Indigene Tembé, Turywara und Quilombolas werfen norwegischem Multi Norsk Hydro Verletzungen ihrer Territorialrechte vor.

Norwegischer Multi Norsk Hydro ignoriert freie, vorherige und informierte Konsultation Indigener in Amazonien. Es sei „ein Machtkampf zwischen dem norwegischen Multi und den traditionellen und ursprünglichen Gemeinschaften in Amazonien“, so die indigenen Gemeinschaften im Vale do Acará, Pará, Amazonien.
| von Christian.russau@fdcl.org
Indigene Tembé, Turywara und Quilombolas werfen norwegischem Multi Norsk Hydro Verletzungen ihrer Territorialrechte vor.
Indigene und Quilombolas im Protest gegen das Vorgehen von Norsk Hydro. Foto: Anwohnende Gemeinschaften (mit freundlicher Genehmigung)

Norsk Hydro ist ein norwegischer Multi, einer der größten Aluminiumproduzenten der Welt. Norsk Hydro (Selbstbeschreibung im Internet: „Hydro is a leading industrial company committed to a sustainable future. We develop natural resources into innovative and efficient products and solutions.”) gehört in Brasilien u.a. die Fabrik Alunorte, der weltgrößten Aluminiumschmelze in Barcarena, im brasilianischen Bundesstaat Pará. Im Januar 2018 waren dort aus bislang noch immer nicht abschließend in seinen Dimensionen und den Umwelt- und Gesundheitsfolgen geklärten Gründen Klärschlämme aus der Aluminiumproduktion in die umliegenden Gemeinschaften, größtenteils Quilombola-Gemeinschaften, ausgetreten (KoBra berichtete). Norsk Hydro, die “leading industrial company committed to a sustainable future”, muß sich deswegen in den Niederlanden noch immer einem Rechtsprozess der betroffenen Gemeinschaften aussetzen (KoBra berichtete). Nun erreicht KoBra ein Hilferuf der Indigenen im Vale do Acará, Pará, Amazonien, ein Offener Brief, in dem die indigenen Gemeinschaften Tembé und Turywara, Quilombolas und flussanwohnende Ribeirinhos Menschenrechtsverletzungen und das Mißachten anzestraler Rechte durch den norwegischen Bergbaukonzern Norsk Hydro in ihrem Territorium anprangern. KoBra dokumentiert den Offenen Brief in deutschsprachiger Übersetzung.


Offener Brief über die vom Bergbauunternehmen Norsk Hydro im Vale do Acará, Pará, Amazonien, begangenen Menschenrechtsverletzungen

„Mit Unterstützung des Landessekretariat für Öffentliche Sicherheit des Bundesstaats Pará (Segup) verletzt Norsk Hydro die Menschenrechte der Gemeinschaften des Nordosten des Bundesstaates Pará“

Wir, die indigenen Gemeinschaften Tembé und Turywara, Quilombolas und flussanwohnende Ribeirinhos, prangern die Menschenrechtsverletzungen und das Mißachten anzestraler Rechte durch den norwegischen Bergbaukonzern Norsk Hydro in unserem Territorium an. Vor zwei Dekaden wurden wir gezwungen, die Existenz einer langen Pipeline für den Transport von Bergbauschlämmen, die unser Territorium durchschneidet, zu akzeptieren, einer Pipeline, die den Untergrund unseres heiligen Landes aufreißt, die die Wildtiere vertreibt, die die Reproduktion der Fische (Ichthyofauna) zerstört und uns in Ernährungsunsicherheit bringt, die unsere Bewegungsfreiheit einschränkt und die unseren Alltag enorm unter Stress setzt.

Der infernalische Krach der Tonnen von Gesteinen, die von Paragominas bis nach Barcarena (rund 250 km Strecke) transportiert werden, verängstigt die Kinder und verletzt die Heiligkeit unserer anzestralen Erde. Als sei dies noch nicht genug, wird die Pipeline-Strecke von Kilometern von Hochspannungstürmen und -leitungen begleitet, was unsere Räume weiter einschränkt.

Um seine Produktion anzupassen, erneuert Norsk Hydro jetzt seine Rohrleitungen und baut diese noch aus. Das hat dazu geführt, dass Dutzende von Mitarbeitern, Autos und und schwere Maschinen in unser Gebiet eingedrungen sind, was wir auf keinen Fall akzeptieren. Hydro behauptet, Praktiken der Nachhaltigkeit und des umfassenden Dialogs mit den von seinen Aktivitäten betroffenen Völkern zu führen, aber das ist eine weitere Lüge des Bergbauunternehmens.

Norsk Hydro hat eine lange Geschichte von sozio-ökologischen Katastrophen und Verstößen gegen die Rechte der indigenen und Quilombola-Gemeinschaften im Amazonasgebiet, wie z.B. Barcarena. Nun wiederholt Hydro seine neokoloniale und menschenrechtsverletzende Methodik gegenüber den Völkern des Acará-Tals. Die Gemeinden wurden nicht konsultiert über das ständige Eindringen der Angestellten des Unternehmens in ihr Territorium, in dem sie in ihren Pick-ups mit hoher Geschwindigkeit auf den Straßen zu den Dörfern und Quilombos fahren und unsere Familien in Gefahr bringen. Wir wurden nie dazu befragt, ob wir ihnen erlauben, den Bauch unseres heiligen Landes aufzureißen; zu keiner Zeit haben wir die Genehmigung erteilt, unser Grundwasser anzuzapfen (kostenlos und bis zum Versiegen der Quellen).

Die Firma gräbt tiefe Furchen, was große Gefahren für die Menschen unserer Gemeinschaft und für die Tierwelt birgt, die dort hineinstürzen und elendig verenden können. Straßen werden in den Wald geschlagen, damit die Firma und deren Mitarbeitenden sich dort in unseren Territorien bewegen können, ohne dass sie dafür eine Genehmigung hätten, was die Sicherheit unserer Gemeinschaften weiter bedroht. Des Weiteren hat Norsk Hydro, mit Unterstützung durch das Landessekretariat für Öffentliche Sicherheit des Bundesstaats Pará (Segup), die Militärpolizei dazu benutzt, die Gemeinschaften einzuschüchtern und sie mit ihrer demonstrativen Polizeiarbeit unter Druck zu setzen.

Diese Vorgehen der Militärpolizei entspricht einer Praxis, die völlig fragwürdig ist, da wir für sie Zielpersonen sind und wie Kriminelle in unseren eigenen Häusern behandelt werden. Es ist zu betonen, dass die Polizei ohne richterlichen Beschluss eingegriffen hat, auf direkten Befehl des Landesstaatssekretärs für Öffentliche Sicherheit, Ualame Machado, so der Kommandant der Militärpolizei in der Region. Unter Ausnutzung ihres Einflusses und ihrer materiellen Struktur hat Norsk Hydro auch indigene Führungskräfte verklagt, die das Vorgehen des Unternehmens in Frage stellen, entgegen der Vorstellung, dass es einen vollständigen Dialog mit sowie eine Anhörung der Gemeinschaften gäbe. In Wirklichkeit handelt es sich um einen ungleichen Machtkampf zwischen einem mächtigen, transnationalen Bergbauunternehmen mit mehr als 20 Niederlassungen in der ganzen Welt und uns, den traditionellen und ursprünglichen Gemeinschaften, die für ihre Rechte kämpfen. Dieses Vorgehen von Norsk Hydro läuft allen Versuchen der Kammer für Agrarfragen der Bundesstaatsanwaltschaft von Pará und der staatlichen Pflichtverteidiger, die Situation in einem geordneten Prozess zu entschärfen, wie es auf der öffentlichen Anhörung am 26. September in der Munizipalverordetenversamlung Tomé-Açu unternommen wurde.

Am 13. Juni hat sich ein indigener Mann der Tembé über das Vorgehen und die Aktivitäten von Norsk Hydro, die diese Firma in seinem alltäglichen Leben seiner Familie auslöst, da die Pipeline direkt vor seinem Haus vorbeiführt, beschwert. Er wurde daraufhin mit der Begründung verhaftet, dass er die Mitarbeiter des Unternehmens an ihrer Arbeit behindere. Derselbe indigene Mann wurde eines Umweltvergehens beschuldigt, da er die uralte indigene Praxis der Land- und Vegetationspflege coivara ausübte.

Drohungen durch die Polizei
Am 2. September, so gegen 17 Uhr (Ortszeit) wurden Mitglieder der Indigenenvereinigung Associação Indígena Tembé do Vale do Acará durch die plötzliche Anwesenheit von Militärpolizisten und Mitglieder der Nationalen Sicherheitskräfte Força Nacional überrascht, die den Betriebs- und Werksschutz des Bergbaukonzerns Norsk Hydro übernehmen. Als sie das Nahen der Besagten wahrnahmen, fragten sie diese – noch aus dem Inneren des Autos heraus – , warum die Angestellten von Norsk Hydro wieder auf dem Territorium seien, wenn doch schon seit drei Monaten die indigenen und Quilombola-Gemeinschaften die Unterbrechung aller Firmenaktivitäten durchgesetzt hatten, solange bis die Firma endlich die gesetzlichen Vorgaben der Umweltfolgenstudie in den Bereichen Indigene-Komponente sowie den Umweltbasisplan ebenso wie die Studien zu den Umweltfolgen im Bereich Quilombola- Komponente als auch den Umweltfolgenplan für Quilombolas umgesetzt hat. Das Gleiche gilt im Übrigen auch für die Vorschriften zur freien, vorherigen und informierten Konsultation.

Als sie versuchten, aus dem Auto zu steigen, wurde die Indigenen von den Beamten gestoßen und bedroht. Trotz des Betretungsverbots von Dörfern und Gemeinden ist Norsky Hydro dort weiterhin tätig. Deswegen ist aus Protest dagegen seit gestern (3. Oktober, Anm.d.Ü) die Hauptzufahrtsstraße zu den Anlagen des Unternehmens gesperrt.

Es ist absurd, dass Segup sich auf solche Machenschaften wie Privatisierung öffentlichen Landes (also öffentliche Dinge so nutzt, als wären sie sie privat) einlässt und darüber hinaus die traditionellen und einheimischen Gemeinschaften im Amazonasgebiet durch Staatsbedienstete bedroht werden. Es ist inakzeptabel, dass Norsk Hydro weiterhin unsere Rechte verletzt und die Staatsgewalt dazu zu seinen Gunsten vereinnahmt. Ein Disput ohne Waffengleichheit.
Norsk Hydro hat Geld, den Staat und ein sehr effektives Marketingteam, das in der Lage ist, ein positives Bild von einem Unternehmen zu zeichnen, das Rekordhalter in Sozial- und Umweltverbrechen im Amazonasgebiet bekannt ist, Verbrechen im Übrigen, die sich immer gegen indigene Völker und Quilombolas richten.

Dieser Offene Brief stellt auch die von der Regierung von Pará erteilte Betriebsgenehmigung in Frage und fordert deren Aussetzung, die das Umweltsekretariat des Bundesstaates Pará im Jahr 2022 für die Pipeline von Norsk Hydro erteilt hat, da die Umweltfolgenstudie für die Quilombola-Gemeinschaften ebenso wie die über die für Indigene zum Zeitpunkt der Betriebsgenehmigung gar nicht abgeschlossen waren.

Angesichts dieses verheerenden Gesamtbildes haben sich die von Norsk Hydro in ihren Rechten beschnittenen Gemeinschaften zusammengetan und diesen Offenen Brief geschrieben. Allen an der Sache interessierten Personen teilen wir hiermit mit, dass wir das Eindrigen in unser Gebiet nicht mehr akzeptieren werden, ebenso wie das kriminelle Vorgehen der Firmen scharf verurteilen, ein Vorgehen, das gegen die Verfassung verstößt und die Bestimmungen der Konvention 169 der ILO zur freien, vorherigen und informierten Konsultation der Indigenen verletzt: eine solche FPIC hat nie stattgefunden.

Somit fordern wir jetzt die Bundesstaatsanwaltschaft, die Staatsanwaltschaft des Staates Pará, die Generalstaatsanwaltschaft des Staates Pará, die Menschenrechtskommission OAB, das Landesstaatssekretariat für Menschenrechte, die Indigenenbehörde Funai, die Umweltbehörde IBAMA, die Kulturstiftung Palmares, die Koordination der Quilombola-Gemeinschaften von Pará (Malungu) und andere Umwelt- und Kontrollbehörden und Agenturen auf, uns zu begleiten und beizustehen.
Keine Rechte weniger!
Folgende Verbände unterzeichnen:
ASSOCIACAO TENETEHAR TEKOHAW PYTAWA
ASSOCIAÇÃO INDÍGENA TEMBÉ DO VALE DO ACARÁ (AITTA)
ASSOCIAÇÃO DE MORADORES E AGRICULTORES REMANESCENTES
QUILOMBOLAS DO ALTO ACARÁ (AMARQUALTA)
ASSOCIAÇÃO INDÍGENA TURIWARA DO BRAÇO GRANDE (AITBG)

// Christian Russau