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Ist Gott tatsächlich Brasilianer?

Die Geschichte Brasiliens, aus dem Blickwinkel der Regierungen betrachtet, lässt sich wie ein ständiges Wechselspiel zwischen Euphorie und Mutlosigkeit wahrnehmen.

So war es während der Militärdiktatur, als das ständige „Brasilien vorn“ (Pra frente, Brasil) die Verkünder der geschönten DelfimNeto’schen (Anm.d.R.: Wirtschaftsminister in der Militärregierung Geisel) Statistiken in rosiges Licht setzte und als sich die Militärs mit spektakulären Projekten wie der Brücke Rio-Niterói und mit der Transamazônica, der Straße durch das Amazonasgebiet, selbst Denkmale setzten. Zu gleicher Zeit wurden die Wände der Folterkeller der Militärs mit dem Blut von Gefolterten und Ermordeten bespritzt. Alle Regierungen, die auf die Militärs folgten, Sarney, Collor, Itamar Franco und Fernando Henrique Cardoso, hoben ihre „Wirtschaftswunder“ hervor, erlegten der Bevölkerung prächtige Mehrjahrespläne auf, welche jedoch die Armut nie verringerten, die Verteilungsgerechtigkeit nicht erhöhten und die nationale Souveränität nicht wahrten.

Lula hat – bislang – wirtschaftliche Schocktherapien vermieden, dennoch hat er kräftig zur Vergrößerung des Reichtums in den oberen Etagen der Gesellschaft beigetragen und der Mittelklasse gleichzeitig durch das gewaltige Gewicht der Steuern die Luft zum Atmen genommen. Gleichzeitig behauptet er, dass er die Armut der Empfänger des Familienwarenkorbes (Bolsa Familia) verringert habe. Die allerdings bleiben in der Abhängigkeit öffentlicher Wohltaten und erzielen kein eigenes Einkommen.

Unsere Regierungen verfügen über keine langfristigen Strategien. Sie haben lediglich Patentprogramme zyklischer Euphorien, um Wahlen zu gewinnen. Die Geschichte interessiert sie überhaupt nicht. Sie starren auf den nächsten Wahltermin. Die Regierung Lula begann mit dem Zyklus „Null Hunger“ (Fome Zero), stieg dann in die Nationale Alphabetisierungskampagne ein, brüstete sich mit dem „Programm zur Beschleunigung des Wachstums“ (PAC), rief das Ende der Energiekrise aus, feierte die erreichte Eigenversorgung mit Rohöl, senkte aber dennoch keineswegs den Treibstoffpreis und jetzt feiert sie Gott als Brasilianer, weil sie eine unerschöpfliche Ölquelle in der Bucht von Santos entdeckt hat.

Ist Gott nun wirklich Brasilianer?
Was die natürlichen Gegebenheiten betrifft, in denen wir leben, bin ich überzeugt, dass ER, auch wenn er tatsächlich kein Brasilianer sein sollte, unser Land auf jeden Fall sehr bevorzugt behandelt hat. Es hat kontinentale Ausmaße. Es geschehen keine Naturkatastrophen wie Erdbeben, Orkane, Zyklone, Tornados, keine Taifune fegen über das Land, keine Vulkane brechen aus, es gibt keine Wüsten und keine Kälteeinbrüche.

Das Amazonasgebiet bedeckt 2/3 der Oberfläche Brasiliens und enthält 12 % der Süßwasserreserven der Erde, ohne das riesige Wasserreservoir Guarani im Süden des Landes überhaupt zu berücksichtigen. Wir stellen alle Arten von Lebensmitteln her und verfügen über eine landwirtschaftlich nutzbare Fläche von 600 Millionen Hektar.

Wenn nun Brasilien nicht der Garten Edens ist, ist das nicht Gottes Schuld. Vielmehr ist das die Schuld der Politiker, die wir selbst wählen und Folge unserer eigenen Untätigkeit gegenüber den Zerstörungen, die jene Politiker hervorbringen, die nicht zugunsten der Bevölkerung handeln, sondern ihre eigenen Interessen und Klientel bedienen.

Unser großer Reichtum ist ungerecht verteilt. Gesundheit ist hierzulande ein Privileg derjenigen, die eine private Versicherung haben. Das öffentliche Erziehungswesen ist schrottreif. Eine Agrarreform haben wir nie kennen gelernt. Unsere Städte ersticken an Favelas. Die soziale Ungleichheit ist skandalös. Die Gewalt in brasilianischen Städten verursacht mehr Opfer im Jahr als der Krieg der USA im Irak. Gott können wir die Schuld an all’ dem nicht zuschreiben. Die Verantwortung tragen vielmehr Regierungen, die Veränderungen versprechen, wenn sie mal im Amt sind, die aber alles beim alten belassen (deixam tudo como dantes no quartel de Abrantes). Sie beschränken sich einfach auf ihre Wahlpropaganda, unfähig, an die Wurzeln der Übel zu gelangen, die soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit hervorrufen. Die Regierungen kommen und gehen, die ungerechten Strukturen bleiben.

Gott gehört keiner Nation an, hat keine Religion, aber er hat ein Gesicht! Das wird im Evangelium des Matthäus Kapitel 25 Verse 31 bis 46 beschrieben: “Ich hatte Hunger und ihr habt mir zu essen gegeben“ usw. Wer die Hungrigen sieht, die Obdachlosen, die Kranken, die Migranten, also die Ausgeschlossenen, der sieht Gott. Und gerade in ihnen möchte Gott gesehen werden.

In diesem Sinn kann Gott an jedem Ort Brasiliens gesehen und gelobt werden, denn überall leben Hungrige, Obdachlose, Kranke. Gott ist nicht Brasilianer, aber die große Menge der Ausgeschlossenen, etwa 12 Millionen Menschen, sind das einzigartige Gesicht Gottes und über sie möchte er geliebt werden.

Wir sollten nun wissen, ob wir bereit sind, die Gegenwart Gottes zu erkennen, nicht nur in den natürlichen Reichtümern unseres Landes wie z.B. die Rohölquellen, sondern in den Gesichtern derjenigen, die in unserem Land sich nicht aus eigenem Willen dafür entschieden haben, in Armut und Elend geboren zu werden und aufzuwachsen, ohne die geringsten Voraussetzungen für den Zugang zu Gütern und Dienstleistungen, die dem Menschen Würde und Glück verleihen. In der „biologischen Lotterie“ erlebten diese Menschen den Zufall, zu den zwei Dritteln der Menschheit zu gehören, die unterhalb der Armutsgrenze leben, die weniger als 60,00 US$ monatlich zum Überleben haben.

Wenn niemand von uns die Familie und die soziale Klasse auswählen konnte, in die er hineingeboren wurde, ist die „biologische Lotterie“ ungerecht und legt den Bessergestellten eine soziale Verpflichtung auf. An uns liegt es, sie anzunehmen, auf dass Gott wirklich Brasilianer werde: wenn alle endlich „unser täglich Brot“ hätten, würden alle auch zu Recht von „unserer Mutter, unserem Vater“ sprechen können.