Paulo Artaxo im Interview mit Vozes do Planeta über das Klimaphänomen El Niño in Brasilien
In der Vozes do Planeta-Ausgabe vom 7. August empfing Paulina Chamorro den weltweit anerkannten Klimaforscher Paulo Artaxo, Mitglied des Weltklimarats IPPC (Intergovernmental Panel on Climate Change), zu einem Gespräch über die prognostizierten Auswirkungen extremer Wetterereignisse in Brasilien und die Erwartungen für das El Niño-Jahr 2026.
Da sich das Wetterphänomen der US-amerikanischen Wetter- und Ozeanografiebehörde NOAA (National Oceanic and Atmospheric Administration) zufolge noch weiter aufbauen wird, sind genaue Messergebnisse bezüglich seiner Stärke erst Ende September oder Anfang Oktober zu erwarten. Seine Auswirkungen sind jedoch bereits seit August spürbar und werden bis Februar 2027 andauern. Dies deutet darauf hin, dass der Süden Brasiliens im anstehenden Sommer ähnlich wie in diesem Jahr in Europa und den Vereinigten Staate mit starken Hitzewellen zu kämpfen haben wird.
Man könne zwar noch nicht mit Gewissheit sagen, ob es sich um einen sogenannten „Super-El Niño“ handelt, so Artaxo, aber man dürfe die bereits spürbaren Effekte wie die Rekordaufheizung des Ozeans um 1,2 Grad Celsius auch nicht herunterspielen.
„El Niño wird sich im Oktober noch weiter aufbauen und somit eine höhere Klassifizierung erreichen; gleichzeitig ist die brasilianische Agrarwirtschaft gefährdet, da sie auf ein stabiles und konstantes Regenmuster angewiesen ist“, erklärt der Klimatologe.
Brasilien liege bei der Anpassung an die neuen klimatischen Bedingungen um Jahrzehnte zurück, so Artaxo. Dabei ist Brasilien aufgrund der hohen wirtschaftlichen Rolle des Agrarsektors besonders verwundbar: Dadurch, dass in Zentralbrasilien immer weniger und in Rio Grande do Sul immer mehr Regen fällt. wird die landwirtschaftliche Produktivität direkt beeinflusst. Zudem sei die Stromerzeugung aus Wasserkraft beeinträchtigt, da die sinkenden Niederschläge im Amazonasgebiet und im Zentrum des Landes den Wasserstand der Stauseen beeinflussen.
Artaxo mahnt, über die wirtschaftliche und soziale Zukunft Brasiliens dringend zu debattieren: „Ein Land, so abhängig vom Regen wie Brasilien, wird seine wirtschaftlichen Erfolge der letzten Jahrzehnte so nicht weiter vorantreiben können. Angefangen bei den Städten müsste das gesamte Wirtschaftssystem angepasst werden.“ Als Beispiel nennt er São Paulo, wo sich die Zahl der Regentage mit mehr als 100 mm Niederschlag seit den 1930er Jahren vervierfacht hat. Zur Vermeidung von Überschwemmungen, welche vor allem marginalisierte Bevölkerungsgruppen treffen, seien daher effizientere urbane Entwässerungssysteme von Nöten.
Paulo Artaxo erläutert im Verlauf der Podcastfolge nicht nur das Klimaphänomen El Niño im Allgemeinen sowie die vom Weltklimarat IPCC skizzierten Prognosen und möglichen Szenarien, sondern beschreibt auch mögliche Effekte auf verschiedene Regionen, die fehlende Vorbereitung in puncto Klimaanpassung, soziale Disparitäten, den medialen Sensationalismus und die Bedeutung öffentlicher Politiken zum Schutze der Bevölkerung angesichts zunehmender Hitzewellen und Überschwemmungen.
Paulina Chamorro: Paulo, all diese Daten, Informationen, Berichte und mögliche Szenarien werden den Entscheidungsträgern seitens der wissenschaftlichen Gemeinschaft stets früh genug präsentiert. Du sprichst seit über 10 Jahren, seit der ersten Folge von Vozes do Planeta, über die Studien des IPCC. Wie schätzt du die Vorbereitung der brasilianischen Städte auf diese extremen Klimaereignisse ein?
Paulo Artaxo: Hinsichtlich der Anpassung an die neuen klimatischen Bedingungen hinkt Brasilien seit Jahrzehnten hinterher, du weißt wovon ich rede. Nicht nur die Städte, unser gesamtes Wirtschaftssystem muss angepasst werden. Was ich damit sagen will? Ein bedeutender Anteil des brasilianischen Bruttoinlandproduktes beruht auf der landwirtschaftlichen Produktion. Die in Zentralbrasilien zunehmenden und in Rio Grande do Sul abnehmenden Niederschläge wirken sich negativ auf die Produktivität aus. Entsprechende Effekte auf die Wirtschaft sind zu erwarten, nicht nur durch von El Niño, sondern im Zuge der globalen Erwärmung allgemein.
Somit stellt sich die Frage: Was für ein Brasilien möchten wir in den kommenden zehn, 20 oder 30 Jahren erschaffen? Wirtschaftlich besonders auf das Agrobusiness angewiesen und damit in hohem Maße abhängig vom Regen, wird unser Land die Erfolge der vergangenen Jahrzehnte so sicherlich nicht fortführen können. Es müssen Maßnahmen zur Anpassung der brasilianischen Wirtschaft sowie des Systems zur Energiegewinnung aus Wasserkraft unternommen werden, um einer Beeinträchtigung der Wasserkraftproduktion durch sinkende Niederschläge in Zentralbrasilien und in der Amazonasregion entgegenzuwirken. Zwar ist die Niederschlagsrate von São Paulo seit den 1930er Jahren insgesamt gestiegen, aber gleichzeitig hat eine Vervierfachung der Zahl der Tage mit mehr als 100 mm Niederschlag pro Tag stattgefunden. Das heißt: wenn es regnet, regnet es sehr stark auf einmal. Eine Ausweitung unseres gesamten städtischen Entwässerungsnetzes ist also dringend notwendig, da São Paulo ansonsten vermehrt von Überschwemmungen heimgesucht werden könnte. Dies betrifft vor allem die am stärksten davon beeinträchtigten Bewohner in den Risikogebieten mit geringem Einkommen. Wir sind dazu verpflichtet, ihr Wohlbehalten sowie ihre Existenzen angesichts zunehmender Hitzewellen und Überschwemmungen zu schützen.
Es gab immer mehr Berichte und Artikel, die einen Zusammenhang zwischen El Niño und Extremwetterereignissen herstellen. Es gibt diesen Kommunikationsstil, der Engagement hervorruft. Was denkst du über diese Augenblicke der überproportionalen Berichterstattung über extreme Wetterereignisse? Siehst du das eher schwierig oder als Chance hinsichtlich einer verstärkten Thematisierung?
Sieh‘ mal, mir ist bewusst, dass die Berichterstattung generell ziemlich sensationslüstern ist. Inwiefern? „Viele Menschen sind bereits gestorben, die Risiken sind hoch“, aber ohne wirklich zu ergründen, wie es dazu kommen konnte und wie wir uns besser davor schützen können. Es wird eher als „Unglück“ eingeordnet, anstatt ein kollektives Bewusstsein dafür zu schaffen, dass wir uns dringend an die neuen klimatischen Bedingungen anpassen müssen.
Wir müssen alle kommunikativen Mittel ausschöpfen, um „Herrn João“ und „Frau Maria“ zu vermitteln, welches Risiko aufgrund der Verbrennung fossiler Brennstoffe durch die Erdölindustrie aus der Perspektive des Klimawandels für ihre Familie besteht. Denn „Frau Maria“ und „Herr João“ können nicht wissen, wer dafür verantwortlich ist. Es handelt sich nämlich nicht um ein Naturphänomen, sondern es sind bestimmte Industrien, die die Zunahme von Wetterextremen zu verantworten haben.
Wir müssen die Dinge beim Namen nennen und die Bevölkerung darin bestärken, unsere Regierungen zu effektiverem Handeln bezüglich der Implementierung bestimmter Maßnahmen zur Eindämmung aufzufordern: Darunter die Reduktion von Treibhausgasemissionen, die Beendigung der Ausbeutung und Nutzung fossiler Brennstoffe sowie der Abholzung des Amazonas-Regenwalds, sowie eine Erweiterung der Anpassungsstrategien, wodurch auch die beschämenden sozialen Disparitäten in Brasilien verringert würden.
In den Prognosen wird davon gesprochen, dass uns dieses Jahr ein „Super“ El Niño erwartet. Besteht ein wissenschaftlicher Konsens darüber, ob man von „Super“ sprechen kann? Wie beurteilst du das mögliche Szenario und ob das Klimaphänomen tatsächlich bereits ab August Brasilien erreichen könnte?
Paulina, es ist so, dass sich El Niño derzeit noch aufbaut, dieser Prozess ist also noch nicht abgeschlossen. Daher sollten wir mit solchen Adjektiven eher vorsichtig sein. Du wirst auch kaum einen Wissenschaftler finden, der von einem Godzilla-El Niño spricht. So etwas gibt es nicht. Bislang haben wir noch keine wissenschaftlichen Informationen darüber, wie kräftig El Niño dieses Jahr ausfallen wird. Die US-Klimabehörde NOAA ordnet die Wahrscheinlichkeit eines starken El Niño bei 90 Prozent ein. Dies sollte als wissenschaftliche Botschaft an unsere Regierungsvertreter, sowie an den Zivilschutz und die Bevölkerung genügen. Und dass wir uns auf ein El Niño vorbereiten müssen, das unsere Wirtschaft erheblich treffen könnte. Dies ist entscheidend. Aber von welchen Auswirkungen sprechen wir?
El Niño verursacht starke Dürren im Amazonasgebiet, wodurch sich die Gefahr von Bränden erhöht. Dazu kommen Dürren im zentralen und nordöstlichen Brasilien sowie heftigere und konzentriertere Regenfälle in Rio Grande do Sul und Santa Catarina, und schließlich zunehmende Hitzewellen in São Paulo, Rio de Janeiro und Minas Gerais.
Der Prognose der NOAA zufolge wird sich El Niño dieses Jahr noch weiter aufbauen. Daher werden erst Ende September oder Anfang Oktober genaue Messdaten vorliegen. Die Effekte werden bereits im August zu spüren sein und bis Februar anhalten. Das heißt, dass wir im Süden Brasiliens ähnlich wie dieses Jahr in Europa und den USA sehr starke Hitzewellen im Sommer erwarten können.
Dies hat enorme Auswirkungen auf die Gesundheit, da den Menschen nicht bewusst ist, dass Hitzewellen die tödlichste Seite des Klimawandels darstellen. Studien der Universität von Rio de Janeiro UFRJ (Universidade Federal do Rio de Janeiro) belegen, dass in Brasilien in den letzten zehn Jahren 70.000 Menschen Hitzeperioden zum Opfer gefallen sind. Allein in den vergangenen drei Wochen sind in Deutschland und Frankreich etwa 3.000 Menschen aufgrund von Hitzewellen verstorben.
Wir brauchen daher Aufklärungskampagnen, um die Menschen davor zu warnen, bei großer Hitze Sport zu treiben oder zu dehydrieren, was besonders für ältere Menschen und Kinder das A und O ist. Jetzt ist es sehr einfach „trink genug und bereite dich vor“ zu denen zu sagen, die in der Favela unter einem Wellblechdach wohnen, wo die Außentemperatur um die 42 bis 43 Grad Celsius misst und drinnen um die 46 bis 47 Grad Celsius vorherrschen. Die ungerechte Verteilung von Einkommen und Wohnraum in Brasilien hat dafür gesorgt, dass sich unser Staat sehr ungerecht gegenüber der einkommensschwachen Bevölkerung verhält, obwohl diese erst recht unter den Auswirkungen des Klimawandels und besonders unter Hitzewellen leidet. Es gilt also keine Zeit zu verlieren. Bis September, Oktober ist es nicht mehr lang.
André Casé ― Journalist und Autor des Podcasts Vozes do Planeta
Aus dem Portugiesischen übersetzt von Mirja Annawald
Quelle: Paulo Artaxo explica o El Niño no Brasil em entrevista ao Vozes do Planeta - ((o))eco
