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Mato Grosso - Zentrum der Entwaldung Amazoniens

Wenn man von der Entwaldung in Amazonien sprach, dachte man lange zuerst an den Bundesstaat Pará, dem Land, das wesentlich vom Holzeinschlag lebt, in dem politische Morde an Umweltschützern und Landrechtsaktivisten an der Tagesordnung sind und Sklavenarbeit allgegenwärtig ist.

Noch im vorletzten Entwaldungsbericht war Pará mit 36,1% Waldzerstörung an der Spitze (Mato Grosso: 35,6%). Dann wurde Ende 2002 Blairo Maggi, der größte Soja-Produzent der Welt, zum Gouverneur von Mato Grosso gewählt. Nach nur 2 Jahren Amtszeit ist sein Bundesstaat mit 48% der bundesweiten Entwaldung klar an die Spitze der Statistik gerückt (Pará: 25,7%). Wie kam es dazu?

Der Soja-Boom

Mato Grosso, der südlichste Bundesstaat Amazoniens und Teil des sogenannten „Entwaldungsgürtels“, liegt im Übergangsbereich vom Regenwald im Norden zu den Savannen im Süden des Landes. Das Savannengebiet („Cerrado“) eignet sich gut, um großflächig Soja anzubauen. So verschwand ein Großteil der natürlichen Cerrado-Vegetation, ohne dass sich die internationale Öffentlichkeit dafür interessierte. Durch neue Züchtungen entstanden Soja-Arten, die auch auf gerodeten Flächen des nördlicheren Regenwaldgürtels wachsen konnten. Soja macht 80% des Exportes von Mato Grosso aus.

International wuchs der Bedarf an Soja, als durch den BSE-Skandal tierisches Gewebe im Tierfutter diskreditiert wurde. So kam es ab 2002 zu einem internationalen Soja-Boom, von dem Brasilien in besonderem Maße profitieren konnte, da es zu dem Zeitpunkt offiziell kein Gen-Soja anbaute und für Europa deshalb besonders attraktiv war. Brasilien deckt derzeit 65% der Sojaimporte Europas.

Auch Chinas Mittelstand isst mehr und mehr Fleisch, und Brasilien hat auf staatlicher Ebene den verstärkten Export von brasilianischem Soja als Tierfutter durchgesetzt. Dieser globale Soja-Boom dauerte 3 Jahre und hörte 2005 auf, aber dazu später mehr. Zu Beginn dieses Soja-Booms stieg auch die Entwaldung Brasiliens nach 8 Jahren Stagnation oder leichtem Rückgang schlagartig um 40% von 18.170 km2 auf 25.000 km2 und steigerte sich seitdem jedes Jahr. Lulas Regierung ist somit in jedem Jahr seiner Regierung mit Rekordwerten bei der Entwaldung konfrontiert. Andererseits machen Agrarprodukte auch den größten Anteil an Brasiliens Exporten aus, und durch Lulas Förderpolitik kann Brasilien den USA bald den Rang als Exportweltmeister bei Soja und Rindfleisch streitig machen.

Gouverneur Blairo Maggi

Als Maggi, der „Sojakönig“, 2003 seinen Posten als Gouverneur von Mato Grosso antrat, versprach er, die Anbaufläche für Soja im Land innerhalb von 10 Jahren zu verdreifachen. Sein Konzern, die Amaggi Gruppe, will ihre Anbaufläche in dem Zeitraum verdoppeln. Helfen tut ihm dabei ein Kredit über 30 Mio. US-$ von der für die Privatwirtschaft zuständigen Weltbank-Tochter IPC. Sein Konzern bekam 2004 den Kredit ohne Prüfung der Bank-internen Regeln für Umwelt- und Sozialverträglichkeit, was auf internationalem Druck hin (einschließlich deutscher Kampagnen) zu einem Untersuchungsverfahren führt, das Anfang Juni diesen Jahres die Fehlvergabe bestätigt und interne Schwächen der IPC-Prüfverfahren offenlegt. Bislang wurde die Kreditvergabe aber nicht zurückgenommen.

Maggi hat eine klare Position, die er auch in den Medien immer deutlich macht. Forstwirtschaft habe in Brasilien keine Zukunft. „Mir bedeutet ein 40-prozentiger Anstieg in der Entwaldung rein gar nichts, und ich habe nicht die geringsten Schuldgefühle bei dem, was wir tun. Wir sprechen über eine Fläche größer als Europa, die kaum berührt ist, deshalb gibt es nichts, über das man sich Sorgen machen müsste.“ Internationale Kritik an seiner Umweltpolitik bezeichnet er als einen der größten Feinde des Waldes. Dabei verweist er auf das moderne Satelliten-gesteuerte Lizensierungssystem für den Holzeinschlag in Mato Grosso, das unabhängig vom bundesweiten System der Entwaldung Einhalt gebieten soll.

Die Entwaldung

Die Zahlen sprechen allerdings eine andere Sprache. Im ersten Jahr seiner Amtszeit hat sich die Entwaldungsrate in seinem Land verdoppelt, 2004 stieg sie nochmals um 20% auf 12.546 km2, das sind 48% der bundesweiten Entwaldung. 32.000 ha wurden in Indigenen-Reservaten und 24.309 ha in Naturschutzgebieten abgeholzt (2003 waren das sogar 40.268 ha). Laut Greenpeace ist nur ein Drittel der Entwaldung in Mato Grosso legal. Satelliten-Daten bis Mai diesen Jahres lassen auch im nächsten Bericht ein Ansteigen der Entwaldungsrate erwarten. Der Mechanismus ist immer derselbe: Wald wird besetzt, Holzfäller roden den Regenwald, verkaufen das Land an Viehzüchter, diese ziehen mit ihren Herden weiter nach Norden und verkaufen das zurückgelassene Land im Süden an die expandierende Sojaindustrie, die neue großflächige Sojafelder anlegt, um sie maschinell bearbeiten zu können. 90% der Landrechte sollen laut einem Wissenschaftler ungeklärt sein, was professionellen Landräubern das Geschäft leicht macht. Ein gerodetes Gebiet ist in diesem wirtschaftlichen Kontext dreimal wertvoller als ein bewaldetes. Wald steht nur im Weg und ist ein Hindernis in der wirtschaftlichen Entwicklung von Mato Grosso. Kein Wunder also, dass Blairo Maggi in Regenwaldschützern nur Agenten internationaler Mächte sieht, die den wirtschaftlichen Aufschwung seines Landes verhindern wollen.

In diesen Zusammenhang passt auch die Entscheidung eines Obersten Landesrichters im März, den Abholzungbann für ein Regenwaldgebiet im Nordwesten Mato Grossos nahe der Grenze zu Bolivien aufzuheben. Dort leben unkontaktierte Indigene. Begründet wurde die Entscheidung mit dem sonst drohenden irreversiblen Schaden für die Holzfirma. Die Indianerbehörde FUNAI hatte sich bislang vergeblich um eine Kontaktierung der Indigenen bemüht und 2001 ein Sperrgebiet um die Dörfer genehmigt bekommen. Bewaffnete Holzfäller wurden dort aber schon 2002 gesichtet, geheime Straßen angelegt und ein FUNAI-Camp niedergebrannt. Das Gerichtsurteil zur Aufhebung des Abholzungsbanns führte zu einem Sturm der Entrüstung: NGOs, die FUNAI und Staatsanwälte drängten auf eine Rücknahme des Urteils, die dann auch vom selben Richter im Mai vorgenommen wurde. Eine Auslöschung der Indigenengruppe im 166.000 großen Waldgebiet konnte so vorerst verhindert werden. Der Vorfall zeigt aber die geringe Sensibilität auch der Gerichte für Fragen des Regenwald- und Indigenenschutzes in Mato Grosso.

Nach Veröffentlichung des diesjährigen Entwaldungsreports stand die Regierung von Mato Grosso unter Druck. Sie wies aber alle Verantwortung von sich und schob die Schuld auf die Bundes-IBAMA, da angeblich auf den von ihr kontrollierten Flächen (alle Waldbewirtschaftungsflächen kleiner als 300 ha) die Entwaldung vorgekommen sei. Ein Staatssekretär meinte dazu: „Farmer haben das Recht, einen Teil ihres Landes legal zu roden. Wenn es illegale Entwaldung gibt, sind nicht wir dafür verantwortlich, sondern der Bund.“ Die IBAMA widerlegte diese Behauptung mit offiziellen Zahlen, die die Größe der Rodungsflächen belegten. Maggi musste sich vor dem brasilianischen Senat für die Entwaldung in Mato Grosso rechtfertigen. Er verteidigte seine Umweltpolitik und seinen Umweltsekretär Moacir Pires, verlangte vom Bund aber mehr Kommunikation, insbesondere monatliche Umweltinformationen über die Entwaldung.

Operation Curupira

Die überraschende Wende kam am 2. Juni diesen Jahres, als Umweltministerin Marina Silva und Justizminister Márcio Thomaz Bastos in Brasilia den Beginn einer Großrazzia namens „Operation Curupira*“ gegen die Holzmafia in Mato Grosso bekannt gaben. 450 Polizeibeamte waren im Einsatz, 142 Haftbefehle wurden ausgestellt und über 100 Personen verhaftet, darunter Moacir Pires, Maggis Umweltsekretär und Präsident der Staatlichen Umweltstifung FEMA, dann Hugo José Scheuer Werle, Chef der Umweltbehörde IBAMA in Mato Grosso, 39 weitere IBAMA-Beamte, Angestellte der FEMA sowie verschiedene Geschäftsleute und Holzfäller. Der zuerst festgenommene Forstdirektor der Bundes-IBAMA, Antonio Carlos Hummel, wurde nach 5 Tagen und einigen Protesten von Umweltschützern wieder als unschuldig freigelassen. Alle 60 IBAMA-Beamten in Mato Grosso wurden beurlaubt, ein Team der Bundes-IBAMA übernahm die Arbeit, die FEMA wurde in ihren Kompetenzen beschränkt, 4 Holzfirmen geschlossen, ein Netz von 431 Scheinfirmen aufgedeckt, 283 Forstmanagementpläne ausgesetzt, 36 weitere ganz aufgehoben und ein 30-tägiges Einschlagsmoratorium verkündet, das dann später auf ein Jahr ausgedehnt wurde.

Seit 1990 soll dieser Holzschmugglerring 1,9 Mio. m3 Holz im Wert von 303 Mio. € eingeschlagen und verkauft haben, allein in den letzten 2 Jahren habe er 43.000 ha Wald zerstört, v.a. in Indigenen- und Naturschutz-Reservaten. Dreh- und Angelpunkt war die örtliche Umweltbehörde, die eigentlich den Schutz der Wälder garantieren soll. Durch Bestechungsgelder korrumpiert, sah sie beim illegalen Holzeinschlag weg und stellte im industriellen Maßstab falsche Transportlizenzen her, die die Legalität des Holzes bescheinigten. IBAMA-Chef Werle soll in den 2 Jahren seiner Amtszeit Bestechungsgelder und andere Vorteile in Höhe von 425.000 US-$ angenommen haben. Auch PT-Politiker sollen bestochen worden sein. Der Razzia waren 20 Monate Untersuchungen zur Korruption in Mato Grossos IBAMA vorausgegangen. Der Razzia folgte eine Zeit der Neuorganisation und Überprüfungen von Transportlizenzen und Forst-Managementplänen.

Nach der Großrazzia gab sich Blairo Maggi überraschend kleinlaut, entließ zwar seinen Umweltsekretär aufgrund der erdrückenden Beweise, gab aber zunächst keine Interviews. Sein Büro verteidigte die bisherigen Maßnahmen gegen Entwaldung und das angeblich modernste Lizensierungssystem für Holzeinschlag. Als Greenpeace ihm den Preis „Die Goldene Kettensäge“ für seine Verdienste um die Entwaldung Amazoniens verleihen wollte, ließ er die Überbringer vom Sicherheitsdienst entfernen und verschwand kommentarlos (bei der Abstimmung lag er mit 10.348 von 27.849 Stimmen klar vor dem zweitplatzierten Lula mit 7314 Stimmen). Zähneknirschend musste er den Einschlagsmoratorien für sein Land von zuerst 6, dann 12 Monaten zustimmen. Im Nordosten von Mato Grosso gab es erste Protestaktionen der Holzfäller gegen das Einschlagverbot.

Die Aussichten

Die Aussichten für Mato Grosso sind unklar. Einerseits haben 90% der Entwaldung für den nächsten Berichtszeitraum schon stattgefunden, und sie deuten eine kaum geringere Waldzerstörung an. Andererseits steckt der bisherige Motor der Entwaldung, der Sojaanbau, in einer schweren Krise. Nach dem Sojaboom von 2002-2004 sind die Preise in den letzten 12 Monaten um 50% gesunken (Baumwolle –35%). Außerdem macht den Bauern in Süd- und Mittelbrasilien eine Dürre zu schaffen. 10.000 Soja-Bauern sind im Juni nach Brasilia gezogen, um staatliche Hilfe zu fordern, da der derzeitige Marktpreis unter den Produktionskosten liegt. Insbesondere Kleinbauern sind oft verschuldet. Der Bericht einer US-Behörde erwartet deshalb für die nächste Ernteperiode eine Stagnation der Anbaufläche.

Europa hat als Hauptabnehmer des brasilianischen Sojas einen potentiell großen Einfluss, in welche Richtung sich die ökonomischen Rahmenbedingungen des Sojaanbaus in Mato Grosso und Brasilien entwickeln werden. Abgesehen von der Problematik des Gen-Sojas könnte der Verbraucher sich auch gegen „Soja aus Regenwaldzerstörung“ entscheiden, wenn er denn darüber richtig informiert würde. Dies könnte die wirtschaftlichen Antriebskräfte der Regenwaldzerstörung in Mato Grosso und ganz Brasilien entscheidend verändern, indem es den Bedarf und die Preise für „umweltfreundliches Soja“ erhöht. Bislang ist eine solche Entwicklung aber noch in weiter Ferne und bedürfte einer Verbraucher-Kampagne in Deutschland und anderswo. Ein Ansatz dafür sind die „Basler Kriterien“ für einen nachhaltigen Soja-Anbau in Brasilien, der die Erkenntnisse aus einer entsprechenden Studie des WWF Schweiz (http://www.wwf.de/presse/pressearchiv/artikel/02084/ ) in praktische Empfehlungen umsetzt. „Rettet den Regenwald“ e.V. wies auf die Studie und Kriterien in einer Email-Aktion hin.

Nicht zu unterschätzen ist auch der Einfluß der Bundesstraße BR-163 auf die Entwaldung von Mato Grosso. Die Straße durchläuft zurzeit alle Genehmigungsverfahren, um ab Mitte nächsten Jahres durchgehend asphaltiert zu werden. Grund für den Ausbau ist der Bedarf nach einem schnelleren und v.a. billigeren Transport von Soja aus den Anbaugebieten in Mato Grosso zum Seehafen in Santarem und damit den Hauptabnehmern Europa und China. Sie wird damit, wie andere Straßen in Amazonien zuvor (z.B. die Trans-Amazonica), zu einer Hauptachse der Waldzerstörung werden, auch wenn staatliche Umweltpläne das verhindern oder wenigstens abmildern sollen. Schon jetzt findet durch Siedler eine Entwaldung entlang der Straße statt, die Asphaltierung wird die Siedlerströme vergrößern. Diese Dynamik ist vom Bundesstaat Rondônia her bekannt, der in nur wenigen Jahren die Hälfte seiner Wälder verloren hat.

Schaut man sich die Ereignisse der letzten 3 Monate an, wird klar, dass sich zum ersten Mal in Brasilien der politische Wille gezeigt hat, im großen Maßstab gegen die Holzmafia und ihre korrupten Verbündeten in den Regierungen und Behörden vorzugehen. Dies hat praktisch nur die Holzmafia in Mato Grosso getroffen, und dies auch nur aufgrund des enormen politischen Drucks, den die Ermordung von Dorothy Stang und die neuen Rekordzahlen im diesjährigen Entwaldungsbericht auf die Regierung Lula ausgeübt haben. In Pará kann die Holzmafia nach kurzem, medienwirksamem Aktionismus der Bundesregierung nach dem Stang-Mord wieder ungestört ihren illegalen Geschäften nachgehen und ungestraft ihre Gegner ermorden. Das Wochenmagazin Veja deckte kurz nach der „Operation Curupira“ vergebens die dortigen Verbindungen zwischen Holzmafia, IBAMA und Politikern (auch der PT) auf, während Umweltschützern die Verbindungen seit Jahren bekannt sind. Der Regierung liegt zumindest ein Vorschlag der Umweltministerin vor, ein einjähriges Einschlagsmoratorium für ganz Amazonien zu erlassen (wie jetzt schon für Mato Grosso), um durch diesen Notstopp die Dynamik des illegalen Holzeinschlags erstmal zu stoppen und Gegenmaßnahmen einleiten zu können (eine Entscheidung dazu lag bei Redaktionsschluss noch nicht vor). Auch gibt es erste Untersuchungen zur Korruption in Pará. Zur Zeit werden die umstrittenen Großprojekte und die massive Förderung der Agrarexporte einschließlich des Sojaanbaus von der Regierung Lula allerdings in ungebremstem Maße fortgesetzt. Eine Wende ist also noch längst nicht geschafft. Aber es wurde gezeigt, dass mit genügend politischem Druck von außen die brasilianische Regierung in der Tat in der Lage wäre, eine solche Wende herbeizuführen. Nun liegt es an uns, diesen Druck auch von Deutschland und den G8-Ländern aus aufzubauen, ohne dass es weiterer Katastrophenmeldungen und prominenter Opfer wie Dorothy Stang bedarf.

(x) Curupira ist ein bekannter Naturgeist aus den Mythen von Brasiliens indigener Bevölkerung und ist Teil der brasilianischen Volksmärchen geworden. Er soll klein, grün und behaart sein und seine Füße sollen nach hinten zeigen. Er gilt als Schutzgeist des Waldes. Grausame Jäger und unverantwortliche Holzfäller bestraft er mit Streichen, die manchmal zu deren Tod führen. Der lokalen Bevölkerung aber hilft er, indem er z.B. vor Unwettern warnt.

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