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Gentechnikgegner rennen gegen Wände

In den letzten Monaten führte die paranaensische Behörde für Landwirtschaft und Versorgung SEAB (Secretaria da Agricultura e do Abastecimento do Paraná) Untersuchungen zum Anbau von Genmais im Bundesstaat durch. SEAB legte der brasilianischen Regierung ein Gutachten vor, in dem die Organisation nachwies, dass es zu Kontaminierungen von nicht genmanipulierten Maisfeldern durch Genmais in der Nachbarschaft gekommen ist.

Das Gutachten macht die Abstandsregelungen für Genmais gegenüber nicht genmanipuliertem Mais hierfür verantwortlich und warf der Regierung vor, nicht einmal die Einhaltung dieser Regelungen zu überprüfen. Kontaminierungen stellte die SEAB auch bei Abständen fest, die die offiziellen Abstandsregelungen überschreiten – ein Beleg dafür, dass die Abstandsregelungen unzureichend sind (1) . SEAB forderte daher von der Regierung, die Abstandsregelungen neu zu definieren. Das Gutachten wurde im Juli an Landwirtschaftsministerium, Umweltministerium, Gesundheitsministerium, Justizministerium, Ministerium für Agrarentwicklung und an Dilma Rousseff von der Casa Civil versandt, die zugleich Präsidentin des Nationalrates für Biologische Sicherheit ist. Dieser hätte die Kompetenz, die Zulassung des Genmaises unter den jetzigen Bedingungen zu suspendieren.

Im Juni hatten sich bereits 86 gentechnikkritische Organisationen in einem offenen Brief an Dilma Rousseff und die weiteren Mitglieder des Biosicherheitsrates gewandt (2)  und sie aufgefordert, die Zulassung des Genmaises zu suspendieren, da eine Trennung von Genmais und herkömmlichem Mais nicht umsetzbar ist und die Abstandsregeln nicht ausreichen. Da der Brief ohne Antwort blieb, erneuerten die Organisationen Ende Juli ihre Forderungen in einem weiteren offenen Brief, der wiederum keinen Effekt zeitigte. Da auch das Gutachten von SEAB keine weiteren Wirkungen gehabt hatte, legten gentechnikkritische NGOs dieses im August der CTNBio vor. Die CTNBio jedoch betrachtete sich als nicht zuständig und verwies an das Agrarministerium, das für die Einhaltung von Abstandsregelungen verantwortlich sei. In ihrer Sitzung im August ließ die CTNBio drei weitere Genmaissorten zu – zwei von Syngenta und eine weitere von Monsanto. Zwei dieser Sorten sind erstmals sogenannte Pyramiden-Gene, d.h. Sorten, die aus zugelassenen Gensorten gekreuzt wurden. Für diese sind nach Ansicht der CTNBio keine weiteren Studien nötig. Umweltorganisationen sehen dies ganz anders.

Im vergangenen Oktober berichtete ich von einer Gesetzesinitiative zur Abschaffung der Kennzeichnungspflicht bei Genprodukten („rotulagem zero“). Zwar besteht die Kennzeichnungspflicht formal seit 2003, doch wird sie in der Praxis bis auf Ausnahmen, bei denen Umweltorganisationen intervenierten, nicht umgesetzt. Inzwischen steht der Gesetzesentwurf, die Kennzeichnungspflicht abzuschaffen, kurz vor der Abstimmung im Parlament. Greenpeace konstatierte eine für brasilianische Verhältnisse ungewöhnliche Geschwindigkeit, mit der der Gesetzesentwurf zur Abstimmung gebracht wird, ohne, dass dem eine Diskussion oder die Behandlung des Gesetzesprojekts in den Ausschüssen für Landwirtschaft und Umweltschutz vorausgegangen wäre. Die sozialen Bewegungen publizierten in den letzten Monaten einige Artikel und Berichte zu den Auswirkungen einer solchen „rotulagem zero“ auf die Praxis. Abgesehen davon, dass die KonsumentInnen ihr Recht auf Information damit nicht mehr geltend machen könnten, kritisierten sie vor allem, dass sich die ohnehin vorhandenen Schwierigkeiten bei der Trennung genmanipulierter und nicht genmanipulierter Produkte und von deren Saatgut mit dem Verbot einer Kennzeichnung potenzieren würden. Natürlich ist eine solche Aufklärungskampagne angesichts des Fortschreitens der Gesetzesinitiative wichtig und bitter nötig. Dass das Gesetz, so es durchgesetzt wird, tatsächlich starke praktische Auswirkungen haben mag, kann allerdings angesichts der bisher auch nicht vorgenommenen Kennzeichnungen bezweifelt werden. Auswirkungen könnten allerdings im Hinblick auf Exporte relevant sein.

Die mittlere Produktivität herkömmlicher Soja sei um 9% höher als die von Gensoja, ist das Ergebnis einer Studie der Farsul und der Fundação Pro-Semente. Der Unterschied liege lediglich darin, dass Gensoja leichter zu bearbeiten sei. Damit ist diese längst bekannte Tatsache auch durch Untersuchungen nachgewiesen. Sogar die Zeitschrift Veja sprach in einem Artikel von Anfang August davon, dass die Gewinne bei Gensoja geringer seien als bei herkömmlicher Soja (3) . Die Veja begründet dies mit Resistenzen der Beikräuter gegen das Glyphosat, vor allem aber mit der Konsumweigerung Europas “aus purem Aberglauben”.


1. Diese betragen 100 Meter bzw. 20 Meter plus 10 Schutzreihen, obwohl der Verbreitungsradius von Maispollen viel weiter sein kann.
2. Darunter ANA - Articulação Nacional da Agroecologia, ANCA - Associação Nacional de Agricultura Camponesa, ANPA - Associação Nacional dos Pequenos Agricultores, ASA Brasil – Articulação do Semi-Árido Brasileiro, AS-PTA - Agricultura Familiar e Agroecologia, CONSEA Pernambuco, CONSEA Rio Grande do Sul, ESPLAR – Centro de Pesquisa e Assessoria, FASE, Federação dos Trabalhadores na Agricultura Familiar da Região Sul - FETRAF-SUL/CUT., Federação Nacional dos Trabalhadores e Trabalhadoras na Agricultura Familiar do Brasil – FETRAF-BRASIL/CUT, Fórum Carajás, Greenpeace, IBASE, IDEC - Instituto Brasileiro de Defesa do Consumidor, Movimento da Mulher Trabalhadora Rural do Nordeste - MMTR-NE, Movimento de Mulheres Camponesas – MMC Brasil, Movimento dos Pequenos Agricultores – MPA Brasil, MST Movimento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra, PACS, Terra de Direitos, Via Campesina Brasil, ABONG - Associação Brasileira de ONGs.
3. Revista Veja, Sábado, 8 de agosto de 2009, E os lucros secaram..., Raquel Salgado.