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Bolsonaro macht Bock zum Gärtner

Radikaler Missionar soll zuständig für die Angelegenheiten in freiwilliger Isolation lebender Indigener werden.
Bolsonaro macht Bock zum Gärtner

Funai-Dependence in Altamira. Foto: Christian Russau

Der Präsident Brasiliens, Jair Bolsonaro, will Ricardo Lopes Dias zum Chef der Abteilung für in freiwilliger Isolation lebender Indigener (Coordenador-Geral de Índios Isolados e Recém Contatados – CGIIRC) der Indigenenbehörde FUNAI machen. Der Vorgänger Bruno Perreira war ohne Angabe von Gründen entlassen worden.

Ricardo Lopes Dias war Missionar bei "Missão Novos Tribos Brasil", dem brasilianischen Ableger von Ethnos360, vormals "New Tribes Mission". Die 1942 gegründete evangelikale Organisation versucht Indigene – auch solche in freiwilliger Isolation Lebende – zu kontaktieren und zu missionieren. In den 1980er Jahren waren sie zum Beispiel im paraguayischen Chaco aktiv und haben mit Gewalt Indigene der Ayoreo Totobiegosode in Lager verbracht, zu Arbeit gezwungen und evangelisiert. Es gab mehrere Tote aufgrund von eingeschleppten Krankheiten. Andere Vorwürfe beziehen sich auf sexuellen Missbrauch von Missionaren (siehe: https://www.bbc.com/news/world-latin-america-49264245; https://en.wikipedia.org/wiki/Ethnos360#cite_note-bbc-35). Welche Folgen der erzwungene Kontakt für die Ayoreo hat, kann man in den Städten des Chaco in Bolivien und Paraguay beobachten: Prostitution ist für viele Ayoreo, die erst kürzlich kontaktiert wurden, die einzige Einkommensquelle.

Anfang der 1990er Jahre entwickelte die FUNAI eine Strategie des Schutzes von isolierten Indigenen, die es insbesondere im westlichen Amazonasgebiet noch zahlreich gibt. Diese sah vor, dass der Kontaktversuch nur von den in freiwilliger Isolation lebenden Indigenen selbst ausgehen darf und dass Dritten der Besuch von Regionen, in denen isoliert lebende Indigene leben, untersagt ist, um die Gefahr der Verbreitung gefährlicher Krankheiten wie Grippe, auf die die Immunsysteme der Indigenen nicht eingestellt sind, zu minimieren.

Aus diesem Grund hat die FUNAI im Jahr 1990 die MNTB aus verschiedenen indigenen Schutzgebieten ausgewiesen. Nun soll aber ein ehemaliger MNTB-Missionar mit dem Schutz genau dieser Gebiete betraut werden. Die brasilianische Staatsanwaltschaft hat angekündigt, gegen die Ernennung vorzugehen, da sie einen Genozid befürchtet. Ricardo Lopes Dias erklärte gegenüber der Presse, dass er die Politik der FUNAI nicht ändern wolle.

Dem widerspricht die Aufzeichnung eines Telefonats, dass der Nachrichtenseite "The Intercept" von Glenn Greenwald zugespielt worden ist und gestern (13.02) veröffentlicht wurde. In dem Gespräch erklärt der evangelikale Anthropologe und Sohn des Präsidenten der MNTB, Edward Mantoanelli Luz, dass er Lobbyarbeit gemacht habe, um die Leitung der CGIIRC-Abteilung zu ändern und eine andere Politik herbeizuführen, die die (von den Indigenen nicht angeforderte) Missionierungen erlaubt.

Das Recht auf kulturelle Selbstbestimmung von Indigenen ist im Artikel 231 der brasilianischen Verfassung verankert und die (nicht angeforderte) Missionierung unter Indigenen verboten.

Dies alles passt in die bisherige Politik Bolsonaros, Amazonien für Bergbau und Landwirtschaft zu öffnen. Erst vor wenigen Tagen hat er ein Gesetz unterschrieben, das Bergbau in indigenen Schutzgebieten ermöglichen soll – auch gegen den Willen der Indigenen. Mutmaßlich stört es Bolsonaro nicht, wenn dabei tausende Indigene an eingeschleppten Krankheiten sterben; ich traue ihm zu, dass er das billigend in Kauf nimmt.

// Thilo F. Papacek (GegenStrömung)