Das Land denen, die es bearbeiten
In den frühen Morgenstunden des 17. April 1996 durchbrachen rund 12.000 Menschen - Frauen, Männer und Kinder - durch die Absperrungen des Geländes im Munizip Rio Bonito do Iguaçu, im südbrasilianischen Bundesstaat Paraná. Vor Ort war auch der Photograph Sebastião Salgado, der ein ikonisches Photo in genau jenem Moment aufnahm, als die Menge das Gatter öffnete und sich den Weg zum Land brach (Hier der Link zum Photo auf der Webseite der Landlosenbewegung MST). Nun, nahezu 30 Jahre später, hat Brasiliens Präsident, Luiz Inácio Lula da Silva, am 15. Januar dieses noch jungen Jahres dieses Gelände, das auf der ikonischen Photgraphie Salgados verewigt wurde, der Landlosenbewegung MST im Rahmen der Agrarreform übertragen.
Der Bund hatte gemeinsam mit der Bundesbehörde für die Agrarreform INCRA und den Firmen Araupel S/A und Rio das Cobras Ltda. ein Übereinkommen erzielt, das die rund 34.000 Hektar Land gegen einen Entschädigungsbetrag von 580 Millionen Reais (derzeit umgerechnet 92 Millionen Euro) der Agrarreform zuführt. 2.000 MST-Familien haben so nun Rechtssicherheit, um das Gebiet in den Munizipien Espigão Alto do Iguaçu, Nova Laranjeiras, Quedas do Iguaçu und Rio Bonito do Iguaçu zu bewirtschaften. Das Land denen, die es bearbeiten.
Damit endet ein jahrzehntelanger Kampf um das Gelände. Im Jahre 1972 hatte eine Holzfirma sich das Gelände - wie spätere Gerichtsurteile feststellten - illegal angeeignet und dort Pinien und Eukalyptus angepflanzt. Es war ein Latifundium, deren Früchte des Landes in Form von Zellulose meist ins Ausland exportiert wurde, sehr gewinnträchtig - und die lokale Bevölkerung vor Ort sah nichts von dem Reichtum. Im Gegenteil. Sie verblieben ohne Land, ohne Zugang zum Land, um dort selbst anzubauen. 1996 war die Wut so groß, dass sie zu Tausenden zum Gelände strömten und das Gatter aufbrachen. Der Kampf um das Land sollte aber noch weitere 30 Jahre andauern, die Menschen lebten dort in sogenannten Acampamentos und fingen an, dort zu arbeiten und das Land zu bestellen. Nach und nach wurden kleinere Gebiete des Geländes durch die Agrarreformbehörde umgewidmet und so von Acampamentos zu Assentamentos. Zwischenzeitlich wechselte das Gebiet den Besitzer, der augenscheinlich selbst kein vorrangiges Interesse an Agrarreform hatte. Doch die Bewohner:innen machten weiter, schufen Wohnraum und Einkommen, errichteten Schulen und Genossenschaften und bauten Lebensmittel an. Im August 2017 erklärte ein Bundesgericht der 4. Region (TRF-4) die Eigentumsrechte des Unternehmens, das das Gelände von der vorherigen Firma erworben hatte, an den vom MST besetzten Flächen für nichtig und bestätigte damit die Praxis der Landbesetzung als gegeben und als rechtens. Das war ein wichtiger Schritt, aber der Weg hin zum Rechtstitel im Rahmen der Agrarreform sollte noch etliche Jahre sich hinziehen.
Und nun, weitere neue Jahre später, kommt letztlich die Einigung: Das Land denen, die es bearbeiten. Und die Firma hat, wie es scheint, mit der Entschädigungszahlung durch den Staat auch noch ein Geschäft gemacht. Die vier MST-Ansiedlungen jedenfalls werden weiter produzieren, u.a. Soja, Mais, Bohnen, Weizen, Reis, Zuckerrohr, Hafer, Erdnüsse, Baumwolle und Gemüse. Bereits im Jahr 2025 begann die Gemeinschaft mit der massiven Anpflanzung von Bäumen, um degradierte Gebiete wieder aufzuforsten. Im Oktober wurden im Rahmen des Projekts zur Anpflanzung von 1 Million Bäumen etwa 5.000 Setzlinge von Obstbäumen und einheimischen Bäumen des Atlantischen Regenwaldes gepflanzt - gemeinschaftlich, das Land denen, die es bearbeiten.

