Movimento de Atingidas e Atingidos pelas Renováveis (MAR): Bewegung der von Erneuerbaren in Brasilien Betroffenen veröffentlicht kritisches Grundlagendokument „Carta de Lagoa Seca“

Fast ein Jahr nach ihrer Gründung veröffentlicht die Bewegung Movimento de Atingidas e Atingidos pelas Renováveis (MAR) das nach dem Gründungsort benannte Grundlagendokument „Carta de Lagoa Seca“, welches die Kritikpunkte, die Prinzipien, die Forderungen und Ziele der in Brasilien von Projekten erneuerbarer Energien Betroffenen zusammenfasst.
| von Christian.russau@fdcl.org
Movimento de Atingidas e Atingidos pelas Renováveis (MAR): Bewegung der von Erneuerbaren in Brasilien Betroffenen veröffentlicht kritisches Grundlagendokument „Carta de Lagoa Seca“
Logo von MAR - Movimento de Atingidas e Atingidos pelas Renováveis

MAR erkennt die außerordentliche Dringlichkeit zum Handeln angesichts des Klimanotstandes, aber warnt mit Nachdruck davor, dass die Energiewende nicht auf Kosten sozialer und Umweltrechte durchgesetzt werden dürfe. So provozieren, so MAR, Projekte erneuerbarer Energien, vor allem im Nordosten Brasiliens, direkte Auswirkungen auf die Territorien traditioneller Völker und Gemeinschaften, kleinbäuerlicher und Fischerei- und Küstengemeinschaften: Denn, so MAR, viele dieser Projekte entpuppten sich als Energie-Neokolonialismus und Umweltrassismus. Dagegen seien die Gewährleistung und Respektierung der Territorialrechte, der Prinzipien der ILO-Konvention 169, der freien, vorherigen und informierten Konsultation der betroffenen Gemeinschaften ebenso vordringlich wie die Schaffung transparenter Mechanismen zur demokratischen Kontrolle und sozialen und Umweltfolgenabschätzung der Projekte. Und es brauche, so MAR, eine Politik der öffentlichen Hand, die zu einer Energiesouveränität an der Basis führe, ausgerichtet an den Bedarfen der lokalen Bevölkerung, und die die Agrarökologie und die solidarische Ökonomie fördere.
Das Dokument „Carta de Lagoa Seca“ kann hier in voller Länge (auf Portugiesisch) https://www.ccj.ufpb.br/domquixote/wp-content/uploads/sites/106/sites/346/2026/03/CARTA-DE-LAGOA-SECA-NA-PARAIBA-versao-atualizada.pdf eingesehen werden – oder hier dokumentiert von FDCL und KoBra in deutschsprachiger Übersetzung:

CARTA DE LAGOA SECA NA PARAÍBA – BRASIL, MOVIMENTO DE ATINGIDAS E ATINGIDOS PELAS RENOVÁVEIS – MAR

Dass der Klimanotstand die Welt trifft, ist unvermeidlich. Dies fordert von den Staaten, von den Regierungen und von den Gesellschaften eine nie zuvor gesehene Anstrengung zur Verteidigung des Lebens auf dem Planeten Erde. Das durch die kapitalistischen Strukturen hervorgerufene Chaos hat uns auf einen Pfad der zerstörung und des Terrors gebracht, was wahrlich eine dringende Antwort erfordert. Vor allem zur Verteidigung derjenigen, die am meisten leiden: die Verarmten, die Kriegs- und Genozidofer, der Globale Süden sowie die menschliche Natur an sich ebenso wie die nicht-menschliche Natur (Biome, Ökosysteme u.a.).
Laut den Daten der letzten Berichte der Vereinten Nationen wird es auf Basis der aktuellen nationalen Klimapläne zu einer globalen Erwärmung von 3,2°C kommen. Der Planet wird schwerwiegende klimatische Veränderungen durchlaufen. Angesichts dieser Problematik, die sich direkt und indirekt aus der globalen Erwärmung ergibt, werden Lösungen zu erschwinglichen Preisen angeboten, die das gesamte Potenzial erneuerbarer Energien ausschöpfen und fossile Brennstoffe ersetzen.
Vor diesem Hintergrund erwuchs aus einem Treffen in Lagoa Seca, Paraíba, an den Tagen des 23., 24. und 25. Mai 2025 die Bewegung der von Erbeuerbaren Betroffenen: MAR – Movimento de Atingidas e Atingidos pelas Renováveis, ein Meilenstein des Kampfes und der Selbstorganisierung der betroffenen Bevölkerung, im festen Entschluss, Kräfte zu bündeln und Einheit zu suchen mit anderen Bewegungen, um dergestalt dem Kampf für soziale Gerechtigkeit und Klimagerechtigkeit Kontinuität zu verscaffen, im Sinne der Verteidigung des Lebens, der Territorien, der Gemeinschaften, der wahrhaften und legitimen menschlichen, sozialen und nachhaltigen Entwicklung ebenso wie zur Verteidigung der Gemeingüter für alles menschliches und nicht-menschliches Leben auf der Erde. Angetrieben von der Hoffnung, von der Erkenntnis und dem Wunsch nach globalem Wandel legen wir diesen Brief vor, in dem wir unsere Grundsätze, unsere Mission, unsere Organisationsform und unsere Forderungen darlegen. Alles befindet sich noch im Aufbau.

UNSERE PRINZIPIEN
1. Politische Autonomie, Autonomie der Basis und Priorität dem Schutze der an Land und im Wasser befindlichen Territorien
Der Schutz der an Land und im Wasser befindlichen Territorien ist fundamentale Bedingung für den Fortbestand des Lebens, der Existenzformen und der Autonomie der traditionellen Völker und Gemeinschaften. Wir glauben an die Kraft der Gemeinschaften, selbst über ihre territorien zu entscheiden. Wir kämpfen für die Selbstbestimmung der Völker und gegen alle Formen externer Auflagen.
2. Kampf dem Energie-Neokolonialismus und dem Umweltrassismus
Wir widersetzen uns den neuen Formen der Kolonialisierung, die sich tarnen als Diskurs der Energietransition, die aber in der Praxis historische Ungleichheiten reproduzieren und den Umweltrassismus vertiefen. Im Nordosten Brasiliens wurde dieses Model implementiert auf Kosten der Ausbeutung der Territorien und führt zu Verletzung der Rechte der traditionellen Völker und Gemeinschaften, der Schwarzen, Indigenen und Küstenbewohner:innen, die unverhältnismäßig stärker die sozialen und Umweltauswirkungen der Großprojekte zu tragen haben, während die wirtschaftlichen Vorteile sich bei den großen Firmen und Investor:innen konzentrieren.
3. Verteidigung der Gemeingüter
Wir kämpfen für den Erhalt, die Bewahrung und den Schutze des Wassers, des Landes, der Luft, des Ozeans, der Biodiversität und der Energie als Gemeingüter, die nicht durch Privatinteressen angeeignet werden dürfen.
4. Antikapitalistische Verpflichtung
Wir erklären unsere Opposition gegen ein System, das das Leben und die Natur in eine Ware wandelt. Wir treten ein für ein neues Modell, das auf Solidarität, Gerechtigkeit und Zusammenarbeit zwischen den Völkern beruht.
5. Territoriale Wurzeln und Aufbau von der Basis her
Wir sind Völker der Felder, der Wälder, des Wassers, Baüerinnen und Bauern, ursprüngliche Völker, Quilombolas, traditionelle Fischer:innen, Extraktivist:innen, Caatingueiros, sSertanejos und weitere traditionelle Völker und Gemeinschaften, Forscher:innen, Vertreter:innenvon sozialen und pastoralen Verbänden, von Foren, von Gewerkschaften, von Organisationen der Zivilgesellschaft, von sozialen Bewegungen, von Institutionen der Lehre und Forschung und wir repräsentieren ein signifikantes Abbild der kollektiven Identitäten der Territorien und der Diversität der brasilianischen Bevölkerung.
6. Direkter Druck auf die Politik und Unternehmen
Wir setzen Regierungen, Unternehmen, Konzerne und Institutionen konstant unter Druck und forden Politiken der öffentlichen Hand, die die Rechte der Völker und der Natur respektieren.
7. Kämpfe zusammenführen
Wir glauben an die Vereinigung von sozialen Bewegungen, Basisgruppen, Kulturbewgungen, LGBTQIAPN+ und Umweltbewegungen. Wir führen Kräfte zusammen, um dergestalt wirtschaftliche, kolonialistische, rassistische, patriarchale Strukturen zu verändern und um reale Alternativen zu schaffen.
8. Gerechte Kompensationen und Wiergutmachungen
Wir fordern gerechte Maßnahmen zur Wiedergutmachung der den betroffenen Gemeinschaften zugefügten Schäden, untre Einhaltung des Anspruchs der Würde, der Kultur und der lokalen Autonomie sowie der Lebensweisen.
9. Menschliche Gesundheit und Umwelt
Wir verteidigen die menschliche Gesundheit und die Umwelt als unteilbare Dimensionen, indem wir anerkennen, dass die Gesundheit der Personen vom Gleichgewicht der Ökosysteme abhängt, von der Qualität des Wassers, der Luft, des Landes und der Nahrungsmittel. Der Schutz der Territorien, der Gemeingüter und der Lebensweisen der traditionellen Völker und Gemeinschaften ist fundamentale Bedingung für die Förderung der Gesundheit, der Würde und des Fortbestehens des Lebens.
10. Schutz der Körper und des Lebens der Frauen, der LGBTQIANP+, der jugendlichen Bevölkerung und der Senior:innen
Wir verpflichten uns dem Schutz der Frauen, der LGBTQIANP+, der jugendlichen Bevölkerung und der Senior:innen gegenüber der vielfältig sich verschärfenden Gewaltakte im Rahmen der Energietransition
11. Advocacyarbeit bei der Legislative und in Bezug auf Politiken der öffentlichen Hand
Wir setzen uns dafür ein, Gesetze und politische Maßnahmen zu beeinflussen, die soziale, klimatische und energiebezogene Gerechtigkeit gewährleisten, wobei die Stimme und die Präsenz der Bevölkerung in den Entscheidungsgremien gewährleistet sein müssen.
12. Energiesouveränität an der Basis
Wir verteidigen das Recht der Völker, selbst zu entscheiden, wie, für wen und wofür Energie erzeugt wird, dies unter sozialer Kontrolle und basisnaher Verwaltung, wobei wir der dezentralen Energieerzeugung Vorrang einräumen, die auf die Nahrungsmittelproduktion, die Erhaltung des Lebens und die Stärkung der Menschen auf dem Land und in der Stadt ausgerichtet ist.
13. Agrarökologie, Ernährungssouveränität und solidarische Ökonomie
Wir begreifen Agrarökologie und solidarische Ökonomie als Lebensform, als Widerstand und als Sorge um die Erde, wobei die Ernährungssouveränität als wesentlicher Bestandteil der Souveränität der Völker und Territorien anerkannt wird. Wir schätzen und verteidigen die Lebensweisen traditioneller Völker und Gemeinschaften, wie u.a. handwerkliche Fischer:innen, Mangrovenvölker oder „Fundo e fecho de pasto“-Gemeinschaften, die die Nahrungsmittelproduktion, den Schutz der Ökosysteme und die Erhaltung des Lebens gewährleisten.

UNSERE MISSION
Die von der Erzeugung erneuerbarer Energien betroffenen Bevölkerungsgruppen zusammenzubringen und zu stärken, indem wir uns
unbeirrt für die Menschenrechte, die Territorien und die Natur einsetzen und agroökologische, nachhaltige, gerechte und solidarische Alternativen aufbauen und stärken, die ein Leben in Würde für alle heutigen und zukünftigen Generationen gewährleisten.

UNSERE FORDERUNGEN
1. Gewährleistung der Einhaltung des Internationalen Übereinkommens Nr. 169 der ILO durch die Sicherstellung einer vorherigen, freien und informierten Konsultation der betroffenen Gemeinschaften, Quilombolas, traditionellen Gemeinschaften und indigenen Völker.
2. Gewährleistung von Land- und Umweltrechten angesichts der unkontrollierten Ausweitung von Großprojekten im Bereich der erneuerbaren Energien.
3. Rechtliche und basisnahe Begleitung von Umweltgenehmigungsverfahren und Pachtverträgen für Land.
4. Schaffung partizipativer und transparenter Mechanismen zur Bewertung der sozialen und ökologischen Auswirkungen. Gewährleistung einer Vertretung im Nationalen Forum für die Energiewende – FONTE.
5. Forderung nach gerechten Ausgleichsmaßnahmen, die auf dem Zuhören gegenüber den Gemeinschaften und der tatsächlichen Wiedergutmachung der verursachten Schäden beruhen.
6. Verteidigung einer basisorientierten, dezentralisierten Energiesouveränität, die sicherstellt, dass die erzeugte Energie in erster Linie der lokalen Bevölkerung zugutekommt und nicht nur großen Unternehmen.
7. Forderung nach einer öffentlichen Politik, die die Landtitulierung fördert, unter wirksamer Beteiligung der Gemeinschaften an allen Verfahrensschritten, damit die Landtitelvergabe ein Akt zur wirksamen Förderung der sozio-territorialen Gerechtigkeit auf dem Land ist und nicht länger ein Instrument zur Übertragung von Land an den Hotelsektor, an den Immobiliensektor, an Großprojekte im Bereich erneuerbarer Energien, an den Bergbau und an andere Produktionssektoren sei, was zum Nachteil der Rechte der Arbeiterinnen und Arbeiter auf dem Land, in den Städten, an den Gewässern und in den Wäldern führte.
8. Forderung nach öffentlichen Maßnahmen zur Förderung der Agrarökologie, der Solidarische Ökonomie und dezentraler Energiealternativen, die die lokalen Lebensweisen respektieren, die als biokulturelles Erbe bezeichnet werden.
9. Ablehnung der Finanzialisierung der Natur, die Ökosysteme in Marktgüter verwandelt und damit gegen den Grundsatz „Leben vor Profit“ verstößt.

UNSERE ORGANISATIONSFORM
● Ein nationales Kollegialgremium, das sich überwiegend aus den Territorien zusammensetzt und gewählte Vertreter:innen der Bundesstaaten und Regionen umfasst, wodurch eine vernetzte Arbeitsweise und Legitimität in der Bevölkerung gewährleistet wird.
● Geschäftsführender Vorstand: Gremium mit operativen und strategischen Aufgaben, das für die Umsetzung der gemeinsam beschlossenen Maßnahmen verantwortlich ist.
● Thematische Komitees: Bereiche wie Bildung, Kommunikation, Advocacyarbeit, gender und Jugend, die das handeln stärken un die Mobilisierung ausbaut.

● Die Struktur der Bewegung richtet sich nach den folgenden Kriterien:
○ Geschlechterparität;
○ Repräsentativität der Generationen;
○ Vermittlung von Wissen und historiscer Erinnerung der Territorien;
○ Organisationsautonomie der Staaten und lokalen Gruppen.

Schließlich entspringt MAR aus Dringlichkeit und aus Hoffnung. Wir sind die Betroffenen, die Widerstand leisten, die etwas aufbauen und die sich organisieren. Dieses Manifest ist unsere kollektive Stimme, unsere Grundsatzerklärung und unser Aufruf zum Handeln. Wir laden Organisationen,
Gemeinschaften, Bewegungen und Menschen, die sich für sozial-ökologische Gerechtigkeit einsetzen, ein, sich uns anzuschließen. Die Energiewende wird nur dann gerecht sein, wenn sie mit den Völkern, von den Völkern und für die Völker gestaltet wird.
Für die Energiesouveränität des Volkes, für Klimagerechtigkeit und für den Schutz des Lebens: Wir sind MAR!“

// Einleitungstext und Übersetzung: christian russau