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„Damit so etwas nie wieder passiert“

Erinnerungsarbeit in Pernambuco. Eine Reportage von Sara Fremberg.
„Damit so etwas nie wieder passiert“

Photo: Sara Fremberg

Ungewöhnlich pünktlich versammeln sich die Schüler der Technischen Schule Maria Eduarda Ramos de Barros in Carpina an diesem Vormittag in ihrem Auditorium. Es ist 10 Uhr und für den Nachmittag ist eine Prüfung angesetzt, für die es noch einiges vorzubereiten gibt. Die Ferien beginnen 2014 wegen der Fußball-WM mehrere Wochen früher als sonst und entsprechend werden auch die Endjahresprüfungen vorverlegt.

An den Saalwänden rechts und links sind, gleichmäßig verteilt, 30 Plakatwände aufgestellt, die mit Fotos, Texten und Zeitzeugen-Zitaten an die Repressionen und die Gewalt in der Zeit der Militärdiktatur erinnern: Die Ausstellung „Amnestie und Demokratie” ist vor zwei Wochen in der Schule aufgestellt worden. 14 Tage haben die Schüler Zeit gehabt, um sich mit ihren Geschichtslehrern in das Thema zu vertiefen.

Heute sind Chico de Assis und Amparo Almeida Araújo eingeladen, vor den Schülern zu sprechen und mit ihnen zu diskutieren. Beide waren während der Militärdiktatur in linken Widerstandsgruppen aktiv. „Wie wurdet Ihr gefoltert?“, fragen die 14-17 Jahre alten Jugendlichen.  „Wie seid Ihr an Geld gekommen? Und woran habt Ihr geglaubt?“ Wortreich und detailliert antworten die beiden Zeitzeugen, erzählen vom Alltag im Widerstand, von ihren Überzeugungen und von der Zeit in Gefängnis und unter Folter. „Würdet Ihr heute wieder so handeln?“ ruft ein Junge am Schluss und ohne zu zögern antworten Chico de Assis und Amparo Araújo unisono: „Ja, auf jeden Fall!“.

Die Schule in Carpina ist eine von 20 öffentlichen Schulen in Pernambuco, die seit Beginn des Projekts 2013 daran teilgenommen haben. Ausstellung und Projektleitung werden vom Sekretariat für soziale Entwicklung und Menschenrechte finanziert und betreut. Irageu Fonseca, Referent für politische Erinnerung, begleitet sowohl die Einführungs- als auch die Abschlussveranstaltung: „Viele Brasilianer glauben, dass sich die Jugendlichen von heute nicht für Geschichte und Politik interessieren. Das ist falsch. Unsere Schulbesuche beweisen das Gegenteil“, kritisiert Fonseca. „Das Problem ist, dass die Jugendlichen kaum Zugang zu Wissen über die Zeit der Militärdiktatur haben. (…) Wir wollen das ändern. Auch die Herangehensweise ist wichtig. Mit Fotos und durch die Treffen mit Zeitzeugen wecken wir die Neugierde der Schüler.“

Chico de Assis, Amparo Almeida Araújo und andere Zeitzeugen nehmen ehrenamtlich an dem Projekt teil und tragen auch sämtliche anfallenden Kosten für Benzin, Unterkunft und Verpflegung selbst. Beide betonen die Bedeutung des Projekts, weil es vom Staat ausgeht und dieser damit deutlich macht, dass die Aufarbeitung der Vergangenheit von zentraler Bedeutung ist. “Wir tragen dazu bei, dass die neuen Generationen mehr über unsere Geschichte erfahren“, sagt die 64-jährige Amparo Almeida Araújo. Ihr Mann wurde von den Militärs ermordet, ihr Bruder wurde gefoltert und gilt bis heute als „verschwunden“. „Der Austausch mit den Jugendlichen bewegt mich sehr und gibt mir Hoffnung, dass sie unseren Kampf für das Gedenken und die Erinnerung weiterführen werden. Dass sie sich für die Aufklärung der Verbrechen einsetzen und die Kultur des „Nunca Mais“ (Nie Wieder) in unserem Land bewahren und verfestigen. Damit sich die Barbarei der Militärdiktatur nicht wiederholt.“

Das Projekt des Sekretariats für Menschenrechte ist in Brasilien einzigartig und Pernambuco damit wieder einmal Vorreiter. Wieder einmal, weil hier nach Berufung der Nationalen Wahrheitskommission die erste regionale Wahrheitskommission ins Leben gerufen wurde. Auch die erste Gedenkstätte Brasiliens für die Folteropfer der Militärdiktatur wurde in Recife, der Hauptstadt des Bundesstaates, aufgestellt.

Pernambuco war ein wichtiges Zentrum des politischen und sozialen Widerstands gegen die Militärdiktatur. Politische Gegner des Regimes, Anhänger der Schüler- und Studentenbewegung und Mitglieder der Bauernvereinigungen wurden zum Ziel brutaler staatlicher Repression. Man geht derzeit von 51 Personen aus, die in Pernambuco aus politischen Gründen ermordet wurden. Mindestens 86 Landarbeiter und Kleinbauer wurden getötet. Genaue Zahlen zu den Opfern in den indigenen Gemeinden gibt es, wie im Rest des Landes, nicht.
Nichtstaatliche Institutionen, soziale Bewegungen und unabhängige Aktivistinnen und Aktivisten setzen sich bereits seit Jahrzehnten für die Aufarbeitung dieser Menschenrechtsverletzungen ein. Nichtregierungsorganisationen wie Tortura Nunca Mais und das Kulturzentrum Manoel Lisboa rekonstruieren Todesumstände und klären Fälle von Folter und ‚Verschwindenlassen‘ auf. Sie unterstützen die Hinterbliebenen psychologisch und helfen ihnen bei den Anträgen auf Entschädigung. Sie bewahren das Andenken an die Opfer der Militärs und setzen sich für Gedenkstätten ein.

Im Juni 2012 wurde in Recife die Wahrheits- und Erinnerungskommission Dom Hélder Câmara geschaffen. Die Kommission soll die Fakten und Umstände von schweren Menschenrechtsverletzungen aufklären, die während der Diktatur in Pernambuco oder außerhalb des Bundesstaates an dessen Bürgern begangen wurden. Mit neun Mitgliedern und einem Mandat, das im April 2014 von zwei auf vier Jahre ausgeweitet wurde, ist die Kommission dabei weitaus besser aufgestellt als die Nationale Wahrheitskommission, die sieben Mitglieder umfasst und Ende 2014, nach nur zweieinhalb Jahren, ihren Abschlussbericht vorstellen wird. Besonders in Pernambuco ist weiterhin, dass die Zivilgesellschaft und damit Nichtregierungsorganisationen, Opfer und Familienangehörige in die Entwicklung des Statuts zur Gründung der Wahrheitskommission einbezogen und auch gehört wurden. Sie stellten nicht nur Kriterien für die Eignung der Kommissionsmitglieder auf, sondern bestimmten drei von ihnen selbst.

Die Wahrheitskommission von Pernambuco hat schon jetzt ebenso wie ihr nationales Vorbild dazu beigetragen, viele Diktaturverbrechen als solche zu benennen und in der Öffentlichkeit bekannt zu machen. Wo Aktivisten und Widerstandskämpfer zurecht die mangelnde juristische Kompetenz der Kommissionen beklagen, haben inzwischen zumindest auch viele, die und deren Umfeld nicht unmittelbar von den Repressionen betroffen waren, von der Arbeit und dem Anliegen der Kommission gehört. Dieses ist ein erster wichtiger Schritt hin zu einem gesellschaftlichen Konsens, einem Bewusstsein darüber, dass es sich bei den Verbrechen der Militärs tatsächlich um schwere Menschenrechtsverletzungen handelte und nicht nur um „Ausfälle“ einzelner Sadisten, die zudem nur die wenigen getroffen haben, die sich dem Staat widersetzten.

Dass die staatlichen Wahrheitskommissionen Brasiliens es nicht schaffen werden, die komplette historische und vor allem juristische Aufarbeitung von 21 Jahren Militärdiktatur zu gewährleisten, ist absehbar. Aber sie öffnen der brasilianischen Zivilgesellschaft den Weg, die historische Aufarbeitung und die Bestrafung der Verantwortlichen zu ihrem eigenen Anliegen zu machen und die Aktivisten und Organisationen zu unterstützen, die sich dafür schon seit Jahrzehnten einsetzen.

Dies ist umso wichtiger, als dass es nicht nur darum gehen kann, die Geschichte dieser Zeit aus Sicht des politischen Widerstands zu erzählen. Viele Brasilianer, die nicht unmittelbar im Widerstand aktiv waren, verloren aus politischen Gründen ihren Arbeitsplatz oder einen Platz an der Universität, mussten ins Exil und ihre Familie zurücklassen. Ganz zu schweigen von den tausenden Opfern unter den Landarbeitern und in den indigenen Gemeinden, zu denen es keine genauen Zahlen gibt. Opfer und Angehörige beider Gruppen haben bis heute nur in Einzelfällen Entschädigung vom Staat bekommen, weil diese an die Einstufung als „politisch verfolgt“ gekoppelt ist. Und schließlich unterstützte ein großer Teil der brasilianischen Zivilgesellschaft die Militärs. All dies muss historisch erforscht und aufbereitet werden, um eine faktenbasierte Geschichtsschreibung dieser Zeit zu ermöglichen und diese an die zukünftigen Generationen weitergeben zu können.

Die Schülerinnen und Schüler in Carpina kommen während der Diskussion und danach im Interview immer wieder auf die „Mythen“ zurück, die in Brasilien insbesondere von konservativen und Militär-Kreisen kolportiert werden und die die Zeit der Militärdiktatur nachträglich als „weiche“ Diktatur (‚ditabranda‘) beschönigen.

„Ich finde das Projekt gut, weil es uns klar macht, warum über dieses Thema heute kaum gesprochen wird. Es zerstört verschiedene Mythen und hilft uns, besser zu verstehen, was damals passiert ist.“, sagt die 17-jährige Natalia. Und der gleichaltrige Carlos fügt hinzu: „Die Zeitzeugen haben uns nicht nur unsere Vergangenheit bewusst gemacht. Sie haben uns Mut gemacht, für unsere Demokratie einzutreten. Damit wir alles dafür tun können, dass so etwas wieder passiert.“


// Sara Fremberg, Journalistin und Historikerin
Mehr Berichte und Reportagen von Sara Fremberg finden Sie auf ihrem Blog.
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Quelle: Weltfriedensdienst. Nunca Mais Brasilientage - Dokumentation. Juli 2014