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„Wir Frauen sind die Protagonistinnen des Widerstands“

Interview mit Carmen Helena Ferreira Foro, Landarbeiterin aus dem nordbrasilianischen Bundesstaat Pará und Vizepräsidentin des Gewerkschaftsdachverbandes CUT, über Feminizide, Gewalt an Frauen und die aktuelle Bolsonaro-Regierung, die im September auf Einladung des Referats für Lateinamerika und Karibik der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin war.
„Wir Frauen sind die Protagonistinnen des Widerstands“

Carmen Foro. Foto: privat

Neuesten Erhebungen zufolge sind allein im Bundesstaat São Paulo im ersten Halbjahr 2019 deutlich mehr Frauen umgebracht worden als im Vergleichszeitraum im Jahr zuvor. Es gab einen Anstieg um 44 Prozent bei Feminiziden. Hat das auch etwas mit dem frauenverachtenden Diskurs eines Präsidenten Jair Bolsonaro zu tun?

Carmen Helena Ferreira Foro: Leider ist dort in der Tat ein Einfluss des Diskurses von Bolsonaro zu sehen. Er hat klar frauenfeindliche Reden geschwungen und somit in der Gesellschaft Widerhall für Standpunkte erzeugt, die sich explizit gegen all die Werte richten, die wir in den vergangenen Jahren in Bezug auf die Rolle der Frauen in der Gesellschaft aufgebaut haben. Während wir also der Meinung sind, dass Frauen ihren Platz in der Gesellschaft besetzen müssen, dass sie Rechte haben müssen, sich zu behaupten, Ungleichheiten zu überwinden, ist die Botschaft dieser Regierung an die Frauen „Geht zurück nach Hause, ihr habt keine Rolle, keine Bedeutung, ihr seid Objekte in der Gesellschaft.“ Dies ist also die komplette Gegenposition zu dem, was wir in Brasilien während der Regierung Lula erreicht haben. Damals haben wir ein Staatssekretariat für Frauen bekommen, das dann sogar noch zu einem Ministerium ausgebaut wurde, in dem die feste Entschlossenheit herrschte, die Ungleichheiten und Gewalt in der Gesellschaft gegenüber Frauen zu bekämpfen und die Autonomie der Frauen zu stärken. Und jetzt erleben wir die totale Gegenbewegung dazu. Und das beziehe ich in der Tat auf die frauenfeindliche Botschaft über die Rolle der Frauen in der Gesellschaft, die die Bolsonaro-Regierung propagiert.

 

Wie äußert sich das in konkreter Politik?

Die fortschrittlichen frauenfördernden Politiken wurden weggekürzt. Jegliche in dem Ministerium existierenden Programme zur Förderung der Autonomie von Frauen, seien sie in der Stadt oder auf dem Land, wurden gestrichen. Die im Land existierende Politik von Krippen und Kindertagesstätten wurden auf null runtergefahren. Die Arbeitsrechte werden so umgeschrieben, dass es die Frauen mehr und mehr prekarisiert. In der jetzt gültigen Gesetzgebung ist es möglich, dass eine schwangere Frau an einem gesundheitsgefährdendem Arbeitsplatz arbeiten soll. Der Präsident hat öffentlich gesagt – und die ganze Welt hat das gehört –, dass die brasilianischen Frauen den ausländischen Touristen zur Verfügung stehen. Der Präsident sagte bereits in der Vergangenheit, dass eine Abgeordnete, Maria do Rosario, es nicht verdiene, vergewaltigt zu werden, weil sie zu hässlich sei. Er sagte also nichts anderes, als dass eine Vergewaltigung etwas ganz normales sei. Diese aktuelle Regierung versucht, jegliche Erwähnung von Begriffen „Gender“ aus allen öffentlichen Dokumenten zu tilgen. Wir erleben hier also eine komplette Kehrtwendung. Und klar hat das massive Auswirkungen auf eine Gesellschaft, die strukturell machistisch ist. Es gibt jeden Tag, jede Stunde, Morde an Frauen und Vergewaltigungen von Frauen. Wir erleben gerade einen brasilienweiten Anstieg der Feminizide. Das ist eine äußerst alarmierende Situation, vor der wir in Brasilien stehen.

 

Die Mehrzahl der Feminizide und der Gewalt gegen Frauen wird den Statistiken zufolge von Partnern, Ex-Partnern oder Familienangehörigen begangen. Wie wirkt sich der frauenfeindliche Diskurs eines Bolsonaro Ihrer Meinung nach hier aus?

Klar, wenn ich von Männern rede, meine ich nicht alle, aber ein gewisser Teil von ihnen musste in den vergangenen Jahren es ertragen, dass wir eine Regierung hatten, die Politikmaßnahmen betrieben und förderten, die die Frauen schützen und die sie stärken und fördern. Da scheint jetzt so ein tiefsitzendes, kulturell-machistisches geprägte Gefühl zu bestehen, das sich ausbreitet und artikuliert. Das breitet sich aus, wird zu einem stärkeren gesellschaftlichen Diskurs und dies führt dann zu diesen Tragödien, die wir erleben. Und wir erleben ein Klima, in dem Frauen immer weniger sagen dürfen in gewissen Situationen, über gewisse Dinge. Wir hatten in den vergangenen Jahren in Brasilien, vor allem während der Lula-Regierung, viel Unterstützung erhalten, das bricht jetzt weg. Auch allein die Tatsache, dass wir mit Dilma Rousseff die erste Frau als brasilianische Staatspräsidentin hatten, dass sie als Frau auf dem Päsident*innensessel saß, allein das war ein Zeichen, und das gab uns Macht. Als sie weggeputscht wurde, war dies auch ein Putsch gegen uns Frauen.

 

Das Gesetz zum Schutz von Frauen gegen häusliche Gewalt, das sogenannte „Lei Maria da Penha“-Gesetz, hat ja eine ganze Reihe von Erfolgen verzeichnet. Im Blick zurück – das Gesetz trat 2006 in Kraft – wurde immer wieder darauf hingewiesen, dass – bei allem sichtbaren Erfolg – die Umsetzung des Gesetzes in ländlichen Regionen durchaus schwieriger ist. Sie sind aus einer ländlichen Region Amazoniens, wie bewerten Sie das?

Das „Maria da Penha“-Gesetz ist ein ganz starkes und wichtiges Gesetz. Das geht sogar so weit, dass dieses Gesetz im allgemeinen Sprachgebrauch zu einer Warnung für Männer wurde, sich nicht frauenfeindlich zu äußern, denn sonst würden sie das „Maria da Penha“-Gesetz spüren. Das war ein gesellschaftlicher Fortschritt, alleine dass dieses Gesetz existiert. In der Praxis hat das „Maria da Penha“-Gesetz in der Tat zu einem Anstieg der Anzeigen gegen Männer wegen Gewalt gegen Frauen geführt. Die Umsetzung des Gesetzes stellte eine große Herausforderung dar, auch weil es von verschiedenen Richtern unterschiedliche Auslegungen des Gesetzestextes gab. Bei der Umsetzung im Lauf der Jahre war es auch ein wichtiger Erfolg, dass eingeführt wurde, dass auch eine dritte Person die Anzeige erstatten kann, weil die Frauen oft sehr viel Druck ausgesetzt sind, die Anzeige nicht zu erstatten oder zurückzuziehen. Aber wir hatten natürlich immer ein schwerwiegendes Problem: Ich bin eine Landarbeiterin, eine Gewerkschafterin, aus Amazonien, und da spielt die Frage der Sichtbarkeit im ländlichen Raum eine entscheidenden Rolle. Das führt dazu, dass es in den großen Städten aussagekräftigere Statistiken über Gewalt gegen Frauen gibt als auf dem Land. Das haben wir bis heute nicht zu überwinden geschafft. In den ländlichen Regionen, zumal in abgelegenen Gebieten Amazoniens, da werden Frauen umgebracht, und die Fälle tauchen nie in den Statistiken auf. Das ist sehr schwerwiegend und sehr besorgniserregend. Dagegen haben wir vor einigen Jahren das landesweite Forum zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen gegründet, das sich für Politikmaßnahmen eingesetzt hat wie zum Beispiel einen Infobus, der durch die jeweiligen Bundesstaaten fuhr, um Informations- und Bildungsveranstaltungen auch in abgelegeneren Gebieten durchzuführen, Infos über das „Maria da Penha“-Gesetz bekannter zu machen, aber all das wird nun abgebaut. Die Regierung und viele Regierungen der Bundesstaaten kümmern sich nicht darum, nehmen ihre Aufgaben nicht wahr. Viele Frauen, denen in ländlichen Regionen Gewalt angetan wird, haben keine Möglichkeit, zu staatlichen Stellen zu kommen, wo sie Beschwerde und Anzeige einreichen könnten und professionelle Hilfe bekämen. Sei es, weil sie nicht die finanziellen Mittel für die Fahrtkosten hat, sei es, weil sie sich nicht der öffentlichen Scham aussetzen will. All das führt dazu, dass die Gewalt gegen Frauen auf dem Land nach wie vor etwas sehr Verstecktes, etwas Unsichtbares bleibt. Dies betrifft zwar alle ländlichen Regionen Brasiliens, Amazonien nimmt hier aber nochmal wegen der Dimensionen und der geographischen Abgeschiedenheit eine Sonderrolle ein. Insofern sind alle bekannten Zahlen über Gewalt an Frauen im ländlichen Raum mit sehr viel Vorsicht zu lesen, da sie aller Voraussicht nach nur einen Bruchteil der Realität abbilden. Wir haben also noch immer einen langen Weg vor uns. Vor allem bei Morden an Frauen in Amazonien. Wie viele Geschichten gibt es über Morde an Frauen, deren sterbliche Überreste zerhackt und in die Flüsse Amazoniens geworfen wurden. Die tauchen dann nie in den Statistiken über die Gewalt und Morde an Frauen auf.

 

Sehen Sie in Bezug auf Frauenmorde irgendwelche Änderungen, wenn Sie beispielsweise ein Jahrzehnt zurückblicken?

Erstmal insofern ja, als dass Frauen mehr und mehr auch in ländlichen Gebieten Führungsrollen im Kampf um Land übernommen haben, was traurigerweise auch dazu führt, dass die Zahlen an erschossenen und ermordeten Frauen bei Landkonflikten zugenommen hat. Diejenige, die die wahren Beschützer*innen des Waldes sind, sind beispielsweise die extraktivistischen Sammlerinnen. Und die werden im Zuge der Landkonflikte, die mit dem Einbruch des Kapitalismus in den Regenwald einhergehen, vermehrt zur Zielscheibe. Denn es sind diese Frauen, die den Wald, die Quellen, das Land in vorderster Front verteidigen gegen die landwirtschaftliche Ausbeutung oder gegen die Rohstoffgewinnung. Dies hat dazu geführt, dass es im vergangenen Jahrzehnt zu einem sichtbaren Anstieg der gezielten Morde an Frauen gab, die sich der Verteidigung der Gemeingüter, der Natur, des Waldes beteiligt haben. Und dies an vorderster Front taten.

 

Der Widerstand baut zum großen Teil auch auf der Strategie auf, der Unsichtbarkeit etwas Mächtiges entgegenzusetzen. Sie sind seit vielen Jahren Mitorganisatorin einer der größten jährlich in Brasília stattfinden Demonstrationen, der Marcha das Margaridas, der Demonstration der Landarbeiterinnen, die dieses Jahr an die 100.000 Frauen auf die Straße zusammenbrachte.

Dazu müssen wir die Marcha das Margaridas in ihrer jeweiligen historischen Phase anschauen. Im Jahr 2000, bei der ersten Marcha, hatten wir die Regierung von Fernando Henrique Cardoso. Und heute eine rechtsextreme Bolsonaro-Regierung. Während der Regierungen Lula und Dilma ging es bei der Marcha um politische Forderungen für die Gleichheit und Gleichberechtigung von Frauen, die die Regierung umsetzen sollte und dies auch zu einem großen Teil mit einer ganzen Reihe von sehr wichtigen Gesetzen gemacht hat. Dies war nun bei den beiden letzten Marchas anders, denn dieses und im vergangenen Jahr war die Botschaft unserer Marcha klar: Widerstand! Anprangern! Protest! Und dies nicht nur gegen die Rücknahme der Politiken der öffentlichen Hand, sondern es war eben auch eine machtvolle Demo, die die zentrale Strukturfrage, die Brasilien betrifft, aufgeworfen und thematisiert hat: die Demokratie. Ohne Demokratie gibt es für die Frauen in unserem Land und weltweit keine Chance. Wir müssen die Souveränität unseres Landes verteidigen. Die Freiheit verteidigen. Wir werden stumm gehalten, um zu verhindern, dass wir Frauen das sagen, was wir meinen. Und dies betrifft vor allem die schwarzen und indigenen Frauen, die täglich Rassismus ausgesetzt sind, unter extremer Armut leiden. Dabei sind wir die Basis unseres Landes. Die diesjährige Marcha das Margaridas hat auf den Straßen Brasílias und damit in der Öffentlichkeit einer öffentlichen Plattform Sichtbarkeit verschaffen, die für Demokratie, für Rechte, für Freiheit kämpft. Und sehr stark und deutlich haben wir die Gewalt gegen Frauen angeprangert. Wir kämpfen also gegen Gewalt gegen Frauen, für die Bekämpfung der Ungleichheit, aber laut unserem Verständnis bettet sich das ein in ein größeres Thema: Ohne Demokratie können wir diese Fragen nicht angehen, ohne Demokratie können wir diese Fragen um öffentliche Politiken für die Gleichberechtigung und Förderung von Frauen nicht angehen. Seit dem Putsch von 2016 waren es wir Frauen, die wir in vorderster Front gegen all die Rückschritte in unserem Land gekämpft haben. Wir Frauen sind die Protagonistinnen des Widerstands.

// Interview: Christian Russau

 

INFOKASTEN:

Carmen Helena Ferreira Foro ist Vizepräsidentin des größten Gewerkschaftsdachverbandes Brasiliens, CUT (Central Única dos Trabalhadores) und afro-brasilianische Landarbeiterin aus dem Bundesstaat Pará in Amazonien. Von 2009 bis 2012 war sie die erste Leiterin des neu geschaffenen Sekretariats für Umwelt der CUT. 2005 wurde sie als Vorstandsmitglied des Nationalen Verbands der Landarbeiter Contag gewählt, 2006 wurde sie zur Vizepräsidentin der CUT und als erste Frau in dieses Amt gewählt. 2007 und 2011 agierte sie als Koordinatorin der von Contag organisierten Demonstration „Marcha das Margaridas“, die seit 2000 jährlich und in Gedenken an die Ermordung 1983 der Landarbeiterin Margarida Alves in Brasília stattfindet. Bereits in den 1990er Jahren hatte Carmen Helena Ferreira Foro führende Gewerkschaftsfunktionen bei Landarbeitergewerkschaften im Bundesstaat Pará übernommen.