1. Nationalkonferenz der indigenen Frauen in Brasilien

Die "Charta für das Leben und für die Körper-Territorien" wurde dem Nationalkongress direkt im Anschluss an die Nationalkonferenz überreicht.
| von Christian.russau@fdcl.org
1. Nationalkonferenz der indigenen Frauen in Brasilien
Titelbild der "Charta für das Leben und für die Körper-Territorien", ANMIGA

Mehr als 5.000 indigene Frauen aus über 100 verschiedenen indigenen Völkern Brasiliens aus allen Landesteilen des Landes trafen sich diese Woche in Brasiliens Hauptstadt Brasília zum mittlerweile vierten Marsch der indigenen Frauen. Dort fand dann am gestrigen Donnerstag die 1. Nationalkonferenz der indigenen Frauen statt. Zum Abschluss des mehrtägigen Protestes zogen die indigenen Frauen am Vormittag in einem Demonstrationszug zum Platz der drei Gewalten und überreichten dem brasilianischen Nationalkongress die "Charta für das Leben und für die Körper-Territorien", ein Dokument, das darauf abzielt, differenzierte Politiken der öffentlichen Hand zugunsten der indigenen Völker auszuarbeiten. Die in dem Dokument 49 priorisierten Vorschläge sind Ergebnis des kollektiven Prozesses der 1. Nationalkonferenz indigener Frauen. KoBra dokumentiert hier das Dokument in deutschsprachiger Übersetzung.

Quelle des Originaldokuments hier.

1. NATIONALKONFERENZ DER INDIGENEN FRAUEN - CHARTA FÜR DAS LEBEN UND FÜR DIE KÖRPER-TERRITORIEN: "Unser Körper ist Territorium! Wir sind die Hüterinnen des Planeten für die Heilung der Erde!"

Brasília – DF, FUNARTE, 5. und 6. August 2025

Wir, die Delegierten der 1. Nationalkonferenz indigener Frauen, die am 05. und 06. August 2025 in Brasília zusammengekommen sind, in Anwesenheit von 5.000 indigenen Frauen aus über 100 Völkern, die aus allen Regionen und Biomen Brasiliens stammen, veröffentlichen dieses Dokument mit den 49 vorrangigen Vorschlägen, die im Plenum beschlossen wurden, um der Umsetzung der Politiken der öffentlichen Hand für indigene Frauen Orientierung zu erteilen und eine solche zu stärken.

Diese Konferenz ist das Ergebnis eines Prozesses des Zuhörens, der Mobilisierung und der gemeinsamen Gestaltung, der von der Nationalen Vereinigung indigener Frauen, Kämpferinnen für die Traditionen (ANMIGA) organisiert wurde und dessen regionale Etappen zuvor in den sieben Biomen Brasiliens stattfanden. Unser Ziel war es, die wichtigsten Forderungen und Vorschläge der indigenen Frauen in den fünf thematischen Schwerpunkten zu konsolidieren, die diesen Prozess strukturierten: Recht und Territorialverwaltung; Klimagerechtigkeit; öffentliche Politik und geschlechtsspezifische Gewalt; indigene Gesundheit; Bildung und die Weitergabe von überliefertem Wissen für ein gutes Leben.

Aufgrund unserer führenden Rolle und aufgrund unseres Engagements für die Kontinuität des Lebens präsentieren wir im Folgenden Vorschläge, die dem brasilianischen Staat als Leitlinien für die Formulierung und Umsetzung einer integrierten, interkulturellen und intersektionalen Politik der öffentlichen Hand dienen sollen, die die Vielfalt unserer Völker respektiert und den Schutz unserer Körper-Territorien garantiert.

SCHWERPUNKT 1: RECHT UND TERRITORIALES MANAGEMENT
1. Abgrenzung, Anerkennung, Erweiterung, Räumung und dauerhafter Schutz indigener Territorien als staatliche Politik mit Budget und mit indigener Führungsrolle.
2. Aufhebung der Stichtagsregelung Marco Temporal, um die territorialen Rechte vollständig zu gewährleisten.
3. Förderung der territorialen Überwachung durch indigene Frauen und Erstellung einer Datenbank über die Landnutzung.
4. Spezifischer Kanal für Meldungen über territoriale und ökologische Verstöße.
5. System zur Schlichtung interner Konflikte mit Schwerpunkt auf dem Schutz von Frauen und Mädchen.
6. Verabschiedung des Gesetzesentwurfs zur Einführung einer Nationalen Politik für indigene Gebiete (PNGATI) und deren gesetzliche Verankerung, mit garantierten Haushaltsmitteln für deren Umsetzung und unter effektiver Beteiligung indigener Frauen.
7. Unterstützung bei der Ausarbeitung von Instrumenten zur Verwaltung indigener Gebiete (IGATIs) auf der Grundlage der PNGATI, unter maßgeblicher Beteiligung indigener Frauen und Jugendlicher.
8. Institutionelle und finanzielle Unterstützung für Projekte, die von indigenen Frauen geleitet werden.
9. Erfassung und Anerkennung der Besiedlungsgebiete in freiwilliger Isolation lebender indigener Völker.
10. Einrichtung eines Fonds für Territorial- und Umweltmanagement für die sechs Biome, mit partizipativer Verwaltung durch indigene Frauen.

SCHWERPUNKT 2: KLIMANOTSTAND
1. Universeller Zugang zu Trinkwasser in indigenen Gemeinschaften, mit Schwerpunkt auf Frauen und Mädchen.
2. Öffentliche Politik und Notfallpläne unter Beteiligung indigener Frauen und Wertschätzung traditionellen Wissens.
3. Stärkung der indigenen Brigaden unter aktiver Beteiligung von Frauen bei der Brandbekämpfung.
4. Ausbildung indigener Frauen und Jugendlicher in den Bereichen Umweltbildung, Klimagerechtigkeit und politische Teilhabe.
5. Gewährleistung einer freien, vorherigen und informierten Konsultation und Verhängung von Sanktionen bei Nichteinhaltung.
6. Schaffung der Kategorie "Indigene Territorial- und indigene Umweltbeauftragte" und ein Programm zum Schutz von Umweltschützerinnen.
7. Maßnahmen zur Wiederaufforstung, Regeneration und Ernährungssouveränität unter federführender Beteiligung indigener Frauen.
8. Studien und Kartierungen von Gewässern unter Beteiligung indigener Frauen.
9. Einrichtung eines Klimanotfallfonds unter direkter Verwaltung durch indigene Frauen.
10. Einführung von Solarenergiesystemen in den Gebieten zur Förderung einer gerechten Energiewende.

SCHWERPUNKT 3: ÖFFENTLICHE POLITIK UND GESCHLECHTSSPEZIFISCHE GEWALT
1. Nationaler Plan zur Bekämpfung von institutionellem Rassismus mit Schwerpunkt auf indigenen Frauen.
2. Maßnahmen zur Gewaltprävention mit intersektoraler und kulturell angemessener Ausbildung unter Achtung aller Formen von Diversität.
3. Paritätische Beteiligung indigener Frauen in allen Entscheidungsgremien und Einrichtung eines Nationalen Rates für die Rechte indigener Frauen.
4. Einrichtung und Verwaltung von Häusern für indigene Frauen (CAMIs) in allen Biomen durch indigene Gemeinschaften.
5. Referenzzentren für indigene Frauen in mindestens 50 % der Gemeinden mit indigenen Gebieten.
6. Programm zur Bekämpfung sexueller Ausbeutung in indigenen Gebieten.
7. Integrierte Maßnahmen zum Schutz des Lebens, der Gesundheit und der Unversehrtheit indigener Frauen, mit der Schaffung regionaler und lokaler Unterstützungsnetzwerke.
8. Kultur-, Sport- und Freizeitprogramme mit Schwerpunkt auf dem Wohlergehen indigener Frauen und Mädchen.
9. Unterstützung der Einkommensgenerierung, der freien Ausübung der Spiritualität und der wirtschaftlichen Unabhängigkeit indigener Frauen durch die Einrichtung des Nationalen Fonds für indigene Frauen (FNMI).

SCHWERPUNKT 4: GESUNDHEIT
1. Einrichtung von indigenen Gesundheitsbezirken DSEIs und Basiszentren in den Gebieten mit garantiertem Zugang zu mobilen Ambulanzen, die für die spezifischen Bedürfnisse von Frauen ausgerüstet sind.
2. Gesundheitszentren, Hebammen- und Frauenhäuser mit angemessener Ausstattung und interkulturellen Teams.
3. Sichere Unterkünfte in den Städten für indigene Frauen, die Gewalt erfahren haben.
4. Zugang zu komplexen und hochkomplexen Untersuchungen und Verfahren mit spezifischem Protokoll für indigene Frauen.
5. Bekämpfung von Gewalt in der Geburtshilfe und Aufwertung traditioneller Geburtspraktiken.
6. Umsetzung der nationalen Gesundheitspolitik für Indigene PNASPI mit Aufwertung der indigenen Medizin und des traditionellen Wissens.
7. Offizielle Anerkennung von Hebammen, Schamanen und anderen indigenen Spezialist:innen als Gesundheitsfachkräfte.
8. Reservierung von 50 % der Plätze für indigene Frauen in den Räten und Konferenzen für indigene Gesundheit.
9. Programm zur Bekämpfung von Alkoholismus, Drogenmissbrauch und Selbstmord mit Schwerpunkt auf psychischer Gesundheit.
10. Fortbildung im Bereich indigene Gesundheit mit Schwerpunkt auf institutionellem Rassismus, geburtshilflicher Gewalt und Frauengesundheit.

SCHWERPUNKT 5: BILDUNG UND ÜBERLIEFERTE WISSENSCHAFTEN FÜR EIN GUTES LEBEN
1. Spezifische Quoten für indigene Frauen in Bildungseinrichtungen und Aufbaustudiengängen.
2. Maßnahmen zur Förderung des Verbleibs und zur Unterstützung indigener Mädchen und Mütter.
3. Umsetzung des Gesetzes 11.645/2008 und Aufwertung der Geschichte und Kultur der indigenen Völker.
4. Neugestaltung der Lehrpläne unter Einbeziehung des Wissens indigener Frauen.
5. Bau und Betrieb von indigenen Schulen mit angemessener Infrastruktur in den Territorien.
6. Programme zur technischen und politischen Ausbildung unter Beteiligung indigener Frauen.
7. Spezifische Kulturpolitik für indigene Frauen mit Ausschreibungen und garantierten Haushaltsmitteln.
8. Einstellung indigener Lehrerinnen und Aufwertung älterer Frauen in den Bildungsprozessen.
9. Spezifische Auswahlverfahren mit Berufs-, Stellen und Besoldungsplan PCCR für indigene Bildungsfachkräfte.
10. Schaffung eines Sondersekretariats für indigene Bildung und Einsetzung eines Fonds für indigene Schulbildung unter indigener Verwaltung.

Wir machen weiter!
Dieses Dokument ist das Ergebnis eines zutiefst kollektiven, traditionsreichen und politischen Prozesses, der die Dringlichkeit bekräftigt, den Stimmen der indigenen Frauen Brasiliens Gehör zu schenken und ihnen Rechnung zu tragen.
Wir setzen uns kontinuierlich für die Demarkation indigener Gebiete, gegen die Stichtagsregelung Marco Temporal, für das Veto gegen den Gesetzentwurf zur Zerstörung, für die Umsetzung der Nationalen Politik zur territorialen und ökologischen Verwaltung indigener Gebiete (PNGATI), gegen den Bergbau in indigenen Gebieten, für die Konvention 169 und für die Verpflichtung zur Durchführung einer freien, vorherigen und informierten Konsultation ein.

Unser Körper ist Territorium. Unser Territorium ist heilig. Wir werden weiterhin organisiert, mobilisiert und im Kampf für Gerechtigkeit, für gutes Leben und für den Fortbestand des Lebens auf dem Planeten aktiv bleiben.
Wir werden weiterhin auf den brasilianischen Staat zählen, damit diese Vorschläge als dringende und als nicht verhandelbare Verpflichtungen übernommen werden. Mögen sie angenommen, finanziert und mit der gebotenen Verantwortung und im ständigen Dialog mit unseren Organisationen umgesetzt werden.

Brasília (DF), 6. August 2025
Articulação Nacional das Mulheres Indígenas Guerreiras da Ancestralidade – ANMIGA

// übersetzung: christian russau

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