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Präsidentschaftswahlen: ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Marina Silva und Dilma Rousseff

Der Tod des Präsidentschaftskandidaten Eduardo Campos mischt den Wahlkampf in Brasilien auf. Marina Silva rückte an seine Position und vereint nach aktuellen Umfragen überraschend viele Stimmen auf sich. Der Thron der amtierenden Präsidentin Dilma Rousseff beginnt bereits zu wackeln.
Präsidentschaftswahlen: ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Marina Silva und Dilma Rousseff

Marina Silva, http://marinasilva.org.br/imprensa/#!/fotos

Durch den tragischen Flugzeugabsturz des Spitzenkandidaten Eduardo Campos (PSB – Partido Socialista Brasileiro) am 13. August wurden die Karten für den Präsidentschaftswahlkampf neu gemischt. Mit dem erst 49-Jährigen starb nur zwei Monate vor den Präsidentschaftswahlen einer der beiden wichtigsten Rival*innen der amtierenden Präsidentin Dilma Rousseff im Rennen um das höchste Amt im Lande. Er galt vielen als einer der fähigsten und verheißungsvollsten Politiker des Landes, denn er verkörperte jenen Typ Politiker, den sich viele Brasilianer*innen wünschen: ehrlich, bescheiden, volksnah, unbestechlich und um die Sorgen der Bürger*innen besorgt. Dass er genau an demselben Tag starb wie sein legendärer Großvater 2005, Miguel Arraes, eine linke Ikone der 60er Jahre, wird seinen Mythos noch steigern.

Er bewies Mut, als er im letzten Herbst mit seiner Partei PSB die Koalition mit der regierenden Arbeiterpartei PT (Partido dos Trabalhadores) verließ, um seine eigene Präsidentschaftskandidatur vorzubereiten. Seitdem war er immer wieder Zielscheibe heftiger Attacken aus der PT. Er versuchte die politische Dichotomie zwischen Arbeiterpartei PT und der bürgerlichen PSDB (Partido da Social Democracia Brasileira) aufzubrechen, die sich seit Jahrzehnten an der Macht abwechseln. Damit hätte Eduardo Campos langfristig für all jene eine politische Option werden können, die sich einen Wandel wünschen - das sind über 70 Prozent der Brasilianer*innen.

Nur eine Woche nach dem Tod ihres Spitzenkandidaten hat die PSB die ehemalige Umweltministerin Marina Silva zur neuen Präsidentschaftskandidatin gekürt. Sie war bisher die Kandidatin für das Amt der Vize Präsidentin. Da sie jedoch nicht direkt aus der PSB kommt, konnte sie die Nachfolge nur unter der Bedingung antreten, die von Eduardo Campos getroffenen Koalitionsvereinbarungen, sowie das von ihm erarbeitete Regierungsprogramm umzusetzen. Damit tritt Marina Silva ein großes politisches Vermächtnis an. Dass sie diesem gerecht werden kann, hat sie in ihrer langen politischen Karriere als Abgeordnete, Senatorin und Ministerin unter Beweis gestellt.

Die Nominierung von Marina Silva verändert den Verlauf des Wahlkampfes grundlegend. Aufgrund ihrer Biografie verkörpert sie für viele Brasilianer*innen eine politische Alternative - mehr als jede*r andere Kandidat*in dies tut. Vielleicht auch mehr als Eduardo Campos dies vermocht hatte. In armen Verhältnissen mit elf Geschwistern groß geworden, lernte sie erst mit 16 lesen und schreiben. Sie studierte und engagierte sich früh in der Befreiungsbewegung und als Umweltaktivistin an der Seite von Chico Mendes. Die 56-jährige Marina Silva könnte viele junge Brasilianer*innen für sich gewinnen, die während der Proteste zur WM auf der Straße ihren Unmut gezeigt hatten. Gleichzeitig steht sie jedoch auch für einen ganz anderen Teil des Landes. Silva gehört einer der größten evangelikalen Kirchen Brasiliens an, der Assembleia de Deus. Diese ist gegen die Abtreibung und gegen Ehen unter Homosexuellen. Wie Silva dazu Stellung nimmt, ist noch unklar. Das dürfte ihr aber durchaus Stimmen aus konservativeren Lagern zutreiben. Jedoch könnten auch manche liberaleren Wähler*innen dadurch auf Distanz gehen.

Marina Silva tritt nun am 5. Oktober zusammen mit Dilma Rousseff (PT) und Aécio Neves, der der Mitte-rechten Sozialdemokratischen Partei Brasiliens (PSDB) angehört, bei den Präsidentschaftswahlen an. Die Ergebnisse aktueller Umfragen verheißen eine Sensation. Silva liegt bei den Umfragen gemeinsam mit der amtierenden Präsidentin Rousseff an der Spitze und hat den konservativen Kandidaten Neves mit deutlichem Abstand auf den dritten Platz verwiesen. Vor dem Tod Eduardo Campos war Rousseff noch eindeutige Favoritin gewesen. Das bedeutet, dass nicht, wie bisher vermutet, Neves in die Stichwahl mit Rousseff am 26. Oktober kommt, sondern Marina Silva. In einer Stichwahl würde nach einigen demoskopischen Studien, Silva mit zehn Prozentpunkten Vorsprung vor Rousseff siegen. Das alles sind selbstverständlich nur Prognosen, doch es sieht ganz nach einem spannenden Kopf-an-Kopf-Rennen aus.

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