Die Hoffnung wächst: Lula zieht gleich
50% zu 50%, das war das Ergebnis der am gestrigen Abend (22.10.) veröffentlichten gemeinsamen Umfrage von Folha de São Paulo und Globo, die als eine der zuverlässigsten gilt. Numerisch hatFlávio Bolsonaro noch einen leichten Vorteil, der aber weit unter 1% liegt. Aber es sollte nicht vergessen werden, dass bei den drei letzten Wahlgängen die Bolsonaros immer besser abgeschnitten haben, als bei den Umfragen. Es bleibt dabei: Nichts ist entschieden, alles ist möglich.
Aber das Umfrageergebnis ist auf jeden Fall ein großer Ansporn für den Endspurt der Mobilisierung, zahlreiche Kundgebungen und Märsche werden heute und morgen das Straßenbild in ganz Brasilien prägen. Die Bolsonaristas haben dem nichts entgegen zu setzen.
Alle Umfragen registrieren eine Aufholjagd Lulas. Auffällig ist dabei, dass diese nicht primär auf Zugewinne Lulas zurückzuführen ist, sondern auf Verluste von Flávio Bolsonaro. Kurioserweise hat die Zahl der Unentschiedenen und derjenigen, die ungültig wählen wollen, leicht zugenommen. Deutlich ist auch, dass die Ablehnung von Bolsonaro steigt, während die von Lula sinkt.
Es wird eine ganz kleine Gruppe von Wähler*innen sein, die diese Wahlen entscheidet. Denn das Wahlergebnis von 2026 unterscheidet sich kaum von dem von 2022, und dies wird auch im zweiten Wahlgang so sein. Man spricht in Brasilien von einer „Versteinerung“ der politischen Verhältnisse; Brasilien bleibt politisch in zwei gleichgroße Lager gespalten, die zuverlässig auf über 40% der Wähler*innen landesweit rechnen können. Die Versuch, eine rechte Alternative zur Bolsonaro-Familie zu etablieren, sind kläglich gescheitert. Im Mitte-Links-Block war die Hegemonie von Lula / PT auch mangels Alternativen nicht umstritten. Die Verteilung der Stimmen wiederholt das Muster von 2022: Lula gewinnt deutlich im Nordosten Brasiliens (über 70% in Piauí!), bei den ärmsten Schichten der Bevölkerung (die bis zu zwei Mindestlöhnen verdienen), bei den Frauen und der Schwarzen Bevölkerung. Bolsonaro hingegen gewinnt im Süden und Südosten des Landes und bei den Evangelikalen mit deutlich über 60%. Gerade in dieser Gruppe ist es Lula trotz zahlreicher Versuche der Annäherung nicht gelungen, das Bild zu ändern. Auffallend ist, dass bei den Abgeordnetenhaus- und Senatswahlen viele Frauen aus dem Bolsonaro-Lager sehr gut abgeschnitten haben, darunter auch die Ehefrau von Jair Bolsonaro, Michelle. Sie hat einen entscheidenden Anteil daran, dass die Partei Bolsonaros eine Frauenorganisation aufgebaut hat und die Ablehnung von Bolsonaro bei den Frauen abgeschwächt wurde.
Was hat sich nun geändert? Flávio Bolsonaro hat in vielen Regionen etwas besser abgeschnitten als sein Vater. Von besonderem Gewicht ist dabei, dass er in dem wichtigen Bundesstaat Minas Gerais leicht vorne lag. Lula ist es auch nicht gelungen, in der Welt des Agrobusiness zu punkten. Durch das Innere Brasiliens zieht sich ein langer Gürtel von Regionen, die durch das Agrobusiness geprägt sind. Dieses ist inzwischen besser politisch organisiert und fast geschlossen im Bolsonaro-Lager untergekommen, trotz einer Regierung Lula, die eindeutig Pro-Agrobusiness regiert hat und dessen Boom weiter befördert. Diese Konsolidierung eines „Agrobelts“ und der dortigen Hegemonie das Agrobusiness ist vielleicht der wichtigste Faktor, der den Erfolg von Flávio ermöglicht hat.
Wie dem auch sei, jetzt geht es noch einmal auf die Straße – und am heutigen Abend wird dann ein großer Teil der Nation vorm Fernseher hängen, um die letzte Debatte zwischen Lula und Bolsonaro im TV Globo zu verfolgen. Sie könnte die Wahl mit entscheiden.
// Thomas Fatheuer
