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"Es kann kein Zurück zur Feldhacke geben", sagt der Forschungschef von BASF-Brasilien über die neu entfachte Glyphosat-Verbotsdiskussion

Der Forschungsdirektor des deutschen Chemie- und Agrarprodukteriesen BASF in Brasilien, Ademar De Geroni, weist angesicht der neu entfachten Debatte um die Krebsgefahr durch Glyphosatprodukte das geforderte Verbot des Pflanzengifts zurück und spart auch nicht mit Polemik.
"Es kann kein Zurück zur Feldhacke geben", sagt der Forschungschef von BASF-Brasilien über die neu entfachte Glyphosat-Verbotsdiskussion

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Eine Rücknahme des Pflanzengifts Glyphosat, so De Geroni gegenüber der Zeitschrift Globo rural, würde ernste Schäden für das Agrobusniess und die Wirtschaft in Brasilien nach sich ziehen. Die schwerwiegenden Auswirkungen, die solch ein Verbot für Brasiliens Landwirtschaft hätte, bedeute, "den schadhaften Beiwuchs nicht mehr effizient bekämpfen zu können und würde so zu einem drastischen Rückgang bei der Produktivität führen". De Geroni sprach von einem Produktivitätsrückgang auf den Äckern von "circa 20, 30, 40 Prozent", sollte das Produkt vom Markt genommen werden müssen. "Das würde viele Äcker brachliegen lassen", so De Geroni. Seine Schlussfolgerung: "Es kann kein Zurück zur Feldhacke geben", so der Forschungs-Chef von BASF-Brasilien, "allein beim Soja sind es 31 Millionen Hektar" in Brasilien. Schätzungen zufolge werden jährlich eine Million Tonnen des Pflanzengifts Glyphosat auf Äckern weltweit ausgebracht. BASF selbst hat zehn Herbizide auf Glyphosat- oder wirkstoffähnlicher Basis im Produktangebot.

Im März dieses Jahres hatte die Internationale Agentur für Krebsforschung der WHO in der medizinischen Fachzeitschrift "The Lancet" mitgeteilt, neuesten Erkenntnissen zufolge sei Glyphosat "wahrscheinlich krebserzeugend" bei Menschen. Nach Bekanntwerden dieser angedeuteten Warnung hatte in Brasilien, der "Weltmeisterin der Agrargifte", wie Pestizid-Kritiker in Brasilien die vom Agrobusiness dominierte Landwirtschaft titulieren, sich die Bundesstaatsanwaltschaft eingeschaltet und die für Verbraucherschutz zuständige Behörde Anvisa angewiesen, dafür Sorge zu tragen, dass das Glyphosat aus dem brasilianischen Markt gezogen werde und nun die Anvisa vor kurzem dazu aufgefordert, binnen 90 Tagen eine neue grundlegende Untersuchung über Glyphosat und die Krebsgefahr beim Menschen durchzuführen.

Die Behörde Anvisa hatte in ihrer letzten Studie aus dem Jahre 2013 zu Agrargiften in Lebensmitteln bei einem Drittel erhebliche Rückstände gefunden und diesen Zustand aber nur als "nicht-zufriedenstellend" eingestuft. 2011 wurde in der Boomzone von Brasiliens Sojalandwirtschaft im Bundesstaat Mato Grosso eine Universitätsstudie zu Pestizidrückständen in der Muttermilch durchgeführt. Bei allen untersuchten Frauen wurden in der Muttermilch Rückstände von Pflanzenschutzmitteln nachgewiesen. Teilweise fanden sich Rückstände von bis zu sechs verschiedenen Agrarchemikalien. Darunter fanden sich auch das Agrargift DDE (Dichlordiphenyldichlorethen), ein Abbauprodukt des eigentlich auch in Brasilien seit Jahren verbotenen DDT.

Seit 2008 ist Brasilien der weltweite größte Verbraucher von Herbiziden und Pestiziden. Laut Zahlen der brasilianischen Vereinigung der Chemieindustrie wurden in dem südamerikanischen Land im Jahr 2010 erstmals mehr als eine Million Tonnen Pestizide in der Landwirtschaft versprüht, Tendenz weiter steigend. Zudem ist laut UNO Brasilien mittlerweile das Hauptziel von im Ausland verbotenen Pestiziden geworden. Allein zehn in den USA und Europa verbotene Produktgruppen von Agrargiften werden in Brasilien frei verkauft und in der Landwirtschaft großflächig angewendet.