wegen des Quecksilbers, das unser Blut vergiftet. Laboruntersuchungen bestätigen das. Die Nicht-Indigenen sind in unser Territorium eingedrungen und haben Verschmutzung und Krankheit hinterlassen. Wir können den Fisch nicht mehr wie früher essen. Wir tun es aber trotzdem, weil er Teil unserer Kultur, unserer Geschichte und unseres Überlebens ist. Die Fische waren früher unsere Verwandten, und heute sind sie krank. Wir bringen unseren Kindern bei, dass wir unsere Kultur und den Fisch nicht aufgeben dürfen. Aber wir müssen kämpfen und nach Lösungen suchen, damit der illegale Goldabbau aufhört und die zukünftigen Generationen wieder gesundes Essen haben. Jeder Tag ist eine Herausforderung für uns."
Dies sagt Rilcélia Akay, 27 Jahre alt, Teil des audiovisuellen Kollektivs „Daje Kapap Eypi“, einem Frauen-Kommunikationskollektiv des Territoriums, in dem sie lebt. Rilcélia Akay ist vom Indigenen Volk der Munduruku. Die Munduruku zählen heute mehr als 13.000 Menschen, die in 142 Dörfer am Ober- und Mittellauf des Flusses Tapajós sowie am Jamanxim leben, im nordbrasilianischen Bundesstaat Pará, in Amazonien. Aber die Munduruku werden bedroht: durch Großprojekte wie Staudämme und Wasserstraßen, durch Bahnlinien zum vermehrten Transport von Erzen, Agrarrohstoffen und weiteren Gütern, durch den weiter massiv anhaltenden Ausbau des Sojaanbaus sowie durch die in der Region um Itaituba und Miritituba wie aus dem Boden sprießenden Sojaterminals der Multis um Cargill, Bunge, Maggi oder ADM. Nicht zuletzt und vielleicht am gewalttätigsten sind die Bedrohungen, denen die Munduruku durch den illegalen Goldbergbau in ihren Gebieten ausgesetzt sind. Bewaffnete Banden in Kumpanenschaft mit der organisierten Kriminalität (nicht selten gestützt durch Hintermänner in Politik, Wirtschaft und Justiz) beuten das Land der Munduruku illegal aus, roden Wälder, graben mit ihren hydraulischen Baggern das Erdreich um und gewinnen das Golderz durch die Mischung mit Quecksilber, das die Luft, das Erdreich und das Wasser vergiftet und so in die Nahrungskette gelangt und die Indigenen selbst und ihre Kinder schleichend vergiftet.
Es war das Jahr 2019, dem ersten Regierungszeit des rechtsextremen Präsidenten Jair Bolsonaro, als die staatliche Oswaldo-Cruz-Stiftung (Fiocruz) nach Amazonien fuhr, um vor Ort den von den Munduruku seit 2017 vermehrt beklagten Gesundheitsbeeinträchtigungen auf den Grund zu gehen. Denn die Munduruku waren sich sicher: Wir werden vergiftet. "Es ist das Quecksilber, das unser Blut vergiftet", bekräftigt Rilcélia Akay im Interview Jahre später, als sie im Juni 2026 auf Einladung der Initiative Berlin aktiv im Klimabündnis die deutsche Hauptstadt besuchte.
Die Untersuchung (KoBra berichtete), die die Fiocruz 2019 durchführte, ging auf eine Anfrage der Munduruku selbst zurück, die in einem Brief an die Wissenschaftler:innen bereits Jahre zuvor selbst darum gebeten hatten, dass angesichts der rasanten Zunahme der illegalen Goldschürferei durch den sogenannten Garimpo eine Untersuchung ihrer Quecksilberkontamination vorgenommen werde. Die Untersuchung wurde mit Proben von 197 Personen unterschiedlichen Alters durchgeführt, die in den Gemeinden Sawré Muybu, Sawré Aboy und Poxo Muybu lebten.
Die Studienerhebung: Die Studienteilnehmenden lebten in 35 Häusern in den drei Dörfern, und 91,4 % gaben an, Wasser aus Flüssen und Bächen zu trinken. Die Ergebnisse der Studie waren erschreckend: Bei 57,9 % lag die Quecksilberbelastung über 6 Mikrogramm. Das bedeutet, dass 57,9 Prozent der Befragten Quecksilberwerte in ihrem Körper aufwiesen, die über den von verschiedenen internationalen Gesundheitsbehörden, wie der United States Environmental Protection Agency, festgelegten oberen Sicherheitsgrenzen lagen. In den Flüssen - wie dem Jamanxim - wird das Quecksilber aus dem (oft illegalen) Goldbergbau zu Monomethylquecksilber (MeHg), das aufgrund seiner Fähigkeit, biologische Membranen zu durchdringen und das zentrale Nervensystem zu erreichen, die bei weitem giftigste aller Quecksilberverbindungen sei, so die Studie. Selbst eine längere Exposition gegenüber niedrigen MeHg-Konzentrationen könne neben anderen schwerwiegenden Folgen eine Veränderung des genetischen Materials verursachen. Mit anderen Worten: Die Hauptleidtragenden sind die Kinder.
Die Ergebnisse der Forscher:innen zeigten: Je näher man den illegalen Abbaugebieten kommt, desto höher werden die nachweisbaren Kontaminationen der betroffenen Personen. In der Gemeinde Sawré Aboy am Jamanxim-Fluss, einer der am stärksten vom illegalen Bergbau betroffenen Gemeinden, liegt die durchschnittliche Quecksilberkonzentration bei 12-jährigen Kindern bei 11 Mikrogramm pro Gramm, ein Wert, der als extrem hoch gilt.
Eine weitere Studie (zitiert bei Sumaúma) der Universität São Paulo (USP) bestätigte die medizinischen Auswirkungen bei den Betroffenen: Diese Untersuchung mit 111 Personen ergab, dass zwei von ihnen mit Monomethylquecksilberwerten (MeHg) von 11,68 und 15,68 Mikrogramm pro Gramm eine beeinträchtigte motorische Koordination aufwiesen. Bei anderen, die einer Monomethylquecksilberbelastung von mehr als 10 Mikrogramm pro Gramm ausgesetzt waren, liegt die Wahrscheinlichkeit, dass sie kognitive Defizite und Fehler in Tests zur Sprachflüssigkeit aufwiesen, etwa doppelt so hoch. Die Verschlechterung der motorischen und kognitiven Funktionen deutet auf eine Neurotoxizität infolge der chronischen Exposition gegenüber der toxischen Substanz hin.
Das Quecksilber, das von den Goldschürfer:innen eingesetzt wird, bindet (Amalgamierung) das Gold, das hinterher durch Verbrennen abgeschieden wird - und das Quecksilber landet im Erdreich und dann im Grundwasser oder gleich im Fluss. Quecksilber baut sich in der Natur nicht ab, es reichert sich entlang der Nahrungskette an: Zuerst lagert sich das Quecksilber in den Sedimenten ab, dort wandeln Bakterien es in Methylquecksilber (MeHg) um, das sich an Partikeln wie organischen Schwebstoffen andockt. Diese wiederum werden von Kleinorganismen aufgenommen, dann gelangen sie in der Nahrungskette weiter über Friedfische und Raubfische bin hin zum Menschen. Da es eben nicht abgebaut wird, reichert es sich an. Dies nennt man den Prozess der Biomagnifikation.
"Zu den häufigsten Fischen in der Region gehören Tucunaré, Piranha und Pacu. Einige wurden uns abgeraten zu essen, weil sie sich von anderen Fischen ernähren und dadurch stärker kontaminiert sind", erklärt Rilcélia Akay, als sie im Interview berichtet, wie sie gemerkt haben, dass sie vergiftet werden. "Wir haben es bemerkt, als ein Besucher, der sich für Indigenen-Rechte eingesetzt hat und den Prozess der Selbst-Dermarkation begleitete, sechs Monate im Territorium blieb. Er war es nicht gewohnt, unseren Fisch und unser Wasser zu konsumieren. Als er zurückkehrte, wurde er krank. Er machte alle möglichen Untersuchungen, und man stellte fest, dass der Quecksilbergehalt in seinem Blut sehr hoch war. Sechs Monate später starb er. Die Führungspersonen baten darum, dass im gesamten Territorium Blutproben genommen werden. Die Behörde FIOCRUZ des Gesundheitsministeriums kam und stellte fest, dass alle mit Quecksilber kontaminiert waren."
Rilcélia Akay berichtet von Schwangeren, von Fehlgeburten und davon, wie Frauen immer öfter Kinder mit Fehlbildungen zur Welt bringen. "Auch meine 13-jährige Tochter hat einen sehr hohen Quecksilberwert", berichtet sie. "Es ist das Quecksilber, das unser Blut vergiftet."
// Vinícius Mendes und Christian Russau

Das ganze Interview mit Rilcélia Akay können Sie (auch online) beim Südlink-Magazin nachlesen: „Wir wollen unsere Rechte durchsetzen“. Interview mit der indigenen Aktivistin Rilcélia Akay Munduruku über die Auswirkungen des Goldbergbaus im brasilianischen Bundesstaat Pará. Interview: Vinícius Mendes u. Christian Russau.
