Vor dem zweiten Wahlgang: Lula holt auf
Höhepunkt dieses Wochenendes war eine Kundgebung in Copacabana, zu der Musiker wie Caetano Veloso und Chico Buarque aufgerufen hatten. Aber diese Eroberung der Straße garantiert noch keinen Wahlsieg. Und so richteten sich alle Augen auf das erste Fernsehduell zwischen Flávio Bolsonaro und Lula am Sonntagabend.
Wer auf dieses Duell Erwartungen gesetzt und erhofft hatte, dass es zu einer Debatte um Ideen und Vorschlägen kommen würde, sah sich zutiefst enttäuscht. Flávio reagierte auf konkrete Fragen mit unerschütterlicher Dreistigkeit durch Angriffe auf Lula. Er beantwortete praktisch keine der Fragen. Die Aggressivität Bolsonarsos verunsicherte Lula zu Beginn der Debatte sichtbar. Erst im zweiten Teil gelang es Lula, wieder sicherer und souveräner seine Punkte vorzustellen. Der erfahrene und angesehene Journalist José Roberto de Toledo resümierte, dass dies die schlimmste Debatte gewesen sei, die er je gesehen habe. Bestärkt habe nach Toledo der Auftritt eher die, die nicht oder ungültig wählen wollen. Erste Umfragen nach der Debatte zeigen, dass von der kleinen Gruppe der Unentschiedenen (etwa 7% der Wähler*innen), die die Wahl entscheiden werden, nur eine ganz geringe Zahl aussagte, die Debatte habe ihre Haltung geändert.
Aber die letzte Woche brachte auch positive Entwicklungen für Lula. Das Parlament stimmte für ein Gesetz, das vom linken Lager eingebracht wurde war, das die Fünf-Tage-Woche als gesetzliche Arbeitszeit festlegt. Bisher gilt die Sechs-Tage-Woche! Die Einführung der Fünf-Tage-Woche wird von einer großen Mehrheit der Bevölkerung unterstützt, so dass sogar Flávio Bolsonaro für das Gesetz stimmte, obwohl er und seine Partei es zuvor bekämpft hatten.
Und in den Umfragen schmilzt der Vorsprung von Bolsonaro. Die letzte am heutigen Tage (19.10.) veröffentlichte Umfrage sieht Bolsonaro bei 50,3% und Lula bei 49,7%. Es bleibt dabei – die Wahl ist alles andere als entschieden. Und heute steht Lula deutlich besser da als vor zwei Wochen.
// Thomas Fatheuer
