Vor der Entscheidung: Märkte, Amazonien und Lulas Alter

Die Lage bleibt wenige Tagen vor dem entscheidenden zweiten Wahlgang zum angespannt. Der erste Fernsehduell verlief für beide Kandidaten eher frustrierend und wird wohl keinen großen Einfluss auf das Wahlergebnis haben. Alle Augen und Hoffnungen richten sich jetzt auf die zweite und letzte Debatte im TV Globo am Freitag.
| von Thomas Fatheuer
Vor der Entscheidung: Märkte, Amazonien und Lulas Alter
Foto: Janaína Teles

Aufschlussreich ist ein Blick auf die Reaktion der viel beschworenen Märkte. Die brasilianische Börse reagierte auf das Ergebnis des ersten Wahlgangs mit einem deutlichen Kursanstieg (+ 7,7%!) und einen Aufwertung des Reals gegenüber US$ (+4,1%) und Euro. Diese Woche ist nun eine gewisse Ernüchterung eingekehrt. Grund sind die Umfragen, die einen leichten Anstieg der Werte für Lula registrieren. Und diese Skepsis der Märkte zeigt wohl den größten möglichen Optimismus dieses Moments an: Die Wahl ist noch nicht entschieden! Aber nach wie vor liegt Bolsonaro in allen Umfragen vorn, wenn auch mit abnehmenden Abstand. Bis Sonntag muss der Aufschwung Lulas weitergehen, damit das Blatt noch gewendet werden kann!

Klima und Umwelt spielen im Wahlkampf praktisch keine Rolle. Das ist nicht überraschend. Aufschlussreich sind aber die Äußerungen Bolsonaros bei einem Wahlkampfauftritt in Marabá, im Amazonasgebiet. „Wir werden das Privateigentum respektieren. Du kannst auf dem Land machen, was Du willst, das Land gehört Dir. Mit diesen Umweltauflagen, die nur aus ideologischen Gründe existieren, werden wir Schluss machen.“ Deutlicher kann die Aufforderung zur Entwaldung kaum formuliert werden.

Lula – Zu alt für die Zukunft?
Robert Misik schreibt in der TAZ: „Derweil unterlag auf der anderen Seite des Globus Lula da Silva, legendärer Anführer der Arbeiterpartei PT (Partido dos Trabalhadores) in der ersten Runde der brasilianischen Präsidentschaftswahl überraschend deutlich Flávio Bolsonaro, Sohn des obersten Rechtsextremisten. Jetzt muss Lula als Außenseiter in die Stichwahl. Im allgemeinen Aufschwung der extremen Rechten ist es offenbar nicht gelungen, überzeugend darzulegen, warum ein 81-jähriger, der schon sieben Mal kandidierte und drei Amtszeiten hinter sich hat, ein Zukunftsversprechen für eine vierte Amtszeit sein sollte. Ganz überraschend ist das dann auch wieder nicht.“
Tatsächlich wird in Deutschland immer wieder gefragt, ob es denn keine Alternative auf Seiten der Linken zu Lula gegeben habe. Und die klare Antwort muss (leider) lauten: Nein. Jeder andere mögliche Kandidat hätte keine Chance gegen Bolsonaro gehabt, das ist die traurige Wahrheit. Wer an Lula und seinem Alter rummäkelt, der verkennt die dramatische Lage in Brasilien. Nach wie vor ist das Land durch einen Bodensatz von Religion und Konservativismus geprägt. In allen Umfragen spricht sich eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung gegen jegliche Entkriminalisierung von Abtreibung aus, um nur einen Trigger als Beispiel zu zitieren. Und Antifeminismus hat sich bei den Wahlen als „Maschine für Stimmengewinn“ erwiesen, wie Intercept titelte.

Lula musste, um Bolsonaro zu besiegen, vor vier Jahren eine Koalition bilden, die vom erzkonservativen Vizepräsidenten Geraldo Alckmin bis zu urbanen Transaktivisten reicht. Es wäre etwa so, als wenn in einigen Jahren in Deutschland nach dem Untergang der CDU/CSU Reichinnek und Söder gemeinsam auf einer Liste für die Rettung der Demokratie kandieren würden. Die wie immer zerstrittene Linke und das demokratische Rechts-Mitte-Lager gegen Bolsonaro zusammenzuführen, ist das große Verdienst Lulas. Anders gesagt: Lula hat viel mehr Stimmen gegen Bolsonaro mobilisieren können, als die Linken es ohne Lula und die von ihm organisierten Bündnisse vermocht hätten. Schwierig und wohl auch bitter werden die Zeiten nach Lula sein.

// Thomas Fatheuer