Kollektiver Widerstand gegen das neue Berggeschrey im brasilianischen Bundesstaat Goiás

Die vom Bergbau in Goiás betroffenen Gemeinschaften haben sich im August zusammengeschlossen und einen offenen Brief im Widerstand gegen die Bergbauexplorationspläne im Bundesstaat verfasst.
| von Christian.russau@fdcl.org
Kollektiver Widerstand gegen das neue Berggeschrey im brasilianischen Bundesstaat Goiás
Bergbau in Brasilien. Foto: christian russau

Brasilien verfügt über eines der weltweit größten bekannten Vorkommen von kritischen Rohstoffen und sogenannten Seltenen Erden. Der Run auf die Seltenen Erden - für Hochtechnologie, für die Energietransition, für Waffen - wird von den Regierungen der Bundes-, der Landes- und auch vieler Munizipalebenen durch Steuererleichterungen, Subventionsanreize, flexibilisierte Umweltgenehmigungen usw. gefördert, gepuscht und vorangetrieben. Auch andere Länder - u.a. auch die Bundesrepublik Deutschland - haben ihr Augenmerk auf Brasilien gerichtet, um der Monopolstellung Chinas bei Seltenen Erden entgegenzuwirken. Doch die vom Bergbau betroffenen Gemeinschaften in Goiás wollen keine Opfergebiete sein - und erklären ihren Widerstand.

KoBra dokumentiert hier in deutschsprachiger Übersetzung die Carta Insurgente:

Carta Insurgente (Aufständischer Brief) des Treffens der vom Bergbau in Goiás betroffenen Gemeinschaften

Kollektiv während des Treffens in der Region von Goiânia erarbeitetes Dokument, 11. und 12. August 2026.

Wir sind Familien, Gemeinschaften, Kollektive, Organisationen und soziale Bewegungen, die sich aus der dringenden Notwendigkeit versammelt haben, um uns zu unterstützen und um der Öffentlichkeit die Probleme bekannt zu machen, denen wir uns in den Regionen ausgesetzt sehen, wo sich extraktive Vorhaben, vor allem großer Bergbauunternehmen niedergelassen haben.

Die Unternehmen - immer stark unterstützt durch die Landes- und Munizipalregierungen - machen viel Propaganda in Bezug auf die Vorzüge, die sie angeblich fördern: Arbeitsplätze für die Bevölkerung, punktuelle Investitionen in Kultur, in Freizeit und in Bildung, Verteilung von Pflanzsetzlingen

Aber die durch den Bergbau verursachten sozialen und Umweltfolgen werden fast nie aufgezeigt. Auf dem Treffens der vom Bergbau in Goiás betroffenen Gemeinschaften, das am 11. und 12. August 2026 stattfand, haben wir unzählige Berichte zusammengetragen, die zeigen, wie Familien und ganze Gemeinschaften unter einer Reihe von Rechtsverletzungen leiden und miterleben müssen, wie die Umwelt, insbesondere ihre Wasserquellen, sowie ihre Lebensweisen und Lebensgrundlagen nach und nach zerstört werden.

Das Fortschreiten der Bergbaukonzerne in unsere Territorien verursacht:

Verlust von Grundbesitz, ohne Zugang zu fairen Verhandlungen; Verlust von gemeinschaftlich genutzten Flächen; Verarmung von Familien; Rodungen – unter Umständen sogar nicht gestattet – von natürlichen Sammelgebieten und Quellgebieten; Versiegen von Quellen; Rückgang der Durchflussmengen der Flüsse und eingeschränkter Zugang zu Trinkwasser; Ende der Laichwanderungen in Flüssen; Furchen von Erosion auf dem Land und Erosion an Flussufern; Verbot oder Verunmöglichung von Fischereitätigkeiten; Verschmutzung des Flussbetts durch giftige Substanzen; Verschmutzung des Grundwassers; Zerstörung des Lebensraums von Wildtieren, die dadurch eine Bedrohung für die Bevölkerung und deren Tierbestände darstellen; Krater und Schluchten; Luftverschmutzung und Lärmbelästigung, sei es durch Sprengungen und andere Bergbauverfahren oder durch den Verkehr von Transport-LKWs; Überwachung und Verlust der Privatsphäre; Kriminalisierung.

Wir erleiden den Mangel an Zugang, dass wir angehört werden seitens der Behörden, den Mangel an Überprüfung der Aktivitäten der Bergbaufirmen und die Schwierigkeiten des Zugangs zur Justiz. Wir akzeptieren es nicht, dass die Beweislast für die durch diese Projekte verursachten ökologischen und sozialen Schäden uns, den betroffenen Familien, angelastet wird.

Wir bringen hiermit unsere Empörung zum Ausdruck über die Angriffe der Legislative auf die Umweltschutzgesetze und die Lockerung des Umweltgenehmigungsgesetzes, die die Kontroll- und Überwachungsstrukturen für diese Projekte untergraben. Der fehlende Schutz der Gemeinschaften, des Cerrado und unserer Gewässer ist vor dem Hintergrund der Klimakrise umso gravierender.

Wir bringen zudem unsere starke Ablehnung gegenüber den von der Landesregierung unter Ronaldo Caiado und Daniel Vilela geschaffenen Gesetzen zum Ausdruck, die den Ausbau des Abbaus kritischer und strategischer Mineralien und insbesondere von Seltenen Erden in Goiás fördern sollen, ohne jegliche gesellschaftliche Diskussion, unter Ausblendung der schwerwiegenden Umweltbelastungen, die der Abbau dieser Mineralien in Gebieten auf der ganzen Welt verursacht, und ohne die Schaffung jeglicher Mechanismen zur Konsultation der betroffenen Bevölkerung.

Wir fordern:
-> Breite Teilhabe der Gesellschaft - unter Einbeziehung der betroffenen Gemeinschaften, von Forscher:innen und Organisationen zur Verteidigung der Rechte der Landbevölkerung, der indigenen Völker und traditionellen Gemeinschaften - in den Entscheidungsremien über staatliche Anreize für Bergbau in dem Bundesstaat, einschließlich Sitzen in der staatlichen Behörde für kritische Mineralien. Wir werden nicht akzeptieren, dass die Einstufung eines Minerals als „kritisch“, „strategisch“ oder „von nationalem und/oder öffentlichem Interesse“ den Gemeinschaften das Recht nimmt, an Entscheidungen über ihre Gebiete mitzuwirken.
-> Die Einhaltung des Übereinkommens Nr. 169 der Internationalen Arbeitsorganisation, das Brasilien unterzeichnet hat und das die Durchführung einer vorherigen, freien, informierten und in gutem Glauben erfolgenden Konsultation mit indigenen Völkern, Quilombola-Gemeinschaften und anderen traditionellen Völkern und Gemeinschaften in den von Bergbauprojekten betroffenen Gebieten vorschreibt.
-> Transparenz bei der Verwendung von Mitteln aus der Erhebung der CFEM-Abgabe, der Zahlung von Lizenzgebühren, Umweltstrafen und sonstigen Entschädigungszahlungen an den Staat und die Gemeinden im Zusammenhang mit Bergbauaktivitäten sowie die Gewährleistung, dass diese Mittel in den betroffenen Regionen eingesetzt werden, neben weiteren Mechanismen, die den betroffenen Familien Wiedergutmachung garantieren.
-> Erhebung der ICMS-Steuer auf Bergbauaktivitäten als Maßnahme, um die Chancen zu verbessern, den durch das Kandir-Gesetz im Land ausgelösten Deindustrialisierungsprozess umzukehren, der uns in der Rolle eines Rohstoffexporteurs gefangen hält – ein Modell, das durch die Fördergesetze der Regierung Caiado fortgeführt wird.
-> Die Schaffung rechtlicher Mechanismen, die verhindern, dass die Nationale Bergbaubehörde Mineralienerkundungen genehmigt, die sich mit Umweltschutzgebieten, Quilombola- und indigenen Gebieten, bäuerlichen Gemeinschaften, ländlichen Siedlungen und Gebieten anderer traditioneller Gemeinschaften und Völker überschneiden sowie mit Gebieten, in denen sich Grundwasser neu bildet und in Wassereinzugsgebieten.

Diese Maßnahme zielt darauf ab, den starken Druck der Bergbaukonzerne auf Gebiete einzudämmen, die aufgrund ihrer ökologischen, sozialen und kulturellen Bedeutung sowie ihrer Bedeutung für die Ernährungssicherheit des Landes geschützt werden müssen. Wir sprechen hier für den Schutz der Völker und Gemeinschaften des Cerrado, erkennen jedoch an, wie wichtig es für das globale ökologische Gleichgewicht ist, dass die traditionellen und indigenen Bevölkerungsgruppen, die die übrigen brasilianischen Biome schützen, ebenfalls geschützt werden.

-> Die Einrichtung spezieller Abteilungen bei der Staatsanwaltschaft des Bundesstaates, der Bundesstaatsanwaltschaft und den öffentlichen Rechtsbeistandsstellen zur Entgegennahme von Anzeigen wegen Rechtsverletzungen und möglicher Straftaten im Zusammenhang mit diesen Konflikten, um angesichts der Vielzahl von Drohungen und der Tendenz zur Zunahme von Konflikten im Zusammenhang mit dem Bergbau im Bundesstaat eine zügigere Einleitung von Ermittlungen und die Erhebung von Beweismitteln zu ermöglichen.

Wir bekräftigen:
Unser Land, unsere Gebiete sind keine Handelsware. Wir verteidigen unser Recht, NEIN zum Bergbau zu sagen, wenn dessen Auswirkungen mit dem Erhalt unserer Gebiete und unserer Lebensweisen unvereinbar sind. Wir haben das Recht auf Selbstbestimmung, auf territoriale Souveränität und darauf, über die Zukunft der Orte zu entscheiden, an denen wir leben.

Es ist nicht gerecht, dass wir unser Land und unsere Gebiete im Namen der Bereicherung anderer verlieren. Wir sind keine Opfergebiete und werden es auch nicht sein.

Treffen der vom Bergbau betroffenen Gemeinschaften in Goiás

Goiânia, 12. August 2026

An diesem Treffen nahmen 42 Personen, 17 Gemeinden aus 12 Gemeinden sowie Vertreter*innen von 18 Kollektiven, Bewegungen und Organisationen teil, die in Goiás aktiv sind.

// Vorspann-Text und Übersetzung: christian russau

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