Strahlende Sandburgen

<em>Deutsch-brasilianischer Atomvertrag setzt seit 1975 Steuergelder in den Sand</em><br /><br />An einem der schönsten Küstenabschnitte Brasiliens, 130 km westlich von Rio de Janeiro und gut 300 km östlich von São Paulo liegt Angra dos Reis. Hier, in der einzigen Region Brasiliens, die nennenswerte Erdbeben verzeichnet, am Fuß eines Küstengebirges, in dem es zur Regenzeit immer wieder zu schweren Erdrutschen kommt, weshalb schon die Indigenen die Bucht Itaorna (morscher Fels) nannten, auf der Flugroute zwischen Rio und São Paulo, auf der im Pendelverkehr täglich mehr als 120 Flüge durchgeführt werden, stehen meerwassergekühlt auf Sand gebaut die beiden einzigen brasilianischen Atomkraftwerke Angra I und II.<br /><br />
| von KoBra-Team


1975, als Atomkraft noch als Zukunftstechnologie galt, wurde das Deutsch-Brasilianische Kooperationsabkommen auf dem Gebiet der friedlichen Nutzung der Kernenergie unterzeichnet. Ein Vierteljahrhundert verging, bis Angra II im Jahr 2000 ans Netz ging. Die Ausrüstung des im Bau befindlichen Meilers Angra III liegt seit mehr als 30 Jahren auf Halde. In diesem Jahr stehen erneut Exportbürgschaften der deutschen Regierung in Höhe von rund 1 Mrd. Euro an.

Als Grüne und SPD im Jahr 1988 die Kündigung des Abkommens forderten, ging der Abgeordnete Jäger von der CDU/CSU-Fraktion in die Bütt:

“Hört nur, was der Grüne spricht:
Messer, Gabel, Kernkraft, Licht,
ist für Brasilianer nicht.

Laßt sie ihren Wald verbrennen
und bei Kerzenschimmer pennen.
Laßt sie ihre Stauseen bauen,
und den Regenwald versauen.

Alles dies ist einerlei,
ist nur Kernkraft nicht dabei.
So soll jetzt am grünen Wesen
Südamerika genesen.”

An Argumenten für Atomkraft herrscht kein Mangel: Sie soll gegen Armut helfen, der Umweltzerstörung Einhalt gebieten, CO2-Emissionen senken, zur Versorgungssicherheit beitragen und angesichts des stetig steigenden Stromverbauchs Entwicklung ermöglichen. Brasilien, so ist beim staatlichen AKW-Betreiber Eletronuclear zu lesen, benötige die nukleare Technologie außerdem dringend, um die Abhängigkeit von Importen im Bereich der Strahlenmedizin zu verringern.

Manche Argumente sind falsch, andere vorgeschoben. Sie verschleiern, was im Atomvertrag von 1975 unausgesprochen blieb: Deutschland war auf der Suche nach Partnern im Bereich Uranversorgung und -anreicherung, Brasilien verfügt über große Uranvorkommen. Die Anti-Atom-Bewegung machte dem AKW-Bauer Siemens-KWU das Leben schwer, da galt es, neue Märkte zu erschließen. Wer auf der Welt etwas darstellen wollte, musste sich die atomare Option offenhalten. Schließlich hatte Indien damals gerade seine ersten Atomwaffentests durchgeführt, und deutsche Urananreicherungstechnik kam Brasilien da gerade recht. Die brasilianische Marine träumte von atomgetriebenen U-Booten, ein Projekt, das heute angeblich zum Schutz der immensen Erdölkommen in brasilianischen Hoheitsgewässern weiter vorangetrieben wird.

Die Gemengelage ist komplex. Zurück zu den Fakten der Energieversorgung: Die zwei Atom-Meiler in Brasilien entsprechen 1,64 % der installierten Nennleistung. Der Löwenanteil des Strombedarfs wird nicht immer umweltverträglich aus Wasserkraft gedeckt. Die Potenziale der Wind- und Sonnenenergie sind immens und weitgehend unterschlossen.

Hoffnung machen die Internationale Klimaschutzinitiative und das Programm zur Förderung der erneuerbaren Energien, mit denen die deutsche Bundesregierung in der Zusammenarbeit mit Brasilien neue Wege eingeschlagen hat. Da wäre es nur konsequent, die atomare Zusammenarbeit sofort zu beenden.