Zehn Jahre Betrieb von Belo Monte: Sterbende Fischpopulationen und viel Streit ums Wasser
Das Fernsehmagazin von TV Globo, "Fantástico", ist die am Sonntag Abend meistgesehene Fernsehsendung Brasiliens - Millionen Brasilianer*innen schauen sie. Am gestrigen Sonntag Abend brachte das Team von "Fantástico" eine Hintergrundreportage vom Xingu-Fluss in Pará, anlässlich des Datums von zehn Jahren Betriebs des 11-GW-Staudamms Belo Monte. Und die Bilanz über Belo Monte fällt gar nicht im Sinne derjenigen aus, die in den Kabinettsbüros in Brasília oder in den Vorstandsetagen der beteiligten Firmen jahrelang - gegen die ignorierten Stimmen der Kritiker:innen aus Wissenschaft, Umweltschützer:innen sowie von den von Belo Monte betroffenen lokalen Kleinfischer:innen und den indigenen Völkern vor Ort - mit aller Vehemenz und mit Inbrunst der Überzeugung die freudige Botschaft vertreten hatten, der Staudamm Belo Monte brächte Entwicklung und Fortschritt, produziere "Grüne Energie" und achte die Rechte der dort lebenden Bevölkerung aus Flussanwohner:innen und indigenen Völkern. Wer den "Fantástico"-Bericht sah, dem musste da dämmern, dass das Versprechen von "sauberer Energie und geringen Umweltauswirkungen" (O-Ton Anmoderation "Fantástico") eben so nicht zu halten ist.
Im beigefügten Text resümmiert "Fantástico": "Zehn Jahre nach Inbetriebnahme hat das Wasserkraftwerk Belo Monte die Region 'Volta Grande do Xingu' im Bundesstaat Pará drastisch verändert. Auf einer Strecke von mehr als 100 Kilometern im Amazonasgebiet hat die Umleitung des Wassers in den Kanal, der die Turbinen speist, den natürlichen Flusslauf um 80 % reduziert. Die praktischen Auswirkungen dieser Veränderung haben die Igapó-Wälder (saisonal überschwemmte Wälder, Anm.d.A.) ausgetrocknet, Fischlaichgebiete zerstört und die Aktivitäten der Flussufer- und indigenen Gemeinschaften lahmgelegt, deren Überleben vom Xingu abhängt. Eine unabhängige Überwachung durch Wissenschaftler, Flussanrainer und Indigene dokumentierte die tiefgreifenden ökologischen Veränderungen in der Region. In früheren Jahren stieg der Flusspegel so weit an, dass die Igapó-Wälder überflutet wurden, die den Fischen vor der Trockenzeit als Nahrungs- und Mastgebiet dienten. Durch die Wasserrückhaltung des Staudamms ist dieser Zyklus praktisch verschwunden. Das Ausbleiben regelmäßiger Hochwasser führte dazu, dass die Früchte der Bäume auf den trockenen Boden fielen, was eine ungebremste Vermehrung von Blattschneiderameisen zur Folge hatte, deren Kolonien zuvor durch die jährlichen Überschwemmungen in Schach gehalten wurden. Zudem verzeichneten sechs der sieben Piracemas (Fischlaichgebiete), die von den Forschern in der Volta Grande genau beobachtet wurden, keine Laichablage, da das Wasser nicht anstieg. In dem einzigen Gebiet, in dem es zu einer Fortpflanzung kam, sank der künstliche Wasserstand zu schnell, sodass Tausende von Eiern drei Jahre in Folge in der Sonne austrockneten. Die örtlichen Fischer berichten von einer allgemeinen Verknappung sowie von körperlichen Anomalien bei den Wasserlebewesen. Wissenschaftliche Untersuchungen und Röntgenaufnahmen haben bestätigt, dass die Fische der Volta Grande aufgrund von Unterernährung und Veränderungen ihres Lebensraums missgebildet, verkürzt und mit gekrümmten und zusammengedrückten Wirbeln zur Welt kommen."
Diese Auswirkungen des Staudamms Belo Monte decken sich mit der Analyse, die das regionale Widerstandsnetzwerk Movimento Xingu Vivo para Sempre bereits anlässlich der zehn Jahre Bauentscheidung zu Belo Monte vorgenommen hatte: 80 Prozent Wasserdurchflussreduktion für die Volta Grande mit erheblichen Folgen für die Reproduktion der Fische, für die Flussanwohnenden, für die Indigenen (Siehe hierzu ausführlich: https://www.gegenstroemung.org/blog/xingu-vivo-para-sempre-zieht-bilanz-von-einem-jahrzehnt-belo-monte/ )
"Fantástico" berichtet zudem über den Streit über die von den Behörden erlaubte Wasserentnahme ab dem Stichkanal, um das Reservoir von Belo Monte und damit den Zufluss zum Staudamm Belo Monte zu erhöhen, damit die Stromproduktion möglichst unter Auslastung erfolge: "Die aktuelle Debatte dreht sich um das Abflussprofil des Kraftwerks, also den Plan, der festlegt, wie viel Wasser aus dem ursprünglichen Flussbett entnommen werden darf. Die Betriebsgenehmigung für Belo Monte ist abgelaufen, und das brasilianische Institut für Umwelt und erneuerbare natürliche Ressourcen (Ibama) hat von Norte Energia einen neuen Abflussplan gefordert. Nach Angaben der Umweltbehörde liefen die Fristen für die Einreichung des Vorschlags zwischen Januar und April dieses Jahres ab, ohne dass der Betreiber das Dokument vorgelegt hätte. Ibama prüft die Verlängerung der Genehmigung und erwägt, neue Ausgleichsmaßnahmen zu verlangen. Obwohl Belo Monte das größte zu 100 % in brasilianischem Besitz befindliche Wasserkraftwerk ist, erzeugt es aufgrund der saisonalen Schwankungen des Xingu im Durchschnitt weniger als die Hälfte seiner Gesamtkapazität. In Zeiten schwerer Dürre arbeitete das Kraftwerk unterhalb der Kapazität einer einzigen seiner 18 Turbinen."
Und dies wird angesichts der Klimakrise aller Voraussicht nach noch schlimmer: "Eine neue Studie der Universität von São Paulo (USP) hat die sich infolge von Klimawandel und Klimakrise zuspitzende Situation der Wasserverfügbarkeit am Xingu-Fluss im amazonischen Bundesstaat Pará analysiert und kommt zu niederschmetternden Ergebnissen. Die Energieproduktion des Wasserkraftwerks Belo Monte, im Bundesstaat Pará gelegen, könnte aufgrund des Klimawandels bis zum Jahre 2050 auf nur noch 30 Prozent seiner eigentlichen Kapazität sinken." (zur Quelle dazu siehe unter: https://www.gegenstroemung.org/blog/neue-studie-prognostiert-fuer-den-staudamm-belo-monte-nur-noch-30-prozent-kapazitaetsauslastung/)
"Fantástico" bittet die Staudammbetreiberfirma, Norte Energia, um eine Stellungnahme und zitiert diese wie folgt: "Norte Energia teilte in einer Stellungnahme mit, dass es die Fragen der Umweltbehörde Ibama fristgerecht beantwortet habe und die geltenden Rechtsvorschriften einhalte. Das Unternehmen macht geltend, dass die von seinem eigenen technischen Team über einen Zeitraum von 14 Jahren gesammelten Daten die Nachhaltigkeit des derzeitigen Systems belegten, und fordert, dass diese Ergebnisse von der Umweltbehörde validiert werden. Der Betreiber vertritt zudem die Auffassung, dass jede Änderung der umgeleiteten Wassermenge eine umfassende Diskussion erfordert, bei der die sozioökologischen Auswirkungen und die Energiesicherheit des Landes berücksichtigt werden müssen."
"Fantástico" bittet zudem das zuständige Ministerium um eine Stellungnahme und zitiert wie folgt: "Das Ministerium für Bergbau und Energie unterstützt den weiteren Betrieb des Wasserkraftwerks und hat im Nationalen Rat für Energiepolitik (CNPE) einen Beschluss vorgeschlagen, der die strategische Rolle des Kraftwerks anerkennt. Nach Angaben des Ministeriums versorgt Belo Monte rund 20 Millionen Haushalte, deckt in Krisenzeiten bis zu 10 % des Strombedarfs des Landes und gewährleistet die Stabilität des nationalen Netzes, wenn die Solar- und Windenergieerzeugung zurückgeht."
Angesichts des offensichtlichen Desinteresses des Ministeriums, auf die Vorwürfe der Beschneidungen der Grundrechte der lokalen Bewohner:innen der Volta Grande do Xingu einzugehen, wird umso mehr verständlich, warum diese ihrerseits nicht untätig bleiben und gemeinsam mit kritischen NGOs sich zur Wehr setzen. Bereits vor Baubeginn wurden in Brasilien Klagen eingereicht, viele von denen wurden bis heute nicht von den zuständigen Gerichten – einschließlich des Obersten Gerichtshofes STF – verhandelt. Im Jahr 2011 hatten Nichtregierungsorganisationen Beschwerde bei der Interamerikanische Kommission für Menschenrechte eingereicht, damit diese prüfe, ob eine Verhandlung der Beschwerde als Anzeige beim Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte begründet und zulässig sei. Vor Kurzem haben die die Beschwerde einreichenden NGOs einen dringenden Offenen Brief veröffentlicht, den wir hier hier in deutschsprachiger Übersetzung dokumentieren.
Offener Brief: Zehn Jahre Belo Monte.
Belo Monte: zehn Jahre Betrieb, mehr als ein Jahrzehnt an Schäden ohne Wiedergutmachung
Originalquelle: https://aida-americas.org/es/carta-aberta-dez-anos-de-belo-monte
Am 5. Mai 2016 ging die erste Turbine von Belo Monte am Fluss Xingu in Betrieb. Zehn Jahre später leiden die Indigenen Gemeinschaften, die Flussanrainer:innen und die Kleinfischer im gesamten Mittellauf des Xingu, die nie angemessen konsultiert wurden, weiterhin unter systematischen Verletzungen ihrer Rechte. Die Bilanz dieses Jahrzehnts ist nicht von Entwicklung geprägt, sondern von dokumentierten Schäden und verweigerter Wiedergutmachung.
Die Auswirkungen sind konkret und anhaltend. Über hundert Kilometer der Volta Grande do Xingu haben ihren natürlichen Wasserfluss verloren. Das vom Kraftwerk erstellte Betriebshydrogramm zum Wasserdurchfluss gewährleistet nicht die ökologischen Mindestbedingungen für die Fortpflanzung des aquatischen Lebens, was zum Zusammenbruch der Kleinfischerei und zu schwerer Ernährungsunsicherheit für Bevölkerungsgruppen führt, die vom Fluss als primäre Nahrungs- und Einkommensquelle abhängig sind. Der Verlust des Zugangs zum Fluss bedeutet zugleich einen Verlust an Kultur, an Territorium und an Rechten.
Die in freiwilliger Isolation lebenden ebenso wie die erst kürzlich kontaktierten Indigenen Völker in der Region sind erhöhten Risiken ausgesetzt, da ihr Überleben direkt von der ökologischen und territorialen Unversehrtheit des Xingu-Flusses abhängt. Dieser Kontext verlangt vom Staat eine verstärkte Schutzpflicht, gemäß verfassungsrechtlicher und internationaler Vorgaben zu handeln.
Die Klimakrise verschärft jede dieser Verstöße. Die extremen Dürren, die Amazonien in den Jahren 2016, 2019, 2020, 2023 und 2024 heimgesucht haben, haben die bereits bestehenden Auswirkungen noch verstärkt und die strukturelle Anfälligkeit des Unternehmens deutlich gemacht. Der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte hat in seinem Gutachten Nr. 32/25 anerkannt, dass Ökosysteme wie Amazonien für die Klimastabilität von entscheidender Bedeutung sind und dass die Staaten verpflichtet sind, mit erhöhter Sorgfalt zu handeln, um schwere und irreversible Schäden an diesen Gebieten und den von ihnen abhängigen Gemeinschaften zu verhindern.
Seit 2011 wird der Fall von der Interamerikanische Kommission für Menschenrechte geprüft und wartet auf einen Bericht zur Zulässigkeit und Begründetheit. Die Beweislage ist vollständig. Die Verstöße sind dokumentiert, dauern an und wurden nicht behoben. Der Lauf der Zeit ist unerbittlich – jede verpasste Piracema (der saisonale Laichzyklus, von dem die Fischergemeinden abhängig sind), jede vom Fluss vertriebene Familie, jede neue Bedrohung für die Region trägt zu einem menschlichen Preis bei, der real, wachsend und unverzeihlich ist.
Die Flussufergemeinden und Indigenen Gemeinschaften der Region, sowohl in der Volta Grande do Xingu als auch an den Flussufern, blieben ihrerseits nicht untätig. Während sie für eine umfassende Wiedergutmachung kämpfen, setzen sie sich zugleich für die Anerkennung des Flussufergebiets und die Räumung der Indigenen Territorien ein, organisieren die ökologische und territoriale Überwachung des Flusses, dokumentieren die Auswirkungen und leisten Widerstand gegen jede neue Bedrohung ihres Territoriums. Diese Dokumentation ist Teil des Beweismaterials in diesem Fall vor Gericht und belegt eindeutig die anhaltenden Verstöße.
Es sind zehn Jahre Betrieb und mehr als fünfzehn Jahre dokumentierter Verstöße. Wir hoffen, dass der Fall von der Interamerikanische Kommission für Menschenrechte zugelassen und umgehend dem Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte vorgelegt wird und dass dieser in einem Akt der Gerechtigkeit die Verantwortung des brasilianischen Staates anerkennt und die Einführung eines ökologischen Abflussprofils fordert, das die Mindestbedingungen für die Erhaltung des Lebens in der Volta Grande do Xingu gewährleistet; die einsetzende Anerkennungsdefinition des Flussufergebiets; die vollständige Wiedergutmachung für die betroffenen Gemeinschaften; die Aussetzung neuer Projekte mit erheblichen Auswirkungen in der Region, solange die bestehenden Schäden nicht behoben sind; sowie die Anordnung wirksamer Maßnahmen zur Verhinderung einer Wiederholung. Die Gemeinschaften der Volta Grande do Xingu haben bereits viel zu lange gewartet.
Die Unterzeichnenden:
Associação Interamericana para a Defesa do Ambiente (AIDA); Conselho Indigenista Missionário (CIMI); Coordenação das Organizações Indígenas da Amazônia Brasileira (COIAB); Diocese de Altamira; Justiça Global; Movimento Xingu Vivo Para Sempre; Observatório dos Povos Indígenas Isolados (OPI); Sociedade Paraense de Defesa dos Direitos Humanos (SDDH).
// Text und Übersetzung: christian russau

