Liberalisierung macht's möglich: Agrargifte weiter auf dem Vormarsch in Brasilien

Zweieinhalb Jahre nach Verabschiedung des sog. "Pacote do veneno" ("das Giftpaket") ziehen zwei neue Analysen eine kritische Bilanz der Liberalisierung und Ausweitung des Einsatzes von Agrarchemikalien in Brasilien.
| von Christian.russau@fdcl.org
Liberalisierung macht's möglich: Agrargifte weiter auf dem Vormarsch in Brasilien
"Vorsicht! Gift! Foto: christian russau

Gabriel Tussini zieht bei O Eco eine kritische Bilanz der seit nunmehr zweieinhalb Jahren geltenden neuen Gesetzgebung in Brasilien in Bezug auf die gesetzlichen Bestimmungen über Zulassung, Produktion, Vermarktung, Lagerung, An- und Verwendung sowie Entsorgung von Agrarchemikalien in Brasilien. Seine hauptsächlichen Kritikpunkte: Gemäß der jetzt geltenden Gesetzgebung (KoBra berichtete mehrmals, siehe u.a. hier) ist nur noch das brasilianische Bundeslandwirtschaftsministerium MAPA allein für die Erteilung neuer Zulassungen für Agrargifte zuständig (die aber nicht mehr Agrargifte ("agrotóxicos") heißen, sondern "pesticidas"). Das vorherige Gesetz sah ein dreigliedriges Modell vor, demzufolge das MAPA, die Nationale Gesundheitsaufsichtsbehörde ANVISA und die Bundesumweltbehörde IBAMA gemeinsam auf der Grundlage technischer und wissenschaftlicher Kriterien die Freigabe oder das Veto von Pestizidregistrierungen und -kontrollen zu bewerten hatten. Nach dem neuen Gesetz fällt diese Aufgabe ausschließlich dem agrofreundlichen MAPA zu. Die anderen Stellen sind nur für die ergänzende Überprüfung der Analyse des Ministeriums zuständig - und diese Rolle ist unverbindlich – das heißt, letztere haben kein Vetorecht gegen die Zulassung. Dh., so die Analyse bei O Eco, "wenn neue Erkenntnisse auf Risiken des Produkts hindeuten, ist die Bewertung durch Anvisa und Ibama nicht einmal verpflichtend, sondern kann vom MAPA angefordert werden oder auch nicht." Darüber hinaus habe das neue Gesetz das im vorherigen Gesetz vorgesehene ausdrückliche Verbot der Zulassung von Stoffen gestrichen, "die gemäß den aktuellen Ergebnissen wissenschaftlicher Untersuchungen teratogene, karzinogene oder mutagene Eigenschaften aufweisen" – also von Produkten, die Krebs, Mutationen oder Probleme bei Föten verursachen können. Dies wurde durch das Verbot von Agrarchemikalien ersetzt, die ein "inakzeptables Risiko" darstellen, ein weitaus vagerer und subjektiverer Begriff, so die O Eco-Analyse. Ein weitere desaströse Änderung in der nun seit zweieinhalb Jahren geltenden Gesetzgebung sieht die O Eco-Analyse in der Abschaffung der seit 1934 geltenden maximalen Bewilligungsdauer für Agrargifte von fünf Jahren. Binnen fünf Jahren musste eine neue Risikoanalyse vorgenommen werden, um das Produkt weiter im Markt anbieten zu können, und die neue Gesetzgebung, die eine unbegrenzte Zulassung vorsieht, so der O Eco-Bericht, verstoße gegen das Vorsorge-Prinzip.
O Eco kontrastiert die Analyse der neuen Gesetzgeung der Agrarchemikalien zudem mit den neuesten Fakten: Da die Zulassung nun einfacher sei, so die O Eco-Analyse, "werden in Brasilien immer mehr Pflanzenschutzmittel registriert. Nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums wurden allein im Jahr 2025 912 neue Zulassungen erteilt (darunter 162 biologische Pflanzenschutzmittel, eine Kategorie mit geringerem Risiko, die aus natürlichen Inhaltsstoffen hergestellt wird) – ein Anstieg von 37 Prozent gegenüber den 663 Zulassungen im Jahr 2024, was bereits den bisherigen Rekord darstellte. Nach Daten, die von Sonia Corina Hess, Chemieingenieurin und pensionierte Professorin der [Bundesuniversität] UFSC, erhoben und ((o))eco zur Verfügung gestellt wurden, wurden 2024 in Brasilien 907.500 Tonnen Pestizide verkauft, was 4,3 kg pro Einwohner entspricht. Im Vergleich zu 2019 stieg die Menge der verkauften Pestizide um 46,3 %, während die gesamte Anbaufläche des Landes im gleichen Zeitraum um 17,9 % zunahm – der Einsatz von Pestiziden stieg somit 2,6-mal stärker als die Anbaufläche. Den Daten zufolge ist Brasilien zudem der weltweit größte Verbraucher von Pestiziden – im Jahr 2023 wurden 755.400 Tonnen verkauft, verglichen mit 429.500 Tonnen in den USA, 294.900 Tonnen in Indonesien, 262.500 Tonnen in Argentinien und 218.000 Tonnen in China."
Der O Eco-Bericht ziziert die neue Auswertung, die die Investigativ-Jurnalist:innen von Repórter Brasil vor wenigen Monaten durchgeführt hatten (KoBra berichtete) Laut der Repórter-Brasil-Analyse der Daten des brasilianischen Gesundheitsministeriums durchlebte Brasilien 2025 das schlimmste Jahr der letzten elf Jahre in Bezug auf Vergiftungen durch Pestizide. Demnach wurden 9.729 Fälle registriert – was einem ein Anstieg von 84 Prozent im Vergleich zum Jahr 2015 bedeutet. Im Durchschnitt vergifteten sich im letzten Jahr 27 Menschen pro Tag, so die Berechnungen der Auswertung der Ministeriumsdaten durch Repórter Brasil. Den Daten zufolge waren in den Jahren zwischen 2015 und 2025 ein Viertel der Opfer Kinder im Alter von ein bis vier Jahren. Die Altersgruppe der am meisten Betroffenen war der Analyse zufolge die Altersgruppe der 20- bis 39-Jährigen mit 23.045 gemeldeten Vergiftungsvorfällen, was etwa einem Drittel der Gesamtzahl entspricht. In dieser Altersgruppe standen der Analyse zufolge 54 Prozent der Vorfälle im letzten Jahr im Zusammenhang mit der Arbeit, davon betrafen 80 Prozent mit Pestiziden für die Landwirtschaft.

Diese in der Tat erschreckenden Daten müssen noch durch eine weitere wichtige Analyse ergänzt werden. Der brasilianische Universitätsprofessor Marcos Pedlowski von der staatlichen Universität in Campos dos Goytacazes im Bundesstaat Rio de Janeiro hat in den vergangenen Jahren penibel Buch geführt über die von der Bundesregierung in Brasília jeweils neu zugelassenen Agrargifte. Vor Kurzem stellte er eine neue Analyse vor (Blog do Pedlowski):

"Seit 2019 verfolgt die "Beobachtungsstelle für Pestizide" des Blog do Pedlowski systematisch die vom Ministerium für Landwirtschaft und Viehzucht veröffentlichten Rechtsnormen, die den Vertrieb und die Verwendung neuer Agrargifte in Brasilien regulieren. In diesem Zeitraum hat sich ein besorgniserregender Trend wiederholt: Eine beträchtliche Anzahl der registrierten Produkte enthält Wirkstoffe, die in verschiedenen Ländern, insbesondere in der Europäischen Union, aufgrund von Belegen über ihre Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit und die Umwelt bereits verboten wurden oder deren Zulassung widerrufen wurde. [...] Brasilien festigt weiterhin seine Position als einer der weltweit größten Märkte für Substanzen, die von strengeren Regulierungssystemen abgelehnt werden. Mehr als nur eine einfache Statistik offenbart dieses Szenario einer politischen Entscheidung, die Umwelt- und Gesundheitsrisiken auf brasilianische Landarbeiter:innen, Verbraucher:innen und Ökosysteme abwälzt und gleichzeitig ein Agrarmodell aufrechterhält, das in hohem Maße vom intensiven Einsatz von Giftstoffen abhängig ist.
Tatsache ist, dass das heute (15. Juni 2026) vom Ministerium für Landwirtschaft und Viehzucht veröffentlichte Gesetz Nr. 34 vom 29. Mai 2026 einen tiefgreifenden Widerspruch in der brasilianischen Pestizidpolitik bestätigt: Während verschiedene Wirkstoffe in der Europäischen Union aus gesundheitlichen, ökologischen oder toxikologischen Gründen nicht mehr zugelassen sind, werden sie in Brasilien weiterhin registriert und verwendet. Bei der vom Blog do Pedlowski durchgeführten Überprüfung, wie berichtet, zeigt sich - auf der Grundlage der offiziellen Datenbank der Europäischen Union selbst -, dass mindestens 24 der 50 zugelassenen Registrierungen Substanzen enthalten, die in der offiziellen europäischen Datenbank als nicht zugelassen aufgeführt sind, darunter Acephat, Chlorthalonil, Ammoniumglufosinat, S-Metolachlor, Diquat, Isopyrazam, Chlorfenapyr, Ethiprol, Bifenthrin und Imidacloprid. Das Gesetz Nr. 34 selbst macht deutlich, dass viele dieser Produkte als "sehr gefährlich" oder "hochgefährlich" für die Umwelt eingestuft werden, was die Akzeptanz ihrer Präsenz auf brasilianischem Gebiet noch gravierender macht. [...]
Die Folgen für die brasilianische Bevölkerung liegen auf der Hand. Landarbeiter:innen, Bewohner:innen ländlicher Gebiete, indigene Gemeinschaften, Quilombolas, Kleinbäuer:innen, Konsument:innen kontaminierter Lebensmittel und ganze Ökosysteme fungieren nun als chemische Toleranzzone für Substanzen, die in strengeren regulierten Märkten keine Zulassung mehr finden. Es geht nicht nur um die direkte berufliche Exposition, obwohl dies einer der dramatischsten Aspekte des Problems ist. Das Sprühen vom Boden und aus der Luft, die Abdrift der Produkte, die Auswaschung in den Boden und das Eindringen in Grundwasserleiter, Flüsse, Teiche und Stauseen führen dazu, dass diese Verbindungen die Grenzen der landwirtschaftlichen Betriebe überschreiten und sich über das gesamte Gebiet ausbreiten, was zu einem Prozess der diffusen Kontamination führt, der schwer zu kontrollieren und zu überwachen ist. Infolgedessen gelangen Rückstände der Agrargifte in die Wasserversorgung, in pflanzliche und tierische Lebensmittel sowie in verschiedene Glieder der Nahrungskette und setzen Millionen von Brasilianer:innen einer Exposition aus, die nie direkten Kontakt mit der Anwendung dieser Produkte hatten.
Es handelt sich um eine chronische, stille und kumulative Exposition, deren Auswirkungen sich erst nach Jahren oder Jahrzehnten zeigen können und die in der wissenschaftlichen Literatur mit einem erhöhten Risiko für Krebs, neurologische Erkrankungen, Störungen des Hormonsystems, Fortpflanzungsprobleme und Entwicklungsstörungen bei Kindern in Verbindung gebracht wird. Das Gift ist somit nicht mehr nur ein lokal eingesetzter landwirtschaftlicher Betriebsstoff, sondern wird zu einem weit verbreiteten Umweltschadstoff, der in das Trinkwasser, die verzehrten Lebensmittel und die Ökosysteme, die das Leben erhalten, gelangt."

// Christian Russau