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Manifest von Piaraçu - der indigenen Leitungspersonen und Kaziken in Piaraçu

Vom 14.-17. Januar 2020 trafen sich Vertreter*innen von 45 indigenen Völkern im Dorf Piaraçu. Auf Anregung des Kaziken Raoni gaben sie gemeinsam eine Stellungnahme gegenüber der brasilianischen Regierung ab.
Manifest von Piaraçu - der indigenen Leitungspersonen und Kaziken in Piaraçu

Indigene Versammlung beschließt Manifest

KoBra dokumentiert das Manifest von Piaraçu
– der indigenen Leitungspersonen und Kaziken Brasiliens in Piaraçu (Übersetzung Monika Ottermann)
Wir, Vertreter von 45 indigenen Völkern Brasiliens, insgesamt mehr als 600 Teilnehmer, wurden einberufen vom Kaziken(1) Raoni und versammelten uns vom 14. bis 17. Januar 2020 im Dorf Piaraçu (Indigenes Landgebiet Capoto Jarina) mit dem Ziel, unsere Kräfte zu vereinen und anzuklagen, dass die brasilianische
Regierung dabei ist, ein politisches Projekt von Genozid, Ethnozid und Ökozid zu verwirklichen.

Der brasilianische Staat muss verstehen, dass er gegenüber den indigenen Völkern eine historische Schuld hat. Wir sind die ersten Bewohner dieses unseres Landes. Wir schützen nicht nur die Umwelt, wir selbst sind NATUR. Wenn man die Umwelt umbringt, bringt man uns um. Wir wollen immer Wald, der (be)steht, nicht weil der Wald so schön ist, sondern weil all diese Lebewesen, die den Wald bewohnen, ein Teil von uns sind und in unsren Adern fließen.
Der brasilianische Staat erkennt die indigenen Rechte durch die Verfassung von 1988 an, an der wir mitgewirkt haben, in den Artikeln 231 und 232, sowie durch andere nationale und internationale Rechtsbestimmungen wie das Übereinkommen 169 der Internationalen Arbeitsorganisation. Deshalb fordern wir, dass unser Recht auf vorherige, freie und gut informierte Anhörung jedes Mal beachtet wird, wenn Projekte und Entscheidungen anstehen, die uns betreffen und unsere Territorien und Lebensweisen gefährden können.
Wir brauchen nicht zu zerstören, um zu produzieren. Unsere Reichtümer können nicht verkauft werden, sie sind mit Geld nicht zu bezahlen. Unser Territorium ist sehr reich, aber nicht an Geld, sondern wir sind reich an Diversität, und dieser ganze Wald hängt von unserer Kultur ab, um (be)stehen zu bleiben. Was für uns
einen Wert hat, ist unser Land. Es ist mehr wert als das Leben. Und wer die Natur bewahren kann, das sind wir, die wir unsere Flüsse nie zerstört oder verschmutzt haben. Wir kümmern uns um unser Land, wir wissen um seinen Wert. Wir müssen das schützen, was unsere Vorfahren uns hinterlassen haben.
Die Drohungen und Hassreden der derzeitigen Regierung fördern die Gewalt gegen indigene Völker, die Ermordung unserer Leitungspersonen und die Invasion unserer Landgebiete. Heute müssen wir nicht nur darauf vorbereitet sein, der Regierung entgegenzutreten, sondern auch auf die Gewalt aus einigen
Gesellschaftssektoren zu reagieren, die nur, weil wir Indigene sind, ihren Rassismus sehr klar ausdrücken.
Die am Treffen teilnehmenden indigenen Frauen, Leitungspersonen und Kämpferinnen, Stifterinnen und
Schützerinnen des Lebens, bekräftigen ihren Kampf gegen die Gewalttaten, die ihre Körper, ihr Geist und ihre Territorien erleiden. Es sind die Frauen, die unsere Lebensweisen und unsere Sprachen sichern. Sie sichern unsere Existenz in unserem kollektiven Wohnraum. Wir, indigene Männer und Frauen, kämpfen Seite an Seite um das Recht auf das Land, das uns ernährt und uns heilt.
Die an diesem Treffen teilnehmende indigene Jugend bekräftigt ihre Selbstverpflichtung, den Kampf der Leitungspersonen weiterzuführen zur Verteidigung unserer Leben, unserer Territorien und unseres Existenzrechtes. Die Kenntnisse und die Traditionen, die unsere Großeltern uns gelehrt haben, sind die
große Lösung für die Bedrohungen unserer Völker und unserer Territorien und die heraufziehende Klimakrise. Diese neue Generation steht bereit, die Lösungen zu verwirklichen, die man sie gelehrt hat.
Nur wir können über uns und für uns sprechen. Wir dulden nicht, dass unsere Kaziken beleidigt werden, wie Bolsonaro es 2019 bei seiner Rede während der UNO-Versammlung gegen den Kazike Raoni tat. Wir bekräftigen, dass Häuptling Ranoni SEHR WOHL unsere Führungsperson ist, er repräsentiert uns! Er ist und
wird immer unser Bezugspunkt sein, wegen seines entschlossenen und friedlichen Kampfes als Führungsperson. Deshalb unterstützen wir seine Nominierung für den Friedensnobelpreis. Wir fordern, dass der Kongress die indigenen Autoritäten rechtlich als die ersten Regierenden dieses Landes anerkennt.
Unsere Landgebiete werden von unseren Kaziken regiert, indigenen Autoritäten, die auf der Basis von kollektiven und nicht von individuellen Anliegen zugunsten der Gemeinden entscheiden.
Der gegenwärtige Präsident der Republik bedroht unsere Rechte, unsere Gesundheit, unser Territorium. Die gegenwärtige Regierung plant, in unseren Territorien Erzschürfung und Viehzucht freizugeben. Wir vereinen unsere Kräfte, wir tun uns zusammen und zeigen unsere Kraft in diesem Dokument, um unsere Kämpfe fortzusetzen, die auch unsere Enkel weiterführen. Die gegenwärtig Regierung greift uns an und will das Land unseren Händen entreißen. Wir dulden in unseren Landgebieten keine Minenausbeutung, keinen Bergbau, keine Agrarindustrie und keine Verpachtung; wir dulden keine Holzindustrie, keinen illegalen Fischfang, keine Wasserkraftwerke und andere Unternehmen wie z. B. die Ferrogrão (2), die direkte und
irreversible Auswirkungen auf uns haben.
Wir sind gegen alles, was unsere Wälder und unsere Flüsse zerstört. Wir dulden nicht, dass Brasilien zum Verkauf steht für andere Länder, die Interesse an der Ausbeutung unseres Territoriums haben. Wir fordern vor allem Achtung vor unseren Leben, unseren Traditionen, unseren Bräuchen und vor der brasilianischen Verfassung, die unsere Rechte schützt.
Wir schreiben dieses Dokument als einen Schrei, damit wir, die indigenen Völker, von den drei Gewalten der Republik, von der Gesellschaft und von der internationalen Gemeinschaft gehört werden können.
Die Anhörungsverfahren müssen unser Recht garantieren, zu Initiativen der Regierung und des Kongresses
NEIN zu sagen. Die Anhörungen müssen unsere traditionellen Formen politischer Vertretung und Organisation respektieren sowie unsere eigenständigen Verfahren von Anhörung und Zustimmung. Wir stellen klar, dass Indigene, die heute Ämter in der Bundesregierung innehaben, ohne dass wir bei ihrer
Empfehlung mitgewirkt haben, und die heute in irgendeiner Form die Regierung Bolsonaro unterstützen, uns nicht repräsentieren.
Wir fordern die Ausübung unseres ursprünglichen Rechtes über unsere Territorien mittels Demarkation und Homologation der von uns geforderten indigenen Landgebiete. Wir lehnen die These der zeitlichen Fixierung (3) ab und fordern, dass die ruhenden Demarkationsverfahren unverzüglich wieder aufgenommen
werden, zum Beispiel das von Kapot Nhinore, eine alte Forderung des Kaziken Raoni.
Wir sind gegen die Übertragung der indigenen Gesundheitsversorgung an die Kommunen und gegen die
Nominierung für Ämter des SESAI (Spezialsekretariat der Indigenen Gesundheitsversorgung) gemäß politischer Parteien. Wir fordern die politische, administrative und finanzielle Eigenständigkeit der DSEIs (Spezialdistrikte der Indigenen Gesundheitsversorgung) und die Stärkung der gesellschaftlichen Kontrolle durch die Wiedereinführung des CONDISE (Forum der Präsidenten der Distriktsräte der Indigenen Gesundheits-versorgung), das durch das Dekret 9.759/2019 abgeschafft wurde. Wir fordern die Garantie von Arbeitskräften, die für die Arbeit mit uns qualifiziert und geeignet sind.
Wir fordern die Einhaltung der Erklärung zur Verhaltenskorrektur, die von Gesundheitsministerium, FUNAI (Indigenen-Schutzbehörde), SESAI, Bundespflichtverteidigern und Generalstaatsanwaltschaft unterzeichnet wurde und die Fortsetzung der Dienstleistungen im Bereich der Politik der indigenen Gesundheitsversorgung garantiert. Und wir fordern die Durchführung der 6. Nationalkonferenz der Indigenen Gesundheitsversorgung.
Wir fordern die Einhaltung der Indigenistenpolitik – eine Verantwortung von FUNAI und SESAI – für alle indigenen Völker und Territorien, nicht nur für die homologierten indigenen Landgebiete.
Wir wehren uns entschieden gegen die Verfolgung und den Versuch der Kriminalisierung unserer Leitungspersonen, Indigenen- und Indigenisten-Organisationen, Unterstützer und Partner.
Wir fordern die Garantie der physischen und moralischen Unversehrtheit unserer Gemeinden und Leitungspersonen sowie die Bestrafung derer, die unsere Verwandten (4) töten.
Wir fordern, dass der brasilianische Staat seine verfassungsgemäße Verantwortung erfüllt, die indigenen
Territorien und die Umwelt zu schützen, indem er illegale Tätigkeiten unterbindet und die Kriminellen bestraft. Wir fordern auch, dass die Regierung die Verantwortung übernimmt für die Vergiftung der Luft, des Bodens und der Flüsse durch den verantwortungslosen und unkontrollierten Gebrauch von Agrargiften im Umkreis unserer Landgebiete.
Wir fordern die Einhaltung der politischen Programme zum Schutz von isoliert lebenden sowie kürzlich kontaktierten Völkern.
Wir fordern eine differenzierte und qualitiv gute Bildung für unsere Jugend, die es ermöglicht, die Schulbildung von der Grundschule bis zum Sekundarabschluss in unseren Territorien zu absolvieren. Wir wehren uns gegen die Verschrottung der öffentlichen Universitäten und erbitten die Garantie des Weiterlaufens von Stipendien für die indigenen Jugendlichen, die in die Städte gehen, um an Universitäten zu studieren. Die Universitätsbildung der Jugend ist wichtig für die Fortsetzung unseres Kampfes. Sie ist ein Raum, der sicherstellt, dass wir für die uns bedrohenden Veränderungen vorbereitet sind. Deshalb hat die Jugend den Kugelschreiber in die Hand genommen, zusammen mit dem, was ihre Großeltern sie gelehrt hat, um den ihnen anvertrauten Pfeil weiterzusenden, um weiterzukämpfen. An der Universität zu sein hat nur Sinn, wenn wir unsere Spiritualität ausüben. In diesem Sinne bitten wir, dass die brasilianische Gesellschaft zusammen mit uns für den Zugang zu einer pluralen und demokratischen Universität kämpft, für eine Universitätsbildung, die das Wissen der Territorien wertschätzt und anerkennt.

Wir wollen Politiken zur Stärkung von nachhaltigen alternativen Wirtschaftsformen für unsere Territorien, die keine Agro-chemikalien verwenden und die Ökonomie des (Be)Stehenden Waldes fördern, mit Schwerpunkt auf der Kultur, den traditionellen Kenntnissen, dem Extraktivismus und den sauberen
Technologien.
Wir sind Menschen, wir sind die Urvölker Brasiliens. Wir sind ein Teil Brasiliens, und Brasilien ist ein Teil von uns. Wir dulden nicht, dass gesagt wird, unsere Territorien wären viel zu groß, denn ihre Größe lässt sich nicht mit der Größe und Stärke unserer Kultur vergleichen und mit dem, was wir dazu beigetragen haben,
nicht nur unsere Leben und Lebensweisen zu erhalten, sondern auch das Leben des gesamten Planeten.
Wer zuerst da war, war nicht Brasilien, das waren wir, die Urvölker, und wir sind massakriert worden, aber
wir leisten weiterhin Widerstand, und existieren zu können.

Wir sind nicht allein. Bei diesem großen Treffen erklären wir die Wiederaufnahme der Allianz der Völker der Wälder, die die Gebiete von Caatinga (5), Pantanal (6), Atlantikurwald und Amazonien umfasst. Gemeinsam werden wir den Schutz unserer Territorien verteidigen. Dieser Kampf ist nicht nur ein Kampf der indigenen Völkern, sondern von uns allen; es ist ein Kampf um das Leben des Planeten.
Zum Abschluss bekräftigen wir, dass 2020 ein Jahr mit viel Kampf sein wird, und wir rufen alle Verwandten und die Partner der Indigenen Völker Brasiliens auf zu einem Jahr vieler Mobilisierungen, an denen wir in Brasília und auf den Straßen in der ganzen Welt mit der ganzen Kraft und Energie unserer Vorfahren
präsent sein werden. Der KAMPF geht weiter, heute und immer, von Generation zu Generation!

APIB: Associação dos Povos Indígenas do Brasil
– Verband der Indigenen Völker Brasiliens

(Indigenes) Dorf Piaraçu, 17. Januar 2020

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(1) Kazike ist die deutsche Form des spanischen oder portugiesischen cacique, einem in Lateinamerika weit verbreiteten
Titel für indigene Oberhäupter (“Anführer”, veraltet auch “Häuptlinge”).

(2) Ferrogrão (“Getreidebahn”): Geplante Eisenbahnlinie von fast 1000 Kilometern für den Transport von Gütern der
Agrarindustrie aus dem Mittelwesten zu einem Binnenhafen im Amazonasgebiet, von dem aus die Verschiffung nach
Übersee geschehen soll.

(3) Zeitliche Fixierung: Gegner der Demarkierung von indigenen Territorien erfanden die These des sog. marco temporal,
nach der die in der Verfassung enthaltene Formulierung „traditionell bewohnte Landgebiete“ verstanden werden
müsse als „am 5. Oktober 1988 [Datum der Verabschiedung der Verfassung] traditionell bewohnte Landgebiete“.

(4) Verwandte (“parentes”): Bezeichnung, die brasilianische Indigene für alle anderen Indigenen ihres Kontinentes
gebrauchen, unabhängig von Volk, Sprache usw.

(5) Caatinga: Typisch brasilianische Landschaft, vor allem im Nordosten, die einer Baumsteppe ähnelt und ihren Namen
(Tupi: „ka'a“ + „tinga“ = weißer Wald) den von der Trockenheit ausgebleichten Stämmen und Ästen verdankt.

(6) Pantanal: Eins der größten Feuchtgebiete der Erde. Es ist UNESCO-Welterbe, liegt hauptsächlich in den Bundestaaten
Mato Grosso do Sul und Mato Grosso und reicht bis nach Paraguay und Bolivien hinein.

in der Übersetzung von Monika Ottermann.