Neue Auswertungen und neue Studie zu Agrarchemikalien in Brasilien
Laut einer neuen Analyse der Daten des brasilianischen Gesundheitsministeriums, die die Investigativjournalist:innen von Repórter Brasil unlängst vorgenommen haben, durchlebte Brasilien 2025 das schlimmste Jahr der letzten elf Jahre in Bezug auf Vergiftungen durch Pestizide. Demnach wurden 9.729 Fälle registriert – was einem ein Anstieg von 84 Prozent im Vergleich zum Jahr 2015 bedeutet. Im Durchschnitt vergifteten sich im letzten Jahr 27 Menschen pro Tag, so die Berechnungen der Auswertung der Ministeriumsdaten durch Repórter Brasil. Den Daten zufolge waren in den Jahren zwischen 2015 und 2025 ein Viertel der Opfer Kinder im Alter von ein bis vier Jahren. Die Altersgruppe der am meisten Betroffenen war der Analyse zufolge die Altersgruppe der 20- bis 39-Jährigen mit 23.045 gemeldeten Vergiftungsvorfällen, was etwa einem Drittel der Gesamtzahl entspricht. In dieser Altersgruppe standen der Analyse zufolge 54 Prozent der Vorfälle im letzten Jahr im Zusammenhang mit der Arbeit, davon betrafen 80 Prozent mit Pestiziden für die Landwirtschaft.
Diese Daten müssen vor dem Hintergrund gelesen werden, dass Brasilien seit dem Jahr 2008 der weltgrößte Verbraucher von Agrarchemikalien ist. Und die Zahlen staatlicher Zulassungen von Genehmigungen hatte unter der Regierung von Jair Bolsonaro (2019-2022) deutlich zugenommen und unter der Regierung Lula (2023-) weiterhin hoch verlieben war. Nun im Jahr 2025 brach Brasilien dann wieder den Rekord bei der Zulassung und Vermarktung von Pestiziden: Allein im Jahr 2025 gab es dem Bericht von Repórter Brasil zufolge 914 neue Registrierungen von Agrarchemikalien, was laut Daten des Ministeriums für Landwirtschaft und Viehzucht MAPA einem Anstieg von satten 38 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Der Gesamtabsatz an Pestiziden in Brasilien erreichte demnach im Jahr 2024 ganze 825.800 Tonnen, was laut Daten der brasilianischen Umweltbehörde IBAMA einem Wachstum von 9,3 Prozent gegenüber 2023 entsprach, so Repórter Brasil.
Zudem hat vor Kurzem ein Bericht Aufsehen erregt, der vom Komitee der Campanha Permanente contra os Agrotóxicos e pela Vida in Dourados-MS und der staatlichen Fundação Oswaldo Cruz aus dem Bundesstaat Ceará in Kooperation mit der Bundesuniversität von Grande Dourados erstellt wurde: Die Studie "Impactos de agrotoxicos em comunidades indigenas e camponesas no MS" (hier der Link zur kompletten Studie auf Portugiesisch: https://contraosagrotoxicos.org/wp-content/uploads/2026/02/Relatorio-Impactos-de-agrotoxicos-em-comunidades-indigenas-e-camponesas-no-MS.pdf) analysiert die Auswirkungen der Pestizidbelastung auf indigene und bäuerliche Gemeinschaften im zentralbrasilianischen Bundesstaat Mato Grosso do Sul. Die Studie vereint Daten aus Feldstudien, aus öffentlichen Gesundheitsdatenbanken und die Ergebnisse wissenschaftlicher Fachliteratur zum Thema, um - so die Herausgeber:innen - "zu verstehen, wie sich der intensive Einsatz von Agrargiften auf Gebiete, Lebensweisen und die Gesundheit der Bevölkerung auswirkt".
Die Ergebnisse der Studie zeigen einen starken Zusammenhang zwischen landwirtschaftlichen Flächen in Monokultur – insbesondere Soja und Mais – und der Häufigkeit von Vergiftungen durch Pestizide. Der Untersuchung zufolge bestehe eine "Korrelation zwischen landwirtschaftlicher Produktion und Vergiftungen", da Gemeinden mit höheren Produktionsmengen auch diejenigen mit den höchsten Kontaminationsraten sind. Zwischen 2006 und 2024 wurden im Bundesstaat Mato Grosso do Sul insgesamt 4.192 Vergiftungsfälle gemeldet, durchschnittlich etwa 20 Fälle pro Monat, wobei der Hauptort des Auftretens der Wohnort war, "was auf eine tägliche und anhaltende Exposition hindeutet", so die Autor:innen der Studie. Die Untersuchung zeigt zudem, dass 86,4 Prozent der befragten Personen bereits eine Vergiftung durch Agrarchemikalien erlitten habe, hauptsächlich über die Atemwege, aber auch durch Hautkontakt und den Verzehr kontaminierter Lebensmittel. Symptome wie Augenschmerzen, Übelkeit, Durchfall, Schwäche und Erbrechen traten demnach häufig auf und stimmen mit den in der Literatur beschriebenen Krankheitsbildern überein, so die Studie.
Ein Großteil der Teilnehmer:innen berichtet von einer Exposition über ein Jahr oder länger, "was zu subchronischen und chronischen Zuständen führt", so die Autor:innen in ihrer Analyse. Der Bericht hebt außerdem hervor, dass es in den untersuchten Gemeinden "unfreiwillige subchronische und chronische Expositionen gegenüber Pestiziden" gibt. Zu den selbst gemeldeten Gesundheitsproblemen zählen Kreislauf-, Nieren-, Atemwegs- und Immunerkrankungen sowie Krebs, darüber hinaus berichten die Betroffenen von einer Zunahme von Autismus bei Kindern und angeborenen Herzfehlern bei Neugeborenen, vor dem Hintergrund eines starken Einsatzes von Pestiziden und einer Untererfassung der Fälle im Einheitlichen Gesundheitssystem.
Mehr als 90 Prozent der Befragten gaben der Studie zufolge an, dass ihre landwirtschaftlichen Produktionsflächen für den Eigenbedarf von Pestizidabdrift betroffen seien. Dadurch, so die Autor:innen, bestehe die Gefahr „einer Beeinträchtigung der Ernährungssouveränität durch die Exposition von Agroforstgärten mittels Pestiziden" hin. Die Studie dokumentiert zudem sozioökologische Konflikte im Zusammenhang mit dem Sprühen von Pestiziden, darunter auch Berichte über den Einsatz dieser chemischen Substanzen als Mittel zur Ausübung von territorialem Druck. Es gibt aus vielen Regionen Brasiliens erschütternde Berichte darüber, wie Fazendeiros das oft aus der Luft per Flugzeug oder per Drohne erfolgte Versprühen von Agrarchemikalien als Druckmittel einsetzen, um die von der Abdrift getroffenen Gemeinschaften zur Landaufgabe zu bewegen - was Kritiker:innen zufolge in mehreren Fällen auch schon verglichen wurde mit einer Art "chemisch geführtem Krieg gegen die lokale Landbevölkerung".
Der Bericht zu den Auswirkungen des Pestizideinsatzes auf indigene Gemeinschaften in Mato Grosso do Sul hier im Executive Summary, übersetzt (u.a. mittels Unterstützung KI-basierter Übersetzungstools) ins Deutsche (Originalquelle: https://contraosagrotoxicos.org/relatorio-aponta-impactos-de-agrotoxicos-e-avanco-de-mediacao-de-conflitos-em-terras-guarani-no-ms/ )
Executive Summary:
● Zusammenhang zwischen landwirtschaftlicher Produktion und Vergiftungen: Die räumliche Verteilung von Monokulturen steht in engem Zusammenhang mit Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit, da Städte mit höheren exogenen Vergiftungsraten durch Pestizide dieselben sind, in denen die landwirtschaftliche Produktion, insbesondere von Soja und Mais, am höchsten ist.
● Beeinträchtigung der Ernährungssouveränität durch die Exposition von Agroforstflächen gegenüber Pestiziden: Mehr als 90 % der Befragten gaben an, dass die Flächen für die Subsistenzwirtschaft durch den Einsatz von Pestiziden beeinträchtigt sind, vor allem aufgrund der geringen Entwicklung des agroökologischen Anbaus aufgrund von Abdrift;
● Unfreiwillige subchronische und chronische Exposition gegenüber Pestiziden: Von den befragten Personen gibt die Mehrheit an, seit mindestens einem Jahr einer kontinuierlichen Exposition gegenüber Pestiziden ausgesetzt zu sein
● Untererfassung und öffentliche Gesundheit: Es gibt eine hohe Untererfassungsrate für Pestizidbelastungen im Einheitlichen Gesundheitssystem. Von allen Befragten, die angaben, bei Pestizidbelastung ärztliche Hilfe in Anspruch genommen zu haben, wurde nur in zwei Fällen (16 %) das Formular „Exogene Vergiftung” ausgefüllt.
● Daten zu Vergiftungen und öffentliche Politik: Die wiederkehrende Untererfassung von exogenen Vergiftungen im Gesundheitssystem für der Exposition gegenüber Pestiziden ausgesetzte Bevölkerungsgruppen weist auf eine Schwäche bei der Operationalisierung dieser Daten für die Gestaltung der öffentlichen Politik zur Minderung der Exposition gegenüber Pestiziden hin.
● Autismus bei Kindern und Herzerkrankungen bei Neugeborenen: Es gibt eine hohe Anzahl von Gemeinschaftsberichten über Geburten von Kindern mit Autismus-Spektrum-Störungen im Zusammenhang mit dem intensiven Einsatz von Glyphosat im Bundesstaat sowie über Neugeborene mit angeborenen Herzerkrankungen;
● Chemische Waffe: Berichte deuten darauf hin, dass Pestizide als Mittel in sozialen und ökologischen Konflikten für andere Zwecke als die landwirtschaftliche Nutzung eingesetzt werden, insbesondere in Gebieten mit Territorialstreitigkeiten;
● Sprühen aus der Luft: Obwohl das Sprühen im Bundesstaat noch überwiegend vom Boden aus erfolgt, gibt es Berichte über Sprühen aus der Luft mit schädlichen Auswirkungen auf die Gebiete, ohne Rücksicht auf die Windrichtung und Mindestabstände
● Verstoß gegen Verfassungsgrundsätze: Zu den öffentlichen Auswirkungen des Einsatzes von Pestiziden gehören Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit mit generationenübergreifenden Risiken sowie kollektive und diffuse Risiken und Verstöße gegen Verfassungsgrundsätze wie den Zugang zu Gesundheit und einer ökologisch ausgewogenen Umwelt;
● Empfehlungen: Die zentralen Empfehlungen auf der Grundlage der beobachteten Daten sind die Anwendung des Vorsorgeprinzips, die Stärkung der Daten im öffentlichen Gesundheitssystem (SUS), insbesondere derjenigen, die mit der Gesundheitsüberwachung zusammenhängen, die Einschränkung (und idealerweise die Abschaffung) des Einsatzes von Pestiziden und die Vertiefung von Längsschnittstudien in den untersuchten Populationen, insbesondere mit epidemiologischen Methoden.

