Maria Amelia Teles gestorben
Über viele Jahrzehnte hat sie die Erinnerung an die politischen Gefangenen und Verschwundenen der Militärdiktatur wach gehalten und sich mit Überlebenden und Angehörigen organisiert. Ebenso hat sie über viele Jahrzehnte feministische Basisorganisierung und Vernetzung vorangetrieben und ein Netzwerk für Widerstand gegen sexualisierte Gewalt aufgebaut und aufrechterhalten.
Amelinha wurde in Contagem im Bundesstaat Minas Gerais geboren und begann bereits in ihrer Jugend mit politischem Engagement. Sie war im Untergrundwiderstand gegen das Militärregime für die Kommunistische Partei Brasiliens (PCdoB) aktiv. Am 28. Dezember 1972 wurde sie in São Paulo verhaftet. Sie wurde brutal körperlich und sexuell gefoltert.
Zu dieser Zeit wurden auch ihre Kinder, Edson und Janaína, damals vier und fünf Jahre alt, entführt und in das Unterdrückungszentrum gebracht, um mit anzusehen, wie ihre Eltern gefoltert wurden. Nach ihrer Zeit in politischer Haft widmete Amelinha ihr Leben dem Einsatz für die Demokratisierung, dem Gedenken an die Toten und Verschwundenen sowie der Organisation feministischer Bewegungen.
Auf der Suche nach Gerechtigkeit reichte die Familie Teles im Jahr 2005 eine Feststellungsklage gegen Carlos Alberto Brilhante Ustra ein. Im Jahr 2008 wurde Ustra als erster Vertreter des brasilianischen Staates von der Justiz offiziell als Folterer der Diktatur anerkannt – eine Entscheidung, die später von den höheren Instanzen bestätigt wurde.
Amelinha war außerdem als Beraterin der Wahrheitskommission des Bundesstaates São Paulo „Rubens Paiva“ tätig und gehörte der Kommission der Angehörigen von politisch Getöteten und Verschwundenen an.
1984 gründete sie mit anderen die União de Mulheres de São Paulo (Frauenunion von São Paulo) und beteiligte sich während der Nationalen Verfassungsgebenden Versammlung aktiv an der sogenannten „Lobby do Batom“, die dafür sorgte, dass die Gleichberechtigung von Männern und Frauen in der Verfassung von 1988 verankert wurde.
Seit 1994 baute sie mit anderen das Netzwerke „Promotoras Legais Populares“ (PLPs) auf, eine Initiative zur juristischen Ausbildung von Frauen aus den Stadtteilen, Gemeinden und Basisorganisationen, die sich auf zahlreiche Communities im Bundestaat Sao Paulo und darüber hinaus ausweitete. Amelinhas Leben war durch ihren Einsatz für einen linken, antirassistischen, transinklusiven Feminismus und eine Politik des Gedenkens (memória) geprägt, die aus der Zeit der Miltärdiktatur Lehren für die Verteidigung umfassender demokratische Verhältnisse zieht.
Amelinha, ihre Tochter Janina haben des öfteren Deutschland besucht, Diktatur und Unterdrückung angeprangert. Amelinha berichtete auf Veranstaltungen über feministische Debatten und Positionen aus Brasilien und tauschte sich mit feministischen Bewegungen in Deutschland aus. Ihre gewinnende Art, ihr Humor, ihre Analysen und ihre Lebensgeschichte haben auch in Deutschland viele Menschen beeindruckt.
In Brasilien waren die Reaktionen auf den Tod von Amelinha überwältigend. Hier seien nur zwei Stimmen wiedergegeben:
Der Leiter des Generalsekretariats der brasilianischen Präsidentschaft, Guilherme Boulos, bedauerte den Tod der Aktivistin und hob den Einfluss ihres Lebenswerks auf das Land hervor. „Amelinha gehörte zu jenen Menschen, die tiefe Spuren in der Geschichte und im Leben derer hinterlassen, die das Glück hatten, ihren Werdegang kennenzulernen. Ihr Mut angesichts der Gewalt der Diktatur, ihr unermüdlicher Kampf für die Frauen, für die Menschenrechte, für die Erinnerung, für die Wahrheit und für die Gerechtigkeit sind ein immenses Vermächtnis für unser Land“, schrieb Boulos.
Im brasilianischen Abgeordnetenhaus bezeichnete die Abgeordnete Erika Hilton (PSOL-SP) die Aktivistin als „eine unaufhaltsame Kämpferin für die Rechte der Frauen und eine unvergleichliche Stimme im Kampf gegen die Militärdiktatur und für die Verurteilung ihrer Täter und Folterer“. Die Abgeordnete fügte hinzu, dass Amelinha „eine Inspiration für unser Land ist und die Geschichte unserer Demokratie geprägt hat“.
// Susanne Schultz, Hilde Hellbernd, Thomas Fatheuer
