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Bayer, Monsanto und Pestizide in Brasilien

Zwei Aktivist/innen aus Brasilien und Deutschland - neben vielen anderen kritischen Redner/innen - haben auf der Aktionärsversammlung von Bayer am 28. April 2017 in Köln zu Bayer, Monsanto und Pestiziden in Brasilien gesprochen. KoBra dokumentiert die Reden von Verena Glass und Christian Russau, die beide zuvor an der Frühjahrstagung der KoBra teilgenommen hatten, in voller Länge.
Bayer, Monsanto und Pestizide in Brasilien

Verena Glass bei ihrer Rede. Foto: Dachverband Kritische Aktionäre

Rede von Verena Glass (Campanha Permanente Contra os Agrotóxicos e Pela Vida, Brasilien/Rosa-Luxemburg Stiftung São Paulo) auf der Jahreshauptversammlung der Bayer AG am 28. April 2017 in Bonn

 

ES GILT DAS GESPROCHENE WORT.

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

 

mein Name ist Verena Glass, ich spreche heute hier im Namen der brasilianischen Kampagne gegen Agrargifte, eine Initiative, in der die hauptsächlichen Organisationen von Kleinbauern, Indigenen, Umweltschützern und Verbraucherverbänden gemeinsam organisiert sind.

 

Brasilien ist derzeit im achten Jahr in Folge Weltmeister im Verbrauch von Agrargiften. Dies hat natürlich mit der kompletten Verfestigung des Agrarmodells transgener Pflanzen zu tun, was auch bedeutet, dass es bei einigen Sorten im ganzen Land nahezu unmöglich ist, überhaupt an nicht-transgen modifiziertes Saatgut zu gelangen. Es ist vor allem der Verbrauch von Herbiziden, der sich mit der Hegemonie der GMO-Pflanzen verdreifacht hat. Wenn wir die insgesamt im Land je Jahr ausgebrachte Menge auf die Bevölkerung herunterrechnen, so kommen wir auf die erschreckende Menge von 7,3 Litern je brasilianischem Bürger.

 

Um Ihnen die Brutalität dieser Realität anschaulich zu machen, werde ich mich in meiner Rede auf die Munizipien fokussieren, die die Rekordhalter bei der Produktion von Soja, Mais und Baumwolle sind, nämlich die im Bundesstaat Mato Grosso in Zentral-Brasilien. Reden wir also über Gemeinden wie Lucas do Rio Verde, Sorriso, Sapezal, Campos Novos dos Parecis und andere. Auf diese Region fokussieren auch die Universitätsstudien der Forscher der Bundesuniversität von Mato Grosso und der Stiftung Oswaldo Cruz des Gesundheitsministeriums. Die Studien untersuchen die Auswirkungen dieser Anbaugebiete und des Agrargiftverbrauchs vor Ort.

 

Zuerst müssen wir daran erinnern, dass laut offiziellen Zahlen der brasilianischen Regierung bei der Baumwolle alle transgenen Sorten bis auf eine von Bayer und Monsanto stammen. Diese zwei Firmen beherrschen auch den brasilianischen Markt bei transgenen Soja und transgenen Mais, was Sie – unserer Ansicht nach – mitverantwortlich macht für den Anstieg des Verbrauchs von Agrargiften im Lande.

 

Im Jahr 2012 wurden neun Millionen Liter Agrargifte im Munizip Sapezal zur Anwendung gebracht, sieben Millionen waren es in Campos de Júlio und vier Millionen in Campo Novo do Parecis, dies sind die letzten verfügbaren Daten des staatlichen Institut für Agrarsicherheit, Instituto de Defesa Agropecuária do Estado de Mato Grosso (Indea). Würde man diese Menge in olympische Schwimmbecken füllen, kämen wir auf acht bis oben mit Agrargiften gefüllte Becken. Um die Dramatik der Situation in der genannten Region zu verdeutlichen: Rechnet man die Menge an Agrargift auf ganz Brasilien runter, kommen wir auf die erwähnten 7,3 Liter je Person. In Sapezal aber liegt dieser Wert 52 Mal höher: 393 Liter je Person, wenn wir als Basis die Bevölkerungszahl von 2016 nehmen.

 

Um dieses Panorama zu untersuchen, haben die Universität von Mato Grosso und die Fiocruz zwischen 2007 und 2014 in Lucas do Rio Verde eine Forschung mit den folgenden Ergebnissen durchgeführt:

 

- in der ländlichen Region fanden die Wissenschaftler in 88% der Blut- und Urinproben von untersuchten Lehrern auf dem Land Rückstände von Agrargiften, vor allem Glyphosat und Pyrethroide – also synthetische Insektizide;

 

- es wurden mehrere Agrargifte gefunden in 83% der 12 Trinkwasserbrunnen, in 56% der Proben des Regenwassers und 25% der entnommenen Luftproben während der zweijährigen Untersuchung;

 

- in 100% der Proben der untersuchten Muttermilch von 62 stillenden Müttern wurden Rückstände von Agrargiften wie DDE, Endosulfan, Deltamethrin und DDT gefunden;

 

Parallel dazu stellte die Studie der Bundesuni Mato Grosso 1.442 Fälle von Magenkrebs, Speiseröhren- und Bauchspeicheldrüsenkrebs in 14 Munizipien fest, eben in denen zwischen 1992 und 2014 Soja, Mais und Baumwolle angebaut wurden. In dem Vergleichsmunizip, wo nichts dergleichen angebaut wurde, lag der Wert der Krebsfälle bei 53.

 

Und was machen diese Agrargifte mit den Kindern? Die Todesrate bei Kindern im Alter zwischen 0 und 19 Jahren hat sich von 2,97% im Jahr 2000 auf 3,76% im Jahr 2006 erhöht. Im Jahre 2006 wurde Krebs bei Kindern zur zweithäufigsten Todesursache, 8% aller Todesfälle bei Kindern waren auf Krebs zurückzuführen. Tendenz weiter steigend.

 

Wir können nicht im Einzelfall belegen, dass es die Gifte von Bayer und Monsanto sind, die unsere Leute vergiften und töten. Aber wir sind uns sicher, dass all diese Studien, die weltweit auf diese schwerwiegenden Probleme hindeuten, Ihnen bei Bayer bekannt sind. Ich frage Sie daher: wie gehen Sie als Verkäuferin von Medikamenten für die Gesundheit mit diesen Vorwürfen um?

 

Und zum Schluss meine letzte Frage: in Anbetracht der Möglichkeit von Prozessen um Entschädigung infolge von Problemen mit dem Anbau von transgenen Pflanzen von Bayer und Monsanto und angesichts der verwendeten Agrargifte frage ich Sie nach Ihrer eigenen Risikoanalyse? Welche diesbezüglichen Erkenntnisse haben Sie?

 

Ich danken Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.


Rede Christian Russau (Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre) auf der Jahreshauptversammlung der Bayer AG am 28. April 2017 in Bonn

 

ES GILT DAS GESPROCHENE WORT.

 

Sehr geehrte Damen und Herren, mein Name ist Christian Russau, ich bin vom Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre.

Zunächst einmal muss ich eine Protestnote einreichen, denn das von Ihnen, Herr Wenning und Herr Baumann, Ihren Security-Mitarbeitern aufgetragene Vorgehen zur Entfernung der jungen Leute, die hier heute Morgen ihren Protest kundtun wollten, ein Vorgehen unter Anwendung physischer Gewalt, ist nicht hinnehmbar. Dazu möchte ich Sie daran erinnern: Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden. Und ich möchte hinzufügen: Freiheit ist immer die Freiheit des Anders-Redenden. Alles andere wird totalitär.

 

Mir geht es in meinem Rede-Beitrag um die Wirkstoffe, die Bayer in Pflanzenschutzmitteln in Brasilien verwendet.

Bayer Crop Science Brasilien bewirbt auf der Unternehmens-Webseite die von ihr zum käuflichen Erwerb angebotenen Herbizide, Pestizide, Fungizide, Insektizide und Wachstumsregler. Ihr Unternehmen klärt auf Unterseiten über deren Inhaltsstoffe auf.1 Unterzieht man die dort aufgelisteten chemischen Wirkstoffe einem Cross-Check mit der EU-Pestizid-Database,2 dann ergibt sich folgendes Bild:

Ihr Tochterkonzern Bayer Crop Science Brasilien vertreibt in Brasilien Pflanzenschutzmittel mit folgenden in der EU nicht oder nicht mehr genehmigten Wirkstoffen: Carbendazim, Cyclanilide, Disulfoton, Ethiprole, Ethoxysulfuron, Ioxynil, Thidiazuron und Thiodicarb.

Auf meine Anfrage antworteten Sie mir netterweise: „Die von Ihnen zur Verfügung gestellte Liste enthält Wirkstoffe, die die Basis für Pflanzenschutzmittel sind, die in wichtigen Anbaukulturen wie Kaffee, Reis oder Zuckerrohr eingesetzt werden – alles Pflanzen, die in Europa kaum heimisch sind oder dort nur in sehr geringem Maße angebaut werden. Daher hat Bayer – auch aus wirtschaftlichen Gründen – für diese Mittel keine Zulassung in europäischen Ländern beantragt.“3

Tja, so kann man das auch formulieren. Wenn man will. Statt „verboten“ sagen Sie einfach, Bayer habe für diese Mittel keine Zulassung in europäischen Ländern beantragt. „– auch aus wirtschaftlichen Gründen“.

Warum wohl sind diese Wirkstoffe in der EU denn nicht zugelassen? Schauen wir uns das also etwas genauer an.

CARBENDAZIM: Auf der von kritischen AktivistInnen seit 2009 erstellten PAN-HHP-Liste4 von 2015, also der Liste, die sich den highly hazardous pesticides widmet, wird das beispielsweise auf Brasiliens Orangenplantagen eingesetzte Carbendazim als erbgutschädigend und reproduktionstoxisch definiert.

Auch DISULFOTON wird auf der PAN-HHP-Liste als mit hoher akuter Toxizität nach der WHO-Kategorie 1a gelistet, die WHO stuft Disulfoton als „extremely hazardous“ ein.5 Disulfoton ist zum Beispiel Bestandteil des Bayer-Pflanzenschutzmittels Baysiston, der Nummer eins auf dem brasilianischen Markt für Kaffeepflanzenschutzmittel. Kommt man mit Baysiston in direkten Kontakt, kann das tödlich sein, wie sich in Brasilien Ende der 1990er Jahre zeigte, als sich mehr als 30 Kaffeebäuerinnen und -bauern vergiftet hatten, zwölf davon tödlich.

Neben solch toxischen Inhaltsstoffen der höchsten Gefahrenklasse finden sich auch sogenannte Klasse-II-Pestizide, die gefährlich und giftig sind. IOXYNIL beispielsweise wird laut PAN-HHP-Liste unter Bezugnahme auf die EU-Kategorisierung als hormonstörende Substanz eingestuft.6 THIODICARB beispielsweise wird laut PAN-HHP als „hochtoxisch für Bienen“ eingestuft und wird bei der US-Umweltbehörde EPA zusätzlich noch als möglich krebserregend gelistet, so dass ihm die Zulassung entzogen wurde.7 Jenes Thiodicarb also, das in Brasilien im Bayer-Produkt Larvin 800 WG8 steckt, wird eingesetzt bei der Behandlung von Baumwolle, Soja und Mais – letzteres klingt nicht sehr nach einer „in Europa kaum heimischen Pflanze“. Denken Sie nicht?

Larvin ist laut WHO ein Klasse-II-Pestizid,9 früher wurde der Wirkstoff aber unter Klasse I gelistet. Da Wirkstoffe nicht so einfach ihre chemisch-toxischen Eigenschaften ändern, wäre es ja wohl denkbar, dass Bayer die Konzentration verringert hat. Trifft dies zu? Bayer do Brasil selbst räumt in den auch online zur Verfügung gestellten Sicherheitshinweisen ein, dass Larvin nach toxikologischer Klassifikation „extrem giftig“ und die Umweltschadenswirkung „gefährlich“ ist, sodass empfohlen wird, Larvin nur zwei Mal pro Acker und Saison einzusetzen und nicht bei einer Temperatur von mehr als 27 Grad Celsius.10 Klingt auch nicht gerade sehr europa-untypisch. Und: erahnen Sie, wie oft im Jahr in Brasilien die Temperatur über 27 Grad Celsius liegt? In Brasilien ist es also noch gefährlicher, dieses Mittel anzuwenden. Warum wohl ist dieses Mittel in der EU nicht zugelassen?

Viele Gründe also, warum Pestizide, Herbizide, Insektizide und Fungizide mit solchen giftigen und gefährlichen Wirkstoffen verboten sein sollten. Bayer –- SIE! – wollen jedoch glauben machen, dass diese auf dem europäischen Markt vor allem deshalb nicht erlaubt sind, weil Sie für diese Mittel nur keine Zulassung in der EU beantragt haben – wohlgemerkt „aus wirtschaftlichen Gründen“, weil es keinen Sinn mache, dies zu tun, wenn diese Wirkstoffe nur für Agrarprodukte wie Reis, Zuckerrohr oder Kaffee in eher tropischen Regionen Verwendung finden. In ihrer Antwort machen Sie jedenfalls nicht viel Aufhebens von Toxizität und Gefahren. Solange es in Brasilien nicht verboten ist, werden diese Stoffe dort von Konzernen wie Bayer vertrieben.

Was also legal ist, so scheint es, kann auch gemacht werden. Dies räumte Bayer schon Ende der 1980er Jahre ein. 1988 sagte der damalige Vorstandsvorsitzende von Bayer, Hermann J. Strenger: „In der Tat haben wir zum Beispiel in Brasilien nicht Gesetze wie in der Bundesrepublik.“ Dennoch sah er bei seiner Firma keine doppelten Standards walten, denn er ergänzte: „Aber wir stellen bei unseren Investitionen in Brasilien oder Indien, in den USA oder in Japan die gleichen Anforderungen wie hier.“11 28 Jahre später, verkauft Bayer in Brasilien noch immer Pestizide, Herbizide, Insektizide und Fungizide mit Wirkstoffen, die in Europa verboten sind. Also doch eine Doppelmoral.

Weitere Fragen – habe ich an SIE keine. Wär ja noch schöner.

Nur ein letzter Punkt, in Anbetracht der ausufernden Länge der Zeit, die Großinvestoren zur Verfügung stellen und der knapp bemessenen Kürze der Zeit, die wir Kritischen AktionäreInnen hier bewilligt bekommen: Monsanto, das nach Ihren Wünschen bald in Ihren Besitz übergehen soll, ist vor allem auch in Paraguay sehr aktiv. Denn Paraguay ist für Monsanto das país laboratorio. Und die Bevölkerung, die in ihrer Mehrheit neben Spanisch eben auch Guarani spricht, hat dort seine eigne Meinung über Monsanto:

So gilt – sehen Sie hier auf mein T-Shirt – im Übrigen, Ceterum censeo: Ñamosêke Monsanto! – Das ist Guarani und heißt „Monsanto raus!“ Das Gleiche gilt natürlich auch für Bayer.

 

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

1 Siehe www.cropscience.bayer.com.br/site/home.fss

2 Siehe die EU-Pestizid-Database unter: http://ec.europa.eu/food/plant/pesticides/eu-pesticides-database/public/?event=activesubstance.selection&language=EN

3 Antwort-E-Mail von Bayer an den Autor vom 27. Januar 2016.

4 Siehe die Zusammenstellung bei PAN-Germany unter: www.pan-germany.org/gbr/project_work/highly_hazardous_pesticides.html

5 Siehe Disulfoton in der PAN Pesticides Database unter: www.pesticideinfo.org/Detail_Chemical.jsp?Rec_Id=PC33305

6 Siehe Ioxynil in der PAN Pesticides Database unter: www.pesticideinfo.org/Detail_Chemical.jsp?Rec_Id=PC33032

7 Whalen, Joanne: Larvin Insecticide Cancelled, 3.4.2014, unter: https://extension.udel.edu/weeklycropupdate/?p=6603

8 Siehe Bayer-Produktbeschreibung LARVIN

9 Siehe Thiodicarb in der PAN Pesticides Database, unter: www.pesticideinfo.org/Detail_Chemical.jsp?Rec_Id=PC34586

10 Siehe Bayer-Produktbeschreibung LARVIN

11 „Wir können nicht einfach auf Gift verzichten“, Interview mit Bayer-Chef Hermann J. Strenger, in: Der Spiegel 51/1988, unter: www.spiegel.de/spiegel/print/d-13531711.html