257 | Pandemie und politische Ignoranz

Brasiliens Coronazahlen veralten schneller als man sie aufschreiben kann. Mitte Juni 2020 verzeichnet Brasilien die weltweit höchsten Neuinfektionen. Die Gesundheitsbehörden melden für Brasilien mehr Neuinfektionen mit COVID-19 ein einer Woche als in Deutschland seit Beginn der Pandemie gemeldet wurden. Die Dunkelziffer wird auf das 7 bis 15- fache höher geschätzt. Es fehlt an Testkapazität und Krisenmanagement. Die Bundesstaaten sind sich selbst überlassen, sie widersetzen sich den Weisungen des Präsidenten.
| von fabian.kern@kooperation-brasilien.org
257 | Pandemie und politische Ignoranz

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Inhalt:

  • Die übliche Abwesenheit des Staates in den Favelas
    João Soares
  • COVID‐19 und geschlechts‐spezi ische Gewalt
    Wendy König
  • Kaputtgespart und selektiv: das SUS
    Uta Grunert
  • Zwischen SUS und Luxuskliniken
    Fabian Kern
  • Medizinische Versorgung in der Favela Monte Azul
    Tilia Götze
  • Eine tickende Bombe
    Fabiana Kuriki
  • Migrationspolitik an der Grenze zu Venezuela
    Olga Sommer
  • Die COVID‐19 Pandemie in brasilianischen Favelas
    Juliana Simionato
  • Indigene kämpfen gegen mehr als einen Gegner
    Uta Grunert
  • Quilombos unter dem rechtsradikalen Präsidenten
    Katrin Feldermann
  • Der Anteil Indigener in der Stadt Manaus
    José Carlos Pereira
  • ISARO: Kleidung und Identität
    Sonja Isabel Rott
  • Der Verkehrskollaps São Paulos
    Thais Benedetti
  • Die Steuerreform muss Ungleichheiten abbauen
    Gislene de Lima‐Kamp
  • Brasiliens Regierung trä gt Camou lage
    Mario Schenk
  • Die gefährliche Allianz zwischen Populisten & Militär
    Adam Scharpf

Editorial

Wir wollten ursprünglich ein urbanes Heft machen, wie es die zwei Aspekte widerspiegeln, die sich der Mobilität in São Paulo und einem ungewöhnlichen Modelabel widmen. Dann kam Corona.

Das Virus hat eine Hautfarbe, eine Klasse und ein Geschlecht, sagen Studien, denn strukturelle Armut und Marginalisierung führen zu einer rasanten Ausbreitung. Überproportional betroffen sind die Bewohner*innen von Favelas und Peripherien der Megastädte, die unter mangelnder Wasserversorgung, unzureichendem Zugang zum Gesundheitswesen und auch fehlender Aufklärung leiden. Betroffen sind Quilombolas und Indigene, die unter dem ungebremsten Eindringen in ihre Territorien leiden. Neben illegalem Holzeinschlag oder Bergbauaktivitäten – die im Amazonasgebiet während der Epidemie rasant steigen – verbreiten die Eindringlinge die tödliche Krankheit und verursachen damit den Tod vieler Indigener. Auch die Indigenen im städtischen Umfeld ohne eigenes Territorium gehören zur Gruppe mit besonders vielen Todesopfern.

Die Gesundheitskrise und die politische Krise steigern die Gewalt gegen Frauen, Kinder und Minderheiten. Menschenrechte von vulnerablen Gruppen wie Migrant*innen, Wohnsitzlosen und den Insassen von Gefängnissen sind bedroht. All diese Geschehnisse finden keine Aufmerksamkeit in der breiten Öffentlichkeit. Denn viele der sonst tätigen Unterstützer*innen und Menschenrechtsverteidiger*innen bleiben zuhause. Ihr Protest erschallt höchstens im Netz. Dadurch wächst die Gefahr, dass sich bedrohte Gruppen allein gelassen fühlen. Hinzukommt der neue Absturz in die Armut, wenn die über 40 Millionen informell Beschäftigten kein Einkommen mehr generieren. 5-7% Einbruch der Wirtschaft und 24 Millionen Arbeitslose sagen die Prognosen voraus. Ein Artikel analysiert die überfällige Steuerreform für Brasilien. Sie könnte eine gerechte Einkommensverteilung und die Basis für einen Sozialstaat herstellen, der Ungleichheit wirksam bekämpfen kann.

Diese Ausgabe wirft einen Blick auf den Zustand des öffentlichen Gesundheitssystems. Wie steht es in Brasilien um eine faire Gesundheitsversorgung für alle? Eine Debatte über den Zugang zu freien Intensivbetten und Beatmungsgeräten für Nicht-Privatpatienten ist unter dem Slogan „Fila unica“ (Bitte alle anstehen!) längst entbrannt. Wir haben auf verschiedenen Ebenen Interviews geführt, um eine Innenansicht der Lage von Krankenstationen zu ermöglichen.

Brasilien ist in der Gesundheitskrise führungslos. Die Welt schaut fassungslos zu. Präsident Bolsonaro und seine Regierung gehen zwar nicht gegen die „kleine Grippe“ vor, deren Ausmaß sie immer wieder verharmlosen. Aktiv sind sie an anderer Stelle: Sie nutzen die Orientierungslosigkeit für Deregulierungsvorstöße in Amazonien. 35 Anträge auf Amtsenthebung sind inzwischen eingereicht, keiner davon wird als erfolgsversprechend beurteilt. Bolsonaros Regierung scheint – trotz Handlungsversagen – die Krise politisch zu überleben und Korruption ist bei den Stabilitätsbemühungen längst der alte übliche Weg. Die Opposition ist nach wie vor zerstritten und der Druck der Straße - wegen Corona – bislang gering.

Zwei Gesundheitsminister hat Bolsonaro in der Pandemie bereits verschlissen, inzwischen hat ein Militär das Amt übernommen. So wie an anderer Stelle immer wieder Militärs die Lücke füllen, die Bolsonaro an der Spitze mit seiner unbeherrschten Art aufreißt. Wer im Staate Brasilien die wahren Machthaber*innen sind und welche Strategien die Militärs verfolgen, ist noch schwer zu beurteilen. Zwei Artikel nähern sich diesem Themenfeld.