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War da wem unsere Kritik peinlich?

Deutsche Außenhandelskammer São Paulo (AHK São Paulo) entfernt klammheimlich Lobhudelei von mutmaßlichem Folterunterstützer.
War da wem unsere Kritik peinlich?

Screenshot der würdigenden Erwähnung der Ehrenmitgliedschaft von João Baptista Leopoldo Figueiredo

Die größte deutsche Außenhandelskammer der Welt, die AHK São Paulo, hatte im vergangenen Jahr stolz zu ihrem 100-Jährigen Jubiläum eingeladen. Zur Krönung beging sie am 23. November 2016 in São Paulo eine große Gala zur 100-Jahr-Feier. In einer zu diesem Anlass erstellten Online-Publikation ging die AHK auf die Dienste ihres langjährigen Präsidenten João Baptista Leopoldo Figueiredo mit lobenden Worten ein, der während seiner 19 Jahre währenden Präsidentschaft (1948-1967) "mit großem Erfolg" die Arbeit der AHK São Paulo geleitet habe und der deshalb 1967 die Ehrenmitgliedschaft der AHK São Paulo verliehen bekommen habe.

Unberücksichtigt blieb dabei aber dessen Rolle während der brasilianischen Militärdiktatur.

 

Zur Rolle des langjährigen AHK-São Paulo-Vorsitzenden João Baptista Leopoldo Figueiredo

Der 1910 in Santos geborene Bankier war Cousin des späteren SNI-Geheimdienstchefs und Militärpräsidenten João Baptista de Oliveira Figueiredo. Er wurde 1948 Präsident der 1916 gegründeten Deutsch-Brasilianischen Industrie- und Handelskammer São Paulo. Nach seinem Abschied 1967 wurde er Präsident von Saab-Scânia do Brasil und war zudem 1963 bis Mitte der 1970er Jahre Mitglied des Prüfungsrates (Conselho Fiscal) von Volkswagen do Brasil.

1961 gründete Figueiredo zusammen mit Gleichgesinnten das Forschungszentrum Ipês, das im Verdacht steht, zwischen 1961 und 1964 gezielt bei der Unternehmerschaft São Paulos Mittel für einen Umsturz gegen die Regierung von João Goulart gesammelt zu haben. Die US-amerikanische unternehmerfreundliche Zeitschrift Fortune berichtete bereits ein halbes Jahr nach dem Militärputsch im September 1964 ausführlich unter dem Titel "When Executives turns Revolutionaries" (hier eine portugiesischsprachige Zusammenfassung des Texts) über die konspirative Arbeit des Ipês unter maßgeblicher Führung Figueiredos. Die Putschisten von 1964 nannten sich selbst "Revolutionäre".

Figueiredos Verstrickungen in die Militärdiktatur gehen aber noch tiefer. So berichtet selbst die konservative Tageszeitung Globo 2013 in der historischen Rückschau über Figueiredo, dass dieser in wichtiger Position Gelder für die Folterzentren von São Paulo gesammelt habe. Die beiden Globo-Journalisten José Casado und Chico Otavio urteilten in ihrem Bericht, es gebe zwar "keine genauen Zahlen", aber es sei "bekannt, dass der Geldfluss für die Repression bedeutend war". Die Journalisten nennen eine Handvoll Personen, die diese Sammlungen in der Unternehmerschaft von São Paulo organisiert hätten, darunter Figueiredo, langjähriges "Ehrenmitglied" der AHK São Paulo, die auch vom bundesdeutschen Wirtschaftsministerium mit Geldern gefördert wird.

In São Paulo, dem Wirtschaftszentrum Brasiliens, war Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jare die Repression schlimmer als in vielen anderen Orten und Regionen des Landes, denn dort war die Sorge der Wirtschaftsbosse vor "kommunistischen Umtrieben" am ausgeprägtesten. Aufseiten der Sicherheitsorgane und der Regierung war man der Ansicht, die Unternehmerschaft São Paulos könnte durchaus einen Beitrag zur Bekämpfung der "Gefahr eines kommunistischen Umsturzes" leisten: Man bat sie um finanzielle Unterstützung, weil dem damaligen brasilianischen Staat angeblich die Mittel zur erforderlichen Überwachung und Niederschlagung der "subversiven Elemente" fehlten, wie es Chaim Litewski in seinem 2009 erschienenen Dokumentarfilm "Cidadão Boilesen", für den er auch ehemalige Militärs interviewte, nachgezeichnet hat.

Laut dem brasilianischen Journalisten Elio Gaspari habe die Unternehmerschaft von São Paulo zwischen 1968 und 1974, "immer wenn sie darum gebeten wurde, Geld gegeben". Im Fall des Folterzentrums OBAN sei es um Beträge von rund 100.000 US-Dollar im Jahr gegangen. Die seien für die Ausstattung des Folterzentrums verwendet worden, während Löhne und Gehälter aus den Haushalten der Streitkräfte sowie aus dem Landeshaushalt bestritten wurden. Solche Unterstützung der Unternehmerschaft beim Aufbau des Folterzentrums OBAN bestätigten Anfang der 1990er Jahre zwei Ex-Militärs in Interviews, die die Ex-Generäle Cyro Guedes Etchegoyen und Gustavo Moraes Rego Reis Historikern des Zeitgeschichtlichen Forschungszentrums der Stiftung Getúlio Vargas gaben.

Im Folterzentrum OBAN, das ab 1970 unter dem Namen DOI-CODI operierte, wurden neuesten Erkenntnissen zufolge 66 Menschen ermordet, 39 von ihnen starben an den Folgen der Folter. Von weiteren 19 Menschen ist bekannt, dass sie verhaftet und ins OBAN verbracht wurden. Seither gelten sie als verschwunden.

 

Kritik geäußert -- erstmal Stille, dann einfach gelöscht

Die Kritik an solch kritiklosem (oder historisch unbedarft-unbewußt-unbedachtem) Umgang seitens der AHK São Paulo mit der eigenen historischen Verantwortung haben wir an mehreren Stellen auf deutsch [hier, hier, hier und hier] und portugiesisch [hier] vorgebracht.

Die Reaktion von Seiten der AHK São Paulo: Null. Stille. Schweigen.

Das dachten wir bis heute. En passant die Webseite der 100-Jahr-Publikation gecheckt, und siehe da: die inkriminierende Stelle, die auf das Jahr 1967 verweist, in dem João Baptista Leopoldo Figueiredo von der AHK São Paulo wegen seines "großen Erfolges" die Ehrenmitgliedschaft der Aussenhandelskammer verliehen wurde, ist von der Webseite nun mittlerweile verschwunden [auf unserer Facebook-Seite haben wir eine Gegenüberstellung der zwei Screenshots vorgenommen]. Da keine diesbezügliche, den Vorgang erklärende Mitteilung der AHK São Paulo aufzufinden ist [sollte es dennoch eine geben, wären wir für die Zusendung derselben außerordentlich dankbar!, Anm.d.A.], müssen wir bislang davon ausgehen, dass die inkriminierende Stelle klammheimlich entfernt wurde. Gut, dass João Baptista Leopoldo Figueiredo keine Ehrung mehr öffentlich zuteil wird, - schlecht, dass dieser Schritt von der AHK São Paulo klammheimlich und im Stillen vollzogen wurde. Historische Aufarbeitung der eigenen Geschichte braucht mehr als nur ein "delete".