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Zahlenspiele mit der Entwaldung

Die Wälder Amazoniens sind von nationaler und globaler Bedeutung. Jedes Jahr wird ein beträchtlicher Teil durch Menschenhand zerstört. Und jedes Jahr wird der Grad der Zerstörung anhand einer Zahl gemessen: Der offiziellen Entwaldungszahl, welche die Regierung in der Regel Anfang April bekannt gibt.

 

Diese Zahl ist von großer politischer Bedeutung, so verwundert es nicht, dass es hinter den Kulissen Auseinandersetzungen um die Veröffentlichung gibt. Dieses Jahr wurde das Spiel mit den Zahlen besonders offensichtlich.

Sachlich gesehen wird von der brasilianischen Weltraumbehörde INPA die Waldbedeckung Brasiliens mit dem Satelliten gemessen, und zwar mit zwei Systemen, dem PRODES- und dem DETER- System. PRODES hat die höhere Auflösung und wird deshalb für die Ermittlung der Jahreszahlen verwendet. Seit Beginn der Datenerhebung im Jahre 1988 wird als Messzeitraum der 1. August eines Jahres bis zum 31. Juli des nächsten Jahres genommen. Vorläufige Zahlen liegen meist schon im Dezember vor, und Regierung und Verbände geben erste Kommentare ab. Endgültige Daten liegen dann im März vor und werden kurz darauf vom Umweltministerium veröffentlicht. Seit Ende August 2003 existiert mit DETER ein zweites Satellitenbeobachtungssystem, das eine geringere Auflösung hat, aber die Daten schneller auswerten und zur Verfügung stellen kann, was für schnelles politisches und auch polizeiliches Handeln wichtig ist, z.B. bei der Bekämpfung von illegalem Holzeinschlag. Aufgrund der geringeren Auflösung kam DETER im ersten Jahr seiner Existenz zu deutlich geringeren Entwaldungszahlen als PRODES. Für die Saison 2004/2005 liegen bislang ausschließlich Daten von DETER vor.

Das verwirrende Spiel mit den Entwaldungszahlen fing dieses Jahr damit an, dass die Zahlen für die Saison 2003/ 2004 mehr als einen Monat später als üblich und ohne Beteiligung von Wissenschaftlern und Verbänden veröffentlicht wurden. Schon anhand der vorläufigen Zahlen im Dezember war klar, dass die nach der Rekordentwaldung im Jahr davor dramatisch angekündigten Waldschutzmaßnahmen der Regierung nichts gefruchtet hatten und dieses Jahr der Rekord mindestens eingestellt, wenn nicht sogar übertroffen würde.

Im Februar hatte der Mord an der Umweltschützerin Dorothy Stang die internationale Öffentlichkeit erschüttert, der April wurde von organisierten Protesten der Indigenen gegen die Untätigkeit der Regierung genutzt, da war eine weitere Misserfolgsmeldung nicht opportun. Verheimlichen konnte man die Zahlen aber auch nicht, so wurden sie zwischen der Anerkennung des Raposa-Reservates und der Operation Curupira (gegen illegalen Holzeinschlag in Mato Grosso) veröffentlicht. Damit wurde der politische Schaden für die Regierung Lula begrenzt.

Als dann der Messzeitraum für die neuen Entwaldungszahlen mit dem 31. Juli zu Ende ging, beeilte sich das Umweltministerium, die DETER-Zahlen zu bekommen und zu veröffentlichen. Dafür wurde der Zeitraum 25. August 2004 bis 31. Juli 2005 gewählt, eine Entwaldung von 9.100 km² ermittelt und dies mit dem Wert 18.000 km² des Zeitraums 27.8.2003-31.7.2004 verglichen. Heraus kam eine Reduktion der Entwaldung um ca. 50%, was die Regierung als Erfolg ihrer Politik feierte. Das unabhängige Umweltforschungsinstitut IMAZON nutzte dieselbe Datenbasis, wertete sie aber für ein komplettes Jahr (1.8.2004- 1.7.2005) aus und rechnete die systematische Unterschätzung von DETER gegenüber PRODES mit ein. Als Schätzung kam damit 15.909 km² heraus, 36% weniger als die 26.130 km² vom letzten Jahr, was immer noch ein dramatischer Rückgang der Entwaldungszahlen wäre.

Sind die Zahlen nun Beweis für eine erfolgreiche Waldschutzpolitik der Regierung Lula im Entwaldungsgürtel? Zum Teil. Einerseits hat die längere Militärpräsenz in Pará als Folge des Mordes an Dorothy Stang sicherlich manchen illegalen Holzeinschlag verhindert, auch die Operation Curupira in Mato Grosso hat mit der Aushebelung eines Teils der Holzmafia viel bewirkt. Andererseits war im Jahr davor der hohe Sojapreis Hauptmotor der Entwaldung, und dieser ist zusammen mit dem Preis für Fleisch seitdem stark eingebrochen, was zu den bekannten Protesten von Sojabauern in Mato Grosso führte, die ihre Schulden nicht mehr bezahlen konnten. Und es muss beachtet werden, dass dieses Jahr die Trockenzeit im November noch nicht abgeschlossen ist, so dass auch nach dem 31. Juli weitere Abholzungen stattgefunden haben können, von weiteren Schäden ganz zu schweigen.

Mitte Oktober wurden dann neue Zahlen zur Entwaldung Amazoniens veröffentlicht, diesmal von einem Wissenschaftlerteam der US-Universität Stanford in Zusammenarbeit mit brasilianischen Kollegen. Hierbei wurden Daten des hochauflösenden Landsat-Satelliten aus den Jahren 1999-2002 für die 5 wichtigsten Amazonien-Bundesstaaten untersucht. Damit konnten neben Kahlschlägen auch Löcher im Baumkronendach gemessen werden, wie sie durch einzelne Bäume, also z.B. beim selektiven Holzeinschlag entstehen.

Rechnet man diese Löcher hinzu, kommt man zu Entwaldungszahlen, die 63%- 123% über den offiziellen liegen. Die Entwaldung wäre demnach also etwa doppelt so hoch wie bisher angenommen. Es gab berechtigte Einwände gegen diese Studie, so seien z.B. Felsen im Wald als Kronendachöffnungen infolge Einschlags mitgezählt worden. Auch ist per Satellit wohl nicht zu unterscheiden, ob ein Baum aus natürlichen Gründen umgefallen ist oder gefällt wurde.

Trotzdem bleibt festzuhalten, dass die Wirkung und Dimension des selektiven Holzeinschlags in Amazonien stark unterschätzt wurde und zu einem Umdenken, vielleicht auch bei zukünftigen Statistik- Erhebungen, führen muss.

Bei aller Statistik sollte man nicht vergessen, dass man zum einen Schädigungen des Ökosystems Regenwald nicht nur an der aus dem Weltall gemessenen Laubkronenbedeckung beurteilen kann. Hier seien nur Waldbrandschäden am Boden unter dem Kronendach, Überjagung und Dürreschäden genannt. Auch sollte uns die diesjährige Rekorddürre wieder ins Bewusstsein rufen, dass die Entwaldung Amazoniens nicht linear vonstatten gehen wird, sondern in Stufen. Derzeitige Schätzungen gehen davon aus, dass bei einer Entwaldung von 30-40% (s.o.) die Umwandlung Amazoniens in eine Savanne schnell und unumkehrbar sein wird. Betrachten wir die jährlichen Entwaldungszahlen also als ein grobes Indiz für die ablaufenden Zerstörungen und atmen nicht erleichtert auf, wenn diese Zahlen um ein paar Prozentpunkte zurück gehen.

 

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