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„Der Cerrado ist eine Umwelt, die im Aussterben betroffen ist“

Was hat es für Folgen für den Wasserhaushalt Brasiliens, wenn der Cerrado mit Eukalyptus-, Pinien, Soja- und Zuckerrohrmonokulturen sowie mit großflächiger Viehwirtschaft landwirtschaftlich inwertgesetzt wird?
„Der Cerrado ist eine Umwelt, die im Aussterben betroffen ist“

Cerradolandschaft mit Fluss. Photo: Jean Marconi, Lizenz: CC BY 2.0

Altair Sales Barbosa, Wissenschaftler an der Universität PUC Goiás, gilt als einer der besten Kenner des Cerrado, seiner einzigartigen Tier- und Pflanzenwelt und macht auf die Unumkehrbarkeiten aufmerksam, sobald eine Landschaft wie der Cerrado inwertgesetzt wird mit großflächiger Vieh- und Landwirtschaft, mit Eukalyptusmonokulturen für Zellstoffproduktion und Holzkohlegewinnung für Stahlwerke, mit Soja- und Zuckerrohräckern, die alle nicht an den Cerrado natürlich angepasst sind.

Durch dieses Fortschreiten der Agrarfront in den Cerrado verändere sich die Landschaft, die Flora und die Fauna – und somit auch der Wasserhaushalt in der Cerradoregion und den darunter liegenden Aquiferen. Altair Sales Barbosa erklärt die Zusammenhänge in einem Interview mit der Zeitschrift Jornal Opção1.

Der Cerrado ist eine Art Umwelt, in der verschiedene Elemente eng miteinanderr verknüpft zusammenhängen und -leben. Die Vegetation hängt vom Boden ab, der oligotroph (nährstoffarm) ist; Der Boden wiederum hängt von dem besonderen tropischen, halbfeuchten Klima ab, das nur zwei Jahreszeiten kennt, die Trocken- und die Regenzeit. Verschiedene weitere Faktoren, einschließlich des Feuers, beeinflussen die Bildung dieses Bioms – das Feuer zum Beispiel ist ein enorm wichtiges Element, weil es die Samenruhe der Mehrzahl der im Cerrado vorkommenden Pflanzensamen durchbricht.

Das bedeutet, es ist eine Umwelt, die von verschiedenen Elementen voneinander abhängt. Das bedeutet aber auch, dass es schon seine evolutionäre Klimax erreicht hat. Mit anderen Worten: wird [der Cerrado] einmal degradiert, wird es sich nie wieder in seiner ganzen Fülle an Biodiversität erholen. Deswegen sagen wir, dass der Cerrado eine Umwelt ist, die im Aussterben betroffen ist. [...]

Der Boden des Cerrado wurde durch eine intensive Besetzung geändert. Sie entfernten die einheimischen Grassorten, um dort exotische Spezies aus Afrika und Australien anzupflanzen. Die Einführung dieser [neuen] Grassorten für Weidewirtschaft hat die Bodenstruktur radikal verändert. Das bedeutet, dass in diesem veränderten Boden die Mehrzahl der [einheimischen] Pflanzen nicht länger keimen kann.

Als ob das nicht schon reichte, wurde der Cerrado auch noch Ziel der brasilianischen Expansionspolitik als [neue Agrar-]Front. Es ist eine leicht zu bearbeitende Gegend, eine Hochebene ohne größere geomorphologische Abweichungen und mit klar definierten Jahreszeiten. Hinzu kommt all diese ganze heutige Technologie zur Bodenkorrektur. Man kann heute den Säuregehalt des Bodens durch Kalk ändern, die Bodenfruchtbarkeit mittels Dünger erhöhen. So verändert man die Bodenqualität, aber man beeinträchtigt auch die Grundwasser führenden Schichten, und ohne die einheimische Vegetation kann das Wasser nicht mehr in die Erde eindringen. [...]

Aber das wichtigste von all dem ist, dass die im Cerrado entspringenden Gewässer die gleichen sind, die die großen Becken des südamerikanischen Kontinents speisen. Von dort aus entspringen die Quellen der Mehrzahl dieser Becken. All diese Flüsse entspringen den Grundwasser führenden Aquifern. Ein Aquifer hat seine Gegend des Auffrischens und die des Ablassens. Wo er entspringt, eine Quelle bildet, das nennen wir die Gegend des Auffrischens. Wie frischt es sich auf? In den ebenen Gegenden, mit dem Regenwasser, das durch die einheimische Vegetation des Cerrados absorbiert wird. Diese Vegetation hat Pflanzen, die mit einem Drittel ihrer Form über dem Erdreich sichtbar sind, und mit Zweidritteln im Untergrund.Das bedeutet ein extrem komplexes Wurzelsystem. Wenn also der Regen fällt, nimmt das Wurzelsystem das Wasser auf und speist damit dann das Grundwasser, das das tiefergelegene Aquifer speist.

Wenn man nun die einheimische Vegetation der Hochebenen wegnimmt und durch andere Sorten austauscht, dadurch verändert man die Umwelt. So kommt es, dass die dort hingebrachte Vegetation – zum Beispiel Soja oder Baumwolle oder andere Arten zur Getreideproduktion – extrem oberflächiges Wurzelwerk hat. Wenn es regnet, dann dringt das Wasser nicht mehr ein, wie es sollte. Im Laufe der Zeit reduziert sich der Grundwasserspiegel, das wiederum beeinträchtigt die Aquifere, die so dann Jahr für Jahr kleiner werden.“

Quellen:

1Elder Dias: "Com Cerrado extinto água no Brasil secará. Entrevista com Altair Sales Barbosa", Jornal Opção, 6.10.2014, http://www.jornalopcao.com.br/entrevistas/o-cerrado-esta-extinto-e-isso-leva-ao-fim-dos-rios-e-dos-reservatorios-de-agua-16970/ Zugriff am 11. August 2015