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Landrechte für nur ein Quilombo im ersten Regierungsjahr

Brasília. Im ersten Regierungsjahr der neuen brasilianischen Regierung von Präsidentin Dilma Rousseff wurde nur einer Quilombo-Gemeinschaft – Abkömmlinge entflohener afrikanischer Sklaven – das Landrecht zugesprochen. Dies berichtet das Portal Amazônia Sustentável unter Berufung auf die in São Paulo ansässige Comissão Pró-Índio (CpIPS), die am Mittwoch einen von den Hilfswerken ICCO und Christian Aid unterstützten Bericht zur Situation der Quilombos in Brasilien im Jahre 2011 vorstellte. Demnach sei das Quilombo Colônia São Miguel, im Bundesstaat Mato Grosso do Sul, das einzige von den noch nicht demarkierten Quilombos, dem im Jahr 2011 das von der Verfassung von 1988 zugesicherte Landrecht tituliert wurde.

 

Hinzu komme, so kritisiert die CpIPS, dass die Agrarreformbehörde Incra derzeit 158 anthropologische Studien zur Identifizierung von Quilombola-Gemeinden ausgeschrieben habe, deren Audits aber laut Ansicht der Kommission fachliche Mängel aufweisen. Keine der Consultings verfüge über anthropologische Erfahrung, schon gar nicht im Themenbereich Quilombos, so CpIPS.

Derzeit gibt es in Brasilien der Nichtregierungsorganisation Comissão Pró-Índio zufolge 110 Quilombos, denen vom Staat das Landrecht zugesprochen wurde.

Die für die Demarkation der Gebiete zuständige Bundesbehörde Incra spricht auf ihrer Webseite von 190 Quilombola-Gemeinschaften, denen 109 Territorien, aufgeteilt auf 121 Landtitel, zugesprochen wurden. Dies entspräche – so die INCRA-Daten – knapp 12.000 Familien, denen 988.356 Hektar Land zugesprochen wurde. Schätzungen zufolge gibt es in ganz Brasilien zwischen drei- und dreieinhalb tausend Quilombola-Gemeinschaften – deren größter Teil noch auf die Titulierung ihres angestammten Landes warten.

Anfang November vergangenen Jahres hatten in der Hauptstadt Brasília rund 2.000 Quilombolas aus ganz Brasilien eine Demonstration vor dem Nationalkongress abgehalten. Ihre zentrale Forderung war dabei das Recht auf das Land, auf dem sie oftmals seit Generationen leben. Die schleppende Anerkennung der Landtitel erweist sich als eines der Probleme. Das andere ist die Gewalt, denen sich die Quilombolas oft von mit ihnen um das Land konkurrierenden Großgrundbesitzer ausgesetzt sehen – Konflikte, bei denen von Seiten des Agrobusiness oft auch geheuerte Pistoleiros eingesetzt werden.

Für den Präsidenten der Menschenrechtskommission der brasilianischen Anwaltsvereinigung OAB, Luiz Pedrosa, müssen die Demarkation dringend vorangetrieben und die Gewalt gestoppt werden. "Es ist dringend nötig, dass zwei Sachen sofort geschehen: Bewegung bei der Landtitelvergabe und die Bestrafung derjenigen, die Morddrohungen aussprechen oder Quilombolas ermorden", erläuterte Pedrosa gegenüber der Tageszeitung O Imparcial im vergangene Jahr.

Berüchtigt geworden ist aber auch der jahrzehntelange Konflikt von Quilombolas mit Brasiliens Raumfahrtprogramm. Das Raketengelände Centro de Lançamento de Alcântara (CLA) ist Brasiliens Startplatz an der Atlantikkküste beim Ort Alcântara im Bundesstaat Maranhão. Wegen der Äquatornähe gilt dieser Startplatz für Raketen als der weltweit günstigste. Brasilien hat deswegen mit der Ukraine ein gemeinsames Projekt begonnen, um von der Basis in Alcântara  ukrainische Tsiklon-4-Raketen für kommerzielle Satellitenstarts zu nutzen. Doch direkt angrenzend an das Gelände der Raktenbasis leben Quilombola-Gemeinschaften, deren Land nun durch den Ausbau des Rakentengeländes in Gefahr gerät. Bereits in den 1980er Jahren wurden diese Quilombola-Gemeinden zum Bau des Raketenbahnhofs zwangsumgesiedelt. Und nun droht ihnen erneut eine Zwangsumsiedelung.