Brasilien meldet Höchstwert bei Pestizidvergiftungen seit 2015

Lockerere Zulassungen und steigender Einsatz von Pestiziden verschärfen die Gesundheitskrise in ländlichen Gebieten. Expansion der Agrarindustrie im Norden des Landes
| von Ulrike Bickel
Brasilien meldet Höchstwert bei Pestizidvergiftungen seit 2015
Der landwirtschaftlich geprägte Norden Brasiliens ist von dem intensiven Pestizidgebrauch besonders betroffen Quelle: Ibamagov Lizenz: CC BY-SA 2.0

Brasília. Mit 27 Vergifteten pro Tag aufgrund von Pestiziden hat Brasilien 2025 das schlimmste Jahr seit 2015 erlebt. Das geht aus einer Analyse von Reporter Brasil auf Grundlage von Daten des Gesundheitsministeriums hervor. Offiziell wurden 9.729 Fälle registriert – ein Anstieg um 84 Prozent gegenüber 2015. 

Die Daten des Informationssystems für meldepflichtige Krankheiten (SINAN) belegen, dass im Zeitraum 2015 bis 2025 landesweit 73.391 Vergiftungen durch Pestizide gemeldet wurden. An erster Stelle stand die Altersgruppe der 20- bis 39-Jährigen mit 23.045 gemeldeten Fällen, etwa einem Drittel der Gesamtzahl. In dieser Altersgruppe standen 54 Prozent der Vorfälle 2025 im Zusammenhang mit der Arbeit, davon 80 Prozent mit Pestiziden für die Landwirtschaft.

Die Analyse berücksichtigt nur "unbeabsichtigte Fälle" und schließt absichtliche Kontamination wie Selbstmorde, Abtreibungen und Morde aus.

Akute Vergiftungen machten demnach 89 Prozent aller Fälle aus. Der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge wird weltweit nur ein Bruchteil der Vergiftungen durch Pestizide gemeldet. Die Dunkelziffer liegt also vermutlich deutlich höher. Symptome wie Schwindel, Fieber, Übelkeit und Durchfall werden oft als Virusinfektionen oder Lebensmittelvergiftungen verbucht, ohne eine mögliche toxische Ursache zu untersuchen. Auch chronische Erkrankungen infolge längeren Kontakts, wie Krebs und endokrine Dysregulation, treten erst nach Jahren auf und lassen sich schwieriger direkt mit der Exposition in Verbindung bringen.

Im selben Zeitraum brach Brasilien Rekorde bei der Zulassung und Vermarktung von Pestiziden. Allein 2025 gab es 914 neue Registrierungen des Ministeriums für Landwirtschaft und Viehzucht (MAPA), ein Anstieg um 38 Prozent gegenüber dem Vorjahr. 2024 erreichten die Pestizidverkäufe 825.800 Tonnen, ein Zuwachs um 9,3 Prozent gegenüber 2023.

Laut Loredany Rodrigues, Wirtschaftsprofessorin an der Bundesuniversität Viçosa, führe das größere Angebot von Pestiziden zu einem Preisrückgang, wodurch Verbrauch, Exposition und Vergiftungsfälle stiegen. Die Agrarindustrie weise durch die Nichtberücksichtigung der verursachten Gesundheitsschäden eine wirtschaftliche Effizienz auf.

Der Bundesstaat Espírito Santo hatte 2025 die höchste Vergiftungsrate mit 941 Fällen – fast jeder zehnte Fall im Land – und 23 Fällen pro 100.000 Einwohner:innen. Proportional folgen Tocantins (16 pro 100.000) und Rondônia, Acre und Roraima (je elf Fälle pro 100.000), allesamt im Norden Brasiliens, der durch Expansion der Agrarindustrie und Waldzerstörung geprägt ist. Die Hauptopfer unbeabsichtigter Vergiftungen sind Männer im Alter von 20 bis 39 Jahren (73 Prozent der 3.059 Betroffenen) aufgrund der hohen Zahl männlicher Arbeitskräfte in der Landwirtschaft.

Das Arbeitsministerium kritisierte gegenüber Reporter Brasil die hohe Zahl an Vergiftungsfällen bei Landwirt:innen. Wirtschaftliche Interessen dürften nicht Vorrang vor dem Schutz der Gesundheit der Beschäftigten haben.

Das für Pestizidzulassungen zuständige Agrarministerium (MAPA) beantwortete Fragen von Reporter Brasil zum Zusammenhang zwischen den Rekorden bei Pestizidzulassung, der Zunahme von Vergiftungsfällen sowie zu Kontrollmaßnahmen auf dem Land nicht. Es riet lediglich, die Untersuchung an die Nationale Behörde zur Gesundheitsüberwachung (ANVISA) weiterzuleiten. Die ANVISA wiederum erklärte, dass Vergiftungsfälle toxikologisch bei der Neubewertung bereits registrierter Pestizide berücksichtigt würden; die Zulassungsentscheidungen hingen aber von umfassenderen Risikoanalysen ab und basierten überwiegend auf experimentellen, epidemiologischen Erkenntnissen sowie Expositionsmodellen, mit denen chronische Auswirkungen vorhergesagt werden könnten.

Das Gesundheitsministerium wies darauf hin, dass es meldepflichtige Vergiftungen durch das SINAN überwache und einen Teil des Anstiegs der Meldungen auf verstärkte Überwachungsmaßnahmen zurückführe. Die vollständigen Antworten des Arbeitsministeriums, der ANVISA und des Gesundheitsministeriums finden sich hier.

Ein Viertel der Opfer waren Kleinkinder im Alter von ein bis vier Jahren. Bei dieser verletzlichen Gruppe ist das Immunsystem noch nicht vollständig ausgebildet. Professor Wanderlei Pignati, Forscher an der Bundesuniversität von Mato Grosso (UFMT) zu den Gesundheitsauswirkungen von Pestiziden, hat Pestizidrückstände in der Muttermilch bestätigt. Viele Pestizide sind lipophil, sie reichern sich also in fettreichen Geweben wie den Brustdrüsen an. Laut Fernanda Savicki von der Stiftung Oswaldo Cruz (FIOCRUZ) würden die Toleranzgrenzen für chemische Rückstände für Erwachsene berechnet, wodurch jede Exposition für Kleinkinder viel schwerwiegender sei.

Brasiliens Umgang mit Pestiziden gehorche den Expert:innen zufolge einer Marktlogik und ignoriere deren Auswirkungen auf die Gesellschaft. Das 2024 verabschiedete neue Pestizidgesetz verschärfe diese Situation und sei ein Rückschritt, da es die Pestizid-Zulassung beim Agrarministerium (MAPA) zentralisiere und die Gesundheits- und Umweltbewertung durch die zuständigen Organisationen und Behörden eingeschränkt habe. Die Verbilligung und Erleichterung des Zugangs zu Pestiziden verstärkten den Kreislauf der Vergiftungen der brasilianischen Bevölkerung.

Seit langem sollten Pestizid-Vergiftungen laut FIOCRUZ nicht mehr als Einzelfälle betrachtet werden, sondern als Problem der öffentlichen Gesundheit. Die hohe Untererfassung hindere den Staat daran, die tatsächlichen Auswirkungen von Pestiziden zu messen. Der brasilianischen Vereinigung für öffentliche Gesundheit (ABRASCO) zufolge verursache allein bei akuten Fällen jeder US-Dollar, der für Pestizide ausgegeben werde, später Kosten in Höhe von 1,29 US-Dollar für das Gesundheitssystem SUS.

Laut Jaqueline Andrade, Rechtsberaterin der Organisation Terra de Direitos, werde die Untererfassung bei indigenen Völkern durch Fehlinformationen und Vorurteile begünstigt. Bei offiziellen Anfragen erhielt sie von den Gesundheitsämtern zu Vergiftungsfällen unter den Avá-Guarani in Paraná abfällige Antworten wie: "Die rauchen den ganzen Tag Pfeife" oder "Die leben ohne sanitäre Einrichtungen, da kann man nicht sagen, dass es sich um Pestizide handelt".

Die Untererfassung von Pestizid-Vergiftungen hängt laut Prof. Pignati mit der prekären Gesundheitsversorgung im ganzen Land, dem Druck der Arbeitgeber und mangelndem Interesse von Behörden zusammen, die wirtschaftlichen Erträgen Vorrang einräumten. Beschäftigte vermieden es aus Angst vor Vergeltung oder Arbeitsplatzverlust, Vergiftungsfälle zu melden.

Das chemieabhängige Modell der Agrarproduktion Brasiliens wird politisch durch Steuerbefreiung und Agrarkredite gefördert: Allein in den ersten acht Monaten des Jahres 2024 profitierten die Hersteller von Pestiziden laut Daten des Finanzministeriums, die von der Permanenten Kampagne gegen Pestizide für das Leben veröffentlicht wurden, von über 10,8 Milliarden Real (ca. 1,8 Mrd. Euro) an Steuerbefreiung.

Quelle: Reporter Brasil, die Übersetzung erschien zuerst bei amerika21 und wird hier mit freundlicher Genehmigung der Autorin wiedergegeben.