Manifest an den brasilianischen Staat u. politischer Brief an die Indigenen in der brasilianischen Regierung, verfasst vom Nationalforum der Indigenen Führungskräfte von APIB

FDCL und KoBra dokumentieren in deutschsprachiger Übersetzung 1) das Manifesto do Fórum Nacional de Lideranças Indígenas ao Estado Brasileiro (Manifest des Nationalforums der Indigenen Führungskräfte an den brasilianischen Staat) sowie 2) die Carta política do Fórum Nacional de Lideranças Indígenas da APIB aos parentes no governo (Politischer Brief des Nationalforums der Indigenen Führungskräfte von APIB an die Indigenen in der Regierung.
| von Christian.russau@fdcl.org
Manifest an den brasilianischen Staat u. politischer Brief an die Indigenen in der brasilianischen Regierung, verfasst vom Nationalforum der Indigenen Führungskräfte von APIB

Originalquellen unter:

1) https://apiboficial.org/2026/02/12/nosso-futuro-nao-esta-a-venda-a-resposta-somos-nos/

2) https://apiboficial.org/2026/02/12/carta-politica-do-forum-nacional-de-liderancas-indigenas-da-apib-aos-parentes-no-governo/

1) Unsere Zukunft steht nicht zum Verkauf: Die Antwort sind wir: Manifest des Nationalforums der Indigenen Führungskräfte an den brasilianischen Staat

Wir im Nationalforum zusammengekommenen Indigenen Führungskräfte des Indigenendachverbands Articulação dos Povos Indígenas do Brasil (APIB) sprechen ausgehend von der Basis der organisierten Indigenen Bewegung. Wir treten für einen Kampf ein, der lange vor der Gründung des brasilianischen Staates begann und der trotz der Gewalt des historischen Völkermords, den wir erlitten haben, und der trotz der wiederholten Angriffe auf unsere Rechte weiterlebt.

Der brasilianische Staat ist in drei Gewalten gegliedert. Die Exekutive verwaltet die Politik und vollstreckt die Gesetze. Die Legislative schafft Normen, die ihrerseits Rechte sowohl schützen als auch zerstören können. Die Judikative legt die Verfassung aus und entscheidet über die Grenzen dessen was erlaubt und dessen was verboten ist. Diese Architektur ist nicht neutral. Sie hat nur dann Legitimität, wenn sie sich am Verfassungsvertrag und an der öffentlichen Verantwortung orientiert. Weicht sie davon ab, dann führt dies zu STAATLICHER GEWALT.

Die Verfassung von 1988 erkannte an, was für die indigenen Völker schon immer galt, und das war das Ergebnis eines langen Kampfes, das war kein Gnadengeschenk. Das wichtigste Gesetz Brasiliens garantiert unsere ursprünglichen Rechte auf die Länder, die wir traditionell bewohnen, es garantiert unsere soziale Organisation, unsere Sprachen, Kulturen, Lebensweisen und es garantiert die Pflicht des Staates, [unsere Territorien] zu demarkieren und zu schützen. Der Verfassungsvertrag existiert, um Machtmissbrauch einzudämmen und um zu verhindern, dass private Interessen sich über das Leben an sich stellen. Wenn der Staat diesen Vertrag relativiert, „modernisiert“ er nicht. Vielmehr bricht er dann seine historische Verpflichtung und er ebnet den Weg für neue Formen des Kolonialismus und des Todes.

Dieses Manifest ist eine Bekräftigung von Prinzipien und eine politische Forderung. Wir schreiben es nicht, um einem institutionellen Ritual zu genügen. Wir schreiben es, weil der Druck auf die Territorien wächst, weil Rassismus weiterhin als Regierungsmethode eingesetzt wird, weil die öffentliche Maschinerie weiterhin zulässt, dass sich das Kapital organisiert, um auf das Land vorzudringen, und weil die Drei Gewalten direkt für das verantwortlich sind, was mit unseren Völkern geschieht.

Wir beharren auf der Demarkation und dem Schutz der Territorien als oberster Priorität! Ohne demarkiertes und geschütztes Land gibt es keine wirksame Politik und keine Zukunftsperspektive. Die Demarkation ist kein verhandelbares Thema, sie ist kein Tauschobjekt und sie ist kein Versprechen für ein zukünftiges „wenn die Bedingungen gegeben sind“. Der Staat ist verpflichtet, die Verfassung einzuhalten.

Wir bekräftigen auch: APIB ist eine Bewegung, und unsere Stärke ist Mobilisierung, nicht zu verhandelnde Schlichtung. Wir sind der Meinung, dass wir Druck ausüben müssen, denn das ist der historische Weg zum Erfolg. Jedes Mal, wenn der Staat zurückweicht oder zu Angriffen schweigt, anstatt ihnen entgegenzutreten, trifft die Gewalt uns. Und wenn wir reagieren, werden wir es nicht akzeptieren, als Problem behandelt zu werden. Das Problem ist die Verletzung des Verfassungsvertrags.

An den brasilianischen Staat, an die Drei Gewalten stellen wir unsere politischen Leitlinien und unsere Forderungen vor:

Verpflichtung gegenüber dem Verfassungsvertrag und den ursprünglichen Rechten

Der Staat ist nicht befugt, indigene Rechte als Zugeständnis neu zu interpretieren. Ursprüngliche Rechte können nicht durch parlamentarische Mehrheit eingeschränkt, nicht aus politischen Gründen abgeschwächt oder durch wirtschaftlichen Druck außer Kraft gesetzt werden.

Exekutive: Erfüllung der Verpflichtung zur Demarkation und zum Schutz [der Territorien], ohne Prozessverschleppung und ohne Kompromisse

Wir fordern eine rasche Durchführung der Abgrenzungsverfahren und konkrete Maßnahmen zum Schutz des Territoriums. Die Präsenz des Staates in den Territorien muss eine Garantie für Rechte bedeuten, nicht Vormundschaft und Nichttätigkeit angesichts von Übergriffen, illegalem Bergbau, Landraub, Gewalt und Zerstörung.

Legislative: Beendigung der absichtlichen Rückschritte und Achtung der Verfassung

Der Nationalkongress darf nicht als Produktionsstätte für Angriffe auf indigene Völker fungieren. Projekte und Vorschläge, die den Bergbau in indigenen Gebieten legalisieren, die den Schutz des Territoriums aufweichen, die die Umweltlizenzvergabe schwächen, die Führungskräfte kriminalisieren und die versuchen, den Pakt von 1988 umzuschreiben, all dies sind direkte Verstöße gegen die Verfassung und müssen verhindert werden. Die Legislative muss dem öffentlichen Interesse dienen und eben nicht der anti-indigenen Lobby.

Justiz: Rechtssicherheit für das Leben gewährleisten, nicht für dessen Verletzung

Die Justiz darf keine Thesen und Vereinbarungen normalisieren, die ursprüngliche Rechte relativieren oder die Verfassung zu einem Verhandlungsobjekt machen. Die Verfassung lässt keine Abkürzungen zu, um Übergriffe, Ausbeutung und Gewalt zu legitimieren. Rechtssicherheit bedeutet für uns demarkiertes und geschütztes Land, bedeutet erhaltenes Leben und bedeutet respektierte Rechte.

Konsultation und Beteiligung als Regel, nicht als Ausnahme

Der Staat hat die Pflicht, die indigenen Völker frei, vorab und in informierter Kenntnis der Sachlage zu den Maßnahmen anzuhören, die sich auf unsere Territorien und auf unsere Lebensweisen auswirken. Wir werden keine Entscheidungen akzeptieren, die getroffen werden ohne echte Konsultation und ohne Transparenz und die ohne Rückmeldung getroffen werden. Partizipation ist keine formelle Anhörung. Es ist die Achtung unseres Rechts, über das zu entscheiden, was uns betrifft.

Zur Verantwortung ziehen und die Bekämpfung von Gewalt in den Gebieten

Es ist nicht hinnehmbar, dass Übergriffe, Drohungen, Morde und kriminelle Netzwerke weiterhin mit institutioneller Toleranz operieren. Wir fordern Untersuchungen und ein zur Verantwortung Ziehen sowie koordinierte Maßnahmen des Staates, um Leben zu schützen und um wirtschaftliche und politische Ketten zu durchbrechen, die sich aus der Gewalt nähren.

Transparenz und Integrität in politischer Entscheidungsfindung

Die Vereinnahmung des Staates durch private Interessen, durch nicht nachvollziehbare Mittelzuweisungen, durch Hinterzimmergeschäfte und durch Absprachen – all dies fördert die Aushöhlung von Rechten. Der Verfassungsvertrag verlangt, dass Entscheidungen öffentlich, begründet und kontrollierbar sind, denn es geht um das Leben ganzer Völker.

Abschließend bekräftigen wir, dass UNSERE ZUKUNFT NICHT ZU VERKAUFEN IST. Wir werden nicht akzeptieren, dass der Staat unsere Gebiete als „Verfügbarkeiten” für Todesprojekte behandelt. Wir werden nicht akzeptieren, dass die Energiewende als neuer Deckmantel dient, um den Raub unserer Länder fortzusetzen.

WIR WERDEN NICHT AKZEPTIEREN, DASS ENTWICKLUNG AUF UNSEREM VERSCHWINDEN AUFBAUT.

Der brasilianische Staat muss sich jeden Tag entscheiden, auf welcher Seite er steht: auf der Seite der Verfassung und des Lebens oder auf der Seite des Kapitals und der Gewalt. Und auch wir entscheiden uns. Wir entscheiden uns dafür, organisiert und mobilisiert zu bleiben und unsere Territorien, Kulturen und Lebensweisen kompromisslos zu verteidigen.

DIE ANTWORT SIND WIR.
Fórum Nacional de Lideranças Indígenas da APIB | Brasília, Februar 2026

// Übersetzung: christian russau

Politischer Brief des Nationalforums der Indigenen Führungskräfte von APIB an die Indigenen in der Regierung

An die Indigenen Parentas und Parentes, die jetzt Ämter der Bundesregierung bekleiden, sowie an die verantwortlichen Autoritäten, die Entscheidungen treffen, die Auswirkungen auf Indigene Völker haben.

Wir im Nationalforum zusammengekommenen Indigenen Führungskräfte des Indigenendachverbands Articulação dos Povos Indígenas do Brasil (APIB) sprechen ausgehend von der Basis der Bewegung. Wir schreiben [Euch], weil der Kampf Wege innerhalb der Regierungsräume eröffnet hat, aber dieser Weg darf unseren Kampf nicht von den Entscheidungen abbringen, die Auswirkungen auf unser Leben haben. Was uns trägt, sind keine Ämter, sind keine Verhandlungstische, sind keine offiziellen Fotos. Was die APIB trägt, das sind Territorium, das sind Menschen und das sind Organisierung. Und deshalb ist dieser Brief kein Protokoll. Er ist politische Orientierung und kollektive Einforderung.

Die Präsenz von Indigenen in der Regierung ist ein historischer Erfolg. Das Forum bekräftigt einen einfachen Grundsatz: Niemand bekleidet ein Amt in seinem/ihrem eigenen Namen, wenn er/sie durch den kollektiven Kampf nominiert wurde. Ein Amt ersetzt keine Bewegung. Eine Institution ersetzt keine Basis. Und Zugang ersetzt nicht Verpflichtung. Wir bekräftigen, dass wir keine Vormundschaft [„tutela“ im Original, Anm.d.Ü] durch niemanden gestatten,nicht einmal durch unsere parentes in Regierungsämter.

In den letzten Zyklen wurde den Organisationen klar, dass Entscheidungen, politische Agenden und Maßnahmen ohne ausreichende Konsultation der Basis, mit wenig Rückmeldung und mit einer Art Kommunikation getroffen werden, die oft zu spät oder gar nicht ankommt. Dies schwächt die politische Einheit und es schürt Misstrauen, Unruhe und Verschleiß innerhalb der Bewegung selbst. Es handelt sich hierbei nicht um persönliche Kritik. Es ist die Verteidigung dessen, was uns am Leben hält: Kollektivität, Klarheit, Vertrauen und organisatorische Disziplin.

Wir bekräftigen, dass die Demarkation und der Schutz des Territoriums oberste Priorität haben. Ohne dies wird alles andere zu einem bloßen Versprechen. Das Forum akzeptiert nicht, dass die Abgrenzung als verhandelbares, als sekundäres oder als vom institutionellen „Möglichen” abhängiges Thema behandelt wird. Das Mögliche der Regierung darf nicht zur Grenze für das Überleben der Völker werden.

Wir bekräftigen zudem: die APIB ist Bewegung und ihre Kraft ist die Mobilisierung, nicht die zu verhandelnde Schlichtung. Wenn die Regierung zurückweicht, sich stumm stellt oder entscheidet, die Angriffe zu „verwalten“ statt ihnen zu begegnen, dann liegt der Druck auf der Bewegung. Und wenn die Bewegung Druck ausübt, dann darf sie nicht als Problem wahrgenommen werden. Druck ist eine historische Methode von Erfolgen. Und dergestalt verhindern wir Rückschritte und dergestalt halten wir Angriffe auf und dergestalt existieren wir überhaupt.

Das heißt, das Forum legt hier politische Orientierungen und Forderungen an die parentes in Regierungsämtern vor:

  1. Verpflichtung zur permanenten Rückmeldung an die Basis
    Jede relevante Agenda muss zurückgemeldet werden. Jede Entscheidung muss erklärt werden. Jede Verhandlung braucht eine mit der Basis definierte Grenze. Ohne Rückmeldung wird ein Amt zu Schall und Rauch. Mit Rückmeldung wird es zum Werkzeug.

  2. Transparenz als Praxis, nicht als Diskurs
    Transparenz für Haushaltsmittel, Prioritäten, Vernetzungen, Entscheidungen und To-Dos. Die Basis darf nicht erst „auf dem Treffen“, „in letzter Minute“ oder „durch Dritte“ von dem erfahren, was den Kampf betrifft.

  3. Autonomie der Bewegung ist nicht verhandelbar
    Die APIB ist kein Arm der Regierung. Die APIB ist kein Instrument von Verwaltung. Die APIB ist Netzwerk der Völker und Organisationen. Institutionelle Kooperation darf nicht zu politischer Vormundschaft werden.

  4. Ausrichtung an den Beschlüssen der Bewegung
    Wenn die Bewegung eine kollektive Ausrichtung festlegt, muss diese respektiert werden. Bei Meinungsverschiedenheiten muss dies im Forum diskutiert und nicht hinter verschlossenen Kabinettstüren gelöst werden.

  5. Reale Anwesenheit in den Territorien und Anhörung der Basis
    Der Kampf wohnt nicht in Brasília. Der Kampf wohnt in den Territorien. Das Forum bekräftigt die Notwendigkeit von Anwesenheit, von Zuhören und von Vernetzung mit den regionalen Organisationen und ihren Versammlungen als Bestandteil politischen Handelns.

  6. Respekt für die vorgeschlagenen Ernennungen der APIB für Regierungsämter
    Vorgeschlagene Ernennungen, die die Politik gegenüber indigenen Völkern und die durch den Kampf geschaffenen Räume betreffen, müssen die von der APIB und ihren Basisorganisationen vereinbarten Nominierungen anerkennen und respektieren. Kein Amt darf durch Kabinettsvereinbarungen, parteipolitische Zweckmäßigkeit oder Einzelentscheidungen besetzt werden, die die kollektiven Prozesse der Bewegung ignorieren. Eine Nominierung ist politische Verantwortung, ist Verpflichtung gegenüber der Basis und ist Teil der Autonomie der Bewegung innerhalb der Institutionen.

Abschließend möchten wir eine klare Botschaft hinterlassen: Die Einheit der Bewegung erfordert politische Verantwortung. Sie erfordert Demut, um zuzuhören. Sie erfordert Entschlossenheit, um sich zu behaupten. Sie erfordert Mut, sich nicht mit dem Institutionellen zufrieden zu geben. Und sie erfordert Verpflichtung gegenüber Basis, insbesondere wenn die Lage angespannt ist und der Druck wächst.

Wir wollen, dass unsere parentes in der Regierung standhaft, dass sie geschützt und dass sie mit der Bewegung im Einklang sind. Aber Einklang bedeutet nicht persönliche Loyalität. Einklang bedeutet Loyalität gegenüber dem Volk und den kollektiven Entscheidungen.

Wir werden weiterhin organisiert bleiben. Wir werden weiterhin mobilisieren. Wir werden weiterhin Forderungen stellen. Denn es geht nicht um den Ruf der Verwaltung. Es geht um Territorium, um Leben und um Zukunft.

Fórum Nacional de Lideranças Indígenas da APIB
Brasília, Februar 2026

// Übersetzung: christian russau