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"Atom für Carioca und Caramba". Brasiliens Ausbau des Atomprogramms - Teil 3

Aufrüstung zum Schutz von "grünem" und "blauem" Amazonien

Brasiliens Regierung denkt angesichts der jüngst vor der brasilianischen Küste gefundenen, offenbar riesigen Erdöllagerstätten darüber nach, in Zukunft Mitglied der OPEC zu werden. Eine entsprechende Einladung der Opec an Brasilien, Mitglied der Organisation zu werden, hat Brasilien Anfang September dieses Jahres noch zurückgewiesen, aber wollte einen Beitritt in Zukunft nicht ausschließen. Vorläufige Schätzungen für die neuen Erdölfunde vor Brasiliens Küste reichen von 50 bis zu 100 Milliarden Barrel Öl und riesige Mengen an Erdgas für die Felder Júpiter, Tupi und Tupi Sul, Bem-te-vi und Parati, Iara und Iracema, Carioca und Caramba. Doch angesichts dieses scheinbar immensen Vorkommens kommen nun Befürchtungen auf, dass diese Erdölfunde Begehrlichkeiten bei anderen wecken könnten. Dagegen helfe nur - so Regierung und Militärs einhellig - militärische Aufrüstung.

Öl vor der Küste Brasiliens

Die bis zu 350 Kilometer vor der Küste liegenden Öl- und Gasexplorationsfelder der Bacias von Santos, Campos und Espírito Santo befinden sich in einer Wassertiefe von über dreitausend Metern sowie unter weiteren zwei bis drei Kilometer einer dicken Salz- und Gesteinsschicht, dem so genannten 'pré-sal'. Vorläufige Schätzungen reichen von 50 bis zu 100 Milliarden Barrel Öl und riesige Mengen an Erdgas für die Felder Júpiter, Tupi und Tupi Sul, Bem-te-vi und Parati, Iara und Iracema, Carioca und Caramba.

Da der gesamte Umfang dieser Felder noch nicht geklärt ist, hatte Brasilien bei der UNO die Ausweitung der Ausschließlichen Hoheitsgewässer über die 200 Seemeilengrenze hinaus beantragt. Diesem Antrag wurde im Juli dieses Jahres von der Kommission zur Begrenzung des Festlandsockels des UN-Sekretariats zu 80 Prozent stattgegeben. Damit erhöht sich die Ausschließliche Wirtschaftszone Brasilien von 3,5 auf 4,2 Millionen Quadratkilometer.

"Wir brauchen Atom-U-Boote zum Schutz der brasilianischen Küste", stellte Vizepräsident José Alencar im Juli klar. "Wir benötigen Nuklear-U-Boote, die uns in die Lage versetzen, abschreckend zu wirken, und jedwedes Abenteuer, das sich gegen irgend etwas richtet, das unserem Land gehört, im Ansatz zu entkräften", erläuterte er. Der Verteidungsminister, Nelson Jobim, hatte laut der Agentur der Abgeordnetenkammer Agencia Câmara schon im Juni darauf hingewiesen, dass das geplante Atom-U-Boot keine offensiven Ziele verfolge und eben deshalb auch nicht mit Nuklearbewaffnung ausgerüstet werde. Offen blieb daraufhin, an welche Art von Nuklearbewaffnung der Minister dabei wohl so dachte - war doch das offiziell nie bestätigte brasilianische geheime Atomwaffenprogramm nach dem Übergang zur Demokratie eingestellt worden.

Aufrüstung zum "Schutz brasilianischer Interessen"

Auch Militärs sehen die Interessen Brasiliens gefährdet. Zum Schutz der Erdölstätten vor Brasiliens Küste plant die Marine - so Admiral Julio de Moura Neto, Kommandant der brasilianische Marine - den Bau des 1 Milliarde Reais teuren Atom-U-Boots sowie die Verdoppelung der Anzahl der Patrouillenboote von derzeit 27 auf 54 Stück. Die Streitkräfte erhalten - so der Wunsch des Verteidigungsminister, Nelson Jobim - zusätzlich noch 50 Helikopter vom Typ 'Super Cougar' der Firma Eurocopter, Tochter der französisch-deutschen EADS, die diese in Kooperation mir der brasilianischen Helibras bauen soll. "Dieses Fluggerät wird unseren Streitkräften und strategischen Sektoren unserer Wirtschaft dienen, wie z.B. der Ölexploration auf den Plattformen", erläuterte Präsident Lula.

Dazu erhält die brasilianische Luftwaffe auch 99 Jagdflugzeuge vom Typ Super Tucano, zu bauen durch Embraer, sowie einen Überschallflieger, der von Embraer in Kooperation mit einer noch nicht definierten ausländischen Firma entwickelt werden soll - wobei man in Brasilien vor allem darauf stolz ist, zunehmend auf einheimische Technologie zurückgreifen zu können. Und das brasilianische Heer steht laut einem Bericht der Zeitschrift Exame vom 21. August dieses Jahres des weiteren kurz vor dem Erwerb von 270 Panzern der deutschen Marke Krauss-Maffei Wegmann (KMW), diese zum Schutz der Grenzen und vor allem auch zum Schutz von: Amazonien.

Die Wahrnehmung, Amazonien drohe die "Internationalisierung", ist in Brasilien seit langem durchaus verbreitet. Und auf diese beständige politische Einsicht aufbauend, wurde nun das gängige Wort von der notwendigen Verteidigung des "grünen" Amazoniens auf ein anderes Gebiet übertragen: angesichts der jüngst gefundenen riesigen Erdöl- und Gasfelder vor der brasilianischen Küste wurde der Begriff des "blauen Amazoniens" von Politik und Militärs verstärkt bemüht. Und zum Schutz des "blauen" Amazoniens brauche Brasilien dringend das Atom-U-Boot.



Atom-U-Boot für das Erdöl

Bei sechs Tausend Tonnen Gewicht und 96,6 Metern Länge wird dessen Bau bis zu elf Jahre beanspruchen. Angetrieben werden soll es durch den im Nukleoelektrischen Antriebsforschungslabor (LabGene) im Marineforschungszentrum Aramar entwickelten 'Mini-Reaktor' bei einer Leistung von 48 MW. Dieser in Aramar entwickelte Reaktortyp steht technisch Pate für die mindestens vier weiteren geplanten Atomkraftwerke in Brasilien, die zu den drei Reaktoren von Angra hinzukommen sollen.

Als Antriebsstoff für das Atom-U-Boot soll das dann in den Fabriken von Resende und Aramar in industriellem Maßstab in Massenproduktion angereicherte Uran dienen. Und hierbei stellt sich die Frage nach dem Anreicherungsgrades des Uran: Denn im Fall des nun akut geplanten ersten brasilianischen Atom-U-Bootes bedeutete ein höherer Anreicherungsgrad auch weniger Notwendigkeiten, wieder 'nachzutanken' und somit größere Reichweite und längere Tauchgänge. So könnte es sein, dass angesichts großer Tiefen und weiterer Entfernungen von der brasilianischen Küste, doch der Wunsch von Seiten der Militärs aufkommen könnte, entgegen der Beteuerung es nicht bei der vierprozentigen Anreicherung zu belassen.



Erdöl vor Brasiliens Küste - weckt das das Interesse anderer?

Vor allem aber dieses könnte explizites Interesse der brasilianische Marine sein. Denn mit der bisherigen brasilianischen Flotte von fünf dieselelektrisch betriebenen U-Booten, vier davon der Klasse Tupi - zunächst gemeinsam mit den Kieler Howaldtswerken-Deutsche Werft GmbH, kurz HDW, und dann in alleiniger Regie weiter entwickelt - und eines der Klasse Tikuna, sind die von der brasilianischen Marine anvisierten Tauchgänge nicht zu gewährleisten. Denn - vielleicht - geht ja nicht "nur" um die Ölfelder vor Brasiliens Küste: Vielleicht könnte ja der Wunsch oder die Notwendigkeit aufkommen, die Erdölplattform der Petrobras vor der nigerianischen Küste schützen zu wollen. Petrobras hat dort auf dem Feld Agbami seit 1998 2,2 Milliarden Dollar in Kooperation mit Total und Chevron-Texaco investiert.

Bislang ist die brasilianische U-Boot-Flotte auf der Marinebasis Almirante Castro e Silva auf der Ilha do Mocanguê in Niteroi bei Rio de Janeiro stationiert. Doch aus strategischen Gründen soll die neue U-Boot-Klasse der Atomboote auf der Ilha da Marambaia, vor der Bucht von Sepetiba westlich von Rio de Janeiro, stationiert werden. Die Bucht von Sepetiba liegt nicht nur strategisch nah zu den neuen Ölfeldern, sondern beherbergt auch einen Großteil der Industrie im Bundesstaat Rio de Janeiro, darunter auch die größte deutsche Direktinvestition der letzten Jahre in Brasilien: das umstrittene riesige Stahlwerk Companhia Siderúrgica do Atlântico von Thyssen-Krupp und Vale do Rio Doce (CVRD), das seit Beginn der Bauphase die Existenz von über 8.000 Fischer und ihrer Familien faktisch zunichte machte: Der Fischbestand ging extrem zurück, zudem sind die wenigen übrigen Fische mit Schwermetallen aus dem Abraumschlamm belastet. Die Hafenanlagen entstehen außerdem exakt in dem Teil der Bucht, wo die Fischer früher die besten Fänge hatten.

Der geplante neue strategische Hafen für das brasilianische Atom-U-Boot soll sich in Zukunft auf der die Bucht von Sepetiba begrenzenden Ilha da Marambaia befinden. Dazu bedürfte es nach Ansicht der Marine eines beträchtlichen Ausbaus der dortigen Basis. Allerdings leben auf der Insel seit über 150 Jahren die Nachfahren von Quilombolas, denen die Bundesregierung im Juli dieses Jahres nach langen Auseinandersetzungen den Status als demarkiertes Territorium zugesprochen hatte. "Für uns ist Marambaia von fundamental strategischer Bedeutung", bekräftigte jedoch Marineadmiral Álvaro Augusto Dias Monteiro.

Zur Zeit scheint es erste Verzögerungen im Zeitplan für den Stapellauf des ersten brasilianischen Atom-U-Bootes zu geben, doch bemüht sich die Marine Befürchtungen entgegenzutreten, der Zeitplan sei nicht einzuhalten. "Unsere Priorität Nr.1 sind die U-Boote", erklärt Admiral Julio de Moura Neto. Denn in den letzten Wochen hat sich in ganz Lateinamerika und auch in Brasilien Unruhe breit gemacht: die Reaktivierung der IV. Flotte der USA. Selbst der jeglichen Alarmismus' eigentlich unverdächtige Senator Cristovam Buarque, ehemaliger Rektor der Universität Brasílias, bewertete die IV. Flotte als Bedrohung der Souveränität Brasiliens und sieht die Gefahr, dass das Interesse der Nordamerikaner sich auf die im Atlantik vor Brasiliens Küste gefundenen Ölreserven richten könnte. Im offiziellen Journal des brasilianischen Senats wird er in Bezug auf die vielleicht bis in internationale Gewässer reichenden Ölfelder vor der Küste Brasiliens mit den Worten zitiert: "Wer als erster in diese Schicht hineinbohrt, der hat das Recht, sich das Öl zu nehmen."

 

 

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