Transpersonen im Candomblé: Ein Ort der Zugehörigkeit?

Begleitartikel zum Dossier im März 2026: "Trans-Aktivismus in Brasilien"
| von Gabriel Menner
Transpersonen im Candomblé: Ein Ort der Zugehörigkeit?
Baianas na Lavagem da Esquina do Padre, festa típica, folclore, Caetité, Bahia, Brazil. Foto: André Koehne, GFDL Lizenz

Im Kontext kolonialer Unterdrückung und religiöser Verfolgung durch die katholische Kirche entstand mit dem Candomblé ein Raum, der bis heute für marginalisierte Gruppen, inklusive für trans Menschen, von besonderer Bedeutung ist.

Der Candomblé ist eine Religion, die aus den religiösen Traditionen versklavter afrikanischer Bevölkerungen hervorging und sich im Kontext kolonialer Unterdrückung in Brasilien entwickelte. Über lange Zeit wurde er verfolgt und stigmatisiert, insbesondere durch die Vorherrschaft der katholischen Kirche und später auch durch andere Religionen, die afrobrasilianische Praktiken als „dämonisch“ oder „primitiv“ abwerteten. Dennoch bewahrt der Candomblé ein vielfältiges kulturelles Erbe, das afrikanische, indigene und europäische Einflüsse verbindet. Bis heute gilt er als Raum des Widerstands und als wichtiger Ort für marginalisierte Gruppen.

Gerade für trans Menschen kann der Candomblé eine besondere Bedeutung haben. Studien zeigen, dass Terreiros, die Versammlungsorte im Candomblé, häufig zu den sozialen Räumen gehören, in denen vergleichsweise weniger Gewalt ausgeübt wird und die eher Schutz und Zugehörigkeit bieten. Historisch wurde der Candomblé häufig als Zufluchtsort für jene wahrgenommen, die von der Mainstream-Gesellschaft ausgeschlossen wurden. Viele trans Personen finden hier nicht nur spirituelle Orientierung, sondern auch soziale Zugehörigkeit und Unterstützung.

Ein zentrales Merkmal des Candomblé ist die komplexe und nicht strikt binäre Auffassung von Geschlecht. Anders als in vielen westlich geprägten Systemen ist Geschlecht hier weniger über Biologie definiert, sondern über Charakter, Verhalten und spirituelle Beziehungen zu den Gottheiten (Orixás).  Durch die Initiation wird eine Person zum „Kind“ eines Orixá, wodurch Identität nicht nur sozial, sondern auch spirituell verankert ist. In Trancezuständen, wenn Gläubige vom Orixá „besessen“ werden, tritt die soziale Geschlechterrolle komplett in den Hintergrund.

Auch symbolisch zeigt sich diese Offenheit. Das Pantheon des Candomblés umfasst männliche, weibliche sowie ambivalente oder androgyne Gottheiten. Diese Vielfalt ermöglicht es, Geschlecht nicht als starre Kategorie zu begreifen, sondern als Teil einer komplexen spirituellen Ordnung.

Trotz dieser Offenheit bleibt der Candomblé eine hierarchische Religion mit klaren Regeln, Codes und Rollenverteilungen. Genau hier entstehen für trans Personen Spannungen. Im Alltag der Terreiros sind Aufgaben häufig geschlechtlich codiert und an körperliche Vorstellungen gebunden. Empirische Studien zeigen, dass trans Personen zwar integriert sein können, jedoch nicht immer gleichberechtigten Zugang zu allen rituellen Funktionen erhalten. Besonders Kleidung wird dabei zu einem zentralen Konfliktfeld: Manchen trans Personen wird verboten, sich entsprechend ihrer Geschlechtsidentität zu kleiden, was als eine symbolische Aberkennung ihrer Identität ist. In solchen Fällen reproduzieren religiöse Strukturen gesellschaftliche Ausschlussmechanismen, statt sie zu überwinden.

Diese Ambivalenz zeigt sich auch in einer Studie zu trans Frauen im Candomblé in Ribeirão Preto. Sie beschreibt, dass Terreiros einerseits als vergleichsweise sichere und unterstützende Räume erlebt werden, andererseits aber auch Ausschlüsse und Verletzungen stattfinden. Die Forschungen zeigen zudem, dass selbst in religiösen Kontexten nicht alle trans Personen vollständig in ihrer Identität anerkannt werden. Eine Untersuchung zu transmaskulinen Personen in Brasilien verdeutlicht, dass nur sehr wenige in ihrer Geschlechtsidentität durchgängig respektiert werden.

Gleichzeitig existieren auch Beispiele gelungener Integration. Trans Frauen und Travestis übernehmen in einigen Terreiros bedeutende religiöse Rollen, etwa als Priesterinnen (Mães de Santo) oder initiierte Mitglieder. Dies verdeutlicht das Potenzial des Candomblé als Raum, in dem Identität neu verhandelt und gelebt werden kann.

Historisch ist dabei wichtig, dass der Candomblé selbst aus marginalisierten Kontexten hervorging. Die Vielfalt afrikanischer, indigener und europäischer Einflüsse sowie die Erfahrung der Sklaverei führten zu hybriden religiösen Formen, die sich bewusst gegen die Dominanz der katholischen Kirche entwickelten. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass Tradition im Candomblé nicht konstant ist, sondern auf Weitergabe und Veränderung beruht. Dennoch wirken patriarchale und gesellschaftliche Normen in vielen Terreiros fort und führen dazu, dass trans Identitäten nicht überall vollständig anerkannt werden.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Candomblé für trans Menschen in Brasilien sowohl ein Raum der Anerkennung als auch ein Ort von Spannungen ist. Seine spirituelle Ausrichtung eröffnet Möglichkeiten, Geschlecht jenseits gesellschaftlicher binärer Kategorien zu denken und vielfältige Identitäten religiös zu verankern. Gleichzeitig spiegeln sich in der Praxis gesellschaftliche Dynamiken wider, die zu Ausschluss und Unsichtbarkeit führen können.  Der Candomblé bleibt somit, wie in seiner historischen Entwicklung, ein Raum, in dem Identität, Tradition und soziale Ordnung ständig neu ausgehandelt werden.

 

Autor: Gabriel Menner, Praktikant bei KoBra, Student am LAI Berlin und Enkel einer ehemaligen Mãe de Santo

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Quellen:

https://doi.org/10.17564/2316-3801.2021v9n2p134-153

https://antrabrasil.org/2019/01/29/candomble-um-ambiente-de-resistencia-e-luta-pelo-liberdade-cidada-e-culto-religioso-da-populacao-das-mulheres-transexuais-e-das-travestis/

https://jornal.usp.br/diversidade/mesmo-com-discriminacoes-mulheres-trans-encontram-acolhimento-no-candomble/

https://repositorio.unilab.edu.br/jspui/bitstream/123456789/5097/1/Lizandro%20Carrara%20-%20Artigo%20TCC%20%2804-08-2022%29%20-%20TRANSGENERIDADE%20E%20CANDOMBL%C3%89%20%28Vers%C3%A3o%20Final%29.pdf