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Auswirkungen von Pestiziden auf Bevölkerung und Umwelt

Brasiliens Landwirtschaft ist laut Adital der weltweit größte Verbraucher von Pestiziden, bei anhaltend steigender Tendenz. Bereits 2008 wurden die USA überholt und vor dem Hintergrund des stark wachsenden Einsatzes genveränderter Sorten wird sich die Entwicklung mittelfristig nicht umkehren. Nach WTO-Angaben sterben jedes Jahr weltweit 200.000 Menschen an den Folgen von Vergiftungen durch Pestizide und weitere 3 Millionen erleiden gesundheitliche Schäden dadurch.


Angesichts dieser Umstände bildete sich in Brasilien der Arbeitskreis „Gesundheit und Umwelt“ der Gesellschaft für kollektive Gesundheit („Abrasco“). In Zusammenarbeit mit anderen Arbeitsgruppen sollen Auswirkungen des massiven Pestizideinsatzes auf Bevölkerung und Umwelt erforscht und im April auf dem globalen Ernährungskongress sowie im Juni auf dem Rio + 20 Gipfel in einem Dossier publiziert und diskutiert werden.

Laut Fernando Ferreira Carneiro, Abteilungsleiter des Bereichs Kollektive Gesundheit der Universität Brasília, hat das Dossier zwei Hauptziele: Erstens gab es im größten Verbraucherland von Pestiziden nie eine Evaluierung der Auswirkungen dieser intensiven Nutzung auf Mensch und Umwelt. Zweitens erwarte man die Entscheidungsträger für dieses Thema sensibilisieren zu können. Es bedürfe einer stärkeren Kontrolle um die Nutzung von Pestiziden in Grenzen zu halten. Ein Problem stellt hier allerdings die übermächtige brasilianische Agrarlobby dar, welche großen Einfluss auf die Regierung hat und ihre Interessen kontinuierlich durchsetzt.

Die Arbeitsgruppe erfährt dabei große Unterstützung aus der wissenschaftlichen Community Brasiliens. Viele ForscherInnen senden ihre Arbeiten zu dem Thema, aber auch städtische Gesundheitsbehörden stellen umfangreiches Datenmaterial zur Verfügung.

Das Dossier stellt nach Carneiro eine Möglichkeit dar, das brasilianische Entwicklungsmodell zu überdenken. Denn die negativen Aspekte des derzeitigen landwirschaftlichen Modells überwögen eindeutig, sodass ein neues Modell notwendig sei. Eine ökologische Landwirtschaft sei möglich, man könne der größte landwirschaftliche Produzent bleiben, ohne dabei der größte Verbraucher von Pestiziden zu sein.

Dass die enorm hohe Pestizidnutzung in Brasiliens Landwirtschaft katastrophale Folgen hat, offenbarte sich im vergangenen Jahr. Damals hatte eine Studie der Bundesuniversität von Mato Grosso alarmierende Werte von Agrargiften in der Milch stillender Mütter in der Gemeinde Lucas do Rio Verde im zentralbrasilianischen Bundesstaat Mato Grosso nachgewiesen, wie damals die Folha de São Paulo als erste berichtete . Demnach wurde bei allen 62 untersuchten Frauen Rückstände von Pflanzenschutzmitteln nachgewiesen. Teilweise fanden sich Rückstände von bis zu sechs verschiedenen Agrarchemikalien. Darunter fanden sich auch das Agrargift DDE (Dichlordiphenyldichlorethen), ein Abbauprodukt des eigentlich auch in Brasilien seit Jahren verbotenen DDT.

In Brasilien wurden im Jahr 2010 erstmals mehr als eine Million Tonnen Pestizide in der Landwirtschaft versprüht. Brasilien ist seit 2008 der weltgrößte Verbraucher von Agrargiften. Umwelt- und Verbraucherschützer warnen seit Jahren vor dem ungebremsten Anstieg bei Pflanzenschutzmitteln vor allem im Agrobusiness. Zahlen der Nationalen Behörde für Gesundheitsüberwachung (Agência Nacional de Vigilância Sanitária) zufolge, weisen 15 Prozent der in Brasilien konsumierten Nahrungsmittel gesundheitsgefährdende Werte bei Rückständen von Pflanzenschutzmitteln auf.

Laut UNO ist Brasilien mittlerweile das Hauptziel von im Ausland verbotenen Pestiziden geworden. Allein zehn in den USA und Europa verbotene Produktgruppen von Agrargiften werden in Brasilien frei verkauft und in der Landwirtschaft großflächig angewendet.

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