Teaser Brasilicum: Brasilien im Wahljahr 2026 - Ein Interview mit Ingrid Sataré Mawé
Der Bundesstaat Santa Catarina in Südbrasilien gilt als Hochburg des Bolsonarismus und kann dennoch nicht als rechtsextremistisch und faschistisch bezeichnet werden. Ingrid Sataré Mawé bewirbt sich dort als Kandidatin für den Landtag und ist eine der circa 200 indigenen Kandidaturen in ganz Brasilien. Es geht um eine sogenannte „Indigenisierung“ der Politik, eine Strategie die seit 2022 von der indigenen Bewegung verfolgt wird.
Ingrid Sataré Mawé ist eine indigene Frau aus dem Amazonasgebiet und gehört zu den Sateré Mawé. Seit 20 Jahren lebt sie in Florianópolis und engagiert sich voll und ganz für die indigenen Völker. Sie ist Lehrerin, Biologin und Mutter, Mensch mit Behinderung und pansexuell. Derzeit arbeitet sie als Stadträtin in Florianópolis. Ingrid arbeitet mit sozialen Bewegungen und Gewerkschaften zusammen und kämpft entschieden gegen alle Formen von Gewalt gegen Frauen. Mit dem Projekt „Indigene Dialoge“ bekämpft sie Rassismus und setzt sich für ein Gesetz ein, das Schulen verpflichtet, die Geschichte und Kultur der indigenen Völker sowie der afrobrasilianischen Bevölkerung zu vermitteln. Ingrid ist außerdem sozial-ökologische Aktivistin und nimmt an nationalen und internationalen Foren über Klima, Ökosysteme und Natur teil.
Eine der Errungenschaften der Indigenen Bewegung ist die Gründung des Indigenenministeriums (MPI) im Jahr 2023. Das Ministerium hat begrenzte finanzielle Mittel, befindet sich im politischen Wettbewerb und löst Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Völkern aus. Wie beurteilst du diesen Erfolg und die Indigene Bewegung in den letzten Jahren?
Die vergangenen Jahre sind von vielen Kämpfen geprägt und die Errungenschaften der indigenen Völker wurden uns niemals geschenkt. Die indigene Bewegung ist eine nationale Bewegung, die sich aus Völkern aller Regionen zusammensetzt. Sie organisiert sich an der Basis und kommt bei verschiedenen Treffen zusammen, unter anderem beim jährlichen „Camp für freies Land“ (ATL), in Brasília. Wir haben Koordinierungsstellen und Organisationen und haben Wahlen, bei denen die Führungspersonen innerhalb der Territorien bestimmt werden.
Politische Auseinandersetzungen gibt es in jeder Bewegung, das gehört zum Menschsein und ich sehe das als etwas Gesundes an. Ich halte sie für sehr wichtig – natürlich unter Einhaltung gewisser Grenzen, mit Respekt und im Dialog.
Die Schaffung des Ministeriums für indigene Völker empfinde ich als einen Fortschritt für die indigene Bewegung. Wir verfügen über wenige Mittel, doch die Gelder des Indigenen-Ministeriums ermöglichen Programme für Bildung, Kultur, Sicherheit, finanzielle Selbstständigkeit, die Bekämpfung der Gewalt gegen Mädchen und Frauen sowie die Bekämpfung von Alkohol- und Drogenkonsum in den Territorien. Auch in spirituelle Belange wird investiert. Dazu gehört die Anerkennung unserer Pajés, unserer Majés und verschiedener anderer Elemente, die für das Ministerium von großer Bedeutung sind, um den Völkern mehr Selbstbestimmung zu ermöglichen.
Bei der Demarkierung indigener Gebiete unter der Regierung Lula wurden Fortschritte erzielt. Nicht alle Forderungen der Bewegung wurden erfüllt und die Erfolge des Ministeriums sind nicht so umfangreich, wie wir uns gewünscht hätten. Natürlich gibt es Probleme, diese wird es immer geben. Man kann jedoch ein Ministerium, das seit vier Jahren besteht und sich erst strukturieren musste, nicht mit Institutionen vergleichen, die schon lange existieren. Wir haben sehr große Fortschritte gemacht – und es ist wichtig, diese zu feiern.
Für mich ist die Schaffung des Ministeriums für indigene Völker daher äußerst positiv – trotz der begrenzten Mittel und weil vieles von dem, was das Ministerium erreicht hat, durch die Mobilisierung der Menschen ermöglicht wurde, die es aufbauen.
Wie ist das Verhältnis zu den drei Staatsgewalten? Und wie ist das Verhältnis zur Regierung Lula?
Das Ministerium für indigene Völker war entscheidend dafür, dass wir mit am Tisch sitzen, Beziehungen zu den anderen Staatsgewalten aufbauen und direkten Kontakt zum Präsidenten Lula, haben. Er hielt viele der Vereinbarungen ein, die er mit der Bewegung getroffen hat.
Die Regierung ist aus vielen verschiedenen Interessen zusammengesetzt. Der Druck bestimmter Bereiche – vor allem der Agrarindustrie, des Bergbaus und anderer Gruppen innerhalb der Regierung – macht die Arbeit schwierig. Aber unsere Position hat sich verändert, weil wir mit am Tisch sitzen und einen Ort einnehmen, der als Machtzentrum anerkannt ist. Von hier aus können wir einen Dialog führen. Die Beziehung könnte besser sein, aber sie wird sich im Laufe der Jahre weiterentwickeln.
Welche Rolle spielen indigene Frauen in diesem Prozess? Welche Bedeutung hat ANMIGA (Articulação Nacional das Mulheres Indígenas Guerreiras da Ancestralidade; dt. Nationale Vernetzung indigener Frauen – Kriegerinnen der Ahnen) innerhalb der Bewegung?
Die Rolle indigener Frauen ist in diesem Prozess von grundlegender Bedeutung. Sie führen die Kämpfe in ihren Territorien, in den Städten und überall auf der Welt. Dabei treten sie äußerst engagiert, verantwortungsvoll und gut vorbereitet in den Dialog.
Daraus entstand ANMIGA, eine Vereinigung, die indigene Frauen aus verschiedenen Organisationen im ganzen Land zusammenbringt. Sie beteiligt sich an verschiedenen Prozessen und hat Sitze in Gremien inne. ANMIGA organisierte zum ersten Mal in der Geschichte des Landes eine Konferenz zu öffentlichen Maßnahmen für indigene Frauen. Das ist ein historischer Meilenstein für unser Land. Nun geht es darum, diese Maßnahmen durch die Bundesstaaten und Gemeinden in den indigenen Bevölkerungsgruppen umzusetzen.
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Nach diesem Auszug folgt das vollständige Interview im neuen Brasilicum Heft Nr.280_81, das Ende Oktober erscheint. Das Heft kann im Print und Online Format bestellt oder abonniert werden.
Anmeldungen zum Runden Tisch Brasilien sind bis 30.Oktober möglich. Alle Infos gibt es HIER
