Vor dem zweiten Wahlgang: Zwischen Hoffnung und Furcht
Das Ergebnis des ersten Wahlgangs war ein Schock, ohne Zweifel. Bolsonaro vor Lula - entgegen aller Umfragen. Und in der Wahlnacht war schon auch klar, dass die Rechte im Senat und im Abgeordnetenhaus gestärkt ist. Einzelne Ergebnisse sind besonders bitter, wie das Scheitern von Marina Silva und Benedita da Silva bei den Wahlen zum Senat. Beide lagen in den Umfragen deutlich vorne.
Die Wahlnacht vom 4. Oktober war einen Moment der Trauer, aber ab Montag wurde der Kampf ausgerufen. Sich Schütteln und nach vorne Schauen, so die Devise. Allen ist klar, dass es sehr, sehr schwierig sein wird, das Blatt zu wenden, aber es ist nicht unmöglich. Nie war der Abstand zwischen den beiden Erstplatzieren so groß wie in diesem Jahr. Und in den vorangegangenen Wahlen hat es zwischen dem ersten und dem zweiten Wahlgang eine Verschiebung zugunsten des Zweitplazierten gegeben. Die Angst vor einer Niederlage scheint mehr zu mobilisieren als ein greifbarer Sieg.
Und am ersten langen Wochenende (der 12.10. war Feiertag) haben die „Lulistas“ die Straßen erobert, mehr als eine Million auf der Avenida Paulista, mehrere hunderttausend in Rio. Die Stimmung war ausgelassen, fast schon euphorisch. Aber im Hintergrund lauert die Angst. In fast allen Gesprächen wird die Befürchtung geäußert, dass eine zweite Regierung Bolsonaro viel schlimmer würde als die erste. Das Bolsonaro-Lager ist im Parlament gestärkt und könnte in den nächsten Jahren mindestens vier neue Richter für den Obersten Gerichtshof STF benennen. Und obwohl Flávio Bolsonaro etwas gemäßigter auftritt als sein Vater - beide vertreten dasselbe politische Lager. Kurz gesagt: Bolsonaros Sohn wird mehr Kompetenz zugetraut, das Böse nicht nur zu verkünden, sondern auch umzusetzen. Was überall zu spüren ist, ist kein bemühter Zweckoptimismus, eher die Gewissheit, dass jetzt noch eine reelle Chance besteht, die man nutzen kann. Aber natürlich wissen alle, dass es schwer bis unwahrscheinlich ist, die Wende herbeizuführen.
Die Eroberung der Straße garantiert aber keinen Wahlsieg, wahrscheinlich sind die digitalen Medien wichtiger. Und hier hat sich im ersten Wahlgang wieder auch die Stärke des rechtsradikalen Lagers erwiesen. Wieder war Nikolas Ferreira, der junge rechtsradikale Influencer, mit über 3 Millionen Stimmen der meistgewählte Abgordnete Brasiliens, dicht gefolgt von seinem Verbündeten Lucas Pavonoto.
Ein Lichtblick auf dem dritten Platz dieser Listen: Erika Hilton, Aktivistin, Trans und Kandidatin der PSOL. Trotz einzelner sehr erfolgreichen Kanditat*innen war das Gesamtergebnis die PSOL enttäuschend: Im Bündnis mit einer anderen Partei (REDE) erreichte sie nicht die Grenze von 1,5% in neun Bundstaaten, somit erhält sie keine Wahlkampfinanzierung.
Ein Lichtblick auf Seiten der PT war das herausragende Ergebnis der nur 21-jährigen Ana Elisa Santos Silva, die damit zur jüngsten schwarzen Abgeordneten in der Geschichte Brasiliens wird und aufgrund ihrer Präsenz in den digitalen Medien gewählt wurde.
Jetzt jedenfalls gilt es jede mögliche Stimme für Lula zu mobilisieren - auch in Deutschland.
// Thomas Fatheuer
