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Dossier: Was lehren uns Zertifizierungserfahrungen in Brasilien in Bezug auf Agrotreibstoffe?

In den letzten Jahren haben freiwillige Zertifizierungssysteme in der Entwicklungspolitischen Diskussion stark an Gewicht gewonnen. Sie scheinen das probate Mittel zu sein, um negative Auswirkungen unternehmerischen Tuns in den Griff zu bekommen.

Auch für Agrotreibstoffe werden Zertifizierungen heiß diskutiert. Im Folgenden geht es darum, anhand von bestehenden Erfahrungen in Brasilien, hauptsächlich am Beispiel des Forest Stewardship Councils (FSC), Rückschlüsse auf mögliche Entwicklungen bei der Zertifizierung von Agrotreibstoffen zu ziehen.

Formen von Zertifizierungen
Es existieren für Zertifizierungen recht unterschiedliche Ansatzpunkte. Die im Folgenden dargestellte Eingruppierung stellt den Versuch einer Systematisierung dar.
Politisch motivierte Siegel wie FairTrade haben sich ursprünglich aus der Solidaritätsbewegung bereits ab den 50er Jahren entwickelt, in Brasilien entsteht in jüngerer Zeit die Bewegung um den Comércio Justo e Solidário (CJS), die allerdings noch recht marginal ist. Auch bestimmte ökologische Siegel wie Bioland, Demeter, Naturland gründen primär auf politisch-ökologischen Überzeugungen der Mitglieder, die sich in den entsprechenden Verbänden zusammen geschlossen hatten. Diese Siegel richten sich meist an eine kleine, informierte Zielgruppe.
Heute finden die sogenannten Multi-Stakeholder-Prozesse in der Entwicklungspolitik zunehmenden Zuspruch. Hierbei sollen verschiedenste Interessengruppen miteinander Kritieren für Mindeststandards erarbeiten. Dazu gehören Zertifizierungsinitiativen wie der Forest Stewardship Council (FSC) für zertifizierten Holzhandel, sowie die Runden Tische für Produkte wie Soja (RTRS – Round Table for Responsible Soy) und Palmöl (RSPO – Round Table on Sustainable Palm Oil) und der Gemeinsame Code für Kaffeeproduktion (4C - Common Code for Coffee Community). Zu Agrotreibstoffen wurde in den letzten Jahren ebenfalls ein solcher Stakeholderprozess, der Runde Tisch für Nachhaltigen Biotreibstoff (RSB - Round Table on Sustainable Biofuels), ins Leben gerufen. An den Stakeholder-Prozessen sind meist etliche global operierende Unternehmen beteiligt. Wichtig ist es zu beachten, dass es bei dieser Form der „nachhaltigen“ Zertifizierung nicht um eine ökologische Zertifizierung oder Zertifizierung zur Förderung benachteiligter Zielgruppen geht, sondern möglichst große Marktanteile von Produkten aus konventioneller Landwirtschaft zertifiziert werden sollen. Da unter Nachhaltigkeit von KonsumentInnen gemeinhin (bislang) ökologische Produktion und/oder die Förderung benachteiligter Zielgruppen verstanden wird, führt die Namensgebung in die Irre.
Eine weitere Gruppe von Zertifizierungen entsteht häufig aus der Privatwirtschaft in Antwort auf die beschriebenen Bemühungen, Mindeststandards in Stakeholder-Prozessen zu etablieren: Zertifikate, deren Kriterien vornehmlich von Unternehmensseite oder industrienahen Verbänden aus festgelegt werden. Es handelt sich häufig um Low-Lewel-Standards, die sich Mitnahmeeffekte glaubwürdigerer Zertifikate zunutze machen und in erster Linie als Absatzinstrument dienen. So hat bspw. die Forstindustrie in Reaktion auf den Forest Stewardship Council Holzzertifikate wie den PEFC (Programme for the Endorsement of Forest Certification) oder das malaysische MTCC (Malaysian Timber Certification Council) entwickelt, in denen die Industrie sich selbst Nachhaltigkeit bescheinigt . Während die Glaubwürdigkeit solcher Siegel im allgemeinen als eingeschränkt betrachtet werden muss, werden sie in der Verbraucherwahrnehmung positiv assoziiert.
Andere als industrienah geltende Siegel wie Utz Certified und Rainforest Alliance , sowie das Zertifikat GLOBALGAP im Nahrungmittelbereich haben interne Bedeutung, d.h. für die VerbraucherInnnen ist das Siegel nicht sichtbar, es spielt aber im Großhandel u.U. eine Rolle. So hat sich mit GLOBALGAP ein privater Standard als Reaktion auf Vertrauensverluste bei den VerbraucherInnen in die Sicherheit von Lebensmitteln infolge von Krisen wie Rinderwahnsinn, hohen Pestizidrückständen in Nahrungsmitteln u.ä. etabliert.
Natürlich gibt es auch Siegel, die von staatlichen Institutionen verliehen werden. So gibt es in Brasilien den nationalen Standard CERFLOR (Certificação Florestal) des brasilianischen Außenhandelsministeriums für die Holzwirtschaft, der ähnliche Kriterien anlegt wie der FSC, aber intransparenter aufgebaut ist. Für den Lebensmittelsektor existiert in Brasilien das Siegel des Agrarministeriums SAPI (Sistema Agropecuário de Produção Integrada). Darüber hinaus entwickelte das Agrarentwicklungsministerium MDA den Selo Social für sogenannten Biodiesel aus kleinbäuerlicher Produktion und führte im Juli 2009 das Siegel agricultura familiar ein. In der EU ist das sechseckige „Bio-Siegel“ das bekannteste Zertifikat einer (über-)staatlichen Institution. Staatliche Siegel können sehr unterschiedliche Zielsetzungen verfolgen.

Da es bei der Zertifizierung von Agrotreibstoffen vor allem um den Zertifizierungsansatz nach dem sogenannten Stakeholder-Prozess oder wirtschaftsnahe Zertifizierung im Rahmen staatlicher Regelwerke gehen soll, werde ich im folgenden in erster Linie auf diese eingehen. Die Beispiele für Erfahrungen in der Zertifizierungspraxis in Brasilien sind wegen des Vorbildcharakters des FSCs gegenüber dem Round Table on Sustainable Biofuels (siehe unten) vornehmlich aus der Praxis der FSC-Zertifizierung gewählt. Zu diesem Label existieren im Gegensatz zu anderen Round-Table-Initiativen die längsten Erfahrungen. Insgesamt gab es im Juli 2007 67 FSC-zertifizierte Forstunternehmen und –gemeinschaften sowie 188 FSC-zertifizierte Schnittholzunternehmen .

Der Round Table on Sustainable Biofuels (RSB)
Der Round Table on Sustainable Biofuels ist an der Universität in Lausanne (Schweiz) angesiedelt und hat zum Ziel, globale Mindeststandards für „nachhaltige“ Agrotreibstoffe zu entwickeln. Der RSB funktioniert nach dem sogenannten Stakeholderprinzip, d.h. alle, die in irgendeiner Weise an Agrotreibstoffen ein Interesse haben oder vom Agrotreibstoffboom betroffen sind, sollen an einem Tisch zusammen kommen und gemeinsam Kriterien entwickeln. Im RSB sitzen 1. Landwirte, 2. die Agrotreibstoff-Industrie, 3. Händer und Transportindustrie, 4. Banken/Investoren, 5. aktuell eine recht-basierte NGOs, 6. Ländliche Entwicklungsorganisationen, 7. Umweltorganisationen, 8. Klimaorganisationen, 9. Gewerkschaften, 10. Kleinbauern- und Indigenenverbände sowie gemeindebasierte Organisationen der Zivilgesellschaft und 11. (Zwischen)staatliche Stellen, Zertifizierungsstellen, Standard-Setzer, spezialisierte Beratungsorganisationen und Berater. Jede Interessengruppe entsendet zwei VertreterInnen in das Steuerungsgremium. Die VertreterInnen im Steuerungsgremium werden als Personen, nicht als Mandatsträger der Interessensgruppe in das Steuerungsgremium gewählt.
Das Steuerungsgremium hat 21 Mitglieder - da als rechtbasierte NGO einzig die guatemaltekische Commission for the Verification of Codes of Conduct Mitglied im RSB ist, kann sie auch nur einE VertreterIn in das Steuerungsgremium entsenden. Hier wird die fehlende Repräsentativität des RSB deutlich. Viele NGOs und Basisgruppen lehen das Stakeholderprinzip ab, da es den Unternehmen ein hohes Einflusspotential verleiht. Beim RSB sitzen Konzerne wie BP, Petrobras, Syngenta und ADM, Shell, Boeing und Airbus u.a. assoziierten Betroffenenorganisationen gegenüber. Von den großen Umweltorganisationen beteiligt sich der WWF am RSB. Insgesamt ist die Mitgliederschaft stark US-dominiert: von den aktuell 113 Mitgliedern haben 37 ihren Ursprung in den USA. Aus Brasilien als wichtigstem Agrotreibstoffproduzentenland sind nur drei Organisationen beteiligt: Die Petrobras, die konservative Nationale Vereinigung der Zuckerrohrproduzenten UNICA und Amigos da Terra als Umweltorganisation. NGOs, die Menschenrechte oder Rechte auf Ernährung etc. einfordern, Gewerkschaften, Kleinbauern- und Indigenenverbände sind aus Brasilien nicht vertreten. Vier deutsche Organisationen sind dem RSB angeschlossen, darunter das Forum Umwelt und Entwicklung und das Öko-Institut sowie ein Bauernverband und ein Verband der Agrokraftstoffindustrie.
Als Vorbild des RSB gilt unter anderem das FSC-Siegel. Weitere Vorbilder sind Zertifizierungsprojekte wie der Runde Tisch nachhaltiges Palmöl (RSPO) und der Runde Tisch verantwortliche Soja (RTRS), die ebenfalls nach dem Stakeholderprinzip zusammen gesetzt sind. Der RSB hat in den letzten Jahren einen umfangreichen Kriterienkatalog entwickelt, der nun von den Mitgliedsorganisationen in der Praxis getestet und dann weiter entwickelt werden soll. Der Kriterienkatalog umfasst neben wirtschaftlichen Kriterien auch ökologische und arbeitsrechtliche Regelungen, er fordert die Berücksichtigung indigener Rechte, beinhaltet Vorschriften zu sozioökonomischen Maßnahmen, die eine Ernährungssicherung gewährleisten sollen und Forderungen nach einer umfassenden Klärung der Landbesitzansprüche. Maßnahmen zur Absicherung dieser Kriterien sind formuliert, über die praktische Anwendbarkeit des Katalogs sollen jetzt die Mitglieder befinden.


Exkurs: Politisches Regelwerk in der EU und in Deutschland

Die EU-Richtlinie für Erneuerbare Energien - RED
Im Dezember 2008 verabschiedete die EU die Richtlinie für Erneuerbare Energien (RED - renewable energy directive). Gemäß der Richtlinie muss EU-weit bis 2020 im Verkehrssektor ein verbindlicher Anteil von 10% Agrotreibstoff beigemischt werden (in Deutschland gilt seit Anfang dieses Jahres bis einschließlich 2014 die obligatorische Beimischungsquote von 6,25%). Die energetische Nutzung der Biomasse muss gemäß der EU-Richtlinie mindestens zu einer Einsparung von Treibhausgasen um 35 % führen, ab 2017 um mindestens 50%. Auf die nationalen Beimischungsquoten darf dabei nur Agrosprit aus „nachhaltig“ gestalteter Produktion von Agrotreibstoff angerechnet werden. Als nicht nachhaltig schließt die EU Produktionen aus, die von folgenden Flächen stammen: zum Januar 2008 oder danach mit hoher Biodiversität bewaldete oder mit Primärwald bestandene Flächen, Grünland mit großer biologischer Vielfalt, Feuchtgebiete und kontinuierlich bewaldete Gebiete. In Naturschutzgebieten darf die Produktion nicht zu einer Beeinträchtigung der Biodiversität führen, bei Produktion auf Torfland nicht zu einer Entwässerung. Außerdem gelten Produktionen nicht als nachhaltig, die die nationalen Gesetzgebungen der Exportländer verletzen. Alles andere ist für die EU nachhaltig.
Soziale Gesichtspunkte fanden keinen Niederschlag in der EU-Richtlinie. Für eine Zertifizierung ist es demnach grundsätzlich kein Hindernis, wenn Agrotreibstoffe auf Anbauflächen produziert werden, auf denen zuvor Kleinbauern ohne verbriefte Landrechte lebten. Es geht auch nicht um eine ökologische Zertifizierung – der Einsatz von Pestiziden u.ä. spielt für die Richtlinie keine Rolle, und auch Agrotreibstoff aus gentechnisch verändertem Anbau bekommt nach der EU-Richtlinie ohne weiteres ein Zertifikat.
Alle zwei Jahre soll die EU-Kommission dem Parlament berichten, inwieweit sich durch den Anbau von Agrotreibstoffen die Agrarpreise und die Flächennutzungen in den Mitgliedsstaaten verändert haben. In Bezug auf wichtige Drittländer, aus denen Agrotreibstoff in die EU importiert wird, soll die Kommission über die dortige Situation der Ernährungssicherung berichten, dabei auf die Wahrung von Landrechten eingehen und ferner auflisten, welche wichtigen ILO-Übereinkommen das betreffende Exportland ratifiziert hat und welche nicht. Zwar kann die Kommission in diesen Berichten auch Änderungsvorschläge für die EU-Richtlinie machen. Letztlich aber erfordern die Erkenntnisse aus dem Bericht keinerlei Konsequenzen.
Indirekte Landnutzungsänderungen werden durch die Richtlinie bislang nicht erfasst. Wenn es also zu Regenwaldabholzungen kommt, weil das Land, auf dem zuvor Viehweiden waren, nun mit Zuckerrohr bebaut wird, und die Viehzucht in andere Gebiete ausweicht, belasten die daraus resultierenden CO2-Emissionen derzeit (rechnerisch) nicht die Klimabilanz der Agrotreibstoffe – eine grobe Verzerrung zugunsten von deren Klimabilanz. Bis einschließlich Dezember 2010 soll die EU-Kommission über solche Landnutzungsänderungen berichten und gegebenenfalls einen Vorschlag erarbeiten, der die Erfassung von indirekten Landnutzungsänderungen ermöglicht . Diese sollen dann in die Berechnung des Treibhausgasminderungspotentials der einzelnen Rohstoffe für Agrokraftstoff einfließen. Der Vorschlag soll allerdings zugleich Sicherheit für bereits getätigte Investitionen bieten. Für Agrotreibstoffe, die nach Einbezug der Effekte indirekter Landnutzungsänderungen nicht mehr den Treibhausgasminderungszielen entsprechen, gelten bis 2017 abgemilderte Regelungen. Da der Vorschlag nur gegebenenfalls erfolgen muss, ist der Einbezug von Landnutzungsänderungen in die Berechnung der Treibhausgasemissionen von Vorprodukten für Agrotreibstoffe auch zukünftig nicht gesichert. Der Treibhausgasausstoß aus Landnutzungsänderungen hat bislang also keine und ab 2011 möglicher Weise Auswirkungen auf Zertifizierungen, und wenn, dann gibt es Ausnahmeregelungen. Auch das Stichdatum Januar 2008 ist ein heikler Punkt: Dies erlaubt grundsätzlich, dass sich ein Unternehmen, das bspw. vor fünf Jahren Regenwald gerodet hat, um Agrotreibstoffe anzubauen, die heute darauf befindlichen Plantagen ohne weiteres zertifizieren lassen kann.

Nationale Aktionspläne und Zertifizierungssysteme
Bis Mitte 2010 muss jedes EU-Mitglied einen Aktionsplan Erneuerbare Energien vorlegen und bis Ende 2010 Nachweissysteme hierfür entwickeln. Ab Juli 2010 müssen alle Agrokraftstoffe, die auf die Beimischungsquote angerechnet werden, zertifiziert sein. Die Idee ist, dass die verschiedenen Nachweissysteme EU-weit miteinander konkurrieren, damit sich letztlich das „beste“ Nachweissystem etabliert. Auftraggeber der Zertifizierungsstellen allerdings sind gerade diejenigen, die zur Vermarktung ihrer Produkte auf ein Zertifikat angewiesen sind. Und nach deren Lesart ist dasjenige Zertifizierungssystem das beste, das ihren Interessen am weitesten entgegen kommt – also die geringsten Anforderungen stellt und möglichst unaufwändige Kontrollen erlaubt. Selbst der WWF kritisierte an diesem Verfahren, dass es einen Wettbewerb zugunsten der geringsten Umweltauflagen begünstige . Gutgemeinten Zertifizierungssystemen wie dem jüngst in Deutschland zugelassenen ISCC-Projekt, das auch soziale Gesichtspunkte in die Zertifizierung mit einbezieht, ist damit voraussichtlich baldige Bedeutungslosigkeit beschieden.

Stand der Dinge in Deutschland
Im September vergangenen Jahres verabschiedete die Bundesregierung die Biomassenachhaltigkeitsverordnung, die im wesentlichen die Regelungen der EU-Richtlinie wiederholt. Auch die Biomassenachhaltigkeitsverordnung enthält keine sozialen Kriterien. Bislang ist Deutschland das einzige EU-Land mit einem Biomasseaktionsplan. Auch im Hinblick auf die Zertifizierungssysteme ist Deutschland Klassenbester: Zu Jahresbeginn hatte die Bundesanstalt das erste Zertifizierungssystem für Biomasse, das „International Sustainability and Carbon Certification“ (ISSC), anerkannt. Dieses wurde mit Unterstützung des BMELV von der Méo Corporate Development GmbH entwickelt und enthält auch soziale Aspekte. An der Arbeit waren aus EU, Malaysia, Indonesien und Brasilien u.a. die Automobilindustrie, die Mineralölindustrie, Handelsunternehmen und die Biotreibstoffindustrie beteiligt, des weiteren der Deutsche Bauernverband DBV, das IFEU- und das Ökoinstitut. Der WWF war als einzige NGO dabei.
Etlichen VertreterInnen aus Landwirtschaft und Wirtschaft sind die Kriterien zu streng. Sie kündigten kurz nach Anerkennung des ISCC ein eigenes Zertifizierungssystem an, das nach eigenen Angaben auch weltweit von anderen Systemen zertifizierte Biomasse ohne weitere Auflagen anerkennen will .
Seit Februar 2010 gibt es sechs durch die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) anerkannte Zertifizierungsstellen . Um ihre Produktion zertifizieren zu lassen, bleibt den ca. 2.500 Betrieben in Deutschland noch eine Frist von etwa drei Monaten. Derzeit fordern Teile der Wirtschaft eine Verschiebung der Zertifizierungspflicht auf Dezember und eine gänzliche Befreiung der Ernte 2010. Zwar schließt das Umweltministerium bislang eine Fristverlängerung aus, das Agrarministerium hat allerdings schon Verständnis für das Anliegen signalisiert. Es ist anzunehmen, dass hinter dem Ruf der Industrie das Kalkül steckt, zu einem späteren Zeitpunkt einen laxeren Zertifizierer wählen zu können. Noch hat das ISCC als bislang einziges anerkanntes Zertifizierungssystem in Deutschland einen Zeitvorsprung, der aber mit Anerkennung weiterer Zertifizierungssysteme hinfällig wird.

Schwierigkeiten, die sich bei Zertifizierungen aus den Strukturen in Brasilien ergeben
Umfassende Zertifizierungssysteme setzen oft rechtliche Strukturen voraus, die in Entwicklungs- und Schwellenländern so nicht funktionieren. Als wichtigstes Hindernis für eine Ausbreitung des FSC in Brasilien identifizierte eine Studie im Auftrag des BMZ 2007 die nach wie vor ungeklärten Landrechtsverhältnisse in Amazonien . Im Hinblick auf die Zertifizierung von Agrotreibstoffen ist dies ein zentraler Punkt. Kleinbauern ohne Besitztitel können ihr Recht auf das Land häufig nicht nachweisen; in Brasilien bestehen zudem häufig mehrfache Rechtsansprüche auf dasselbe Land. Die Europäische Richtlinie sowie der Biomasseaktionsplan schweigen sich zu diesem Thema aus (siehe oben). Der Round Table on Sustainable Biofuels RSB versucht mit seinen Kriterien zu Landrechten, diesem Problem Rechnung zu tragen : Demnach sind sowohl formelle als auch informelle Landrechte anzuerkennen und mit partizipativen Methoden zu erheben. Allerdings befremdet die Einschränkung auf legitime Landrechte. Erfahrungsgemäß haben Unternehmen in Brasilien keinerlei Schwierigkeiten damit, die Legitimität anderer Landansprüche zu leugnen, und ein gerichtlicher Nachweis dürfte Jahre in Anspruch nehmen, soweit sich die Betroffenen dies überhaupt leisten können.
Zertifizierungssysteme setzen oft institutionelle Bedingungen voraus, wie sie in industrialisierten Ländern, nicht aber in Entwicklungs- und Schwellenländern, existieren. So verhindern in Brasilien lokale Machtstrukturen beim FSC einen Zertifizierungsprozess, der sich vor allem an den Zertifizierungskriterien orientieren würde. Nach Aussagen des Gastdozenten der Universität Minas, Klemens Laschefski, gilt für den Bundesstaat Minas folgende Interessensverflechtung : „Hier in Minas ist es offensichtlich, dass hinter der Fassade von Institutionen wie dem staatlichen Forstinstitut (IEF), der Umweltbehörde IBAMA, dem Umweltrat COPAM, Institutionen der Legislative und NGOs wie AMDA und Biodiversitas Repräsentanten einflussreicher Familien aus der Elite operieren, die ihre Machtposition in der Kolonialzeit und während der Militärdiktatur aufbauten“. Das Unternehmen Vallourec-Mannesmann erhielt 1999 ein FSC-Zertifikat, als der oberste Manager von Vallourec-Mannesmann zugleich Vize-Präsident des FSC war. Ähnliche Zusammenhänge lassen sich bei Klabin S.A. feststellen, das 2003 und 2004 Plantagen zertifizieren ließ .
Der Grund für solche wenig an den eigentlichen Kriterien orientierten Zertifizierungen liegt darin, dass die zu zertifizierenden Plantagen meist im Besitz großer Unternehmen mit erheblichem regionalen, nationalen und teils sogar internationalen Einfluss sind. Bei der Produktion von Agrotreibstoffen hat sich inzwischen eine Struktur herausgebildet, in der viele einzelne Unternehmen von ähnlicher Relevanz sind. Es ist also zu befüchten, dass diese Verflechtungen, die eine in erster Linie an Kriterien orientierte Zertifizierung verunmöglichen, sich eins zu eins bei der Zertifizierung von Agrotreibstoffen wiederholen.
Siegel können die Machtposition großer Unternehmen gegenüber der Bevölkerung stärken. In der Praxis kann es für die Betroffenen in Brasilien sogar zur Umkehr der Beweislast kommen. So berichtet Tobias Schmitt vom Fall des Unternehmens Plantar in Minas Gerais: In öffentlichen Anhörungen trugen die AnwohnerInnen der Gemeinden Curvelo, Felixlândia und Morada Nova de Minas 2004 wiederholt zahlreiche Kritikpunkte gegenüber Plantar vor und luden die VertreterInnen der Zertifizierungsorganisation SCS und des FSC dazu ein, sich ohne Begleitung der Plantar-Mitarbeiterinnen in die FSC-zertifizierte Plantage zu begeben, um sich von den Vorwürfen zu überzeugen. Doch anstatt den Vorwürfen nachzugehen und damit eine Abklärung der Einhaltung von Kriterien vorzunehmen, wurden die Kleinbauern aufgefordert, Nachweise für ihre Vorwürfe beizubringen . Und so folgert Schmitt, dass Zertifikate wie der FSC die politische Legitimität von Kampagnen, mit denen Betroffene sich gegen die Beschneidung ihrer Interessen durch Unternehmen wehren, letzlich unterminieren können. Auch hier ist aufgrund zu befürchtender ähnlicher Machtstrukturen im Bereich der Agrotreibstoffe ähnliches zu erwarten.
Kontrollen innerhalb des Zertifizierungsprozesses können unterlaufen werden. Dies klang im Fall Plantar bereits an. Über ähnliches Verhalten bei Kontrollen, wie nachfolgend für Del Monte beschrieben, berichtet Klemens Laschefski im Hinblick auf Kontrollen auf FSC-Plantagen : Nach Aussagen der Arbeiter bei Del Monte unterläuft das Unternehmen, das über eine GLOBALGAP-Zertifizierung verfügt, regelmäßig die Kontrollen: bestimmte Pestizide werden während der Kontrollen in den Plantagen versteckt, bei der Essensausgabe gibt es kurzfristig Verbesserungen, Dixieklos werden vorübergehend aufgestellt und kritische Arbeiter werden an den Tagen der Kontrolle auf andere Plantagen versetzt .
Siegel können nur praktikabel sein, wenn Zertifizierer für Kriterien eindeutige Indikatoren entwickeln. Bei ihrer Studie bemängelten Schulze et al, dass die Zertifizierer im brasilianischen Amazonasgebiet in der Praxis keine konkreten, quantitativen Indikatoren entwickelt hatten, um die Einhaltung der Kriterien zu überprüfen. Infolgedessen wurden die Kriterien bei verschiedenen Zertifizierungsvorgängen sehr unterschiedlich gehandhabt, und die Zertifizierung war sehr stark von den subjektiven Eindrücken der Evaluierer abhängig. Teils führen die Autoren dies darauf zurück, dass die Charakteristika von Tropenwäldern nicht hinlänglich bekannt sind, um dementsprechend eindeutige Indikatoren für die Einhaltung der Kriterien entwickeln zu können.

Schwierigkeiten auf der Konstruktionsebene von Zertifikaten
Nachhaltigkeit wird bei den Stakeholderprozessen nicht unabhängig definiert. Aufgrund des Primats des Wettbewerbs sind Unternehmensinteressen im Zweifelsfalle immer über die WTO einklagbar, wenn politische Regelungen den internationalen Handel beschneiden. Hierdurch ist eine Absicherung sozialer Rechte auf politischer Ebene erheblich erschwert. Dies führt zu einer Situation, in der nur freiwillig von den Unternehmen übernommene Kriterien überhaupt eine Chance haben, gewünschte Veränderungen herbeizuführen. M.E. handelt es sich bei den nach dem sogenannten Stakeholderprinzip zusammen gesetzten Runden Tischen jedoch um höchst undemokratische Angelegenheiten: Zum einen wird bereits von vornherein Unternehmensinteressen das gleiche Gewicht eingeräumt wie den Interessen der in deren Einflussbereich ansässigen Bevölkerung. Interessensvertreter der betroffenen Bevölkerung sitzen zwecks Entwicklung gemeinsamer Kriterien u.a. internationalen Konzernen gegenüber, als wären machtpolitisch ungleiche Strukturen schlichtweg inexistent. Ersteres gesteht Unternehmen a priori ein großes Machtpotential, letzteres de facto ein noch größeres zu. Auf dieser Basis lassen sich tatsächlich nur Minimalkriterien etablieren, die den Unternehmen schmecken. Der Stakeholderprozess bietet nur deswegen „ideale“ Ausgangsbedingungen für die Zertifizierungen, da dieser den Unternehmensinteressen in dem Ausmaße entgegenkommt, in dem es die derzeitigen Rahmenbedingungen erfordern.
Die wirtschaftliche Beziehung zwischen Zertifizierern und den zu zertifizierenden Unternehmen unterminiert eine konsequente Anwendung der Kriterien. Der FSC beauftragt Zertifizierungsstellen mit der Prüfung der Kriterien und Zertifizierung. Ihnen gegenüber tragen die antragstellenden Unternehmen die Zertifizierungskosten. Als bezahlte Dienstleister haben die Zertifizierer ein Interesse daran, die Zertifikate zu vergeben und sich auf diese Weise einen guten Ruf bei ihren Kunden zu sichern. Sie verhalten sich nach Möglichkeit im Sinne des Unternehmens. Einmal vergebene Zertifikate werden aus diesem Grunde auch nur selten wieder aberkannt , so dass das Unternehmen weiterhin mit dem FSC-Siegel werben kann, obwohl es die Kriterien des FSC möglicher Weise gar nicht mehr erfüllt. Eine Untersuchung von Marc Schulze et al ergab für das brasilianische Amazonasgebiet, dass letztlich keines der dort zertifizierten Unternehmen tatsächlich den Standards des FSC entsprach . Zumeist erhielten die Unternehmen, wenn sie die Kriterien nicht erfüllten, zwar Auflagen. In mehr als 80% der Fälle hatten diese die Auflagen jedoch auch bei der nächsten Prüfung noch nicht umgesetzt. Dies wurde in keinem einzigen Fall zum Anlass genommen, das Zertifikat zurückzuziehen. Im Gegenteil kamen mitunter bei nachfolgenden Prüfungen noch weitere Auflagen hinzu, weil es noch weitere FSC-Kriterien gab, denen die Unternehmen nicht entsprachen . Ähnliche Probleme dürften bei der Zertifizierung von Agrotreibstoffen auch entstehen, da die Unternehmen aufgrund ihrer Größe ein ähnliches Machtpotential gegenüber den Zertifizierungsstellen entwickeln dürften.
Fallbeispiele illustrieren, wie weit diese Toleranz der Zertifizierungsstellen gehen kann: Im Februar 2007 machte die FSC-zertifizierte Plantage von Vallourec-Mannesmann (V&M) Schlagzeilen, als bewaffnete Sicherheitsangestellte des von V&M beauftragten Unternehmens einen Landarbeiter töteten, der auf der FSC-zertifizierten Plantage von V&M Feuerholz sammelte. Die lokale Bevölkerung hatte bereits ein Jahr zuvor offiziell Beschwerde beim FSC eingereicht, dass sie durch die Aktivitäten von V&M den Zugang zu Feuerholz und Früchten verlören. V&M reagierte mit Druck auf die Bevölkerung  und verletzte schon damit die Prinzipien des FSC. Einige Wochen nach dem Mord verzichtete V&M unter dem zunehmenden Druck der Öffentlichkeit freiwillig auf das Zertifikat ; aberkannt worden war es dem Unternehmen nicht. Möglicher Weise kann der freiwillige Verzicht aber auch im Vorgriff auf eine Aberkennung der Zertifizierung erfolgt sein.
Ein Jahr später, im März 2008, erhielt das Unternehmen Veracel für eine Plantage das FSC-Zertifikat. Es handelt sich bei Veracel um ein Joint Venture zwischen dem schwedisch-finnischen Stora Enso und dem norwegisch-brasilianischen Aracruz Celulose. Das Unternehmen hat im Süden von Bahia etliche Eukalyptusplantagen angelegt, in deren Folge Flüsse und Bäche austrockneten . Ihm wird die Verletzung der Landrechte von Gemeinden in der Region, Umweltverschmutzung, ein hoher Wasserverbrauch und die Zerstörung des Ökosystems vorgeworfen . Die Vorwürfe waren dem FSC lange vor Erteilung des Zertifikats bekannt.
Flächenzertifizierung erlaubt „nachhaltige“ Produktion Hand in Hand mit Menschenrechtsverletzungen und Regenwaldvernichtung. Unternehmen mit fragwürdiger Praxis können so ihr Zertifikat behaupten. Auch diese flächenbezogene Zertifizierung ist bei Agrotreibstoffen nach den EU-Vorgaben der Fall. Alarmierend ist in diesem Zusammenhang der Fall Aracruz Celulose: Im Jahr 2003 kaufte Aracruz Celulose dem Unternehmen Klabin S.A. Eukalyptusplantagen in Rio Grande do Sul ab; das FSC-Zertifikat ging dabei auf Aracruz über. Zugleich war der Konzern in Espírito Santo in einen massiven Landkonflikt verwickelt, da er sich Jahrzehnte zuvor indigenes Land von Tupinikim- und Guaraní-Indianern widerrechtlich angeeignet hatte (wir berichteten von 2005 bis 2007 mehrfach über diesen Fall). Doch lag die zertifizierte Plantage in einem völlig anderen Gebiet. Der FSC sah sich außerstande, auf die Situation zu reagieren . Trotz massiver Vorwürfe kam es nicht zu einer Aberkennung des FSC-Zertifikats. Erst im Mai 2006, nachdem Aracruz bereits ein Jahr stark in der öffentlichen Kritik gestanden hatte, verzichtete das Unternehmen freiwillig auf das Siegel.
Auch die vor zwei Jahren mit einem Zertifikat geadelte Veracel hat in dieser Hinsicht einiges zu bieten: Im Juli 2008 – also nach Erteilung des Zertifikats an Veracel - wurde das Unternehmen durch das Brasilianische Gericht wegen der Vernichtung des Atlantischen Regenwaldes verurteilt . Der Konzern verfügt bis heute über das FSC-Siegel  - die Vernichtung des Atlantischen Regenwaldes geschah unabhängig von der zertifizierten Plantage.
Eine schnelle Ausweitung der zertifizierten Mengen führt zur Aufweichung der Kriterien, nach denen zertifiziert wird. Mit der Beimischungsquote wird eine künstliche Nachfrage nach Agrotreibstoffen geschaffen, der bislang noch kein ausreichendes Angebot gegenüber steht. Der Anbau muss also schnell ausgeweitet werden, um die Nachfrage befriedigen zu können. Ähnliches ließ sich vor zehn Jahren beim FSC beobachten. Das Angebot an zertifiziertem Holz lag unter der Nachfrage, was zu einer laxeren Handhabung der Kriterien führte . Eine schnelle Ausweitung der zertifizierten Mengen aber ist im Falle der Agrotreibstoffe allein schon durch EU-Richtlinie und Biomasseaktionsplan vorgegeben.

Grundsätzliche Schwächen des Zertifizierungsansatzes
Freiwillige Siegel können nicht verhindern, dass weiterhin Unternehmen ohne solche Standards operieren. Einzelne Siegel, wie bspw. das GLOBALGAP, erreichen eine zwar starke Bedeutung. So gilt dieses Zertifikat inzwischen als Voraussetzung für den Export auf den europäischen und nordamerikanischen Markt  und kann diese Begrenzung auf diese Weise aushebeln. Die meisten Siegel allerdings erreichen nur eine minimale Marktstellung. Hinter Zertifzierungsinitiativen wie dem Round Table on Sustainable Biofuel steht vermutlich die Idee, sie durch flankierende staatliche Maßnahmen (EU-Richtlinie für Erneuerbare Energien, Biomasseaktionspläne der einzelnen EU-Länder) so weit auszubauen, dass sie für die Privatwirtschaft quasi-verbindlichen Charakter bekommen.
Zertifikate können keine indirekten Landnutzungsänderungen verhindern. Der Round Table on Sustainable Biofuels erkennt das Problem der indirekten Landnutzungsänderungen in seinem Vorwort zu den Kriterien zwar an und nimmt sich vor, diese bis November 2010 zu behandeln . Die EU-Richtlinie lagert das Problem vorläufig unverbindlich in Berichte der EU-Kommission aus. Letztlich sind die Siegel ein Instrument der Mikroebene. Bei indirekten Landnutzungsänderungen aber handelt es sich um makroökonomische Entwicklungen, so dass Zertifikate dieses Problem nicht lösen können – es sei denn, es gäbe ein integriertes System von Zertifikaten für alle erdenklichen Landnutzungen. Indirekte Landnutzungsänderungen aber stellen gerade bei der Ausweitung der Agrotreibstoffe ein großes Problem dar, und so ist es essentiell, dass sie durch andere Instrumente adressiert werden. Die EU-Richtlinie ist hierbei eindeutig unzureichend; und wie der RSB zukünftig mit diesem wichtigen Problem umgehen wird, bleibt abzuwarten.
Nachhaltigkeitslabel für Produktionen aus problembehafteten Sektoren machen diese insgesamt salonfähig. Beispielhaft hierfür ist die Entwicklung von Tropenholzimporten in die EU nach Einführung des FSC-Siegels: In den 90er Jahren waren aufgrund von Tropenholzboykotten die Märkte in den USA und Europa für Tropenhölzer schwierig. Nach Einführung des FSC-Siegels stieg die Verwendung von Tropenhölzern in Europa sprunghaft wieder an – seit 2000 um 180% . Dieser Anstieg stammt nicht allein aus dem zertifizierten Markt, sondern ebenso aus anderer, zum Teil illegaler, Holzernte. Im Falle der Agrotreibstoffe ist dieses Problem durch die Regulierungen auf EU- und nationaler Ebene in Deutschland zwar gelöst. Diese Regelungen aber werden das Gewissen bezüglich der Nutzung von Agrotreibstoffen beruhigen und den bisherigen Boom weiter anheizen - und zwar bezogen sowohl auf die zertifizierte als auch auf die nicht zertifizierte Produktion, die dann global Abnehmer findet, die auf das Siegel verzichten.
Zertifizierung kann Nachhaltigkeit suggerieren, wo keine ist. So kann bspw. im Falle des FSC nach der Studie von Schulze et al selbst nach schonenster Praxis ausgeführte Holzentnahme im Tropenwald keine nachhaltige Bewirtschaftung ermöglichen . Die dem FSC positiv gegenüber stehenden Autoren empfehlen daher, die Verbraucher; bspw. von Ipê-Holz, nicht länger irrezuführen, indem ihnen suggeriert wird, sie konsumierten ein nachhaltig gewonnenes Gut, sondern sie darauf hinzuweisen, dass das Holz unter der derzeit bestmöglichen Praxis geerntet wurde. Bei den zu zertifizierenden Agrotreibstoffen handelt es sich um ein konventionelles Gut, das unter Einsatz von Pestiziden und mit teilweise hohem Wasserverbrauch hergestellt wird. Auch hier sollten, wie oben bereits angesprochen, irreführende Bezeichnungen nach Möglichkeit vermieden werden.
Soweit es sich nicht um politische Siegel zur Förderung benachteiligter Zielgruppen handelt, begünstigen Label tendenziell größere Betriebe zuungunsten kleinerer Produzenten. Kleinere Betriebe scheitern häufig an den Kosten und vor allem am Zeitaufwand für die Zertifizierung sowie die Einrichtung der vom Zertifizierer geforderten Nachweissysteme. Dies bestätigen die Erhebungen der Studie 2007 u.a. in Brasilien im Auftrag des BMZ . So hatte bspw. der FSC kaum Wirkung auf ärmere Zielgruppen. Wichtigstes Problem für die kleineren Produzenten waren der hohe Aufwand und die Kosten für die Zertifizierung. In Brasilien bezeichneten ländliche Gemeinschaften demzufolge die Anforderungen des FSC als sehr hoch und zeitaufwändig . „Holz aus Gemeinschaftswäldern ist selten zertifiziert, auch wenn die traditionelle Bewirtschaftung oft mit Zugtieren erfolgt und damit deutlich schonender ist“, schreibt auch Susann Reiner vom Regenwald-Institut Freiburg . Dies wird noch dadurch erschwert, dass die Zertifizierer häufig versuchen, große Anteile der Überprüfung den Unternehmen selbst aufzubürden . Gerade wenn diese kleiner sind, verfügen die Unternehmen nicht über das dazu notwendige Know-How. Speziell kleine Waldbesitzer würden im Falle des FSC häufig ausgeschlossen. Da ihnen der Zugang zu den Exportmärkten fehle – und der FSC ist ein exportorientiertes Zertifikat – konnten lokale Gemeinschaften auch keine höheren Preise für ihr Holz erzielen, während größere Unternehmen nach der BMZ-Studie im Schnitt 15% mehr mit zertifiziertem im Vergleich zu unzertifiziertem Holz verdienten . So gesehen wirkt die FSC-Zertifizierung einkommensdegressiv. Zwar berichtet die Studie auch von positiven Effekten auf die Entlohnung in den zertifizierten größeren Unternehmen. Die hierzu herangezogenen Indikatoren jedoch sind wenig überzeugend .
Ein gleichartiges Problem sahen die Berater bei anderen Systemen mit Anspruch auf Mainstream-Zertifizierung. Im Hinblick auf die Kaffee-Zertifizierung 4C sorgen allein schon Mindestverkaufsmengen (als Produzent oder Produzentenzusammenschluss muss man mindestens eine Containerladung füllen können) dafür, dass sich vor allem größere Unternehmen organisiert haben. Beim Round Table on Sustainable Soy sieht die Situation ähnlich aus. So gesehen ist auch im Hinblick auf die Zertifizierung von in die EU importierten Agrotreibstoffen oder nach einem zukünftigen Siegel des RSB zertifizierten Agrotreibstoffen eine solche Entwicklung zu erwarten.
Anders sieht es übrigens für politisch motivierte Siegel aus: Bei Fairtrade als politischem Zertifikat zeigte die Studie für Brasilien klar positive Wirkungen auf die Einkommenssituation ärmerer Zielgruppen. Allerdings ist der Markt hier sehr begrenzt: 2007 hatten 17 Kooperativen mit ca. 8.000 NutznießerInnen Verträge mit Fairtrade, und selbst diese konnten häufig nicht ihre gesamte Produktion über Fairtrade absetzen. Die Studie sieht hier allerdings ein hohes Wachstumspotential, auch für den Comércio Justo e Solidário innerhalb Brasiliens. Dies läuft jedoch erst schleppend an  und trifft vor allem in dem begrenzten Markt der brasilianischen Mittelschicht auf Interesse .

Vor wenigen Tagen geriet ein weiteres, mit Aracruz verbandeltes Unternehmen, die Fibria Celulose, in Verruf. Nach Aussagen des Fórum Socioambiental do Extremo Sul da Bahia und der Rede Contra o Deserto Verde wurde am 17. März ein 24jähriger Mann von bewaffneten Sicherheitsdiensten der Firma erschossen, als er nach Aussagen des Sicherheitsdienstes Feuerholz auf der Plantage sammelte. Der Vater des Erschossenen gab an, er und sein Sohn haben sich auf dem Motorrad auf dem Heimweg befunden . Es bleibt abzuwarten, wie sich der FSC in dieser Sache verhalten wird.