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Rat für Ernährungssicherung gibt umfassenden Einblick in Situation des Landes

Ende 2010 gab der brasilianische Rat für Ernährungssicherung CONSEA (Conselho Nacional de Segurança Alimentar e Nutricional) einen Untersuchungsbericht heraus, der die Situation der Ernährungssicherung und die Umsetzung des Rechts auf Ernährung in Brasilien seit Einsetzung der Verfassung von 1988 unter die Lupe nimmt. Der Rat für Ernährungs- und Nahrungsmittelsicherheit ist ein dem Ministerium für Sozialentwicklung und Hungerbekämpfung untergeordnetes Organ, das die Vernetzung zwischen Regierung und Zivilgesellschaft in Sachen Ernährungssicherungs-Politik gewährleisten soll. Er wurde 2003 eingesetzt und hat beratende Funktion bei der Entwicklung der Politik zur Garantie des Menschenrechts auf Ernährung. Der CONSEA orientiert sich bei seiner Beratungstätigkeit an den Ergebnissen der Nationalen Konferenzen für Ernährungs- und Nahrungsmittelsicherheit. Er begleitet verschiedene Programme wie bspw. das Familienstipendium, das Schulspeisungsprogramm und den Ankauf von Nahrungsmitteln aus der Familienlandwirtschaft.<br />


In dem knapp 300 Seiten umfassenden Dokument sind umfangreiche Daten verschiedenster Erhebungen und Studien der letzten Jahre zusammengetragen. Die Daten betreffen folgende Themenbereiche: Lebensmittelproduktion, Verfügbarkeit von Lebensmitteln, Einkommen und Ausgaben für Ernährung, Gesundheit und Zugang zu Dienstleistungen des Gesundheitssekors, Bildung sowie Sozialpolitik im Hinblick auf Ernährungssicherung.

Der Bericht stellt heraus, dass der Wachstumsrhythmus der landwirtschaftlichen Produktion für den Export wesentlich höher ist als derjenige der landwirtschaftlichen Produktion für den internen Konsum. So stieg zwischen 1990 und 2008 die Produktion von Zucker um 146% und die von Soja um 200%,  während es bei Bohnen lediglich einen Zuwachs von 55%, bei Reis von 63% und bei Weizen von 95% gab. Die Flächen, auf denen Cash-Crops angebaut wurden, weiteten sich deutlich stärker und auch auf Kosten der Grundnahrungsmittel aus.
 
Die Förderung der Familienlandwirtschaft und der extraktiven Landwirtschaft hebt der Bericht als entscheidend für die Ernährungssouveränität und Ernährungssicherung in Brasilien hervor. Eine Herausforderung sieht er hierbei bspw. in der Kreditpolitik darin, die landwirtschaftliche Kreditvergabe auch auf ärmste Familienlandwirte anzupassen. Denn seit 2005/2006 läßt sich eine Zunahme der durchschnittlichen Kredithöhen im Kreditprogramm für die Familienlandwirtschaft, Pronaf, beobachten.  Auch die Notwendigkeit einer Stärkung von Agrarreformprozessen betont der Bericht. Im Hinblick auf Indigenengebiete mahnt das Dokument die Umsetzung der Verfassung an: Von den 3.500 Quilombola-Gemeinschaften haben erst 173 ihre Anerkennung erfahren.

Der CONSEA kommt zu dem Schluss, dass historische Herausforderungen, denen die Ernährungssicherung in Brasilien gegenübersteht, nach wie vor bestehen: Landkonzentration, Ungleichheiten sowohl von Einkommen als auch in Bezug auf Indigene, Schwarze und Frauen sowie die ungesicherte Ernährungssituation vor allem bei den indigenen Völkern und traditionellen Gemeinschaften. Darüber hinaus hebt der Bericht neue Herausforderungen hervor. Hierzu zählt er die exzessive Verwendung von Agrargiften und die Ausbreitung der Genprodukte, aber auch eine Zunahme der Fettleibigkeit durch verstärkten Konsum von Lebensmitteln mit hohem Gehalt an Salz, Fett und Zucker – v.a. durch Süßgetränke und Fertiggerichte. Deren Konsum stieg nach Aussagen des CONSEA in allen Einkommensschichten an, wohingegen der Konsum von Reis, Bohnen, Fisch, Früchten und Gemüse im Laufe der letzten 25 Jahre abnahm. So ging der Handel mit Produkten wie Reis und Bohnen seit 1975 um ein Viertel bis ein Drittel zurück, während fünf Mal so viele Kekse und Süßgetränke und knapp doppelt so viele Fertiggerichte verkauft wurden. Insgesamt nahmen die prozentualen Ausgaben für Nahrungsmittel am Einkommen auch in den unteren Einkommensschichten ab. Dies führt offensichtlich auch zu veränderten, teilweise ungesunden, Ernährungsgewohnheiten, die zudem neue Abhängigkeiten schaffen. Oben genannte Verdrängungsprozesse beim Anbau von Grundnahrungsmitteln sind u.U. auch hierauf mit zurückzuführen.

Nach Angaben des CONSEA wurden 2004 etwa 13,4 Milliarden R$ (ca. 5,8 Mrd. Euro) für Programme zur Ernährungssicherung ausgegeben. Seither hat sich das Ausgabenvolumen kontinuierlich gesteigert. Bis 2010 hatten sich diese auf 25,8 Milliarden R$ (ca. 11,2 Mrd. Euro) fast verdoppelt. Dabei machen die Ausgaben im Rahmen des Programms Bolsa Familia etwa 47% aus, jeweils knapp 13% gehen auf Nahrungsmittelversorgung, Familienlandwirtschaft und Ausgaben im Rahmen der Agrarreform zurück, knapp 12% entfallen auf Schulspeisungen.